Und nochmal auf Kurier.at

Stefan Hofer, der Ökofuzzi von kurier.at (und das meine ich als großes Kompliment!!), hat mich nach unserer Shoppingtour interviewt – bitteschön. Und ich möchte gleich hier mal auf einen Userkommentar eingehen:

„wenn das mode wird kann die wirtschaft einpacken. zum glück gibts die werbung und genug leute die darauf dressiert sind. ich konsumiere, also bin ich – das sollte fr kaller wissen“

Endlich mal die Massenmeinung, prägnant zusammengefasst. Simma froh, dassma die Werbung haben, und hui, die arme Wirtschaft! 🙂 Ich finde es toll, sowas zu lesen – denn dadurch komme ich immer wieder aus meine Gedankenblase heraus, dass ich sowieso nur von Öko- und Fairtradejüngern und -fans umgeben bin… und dass mein Projekt mit all seiner mich selbst am allermeisten überraschenden Breitenwirkung auch wirklich sinnvoll ist. Ich sag immer, ich will nicht missionieren, und ich weiß, ein Jahr nix kaufen ist keine große Gschicht – aber dass ich hier am Blog auch hin und wieder mehr oder weniger zärtlich drauf hinweisen kann, was da auf wessen Kosten einfach falsch rennt in der Bekleidungsindustrie, das freut mich. Sehr.

… und geht mit Nunu Kaller essen (2/2)

Klima-Blog, Woche 16: Die Wienerin im Gespräch über ihre Mode-Diät, Chemikalien-Einsatz, Kleidertauschpartys und Selbstmorde indischer Baumwoll-Bauern.

Letztes Update am 05.10.2012, 11:53

Nunu Kaller: Der Anarcho-Hase hätte ihr gefallen, sie blieb im "Muso Koroni" aber enthaltsam. Nunu Kaller: Der Anarcho-Hase hätte ihr gefallen, sie blieb im „Muso Koroni“ aber enthaltsam.

Wie kürzlich berichtet, habe ich Nunu Kaller zum Interview getroffen. Nunu Kaller kauft ein Jahr keine Kleidung – und sorgt damit medial für Aufsehen. Wir haben uns nach dem Besuch im Vegan-Shop „Muso Koroni“ im Cafe Hummel in Wien über folgende Themen unterhalten…

… die Idee, ein Jahr keine Kleidung zu kaufen
Habe ich im Winter beschlossen. Kurz vor Weihnachten bin ich in einer Zeitschrift auf dieses Konzept gestoßen. Ich hab mir am letzten Tag vor Beginn des shoppingfreien Jahres noch einen Mantel gekauft, in einem leichten Anflug von Panik. Zurück in Österreich ist es am Montag losgegangen. Ich hab mir für dieses Jahr nicht nur vorgenommen, nichts zu kaufen, sondern mich auch über die Hintergründe der Kleidungs-Produktion zu informieren.

… die Reaktion deines Freundes
Er war Feuer und Flamme! – ihn hat meine Shopperei eh schon genervt. Wofür ich ihn sehr lieb hab: Er hat sofort gesagt, er wird diplomatisch auch ein Jahr auf etwas verzichten, was ihm wirklich schwerfällt: auf Gummibärchen (lacht). Er unterstützt mich.

… der Kollektionen-Wahn
Der Mode-Zyklus ist einfach zu schnell geworden. Früher, als ich etwa zwölf war, hat es maximal vier bis fünf Kollektionen im Jahr gegeben. Und wenn du dir ein T-Shirt eingebildet hast, dann hat man das drei Wochen später auch noch kaufen können. Heutzutage hat Zara bis zu 60 Kollektionen, H&M 40 oder 45. Die kriegen alle zwei Wochen neue Kollektionen geliefert!

… Wegwerf-T-Shirts um fünf Euro
Eine 20-jährige Bekannte erzählte mir: „Ich hab mir um drei Euro ein T-Shirt gekauft und geh` heute Abend damit weg. Die Naht ist schon ein bissl offen, aber ist eh wurscht, ich hau` es weg und wasche es gar nicht.“

Ich sage: T-Shirts länger tragen und gut behandeln. Ich wasche sie selten, nicht über 30, 40 Grad. Und trotzdem sind sie kaputt, weil sie einfach eine miese Qualität haben. Bei Kleidung aus Bio-Produktion hast du in 99 Prozent der Fälle auch eine bessere Qualität. Viele Leute kaufen sich vier T-Shirts, weil sie so schnell kaputt gehen. Dann investiert bitte die 20 Euro für vier T-Shirts in ein Gescheites!

  Protest indischer Baumwoll-Bauern, März 2012
… Chemikalien in der Kleidung
Es gibt Einnäher, auf denen sogar steht: Vor dem ersten Tragen waschen. Don’t buy it! Da kaufst du einen Chemiecocktail, der seinesgleichen sucht. Wenn Hersteller sogar zugeben, dass du das Stück vor dem ersten Waschgang nicht auf der Haut tragen solltest, dann ist das sehr bezeichnend.
… Selbstmorde indischer Baumwoll-Bauern
Ein Viertel aller weltweit eingesetzten Pestizide landet auf der Baumwolle. Schockierend ist die Vorgangsweise von Monsanto (Anm.: In Indien hat der US-Agrarkonzern mit gentechnisch veränderten Baumwollsamen ein Monopol geschaffen und die traditionellen, billigeren Samen vollständig verdrängt). Die Bauern verschulden sich, weil sie Land dazukaufen, da Monsanto ihnen vermittelt, sie können mit gentechnisch modifizierten Samen viel mehr ernten. Diese Gensamen sollten resistent gegen den Kapselwurm – der gefährlichste Schädling bei Baumwolle – sein. Nach nur einer Saison war der Wurm wieder da, die Bauern hatten Unmengen an Geld für Samen und Land ausgegeben und standen vor dem Nichts. Dieses Spiel wiederholt sich derzeit sogar. Insgesamt sollen sich über 200.000 Bauern deshalb bereits allein in Indien umgebracht haben – in den meisten Fällen trinken sie Pestizide.
  Baumwollkapseln: Weiter Weg vom Zweig bis auf die Stange im Geschäft 
… Alternativen zu Baumwolle
Bis vor 200 Jahren kannte man Baumwolle nicht. Da trugen die Menschen Leinen, Bambusfasern und irrsinnig viel Hanf – mein Lieblingsbeispiel. Hanf ist – vor allem in den USA – extrem kriminalisiert worden, dadurch ist das Wissen darüber verloren gegangen. Der Vorteil bei Hanf: Es wird kein Unkrautvernichter benötigt, der Hanf ist das Unkraut. Er ist auch einfacher zu ernten. Langsam baut sich dieses Wissen um Hanf wieder auf.
… was tun mit alter Kleidung
Altkleidersammlungen sehe ich seit einer TV-Doku darüber relativ kritisch. Das Zeug haut den afrikanischen Textilmarkt komplett zusammen, weil die liefern da tonnenweise runter, dort wird es auf Secondhand-Märkten verkauft, es gibt keine eigene afrikanische Textilproduktion mehr, weil die nicht mithalten können. Aus dem Bauch heraus denke ich zunächst einmal an Tauschpartys – eine findet etwa am 10.10. in Wien in der Sargfabrik statt (alle Infos zur Kleidertauschparty). Oder du gibst es wirklich dort weiter, wo du siehst, dass es ankommt, etwa Decken und Jacken direkt in der Gruft, dem Caritas Betreuungszentrum. Da wird es gebraucht, ohne Transport-Zwischenschritte.
… Verschleiss und wie es nach dem Jahr weitergeht
Es gibt Sachen, die sich schon auswaschen und grauslich werden. Wenn sie löchrig werden, nähe ich sie. Aber grundsätzlich ist noch genug da. Und danach geht es auch gar nicht mehr anders: Ich möchte nicht mehr aus konventioneller Produktion kaufen, sondern auf die Herkunft achten. Gerade jetzt, wo mein Blog so eine Breitenwirkung hat, könnte ich es vor mir selbst und vor anderen gar nicht mehr verantworten, ein T-Shirt um fünf Euro zu kaufen. Und vor allem: Ich will es auch gar nicht mehr.
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2 Gedanken zu „Und nochmal auf Kurier.at

  1. Avatar von San San sagt:

    Superfein, ich kaufe auch fast keine Kleidung. In den letzten 5 Jahren hab ich mir einen Rock (meinen einzigen) ein T-shirt und eine Leggins (für unter den Rock und unter löchrige Hosen) gekauft. Ende.
    Mein Kleiderschrank besteht zu 85% aus Kleidung die irgendjemand anderes gekauft hat und aus irgendeinem Grund nicht mehr wollte (meistens „zu dick dafür geworden“ oder „gefällt mir nicht mehr“) Was nicht passt, wird mit Nadel und Faden passend gemacht oder zu etwas anderem verwurstet. Und Markennamen kletzel ich ab oder übernäh sie mit was.

    Dass mir meine Oma zu Weihnachten immer Socken vom Kika schenkt finde ich grausig, aber gekauft sind sie dann ja schon : / halten natürlich nicht lange ^^

    Hanf wird deswegen boykottiert, weil die Pharmaindustrie nicht so gut dran verdient (jetzt darfst du raten, wer boykottiert : P)

    Und Monsanto ist bitte auch in der Ernährungsbranche heftigst zu meiden : ( leider nicht so einfach manchman…

    • Avatar von nunette nunette sagt:

      die liste ist ja leider endlos, was für unglaubliche ungeheuerlichkeiten von den konzernen ausgeht… und ja, monsanto gehört zum übelsten, absolut.

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