Trauerspiel Bangladesch

Ich melde mich doch aus meiner selbstauferlegten Pause zurück – ich muss da einfach auch meinen Senf dazu geben: In Bangladesch ist inzwischen die höchste Opferzahl seit Jahren zu melden, und was da jetzt abgeht, bringt mich zum Kochen. Die ArbeiterInnen und Angehörigen sind wütend, sehr wütend. Sie verweigern die Arbeit und protestieren stattdessen – und in diesem Fall verstehe ich sogar, dass die Protest teilweise gewalttätig wurden. Ganz ehrlich, wie würdet ihr reagieren, wenn ihr um einen Hungerlohn arbeitet, wenn ihr die Fabrikschefs bereits letzte Woche auf die Risse in der Wand aufmerksam gemacht hattet, und ihr nun trotzdem nur verletzt aus den Trümmern geborgen werdet? Und viele eure Kollegen gleich mal tot? Ich wär da auch rasend, definitiv. Und bei solchen Sätzen wird mir ziemlich schlecht: Ein TV-Team des „Channel 24“ erzählte, dass die Retter sich oft nur kurz im Gebäude aufhalten könnten, da der Gestank der Toten bereits unerträglich sei.

Wie gesagt, ich verstehe, dass die Arbeiter jetzt mal auszucken, sie tun das völlig zu recht. Allerdings hoffe ich, dass sich das Blatt nicht bald gegen sie wendet. Hier geht es um sehr viel, nicht nur um einen Aufstand, der von der Polizei niedergeknüppelt werden muss, damit wieder „Friede“ herrscht. Die Idee der ArbeiterInnen, Fabriken anzuzünden, ist eine weniger gute. Die Idee, in einem Gewerkschaftszusammenschluss in Streik zu gehen, ist hingegen eine sehr gute, meiner Meinung nach (überhaupt ist das Tool „Streik“ viel zu unterbewertet finde ich… wobei, wenn der ÖGB das Budget für Streiks in der Karibik verspekuliert, dann bekommt die Sache Schlagseite. Aber das ist eine andere Geschichte).

Was mir gerade wenigstens ein bißchen Hoffnung gibt, dass die Situation sich vielleicht ein bißchen ändern könnte, sind die Reaktionen der Massenmedien und der InternetuserInnen. Dass ein solcher Gebäudeeinsturz und die Folgen weltweit so thematisiert werden, ist ein Zeichen, dass das Thema „angekommen“ ist, es ist im Journalistensprech „a Gschicht“. Es scheinen sich nun doch schon etwas mehr Leute Gedanken darüber zu machen, dass diese Produktionszustände für ihre neuen Frühlingsoutfits nicht so ganz fair sind.

Auf Standard.at heißt es zum Beispiel:

Das ist ein Wahnsinn, so sieht Wirtschaft und Frieden nicht aus!! Einfach unglaublich, warum unternehmen hier internationale Organisationen nichts?!? Wieviel unserer aller Kleidung wird unter solchen Umständen produziert??? Welche Konzerne und Interessen stehen dahinter? Gibt es auch fair produzierte Kleidung aus Indien, Bangladesh, Viet-nam…?!?
oder:
 ….und schauen sie sich bitte die wahlergebnisse an. die grünen fordern z.b. eine gerechtere und sozialere welt. werden sie gewählt? ES IST AUFGABE des Konsumenten, den Vertriebsweg jedes produkts zu hinterfragen. und es WÄRE möglich, wenn mehr konsumenten sich bei den firmen beschweren. drohen sie, die waren von unternehmen, die die herkunft ihrer produkte nicht dokumentieren können, nicht mehr zu kaufen.
oder:
warum gibt es hier kein neues EU-Gesetz, dass nur noch Importe von zertifizierten (nach arbeits-/sozial-rechtlich kontrollierten) Produzenten zulässt!?! Solange die europäischen Textilketten (vor allem die Diskonter..) immer nur bei den billigst produzierenden Fabriken kaufen – und damit diese ja auch weiter unterstützen!!- wird sich wohl kaum etwas ändern können. So wie bei diesem Unglück wird man halt einfach auf die nächste Billigfabrik ausweichen, an dem Elend der dort arbeitenden Frauen kann sich also gar nichts ändern!! Man muss also auf der Kundenseite reagieren, und wenn es die Einkäufer der Handelsorganisationen oder auch die Konsumenten selbst nicht schaffen bewusster einzukaufen müsste man also die entsprechenden Rahmenbedingungen dazu schaffen!? Und wenn dadurch vielleicht die Preise für Importe in die Höhe schießen sollten, wäre doch eine Produktion in Europa die beste Lösung!

Was meine Hoffnung dann doch wieder schmälert: In Wahrheit haben die doch alle nix zu melden. Wenn es nicht endlich zu einem Zusammenschluss der großen Textilkonzerne kommt, die gemeinsam für eine Verbesserung der Sicherheit und Bezahlung der Billiglohnarbeiter eintreten, wird nichts passieren außer der Zusicherung, dass künftig mehr Fabriken auditiert werden. Obwohl ich mich gerade sehr viel mit ISOs und sonstigen Richtlinien beschäftige: Die Sicherheitsrichtlinien sind genau zum in die Haare einmagarieren, da kommt nix raus außer einem Stempel auf einem Zertifikat. Die Konzerne müssen gemeinsam auftreten und sagen: „Leute, wir ALLE haben beschlossen, nur noch unter diesen Bedingungen Aufträge zu verteilen.“ Nur so kann es zu keiner Konkurrenzsituation kommen, bei der einer der Konzerne als Preisdrücker fungiert.

Wahrscheinlichkeit dessen? Zero. Null. Nada.

Aber man wird ja noch in Utopien schwelgen dürfen. In denen die Herstellung unserer Kleidung nicht so derartig viele Leichen als Nebenprodukt ergibt.

Getaggt mit , , , ,

2 Gedanken zu „Trauerspiel Bangladesch

  1. […] produziert nur in Europa und achtet auf faire Zustände, eine Tatsache, deren Relevanz durch diese Katastrophe wieder einmal vorgeführt […]

  2. […] den Fabriksbränden von letztem November gibt es eine Mailing-Aktion, zur aktuellen Katastrophe (es werden jeden Tag mehr Tote gefunden, inzwischen ist man bei über 600 angelangt) eine Petition. Beides habe ich unterzeichnet. Ihr […]

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