Scheinheilig im Niederdörfli

Heute hab ich mir selbst mal wieder meine eigene Scheinheiligkeit in Gesicht gerieben. Vor – ogottogottogott – über zehn Jahren habe ich in Zürich studiert. Zehn Jahre. Heilige Scheiße, fühl ich mich grad alt. Aber egal.

Heute also war ich in Zürich. Hatte nach Ankunft am Bahnhof etwas Zeit und beschloss, zu Fuß zu meiner Verabredung weit hinten im Seefeld zu gehen, durchs Niederdörfli. Für Zürich-nicht-Kenner: Das Niederdörfli (und das Oberdörfli, um ganz korrekt zu sein) ist die Altstadt von Zürich. Kleine, enge, teilweise recht steile Gassen, Kopfsteinpflaster, Fußgängerzone. Und ein Geschäft neben dem anderen. Auch hier haben bekannte Marken wie Vero Moda oder Desigual mit eigenen Stores Einzug gehalten, auch Liebeskind leistet sich eine Filiale. Kleine Boutiquen, die keinen großen Handelsketten angehörten, sind spürbar weniger geworden (wenn auch immer noch da, was viel Charme ausmacht).

Beim Durchspazieren war ich erschrocken. „So viele neue Fetzenläden! Die gabs damals noch nicht, jedenfalls noch nicht soooo viele!“, dachte ich. Früher waren da zwar auch schon viele Modeläden, aber es sind in den letzten Jahren sicher signifikant mehr geworden (mein heißgeliebtes Musik-Second-Hand-Geschäft gibts noch, aber leider wars geschlossen)…

Am „Ende“ des Dörflis musste ich mich dann selbst kurz schimpfen. Noch vor drei Jahren, als ich das letzte Mal da war, war der Gang durchs Niederdörfli noch massiv verführerisch für mich. Und ich hätte mich gefreut über die neuen Filialen. So schauts nämlich aus. Ich brauch da jetzt gar nicht so scheinheilig auf „Ogott, der böse böse Konsum“ tun, ich kenn das ja nur zu gut, dieses Gefühl des Bummelns und sich-einlullen-Lassens von  bunten Auslagen und Angebotsständern.

Ich versuch, mich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Ich hab ein Jahr nix gekauft, das ist jetzt keine Wahnsinnsleistung, aber ich hab viel draus gelernt – und das hat viel Spaß gemacht. Bitte, nehmts mich auch nicht immer zu ernst, wenn ich einen auf Konsummoralapostel mache – ich kanns wirklich gut nachempfinden, wenn man nicht von jetzt auf gleich das Einkaufsverhalten umstellen kann (ich hab ja auch ein Jahr Auszeit dazwischen gebraucht und mich so quasi selbst ins Leo gestellt), die Verführungen lauern schließlich überall. Also Moment, ernstnehmen darf man meine Konsumkritik schon, aber bitte immer im Hinterkopf haben: „Die kennt auch die andere Seite.“

Apropos Verführungen, ich werde jetzt mal geschwätzig (wenn das mal keine schöne Überleitung zur neuesten Buchkritik ist): Für die Heimfahrt Richtung Lieblingsfamilie (etwa eine Stunde) hatte ich aufs Lesematerial vergessen. Und mir im Buchladen am Bahnhof ein Buch gekauft, den letzten Glattauer nämlich. Gut, ist mir schon klar, der ist Österreicher, das Buch wird wohl in Österreich spielen. Aber dass das Geschäft der Hauptperson anscheinend bei mir um die Ecke angesiedelt ist und ich haargenau weiß, welches er mit dem (namentlich entfremdeten) Cafe in der Märzsstraße meint, das war dann doch wieder sehr lustig, so mitten im Zug in der Schweiz…

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