„Das mit Bangladesch, das wird nix mehr..“

Wiedermal ein Abend gewesen, der mir die Perspektiven etwas durcheinander gerüttelt hat. Eine liebe Bekannte arbeitet ebenfalls im Bereich fairer Mode und war vor einigen Wochen in Bangladesch. Und ihr Urteil – obwohl sie sich wirklich seit Jahren für faire Bedingungen einsetzt, war nüchtern und erschreckend, vor allem aus ihrem Mund: „Das mit Bangladesch, das wird nix mehr.“

Und ihre Argumentation war erdrückend. Wenn man sich die Geschichte von Bangladesch anschaut, dann sieht man, dass dieser Staat eigentlich von vornerherein eine Missgeburt war. Hohe Bevölkerungsdichte, keine Strukturen, die dieser Dichte auch nur im Entferntesten gewachsen wären, eine Geburtenrate, von der unser Sozialminister nur träumen kann. In dem Moment, wo europäische Unternehmen abwandern, stehen die chinesischen bereits Schlange – und dann kann man in Sachen fairem Sozialsystem, das die Europäer VIELLEICHT begonnen haben aufzubauen (wie war das mit den Rana Plaza Zahlungen? Immer noch nicht da!), wieder bei fast null anfangen.

Ich habe dagegen gehalten, dass Aufschwung möglich sein muss. Dass man nicht von vornerherein abkanzeln darf. Aber irgendwie …. ihre Argumentationen waren sehr schlüssig. Zu viel Korruption beherrscht diesen Staat, politisch wie wirtschaftlich. Das mehrinvestierte Geld von europäischen Unternehmen landet ohne klare gesetzliche Regelung nicht bei denen, für die es bestimmt ist – sondern bei den Fabriksbesitzern. 10 Prozent aller politischen Abgeordneten in dem Land sind selbst Fabriksbesitzer, die Hälfte aller Abgeordneten hat ebensolche im engsten Familienkreis. Also kann man sich denken, wie bald diese gesetzlichen Regelungen zustande kommen werden.

Wir kamen dann aufs Thema „weiterhin konventionell kaufen, damit die Frauen eine Wahl haben.“ Ihre Antwort, sinngemäß: „Dieses Argument kann ich nicht gelten mehr lassen. Ist es eine Wahl für ein 16-jähriges Mädchen, vom Land in die Stadt geschickt zu werden, dort 16 Stunden am Tag zu arbeiten, in einem Slum zu wohnen, und mit diesem minimalen Lohn die Verantwortung für zehn Familienmitglieder zuhause zu tragen? Die von dem Geld abhängig sind? Und sie muss sich währenddessen in Gefahr am Arbeitsplatz bringen, im Slum wohnen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sein? Würden diese Mädchen am Land bleiben, hätten sie zwar kein Geld und würden von dem leben, was sie anbauen, aber sie hätten – so unglaublich arrogant das aus westlicher Sicht klingt – mehr Leben. Und zwar alle miteinander.“

Auch das wieder: Eine sehr harte Argumentation, aber ich kann dem auch etwas abgewinnen. Das Argument, nicht aufhören, die Ware aus Bangladesch zu kaufen, damit es diese Jobs wenigstens gibt, wird von elitärer Seite ausgesprochen – nicht von denen, die an der Nähmaschine sitzen. Denen geht es nämlich nicht darum, wie sich das System weiterenwickeln kann und besser werden kann, denen geht es ganz trocken schlicht um die Sicherung der einen Schüssel Reis am Folgetag.

Und übrigens: Das Gespräch fand statt, bevor ich das hier lesen konnte. Obs was bringt? Es ist ein Schritt, ein Zeichen, das man gutheißen sollte. Aber die Umsetzung wird zeigen, ob diese Bekannte mit ihrem Bangladesch-Pessimismus richtig liegt. Ich glaube ihr, sie kennts vor Ort – ich kann von hier aus viel behaupten. Sie hats gesehen.

Es stimmt schon, es kann nicht sein, dass wir, die wir hier leben wie die Maden im Speck, beschließen, wir kaufen nix mehr von dort, weil dort gehts scheiße zu. Ein kollektiver Boykott ist keine Lösung – und wird auch nicht stattfinden. Aber was mach ich jetzt, ich Nunu, die sich vor lauter Komplexität langsam komplett in dieser Problematik verläuft?!

 

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10 Gedanken zu „„Das mit Bangladesch, das wird nix mehr..“

  1. Julieth sagt:

    Um es gleich vorne weg zu nehmen. Warum ist Boykott keine Lösung? Denken wir es doch einmal durch. Weg A: Wir unterstützen weiter durch Kauf und direkte Finanzspritzen. Die Löhne und Arbeitsbedingungen verbessern sich. Für die BilligFirmen wie H&M oder auch andere Modekonzerne die ihre Gewinnspanne zu stark beeinträchtigt sehen, wird es zu teuer und sie wandern zum nächsten Land weiter. Dann haben wir ein Land mit 4000 Firmen und abertausenden Arbeiter_innen die vor dem Nichts stehen.
    Oder Weg B: Wir kaufen in diesen Ländern nicht mehr, helfen aber beim Aufbau alternativer Wirtschaftszweige, die das Land unabhängiger vom „reichen“ Westen machen.
    Alles andere ist, meiner Ansicht nach, eigentlich eine Form von moderner Sklavenhaltung. Hatten wir früher unsere Diener und Fabriksarbeiter wenigstens noch direkt vor unseren Augen haben wir sie heutzutage bequem ausgelagert und sehen das Leid das hinter einem 3,- Euro T-Shirt steckt nicht mehr.
    Solange wir aus Kostengründen in Ländern wie Bangladesh produzieren lassen, wird sich an dem System nichts ändern. Daher sollten wir umdenken, uns überlegen was uns unsere Kleidung wert ist und letztendlich die Produktion wieder lokaler gestalten.

    • nunette sagt:

      Auch dem kann ich nur zustimmen. Allerdings müssen wir uns auch im Klaren sein: Das wird niemals die Massenmeinung werden. Leider. Wir können versuchen, dass diese EInstellung bekannter und beliebter wird, aber der Trend geht sogar in Richtung Intensivierung von Fast Fashion. Ich unterstütze deine Argumente vollinhaltlich, aber ich kann auch verstehen, dass man nicht von jetzt auf gleich aus dieser Situation raus kann. Mein Gedanke geht auch stark Richtung Boykott (und ich habe seit bald zwei Jahren kein einziges Fast Fashion Teil mehr neu gekauft). Aber ich bin trotzdem nicht überzeugt, dass das die Lösung ist, die das Land retten wird.

      • Ena sagt:

        Nur eines dazu, jeder einzelne von uns macht am Ende die „Masse“ und heute denken schon viel mehr Leute anders als noch vor einigen Jahren. Vielleicht geht es sehr langsam, aber Umdenken findet statt. Und wenn Menschen wie wir diese Überzeugung leben und teilen, werden es mehr werden.
        Alleine du, Nunu, hast innerhalb eines Jahres komplett umgedacht und hast deine Einstellung zu Konsum von Grund auf geändert. Aber nicht nur das, hast du anderen Menschen die Augen geöffnet und zum Umdenken gebracht, daher lass dich nicht demotivieren. Klar, werden keine Wunder geschehen von heute auf morgen und die Menschen in Bangladesh werden nicht plötzlich dieselben Chancen haben wie wir Österreicher, aber dennoch ist es sinnvoll faire Produktionen zu unterstützen. Irgendwo muss man anfangen. 🙂

  2. Julieth sagt:

    Genau Ena 🙂
    Ich bin ein Fan der Schmetterlingstheorie. Kleine Schritte können auch grosse Wellen verursachen und wenn ich dafür sorge das mein direktes Umfeld besser und sorgsamer lebt, dann hat das auch auf das grosse Ganze Auswirkungen.
    Und Nunu, sieh dir doch einmal an wieviel du die letzten eineinhalb Jahre erreicht hast. Wie viele Menschen du erreicht hast, und dazu angeregt hast, ihr Konsumverhalten neu zu überdenken. Hey, mir erzählen Leute die nichts von unserer Verbindung wissen, von dir und deinem Buch und das sie vorhaben es zu kaufen und mir dasselbe empfehlen. Wie cool ist das denn? 🙂

  3. MS sagt:

    was man nicht vergessen darf: die wenigsten jungen Leute, egal wo auf der Welt, wollen auf dem Land bleiben und von dem leben, was sie anbauen. Sie wollen auch am weltweiten Konsum teilhaben, Klamotten, Mobiltelefone, Fernsehen … die Verlockung ist viel zu groß. Wären die Menschen – überall – mit dem zufrieden, was sie zum Leben BRAUCHEN, gäbs das ganze Problem gar nicht, weil dann bei uns ja auch niemand billige Sachen haben wollen würde …

    • nunette sagt:

      Ich denke, dort geht es nicht ums wollen, sondern ums müssen

      • MS sagt:

        ich denke, dass man in den meisten dieser Länder von der Landwirtschaft leben kann und nicht Gefahr läuft zu verhungern (Afrika ist was anderes). Trotzdem gehen die jungen Leute in die Städte. Sie wollen mehr haben vom Leben als Feldarbeit und Reis. Zu dem Preis, dass sie Lohnsklaven werden.

  4. […] Mode, das ist auch im letzten Jahr nicht wiedergekommen. Ich denke oft darüber nach, was die Kollegin mir mal gesagt hat – dass es vielleicht doch besser wäre, würden die Mädchen nicht in die Stadt gezwungen, […]

  5. […] ist. “Made in India” boykottieren ist wahrscheinlich in etwa so sinnvoll wie “Made in Bangladesh” boykottieren. Man kann hier eine Petition unterschreiben, aber de facto kann man nix machen, von hier aus […]

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