Überforderung

Und wiedermal schlägt die Wahrheit der Verdrängung einen rechten Haken ins Gesicht. Bin gestern über diesen Bericht gestolpert. Ja, es ist keine Überraschung, dass es auf Lederfarmen so zugeht. Wir alle haben Lederschuhe (ok, Hella, fast alle…) – es sind Bekleidungsgegenstände, die aus den Kleiderkästen der Menschen kaum wegzudenken sind. Ich kann mich natürlich für den Gedanken erwärmen, darauf zu verzichten – ich mag Lederschuhe und -jacken, zugegeben. Wenn ich nicht darüber nachdenke, aus was sie gemacht sind.

Ich trage oft auch Alternativen zu Lederschuhen. Dazu gehören bei mir sechs Paar Chucks, von superverlatscht über bissl zu klein bis hin zu selbstdesignt. Doch auch von den Produktionsstätten von Converse liest man nichts gutes. Außerdem glaube ich, dass bei dieser massiven Plastik/Gummi-Produktion sich die die Fabriken umgebende Umwelt auch nicht wirklich freut. Oder die optische Seuche namens Crocs – die meisten der Billigkopien haben sehr hohe Schadstoffrückstände im Material..und Crocs-artige Schuhe trägt man bekanntlicherweise ja meist barfuß….

Es gibt Alternativen. Es gibt vegane Schuhe, die gar nicht mal so sehr nach Öko ausschauen wie gedacht. Es gibt Waldviertler – die mir persönlich aber dann doch wieder zu Öko ausschauen. Außerdem bin ich schlicht überfordert. Genauso, wie im Biogemüse der EHEC-Keim nachgewiesen wurde, im Biohendl die antibiotikaresistenten Keime, oder man auf dem Gemüse und Obst Spritzmittelrückstände hat, dass es einer Sau graust, oder Hühner in der Freilandhaltung kaum mehr Platz haben als solche in normaler Bodenhaltung, kann ich nicht wissen, was eigentlich bei der Produktion meiner Schuhe oder Kleider abgeht. Ich bin dem Produzenten im Grunde ausgeliefert.

Leute, ich bin überfordert. Was kann ich eigentlich noch anziehen, essen, trinken und ganz schlicht kaufen? Selbst wenn ich mich noch so bemühe, es wird immer etwas geben, das ich in sozialer oder ökologischer Hinsicht falsch mache. Ist es dann eine Lösung, auf gar keinen dieser Aspekte mehr zu achten, drauf zu pfeifen und einfach zu kaufen, was ich will? Schade ich damit nicht mir selbst am meisten (siehe „Schmutzige Wäsche“ von Greenpeace)? Oder soll ich aufs Land ziehen, in einem Hochbeet meine eigenen Karotten und Zucchini anbauen, fünf Hendln herumlaufen haben, meine Schuhe selbst herstellen, meine Kleidung aus selbst gewobenem Stoff selbst nähen, unbedingt noch ein paar Schafe haben – wegen des Käses und wegen der Wolle? Wo ist der Mittelweg, den ich gehen kann, ohne – vorsicht, ums Eck gedacht – mir dabei bewusst sein zu müssen, dass ich gerade verdränge?

Getaggt mit , , , , ,

7 Gedanken zu „Überforderung

  1. Patrick sagt:

    Ich persönlich finde, dass man sich durchaus bewusst sein sollte, was passiert, wie vorgegangen wird und dass man nicht in einer optimalen Gesellschaft lebt. Denke aber auch, dass man es, (mit dem nicht daran teilhaben und darum keine Schuld daran tragen) auch übertreiben kann. Es mag oberflächlich klingen wenn ich sage, dass mir bewusst ist wer meine Schuhe herstellt und unter welchen Bedingungen, aber mir trotzdem Schuhe kaufe wenn ich welche brauche. Und dann werde ich mich unter dem Gesichtspunkt entscheiden, wie gut mir diese gefallen. Ich kann nicht jedes Leid auf diesem Planeten mindern indem ich nicht daran teilhabe. Aber ich kann bewusst leben und da verzichten, wo es einfach nicht unbedingt sein muss. So weit ich das mit meinem Bedürfnis zu leben und zu genießen vereinbaren kann. Ja ich habe das Glück in einem Land zu leben in dem ich mir alles leisten kann was ich zum leben benötige und etwas mehr. Ich will mich ehrlich gesagt nicht an jeder Ecke schlecht fühlen oder mich entschuldigen müssen weil es mir gut geht. long story short…. Ich versuche bweusst zu leben und die DInge nicht schlechter zu machen, wenn ich sie schon nicht besser machen kann.
    Im Endeffekt ist es wohl immer EInstellungssache….

    • nunette sagt:

      gebe dir absolut recht – auch ich werde in zukunft lederschuhe, freilandeier und biogemüse kaufen und auch da wissen, dass ich nicht alles „richtig“ mache. Wenn man mal beginnt, drüber nachzudenken, ist meiner Ansicht nach sowieso schon ein großer Schritt getan. Weil dann erkennt man hoffentlich auch, dass vieles einfach überflüssig ist, und dass es OK ist, wenn man sich ein neues Paar Schuhe kauft, aber es müssen nicht gleich drei Paar sein… (und Geständnis: Da setzt bei mir wohl nach 2012 effektive Veränderung ein, ich war eine grandiose „gleich mal doppelt“-Käuferin). Dein Satz von wegen Dinge nicht schlechter zu machen, wenn ich sie schon nicht besser machen kann gefällt mir gut!

      • Michael sagt:

        Entschuldigung, der Haken an der Sache ist ja aber der dass wenn man einer solchen Firma Geld gibt, die unmenschlich und unökologisch Sachen produziert, dann macht man die Dinge ja schlechter. Nicht besser, sie bleiben nicht neutral, nein, man gibt sein Geld einer Firma die das wieder verwendet um irgendwas unökologisch auf dem Rücken anderer zu produzieren.
        Genau aus dem Grund hab ich mit 20 mein Auto verkauft und weiß dass ich nie wieder eines besitzen werde: Weil ich nicht irgendwelchen Firmen Blutgeld zahlen möchte wenn ich tanken gehe.

        Den Satz „Aber ich kann bewusst leben und da verzichten, wo es einfach nicht unbedingt sein muss. So weit ich das mit meinem Bedürfnis zu leben und zu genießen vereinbaren kann“
        halte ich für recht egozentrisch, schließlich wird ein jeder seine Bedürfnisse anders definieren, und manchen stellen ihre weit über die ihrer Umwelt und ihrer Mitmenschen.

        Die Menschen die für unsere Bedürfnisse allerdings ausgebeutet werden hätten auch Bedürfnisse, und ihnen wird aufgrund genau dieser Einstellung verwehrt diese zu stillen…

  2. aniger sagt:

    Gute Frage, die rollt mir auch grad im Kopf herum. Will ich zu den 5% Idealisten gehören, die sich modernen Luxus nicht gönnen? Ich will nicht.
    Ich will ihn auf ein von mir als notwendig empfundenes Ausmaß reduzieren und a bissl das simple life suchen. Nicht überall und sofort, aber in diese Richtung zu gehen ist für mich ein großes Bedürfnis.
    Bin schon gespannt zu welcher conclusio du kommst!
    Keep up the good work!

    • nunette sagt:

      ja, in die richtung denk ich auch – ich will nicht zu denen gehören, die es komplett auf back to the roots und autarkie abgesehen haben…. aber wenn man einmal draufgekommen ist, an wievielen ecken es mies rennt, kann einem schon schlecht werden. meine bisherige conclusio: ich kann nicht alles ändern. ich möchte mich auf teilbereiche konzentrieren und in anderen bereichen reduzieren, das schon. denke, im vergleich zu vielen anderen bin ich mit meiner flohmarktmanie und unserem veggie-haushalt eh schon um einiges weiter als andere.

  3. […] kaufen” wurde mir nun das von mir weit in den Hinterkopf geschobene, mir aber sehr wohl bewusst seiende Problem der Leder- und Lederschuhproduktion (abgesehen davon, dass meine Sympathiepunkte bei […]

  4. […] Das nervt schon gewaltig, dass das alles so kompliziert sein muss. Ich glaub, ich peile doch den Selbstversorgerhof mit meinen eigenen Schafen […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: