Made in Italy

Vor wenigen Tagen kam es wieder zu einer Katastrophe in einer Textilfabrik. Es fing zu brennen an, sieben chinesische ArbeiterInnen konnten sich nicht mehr retten bzw. nicht mehr gerettet werden. Das „Überraschende“: Diese Fabrik stand mitten in der Toskana. In Prato.

Dort stehen nämlich über 3000 Fabriken, die fest in chinesischer Hand sind. Die FAZ schreibt:

Die 25 Kilometer westlich von Florenz gelegene Provinzhauptstadt Prato, mit rund 200.000 Einwohnern, ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der italienischen Textilproduktion und stellt vor allem Stoffe für Damenbekleidung her. Im Unterschied zu allen anderen Industriezentren Italiens wurde in Prato jedoch die Textilproduktion von größtenteils illegalen chinesischen Unternehmen unterwandert. Alleine in dem großen Industriegebiet im Süden von Prato, wo am Sonntag das Feuer ausbrach, wird die Zahl der chinesischen Betriebe auf rund 3000 geschätzt.

Es ist schockierend und traurig, dass es diese unwürdigen Zustände nicht irgendwo weit weg, sondern ganz in unserer Nähe gibt. Nicht, dass es „besser“ wäre, weils weiter weg ist – aber es lässt sich doch ein bißchen besser verdrängen, oder? Jetzt mal ganz auf unzynisch: Es ist untragbar, egal, wo es solche Zustände gibt. Doch in diesem Zusammenhang möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen: „Made in Italy“ wird komplett unterwandert. Bereits im Jahr 2010 stand dazu ein sehr spannender Artikel im Tagesspiegel.

Ein kleiner Auszug:

Die Journalistin Silvia Pieraccini hat sich in diese Welt weiter vorgewühlt als jeder andere – und ein Buch geschrieben über die Mechanismen, mit denen die Chinesen zu Reichtum kommen. Mindestens die Hälfte der zwei Milliarden Jahresumsatz, dessen sind sich Pieraccini und die Polizei gewiss, kommt illegal zustande. Stoffe werden am Zoll vorbei ins Land geschmuggelt, ganze Schiffsladungen innerhalb eines Wochenendes verarbeitet und verkauft, ohne Rechnung, ohne Beleg. Steuerforderungen durchzusetzen ist den Behörden praktisch unmöglich: Ein chinesischer Betrieb, der sich im Visier der Fahnder weiß, schließt sofort – und der Bruder, der Schwager, der Onkel, der am Tag darauf eine neue Firma ins Handelsregister einschreibt, ist für die Versäumnisse eines früheren Unternehmers nicht zu belangen. Auf den Firmenschildern im Industriegebiet stehen nur Handynummern, genauso wie auf den Stellenanzeigen, die in Chinatowns Supermärkten hängen, vor denen sich abends nervös rauchende Chinesen drängen.

Laut der Italienischen Nationalbank werden aus Prato jeden Tag 1,2 Millionen Euro nach China überwiesen. Dabei erfasst die Nationalbank nur jene Geldtransfer-Büros, die amtlich registriert sind, nicht etwa jene verschwiegene Buchhaltung, über die laut Polizei in einem einzigen Monat 2009 mehr als sieben Millionen Euro geflossen sind. Dass Geldwäsche im Spiel ist, erscheint den Ermittlern offenkundig; mancher vermutet, Prato sei ein chinesisches Finanzzentrum in Italien. Inzwischen laufen auch Ermittlungen gegen Polizisten, die womöglich in den Geschäften mitmischen, statt sie zu bekämpfen.

Regelmäßig hebt die Polizei versteckte Nähereien aus, in denen junge Chinesen und Chinesinnen auf engstem Raum zusammengepfercht leben, essen, schlafen und arbeiten: unter prekären hygienischen Bedingungen, mit improvisierten Gasheizungen, bis zu 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zwei, drei Jahre lang – bis eben die zehntausend Euro oder mehr abbezahlt sind, die der illegale Einwanderer seinen Schleusern schuldet.

Das unsichtbare Heer der Schwarzarbeiter sei so groß, sagt Silvia Pieraccini, „dass die Chinesen in Prato jeden Tag eine Million Kleidungsstücke nähen können, also mehr als 360 Millionen pro Jahr“. Das „Made in Italy“ hat in diesen Fällen formal seine Berechtigung, „aber bei den Regeln, unter denen da produziert wird – mitten in Europa und in einer Zone mit den am härtesten erkämpften, stärksten Arbeiterrechten –, da stellen sich mir die Haare zu Berge.“

Ich hoffe sehr stark, dass die „Made in“-Diskussion nun neu entfacht wird. Die momentane Regelung – „Es zählt die letzte Naht“ – ist einfach nicht tragbar. Nicht nur, dass diese rechtliche Situation zu solchen Perversitäten wie das Chinatown Pratos und den zugehörigen katastrophalen Zuständen führt, sondern es werden die KonsumentInnen auch einfach nach Strich und Faden belogen. Nur weil „made in Italy“ drinsteht, heißt das noch lange nicht, dass es unter menschenwürdigen Zuständen produziert wurde.

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11 Gedanken zu „Made in Italy

  1. lautleise sagt:

    Diese Schweinereien existieren ja leider schon seit Jahrzehnten.
    Und vor allen Dingen im Bekleidungssektor. Zum K***en.

  2. Julchen sagt:

    Man kann sich leider auf wenig verlassen, diese ganzen „Made in“- Sachen sind mir schon länger suspekt, da die Regelungen etwas anderes sagen ich als erwartet hätte. Da sind mir Sachen wie das GOTS-Siegel schon lieber, darauf kann ich zumindest etwas vertrauen.

  3. Ach du liebe Güte. Da gebe ich mitunter ein Heidengeld aus für „Made in Italy“ und jetzt sowas. Diese Chinesen sind eine echte Pest. Interessant wäre ja mal, für welche Marken diese Unternehmen nähen.

  4. andrea sagt:

    gutschimutschi und konsorten lassen grüßen..:-(

  5. toms70 sagt:

    danke für den aufklärenden anriss des artikels, der wiederum so viel zum verzeifeln hinterlässt. GOTS ist vielleicht eine alternative dazu, bewusster konsum ein zusätzlicher, aber ehrlich nur fair komme ich nicht durch mit familie und 2 pubertierenden kindern. einiges ja und bewusstsein dafür schaffen auch, aber wirklich 100% fair durch den alltag kann ich leider noch nicht bestätigen. so viel ehrlichkeit muss sein obwohl das echt beschissen ist!

  6. Da fragt man sich wirklich, wie das sein kann…

  7. […] aus Europa vor solchen Ereignissen geschützt ist, der liegt leider falsch. In ihrem Beitrag Made in Italy berichtet Bloggerin Nunu Kaller über die italienische […]

  8. beautyjungle sagt:

    Wie traurig, dass ich mich noch nie mit dem Them wirklich auseinander gesetzt habe. Natürlich schaue ich für mein Kind, was woher kommt, aber denke nicht tiefergehend darüber nach. Für mich selbst habe ich nur wenig darauf geachtet. Ist ein kleiner Weckruf für mich, danke.

  9. […] auch jede Menge andere, die das ausnutzen (und die skurrilen und traurigen Nebenwirkungen kann man hier nachlesen). Nur von solchen Luxusmarken find ich das dann doch speziell dreist. Ich will sie jetzt ja nicht […]

  10. […] im Akkord nähen und “Pronto Moda” (Fast Fashion auf italienisch) herstellen. Vor einigen Monaten kamen bei einem Brand einige ChinesInnen ums Leben, damals waren kurz mal alle Zeitungen voll von dem Thema. Und schneller, als man “Made in […]

  11. […] Jaaa, ich weiß, der Blogcontent ist im Moment etwas einseitig. Aber: Es überschlägt sich gerade. Es ist soooo leiwand. Heute gibts auch nochmal richtig geile breaking news von Detox – aus Zeitgründen in Form der Presseaussendung 😉 Prato ist übrigens diese Gegend.  […]

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