Primark – akut richtig, latent falsch

Die beiden Fotos in diesem Beitrag sind Screenshots von der Website von Primark. Ich war noch nie bei Primark, und ich habe nicht vor, dorthin zu gehen – zu billig erscheinen mir die Preise, zu unsozial die Strukturen – trotz einer sehr ausführlichen Ethical-Trading-Seite von Primark. Ich habe diese Seite durchgeklickt – und beispielsweise beim Thema „Audits“ kein einziges Mal gefunden, welche ISOs, SAs und sonstige Richtlinien überprüft werden, oder beim Thema „Baumwolle“ zwar dauernd das Wort „nachhaltig“, aber nie das Wort Biobaumwolle. Hmpf. Ich bin mehr als nur misstrauisch, ich glaub denen nicht. Die scheinen ein bißchen zu tun, das sehr ausführlich zu kommunizieren, und wirklich viel ist nicht dahinter.

Screenshot Primark.at

Screenshot Primark.at

Wie man auch jetzt wieder gemerkt hat. Beim Fabrikseinsturz in Bangladesch – mit inzwischen über 400 Toten und immer noch 100 Vermissten – hat man gesehen, wie einzelne Firmen auf die Tatsache, dass Produkte von ihnen in den Trümmern gefunden wurden, reagieren.

Diese Agenturmeldung hat mich wütend gemacht:

„Nach dem Gebäudeeinsturz in Bangladesch hat die Kleidermarke Primark Hilfe für die Opfer zugesagt. Mango und Benetton haben sich dagegen von der früheren Zusammenarbeit mit der illegal geführten Fabrik distanziert.“ (Quelle)

Liebe Mangos, liebe Benettons: Das ist mies, niederträchtig und verachtenswert. In dem Moment, in dem es mehr als nur ein Verdacht ist, dass man dort produziert hat, muss man reagieren, nicht sich gleich mal wehleidig distanzieren. Schon klar, wenn da wirklich keine Aufträge mehr waren, muss man das auch sagen. Ich finde leider die offizielle Stellungnahme von Mango nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass die wirklich null Konsequenzen ziehen werden. Dumm. Sorry. Die KiKs haben sich auch zuerst distanziert, und jetzt? Hoppala! Produkte gefunden! Ui, Blöd. Bin neugierig, ob das den Mangos auch noch passiert.

Primark – und ich bleibe bei meinem zweifelnden, ablehnenden Zugang zu denen – hat folgendermaßen reagiert: Am 26.4. veröffentlichten sie folgende Pressemeldung:

Das Unternehmen ist erschüttert und tief betrübt über den entsetzlichen Zwischenfall in Sabhar bei Dhaka und spricht allen Betroffenen sein Beileid aus.

Primark bestätigt, dass einer seiner Lieferanten im zweiten Stock des achtstöckigen Gebäudes untergebracht war, in dem mehrere Lieferanten der Textilindustrie Kleidung für verschiedene Marken herstellten.

Primark engagiert sich seit einigen Jahren mit NGOs und anderen Anbietern in der Überprüfung des Umgangs lokaler Produzenten mit Fabrikstandards in Bangladesch. Primark wird darauf drängen, die Integrität der Gebäude in diese Überprüfung mit einzubeziehen.

In der Zwischenzeit arbeitet das Ethical Trade Team von Primark daran, Informationen zusammenzutragen, die Herkunftsgemeinden der Arbeiter zu ermitteln und Unterstützung zu leisten wo möglich.

Da sind mal viele Versprechen und Verpflichtungen drinnen. Und drei Tage später gab es schnell noch einen Seitenhieb an die anderen:

Das Primark Team in Bangladesch hat Sofortmaßnahmen und langfristige Hilfe für Opfer dieser Katastrophe initiiert.

In Partnerschaft mit einer lokalen Nichtregierungsorganisation kümmern wir uns um die dringenden Bedürfnisse der Opfer, darunter auch Notfallrationen von Lebensmitteln für die betroffenen Familien. Diese Arbeit hat begonnen, sowie das Ausmaß der Katastrophe klar wurde.

Primark wird auch Entschädigungen für die Opfer der Katastrophe zahlen, die für seinen Lieferanten gearbeitet haben. Das schließt langfristige Hilfen für Kinder ein, die ihre Eltern verloren haben, sowie finanzielle Hilfen für Verletzte und Zahlungen an Familien von Verstorbenen.

Wir werden unser Engagement laufend überprüfen, um sicher zu stellen, dass wir dem Bedarf der Opfer über den gesamten Verlauf der Tragödie gerecht werden.

Primark stellt fest, dass sein Lieferant das Gebäude gemeinsam mit den Lieferanten anderer Anbieter teilte. Wir sind uns unserer Verantwortung absolut bewusst. Wir fordern die anderen Anbieter auf, auch ihrerseits Verantwortung zu übernehmen.

Komplett abgesehen von der Tatsache, dass sie per se von Produktionsweisen in Bangladesch profitieren, keine ökologischen Standards einhalten und auch ansonsten sehr sehr blaaah sind und sich damit null von anderen Textilkonzernen abheben, die verbal und aus Imagegründen einen auf nachhaltig machen – SO reagiert man auf eine solche Katastrophe. Man distanziert sich nicht. Man sagt Hilfe zu.

Was sie nur leider nicht machen werden: Sich überlegen, wie man ökologische und sozial faire Produktion in der gesamten Lieferkette durchsetzen kann. Das interessiert die nämlich genau gar nicht. Dabei sind die so groß, die haben zumindest das Potential dazu. Aber nicht, wenn man sich zum Ziel setzt, Kindershirts um zwei Euro und Bikinis um vier Euro zu verhökern. Damit erreicht man genau das Gegenteil. Verdammte Geiz-ist-Geil-Mentalität.

Screenshot Primark.at

Screenshot Primark.at

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5 Gedanken zu „Primark – akut richtig, latent falsch

  1. die Stellungnahmen von Primark lesen sich zwar gut, ich werde aber die Vermutung nicht los, dass hier einfach ganz oportunistisch eine naheliegende Gelegenheit genutzt wird, sich „sozial“ zu positionieren und die Tragödie in gute Presse umzulenken..

    • nunette sagt:

      Ich hab halt mehr und mehr ein Problem damit, Firmen einfach pauschal zu verurteilen, und die Schritte, die sie eigentlich so setzen, wie wir es uns wünschen, gleich mitzuverurteilen. Das nimmt selbst den großen Firmen, die vielleicht sogar wirklich ein bissl was bewegen wollen (ok, unwahrscheinlich), die Motivation, irgendas zu tun. Die Aussagen sind gut, und gemessen werden sie sowieso noch an ihren Taten! Wie sich das dann entwickelt, das wird zeigen, wie sie es meinen.

  2. theodoraa sagt:

    Hier bei uns in der Stadt gibt es eine der wenigen deutschen Primark-Niederlassungen und garantiert jede_r hat schonmal dort eingekauft, auch wenn es keiner zugeben würde. Das Einzugsgebiet umfasst fast komplett Norddeutschland.

    Die Preise sind unübertroffen niedrig, da fasst man sich teilweise an den Kopf, und auch die Logistik-Leistung ist vom fachlichen her gesehen faszinierend (die können theoretisch das komplette Sortiment eines 3-Etagen-Stores innerhalb von einer Woche austauschen). Zu bedenken ist auch, dass Jugendliche & Familien mit wenig Geld und/oder vielen Kindern sich dort den „Luxus“ neuer ungebrauchter Kleidung leisten können. Trotzdem: man kann dort Winterjacken für 9€ erstehen und die machen noch Gewinn dabei. Welche Gewinnmarge muss dahinter stecken! Und dort ist nicht nur Kleidung zu kaufen: Accessoires, Schuhe, MakeUp (wer schmiert sich das Gift bitte direkt ins Gesicht???), Deko für zuhause, Geschenkpapier, wasweißichnochalles.

    Allerdings – und das sollte einem auch auffallen, wenn man sich nicht mit der Thematik „nachhaltige Kleidung“ befasst – riecht der ganze Laden nach Plastik und nach Chemie. Es ist unfassbar trockene Luft, alles kratzig und staubig/dreckig. Das Zeug mag man nicht anfassen. Die Kleidung ist (im besten Fall) denkbar einfach verarbeitet, im schlechtesten würde sie wohl nach 2 Wäschen auseinanderfallen.

    Auch was die Schnelligkeit der Reaktion auf Ladenhüter und/oder Modetrends angeht, muss man auch als Unbedarfter stutzig werden, denn wo soll der ganze Nachschub herkommen, wenn nicht schnell und billig produziert?

    Primark erinnert mich immer an eine Doku (auch wenn die Firma dort nicht explizit erwähnt wurde), die mal auf arte lief, in der gezeigt wurde, dass die Färbe- und Bearbeitungschemikalien in Indien, China etc schärfer und aggressiver sind als EU-Normen es vorgesehen haben. Dass die Arbeiter_Innen diese Chemikalien nur barfuß, barhändig oder nur mit Shorts bekleidet verarbeiten können, weil es keine Schutzkleidung gibt. Dass es Menschen gibt, die von diesen Farben und Chemikalien (min.) Pilze, Ekzeme u.ä. auf der Haut bekommen – nicht nur die Herstellenden, sondern auch Käufer_Innen aus dem Westen, die die Gifte ja „nur“ durch die indirekt Übertragung durch Kleidung/Schuhe abkriegen.

    Bei dem eben geschilderten Geschäftsgebaren kann ich mir – und da stimme ich dir, Nunu, voll zu – nicht vorstellen, dass Primark es mit der erwähnten nachhaltigen Baumwolle oder den einzuhaltenden Richtlinien wirklich ernst meint, oder sich auch nur daran hält. Das Hilfsangebot ist ehrenwert, das muss man zugestehen, allerdings im Verhältnis zu ihren (bisherigen und weiteren) Vorteilen viel zu wenig und läuft für mich unter dem Etikett „Greenwashing/wir-machen-uns-besser-als-wir-sind“.

  3. Aline sagt:

    Ich sehe das auch so. Ich denke der Ansatz muss tatsächlich sein, dass die Verbraucher Druck auf die Unternehmen ausüben. Die Hürde die es bedeutet zur Verkäuferin x zu gehen und bessere Bedingungen für die Arbeiter zu forden, die du, Nunu in Deinem anderen Post, beschrieben hast, ist real hoch, aber den Impact des Internets hast du ja am eigenen Leib erlebt und auf diese Weise zu agieren fällt vielen leicht:
    http://www.sauberekleidung.de/index.php/27-kampagnen-themen/eilaktionen/256-stoppt-das-toeten-mehr-sicherheit-fuer-die-arbeiterinnen-in-bangladesch
    und für mehr Kampagnen in diese Richtung:
    http://www.mswandas.co.uk/fashion-mob/

  4. […] findet der Blog Ich kauf nix: Firmen wie Primark haben das Potential, die schlechten Arbeitsbedingungen in ihren […]

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