Was persönliches…

Es gibt eine Agentur, in der ich früher mal gearbeitet habe. Lang früher. Und für einige Zeit war das ein richtig cooler Job, und das meine ich wirklich: so richtig! Doch mit der Zeit fühlte ich mich immer unwohler dort, zog die Konsequenzen und kündigte. Diese Agentur und ich haben uns seither diametral auseinander entwickelt, fischen aber immer noch im selben Gewässer. Es geht um Social Media, es geht um Blogs, es geht um PR, es geht um Kommunikation. Nur: Während die Agentur jetzt Unternehmen erklärt, wie man auf Shitstorms reagiert, freue ich mich unglaublich darüber, weil es sich aus meiner Perspektive wie eine Anleitung liest, wie man einen anständigen, nachhaltigen Shitstorm auf die Beine stellt. Weil ich – zugegeben gewaltige Gerechtigkeitsfanatikerin – meinem Berufsleben seit Jahren (eigentlich seit meinem Ausstieg dort) einen Sinn geben will, der mich am Abend in den Spiegel schauen lässt, erscheint mir die Arbeit meiner ehemaligen Agentur etwas zu auftraggebergetrieben (wie die meisten Agenturen, ist mir schon klar). Wer zahlt, wird bedient. Von Fairness keine Spur, weder bei den Auftraggebern noch … egal. Es geht hier nicht um persönliches Aushauen.

Doch irgendwie haben sie es jetzt geschafft, dass ich doch über sie blogge. Denn sie machen etwas, was mich stört. Auch wieder: so richtig! Und wenn mich an großen, für mich anonymen Unternehmen wie dem Textilschweden was stört, dann hau ich auch aus. Darum habe ich beschlossen, in diesem Fall jetzt meine Beißhemmung abzulegen. Weil – und nicht nur ressourcentechnisch find ich das in sich schon sehr absurd – diese Agentur jetzt einen Fanshop hat. Eine Agentur. Zugegeben: Eine, die in den letzten Jahren doch so manchen Preis abgestaubt hat. Aber: Die laut offensiv beworbenem Facebookinserat 2000 brutto für Vollzeitjobs zahlt (Kollektivvertrag hin oder her: Das ist verdammt wenig, wenn man gleichzeitig jahrelange Erfahrung verlangt), und laut kununu und unter ehemaligen KollegInnen den Ruf genießt, arbeitsstundentechnisch ziemlich übers Ziel hinauszuschießen, hat einen Fanshop. Doch um die Absurdität dessen geht es jetzt nicht. Sondern um die Produkte, die sie anbietet. In diesem Fanshop wimmelt es nur so von wahlweise chinesischer oder wahrscheinlich kambodschanischer Mindestlohnmistarbeit. Es gibt gebrandete Kulis (Respekt, wenn die wer um einszwanzig kauft, überall sonst werden einem Kulis als Give-Aways nachgeschmissen), es gibt die heiße Möglichkeit, Sticker mit dem Firmennamen um sechzig Cent zu kaufen, und vor allem: Es gibt Handtücher, es gibt Taschen. Nix bio, nix Fairtrade, nix Vorbildwirkung, dafür weht der Duft von Größenwahn durch den Shop.

Ich weiß, das ist ÜBERALL so. Wurscht, wo man hinschaut, man wird mit Giveaways, unnötiger als weißichwas, zugesch…en. Gerade jetzt vor der Wahl gibts wieder eine massive KuliStickerPlüschtierStofftaschen-Welle. Ich wollte einfach mal thematisieren, dass Textilproduktion nicht bei der Textilschwedentür aufhört. Handtücher, Einkaufstaschen, Kissenbezüge, Plüschtiere – muss alles genäht werden, ist alles aus Stoff. Aber ich habe diese Agentur ausgewählt, weil sie mir ermöglicht, wirklich emotional zu schreiben – gerade weil ich sie kenne, und mir denke: Ihr seids doch nicht blöd bitte! Ihr habts doch grad so die Möglichkeit, zu einer Bewusstseinsänderung beizutragen! Es ist so traurig, dass sich trotz unserer diametralen Auseinanderentwicklung auch nach Schlagzeilen wie Rana Plaza oder Jazreen kein Bewusstsein dafür entwickelt hat, dass es auch anders geht. Kommt schon, es ist sogar bobo und in, mit der Fairtrade-Einkaufstasche herumzulaufen! Und bei den Handtüchern, da könntet ihr sogar Trendsetter sein!

Eigentlich bin ich der Agentur sogar dankbar. Weil sie mir eine hoffentlich lebenslange Freundin verschafft hat. Und die übrigens die Erfinderin des Agenturnamens ist. Gabs da eigentlich mal ein Dankeschön dafür?

Eine Verlinkung sucht man in diesem Beitrag umsonst. Der Grund ist der Versuch, nicht dort zu landen, wo man dem Niveau bei den Sternen zuwinkt. Die, die mich gut kennen, wissen, von welcher Agentur ich schreibe. Die kennen aber auch schon länger meine Meinung, in persönlichen Gesprächen halte ich mich da auch nicht wirklich zurück. Und die, die nicht wissen, von welcher Agentur ich spreche, die sollen selbige bitte als emtional umschriebenes Beispiel für verdammt viele Agenturen und sonstigen Marketingunternehmen dieser Welt nehmen, in denen das Bewusstsein für faire, soziale und ökologisch verträgliche Produktion sich immer noch im Tiefschlaf befindet.

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2 Gedanken zu „Was persönliches…

  1. […] nicht drüber, wenn mir jemand am Nerv geht und ich ihm/ihr das öffentlich ausrichten möchte (ok, einmal wars nah dran, zugegeben, aber selbst da…. nö), ich schreib nicht über Erlebnisse, Partys usw, die nix (oder gut, […]

  2. […] – und jene Leserin, die mir vor kurzem mal geschrieben hat, es sei schade, dass ich den persönlichen Aspekt hier am Blog wieder runtergedreht hab: Bitteschön. Jetzt wirds sehr […]

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