Der Textilschwede: Zu schön, um wahr zu sein

Karl-Johan Persson hat viel Geld. Sehr viel. Er ist nämlich der Chef des Textilschweden. Und auf kritische Fragen reagiert er gar nicht gern. Wenn er jedoch selbst die Message steuern kann, wird er mutig. Jetzt meint er nämlich, er wolle ein eigenes H&M-Fairtrade-Label schaffen. Er würd halt so gern. Aha. Er sagt:

„Nur wer sich an definierte Standards bei Löhnen, Umwelt und sozialen Aspekten hält, soll es an seine Textilien hängen dürfen.“

Klingt super, oder? Klingt aber irgendwie nach GOTS, oder? Und GOTS gibts ja schon, oder? Und wieso macht man als Marke sein eigenes Zertifikat? Damit man seine eigenen Regeln machen kann!

Was mich an dem Interview jedoch viel mehr beschäftigt: Er erzählt den Einserschmäh der großen Textilunternehmen, warum sie nicht mehr zahlen können – und kommt damit auch noch durch! Er entblödet sich wirklich nicht zu sagen: „Ja iiiich würd ja mehr zahlen, ich bin ja der Gute!“ Was mich daran so ärgert: Seit Jahren kennen wir alle dieses Argument, und er ist nicht der Erste, der das sagt. Aber einen Zusammenschluss von Unternehmen, um gemeinsam mehr zu bezahlen und so das Argument von wegen „aber die anderen zahlen weniger, freier Markt, wenn ich mehr zahl, dann will kein anderer mehr dort produzieren“ einfach auszuhebeln, das gibts immer noch nicht. Einfach unter Anführungszeichen, versteh ich schon…

Persson wandte sich außerdem gegen die Kritik an den Arbeitsbedingungen und Löhnen in Bangladesch. Sein Unternehmen versuche seit vielen Jahren, die Bedingungen in der Textilbranche zu verbessern. „Ich würde sofort einen H&M-Aufschlag zahlen und hätte gern ein faires Lohnsystem für die gesamte Branche“, so Persson. In der Praxis aber arbeiteten die Menschen in einer Fabrik vielleicht zu 10 Prozent für H&M, die übrigen 90 Prozent für andere Unternehmen. „Wenn nur wir mehr für unseren Teil der Waren zahlen, um damit höhere Löhne zu ermöglichen, wäre das schwierig zu handhaben.“

Das Interview mit Persson ist grad heiß diskutiert, und ich bin trotz aller Motivation, die mir meine CSR-Ausbildung gerade bringt (ach, man könnte an sooo vielen Ecken mit gscheiten CSR-Strukturen ansetzen und könnt was weiterbringen, nicht nur irgendwelche Projekterln) eine von den Zweiflerinnen. Ich glaub das alles erst, wenn ich es seh. Dass der Textilschwede nämlich laut rausposaunt, er wolle bis 2020 alles entweder auf Biobaumwolle oder auf Better Cotton umgestellt habe, das halt ich für Mist. Weil ich Better Cotton für unglaublichen Mist halte. Und was der Textilschwede mit seiner „nachhaltigeren Kollektion“ auslösen will, ist sicher nicht das, was es bei mir ausgelöst hat. Saublöd find ich das nämlich. Oder die Recycling-Collection. Naja.

All das ist in meinen Augen nämlich eines: Sie versuchen viel, und manches mag auch gut sein (und ja, ich gebe wirklich zu: Sie sind um ein Eck besser als die ganz Schlimmen, aber sorry, bei einer derartig großen Nachhaltigkeitsabteilung sollt sich halt auch ein bissl Merkbares tun), aber sehr sehr vieles tun sie, um sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Sie machen kleine Schritte (Better, nachhaltiger, so ein bissl Komparativ halt), aber verkaufen sie in der Öffentlichkeit als weltmeisterliche Weitsprünge.

Und jetzt das. Ein weltweites Fairtradelabel. Sehr überraschend, dass er sich so weit ausm Fenster lehnt, der Herr CEO. Und leider fürchte ich: Diese Idee ist zu schön, um wahr zu werden.

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Ein Gedanke zu „Der Textilschwede: Zu schön, um wahr zu sein

  1. Agnes sagt:

    Ich weiß nicht, aber komm nur ich ins Grübeln, wenn jemand behauptet, fair zu produziern unter seinem eigenen fair-label, das er selbst kontrolliert? Woher soll ich wissen, dass er das ausreichend durchsetzt und kontrolliert, von dem er hier schwafelt? Ist der Sinn von solchen Labeln nicht, dass sie unabhängig von den Be-labelten agieren und eine gewisse Kontrollfunktion auf diese ausüben???

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