Eingebung

Vor lauter Beschäftigung mit dem Thema hat mich letztens ein Gedanke überrollt: Ich war zu Schulzeiten die klassische Außenseiterin. Größer als alle Burschen in der Klasse, Mädls sowieso, mit 15kg weniger als heute bei den anderen die „fette Sau“, habe andere Musik gehört als die meisten (Für Insider: Die anderen waren der U4-Dienstag, ich war der U4-Freitag und -Sonntag), habe einen anderen Schmäh gehabt, und mit einem guten Buch am Bett war mir lange wichtiger als mit einem schlechten Küsser im Bett (ist übrigens heute noch so – nur dass ich inzwischen weiß, was einen guten Kuss ausmacht).

Meistens war das auch in Ordnung, ich hatte immer schon gute Freunde, mit denen ich zusammenhielt, die Nachbarin, der Volksschulfreund und später die Tanzschulpartie. Aber ich könnte nicht behaupten, dass mir mein Außenseitertum immer rotzegal war. Im Gegenteil, es gab Zeiten, da wollte ich unbedingt zur Mädchenclique meiner Klasse dazugehören. Und das definierte ich über Kleidung. Wenn ich nur diese Schuhe/eine Markenjeans/jenen Pulli hätte, dann würde TheresaAndreaValerieLucieIsabel mich gut finden. Was muss ich meiner Mama auf die Nerven gegangen sein damals….

Dann begann die Uni, ich zog in eine WG – und alles wurde anders. Mein Freundes- und Bekanntenkreis explodierte, ich verbrachte meine Wochenenden mit einem Hintern auf fünf Parties, und ich wurde mutiger, optisch gesehen. Zog das an, was mir gefiel. Und fand es toll, dass ich mir dank gegebener Nachhilfestunden immer wieder neue Sachen leisten konnte, ohne durch den Filter „Mama zahlt, Mama urteilt“ gehen zu müssen.

Mein Verdacht: Es besteht ein Kausalzusammenhang zwischen meinem früheren Außenseitertum und meinem Drang, mich über Kleidung zu definieren – und das tue ich. Ich weiß, dass ich viel mehr bin als meine Hülle – ich bin stark, positiv, lache gerne und als deppert würd ich mich jetzt auch nur hin und wieder bezeichnen – aber: Es ist mir wichtig. Kleidung gibt mir Sicherheit.

Im Zuge dieser „Erleuchtung“, wo diese Gefühle herkommen, ist mir noch etwas aufgefallen: In meinem Freundeskreis befindet sich keine, die mich an TheresaAndreaValerieLucieIsabel erinnert.

Getaggt mit ,

6 Gedanken zu „Eingebung

  1. Ach, diese Gedanken kenn ich gut, ist eigentlich unfassbar, dass man sich als Erwachsener auch noch damit beschäftigt. Aber immerhin, wir wissen es jetzt besser…auch wenn man sich manchmal nicht so fühlt…;-)

  2. Mir geht’s so ähnlich. Ich war zwar keine wirkliche Außenseiterin, weil meine Mitschüler echt nett waren, aber dennoch etwas nerdig.. Und auch wenn ich heute (so finde ich:-) ganz anders bin, kann ich mich nicht wirklich davon freimachen. Irgendwie hat wohl jeder sein Päckchen zu tragen und solange die in dem Rahmen sind, kann man sich eigentlich nicht beschweren…

  3. Avatar von Stophus Stophus sagt:

    Tolle und vor allem verdammt wichtige Erkenntnis. Das „Lesen statt Küssen“ hats offensichtlich voll gebracht 😉
    Schad nur, dass nicht alle Menschen zu jener Schlussfolgerung gelangen, aus welchen Gründen auch immer.

    • Avatar von nunette nunette sagt:

      wie gesagt, damals wars mir wurscht, inzwischen ziehe ich einen guten küsser (einen bestimmten nämlich 😉 ) auch einem guten buch vor. manchmal 🙂

Hinterlasse eine Antwort zu Schwiegermutter inklusive Antwort abbrechen