Ein Tiroler bringts auf den Punkt

Mein Tag beginnt derzeit traditionell mit früherem Aufwachen als der Liebste, und durchscrollen aller Nachrichten, Facebookfeeds und Blogs, um gemütlich nachzulesen, was in Österreich tagsüber passiert ist, während hier Nacht war.

Fashion Revolution Austria hat einen Beitrag aus Tirol gepostet, der mich sehr beeindruckt hat. Werner Kräutler kritisiert das System Primark. In Tirol gibts nämlich einen Primark. Und nicht nur TirolerInnen stürmen den Laden, nein, es werden Reisebusse voll mit SüdtirolerInnen und BayerInnen vor dem betreffenden Einkaufszentrum ausgeleert.

Ich habs auch schon mal beleuchtet, dieses Problem auf der Kehrseite der Modeproduktionsmedaille. Das Fazit aus billiger und mehr ist nämlich weniger. Weniger Qualität (no na), aber vor allem: weniger Jobs, und die Jobs, die es dann noch gibt, scheiße bezahlt. Und dann raunzt Bürger und Politik, dass es keine Mittelschicht mehr gibt. Es mag zwar kein hoher Prozentsatz sein, aber einen Teil dieser Suppe haben die BürgerInnen sich durch ihr Einkaufsverhalten selbst eingebrockt.

Einerseits führt die Tiefpreislogik („Geiz ist geil“) zu einer Marktbereinigung – Konkurrenten geben auf und müssen ihre Mitarbeiter_innen entlassen, was wiederum die Arbeitslosenzahlen erhöht. Andererseits drücken verringerte Handelsspannen (der Profit darf ja um Himmels willen nicht angerührt werden) auf die Löhne. Arbeit wird zu teuer. Prekariate – das heißt Jobs mit miesester Bezahlung – sind deshalb heute schon allgegenwärtig. Aber da sorgen Konzerne wie Primark vor: Sie unterbieten sich gegenseitig, damit die Niedrigstlohnbezieher_innen auch im Wochenrhytmus neue Fetzen kaufen können. Dass wir uns mit der ‘Geiz-ist-geil’-Mentalität nur ins eigene Knie schießen, ist vielen Konsument_innen nicht bewusst.

Und wieder ein Grund mehr, mal drüber nachzudenken, ob ein Kaufrausch beim Iren es im wahrsten Sinne des Wortes wert ist. Vielleicht hilft ja dieses Argument einigen dabei, umzudenken, wenn Bangladesch und Kambodscha schon zu weit weg sind.

PS: Apropos Primark Tirol. Da war doch mal was.

 

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6 Gedanken zu „Ein Tiroler bringts auf den Punkt

  1. Werner sagt:

    Danke für die Blumen. Und wir werden hier in Innsbruck die Szene weiter beobachten.

    • nunette sagt:

      Danke für den tollen Artikel!!!! Hier in den USA sieht man bereits die Auswirkungen. Die vollsten Geschäfte sind die Goodwill-Stores, wo die Sachen gebrauchterweise noch billiger sind als Fast Fashion. Weil aus vielen Gründen einfach der Bogen überspannt ist (ich schieb das jetzt definitiv nicht nur auf ihr Konsumverhalten, da haben andere Hebeln auch ordentlich Einfluss, aber eine gewisse Auswirkung des Überkonsums kann man echt nicht leugnen).

      • Werner sagt:

        danke nunette für die blumen. das bringt mich auf die idee, initiativen, die sich mit dem verschenken von waren beschäftigen, einmal näher darzustellen. die schießen hier in innsbruck wie die schwammerl aus dem boden. ich find das gut und schön.

      • nunette sagt:

        Sehr fein! Dann kriege ich auch mit, was im Westen so los ist 🙂

  2. MarieAnn sagt:

    Ich stimme dem Beitrag auch voll und ganz zu! Warum machen sich nur so wenige Leute über ihr Kauf- und Konsumverhalten Gedanken. Wenn ich es anspreche höre ich immer das gleiche Argument. „Hauptsache Billig“

  3. […] hatte ich es am Stapel, es ist ein Rezensionsexemplar, und bin nicht dazugekommen, es zu lesen. Das, was Werner Kräutler so gut am Beispiel Primark erkannt hat, nämlich, dass die Mittelschicht sich durch ihr Konsumverhalten selbst abschafft, zeigt sie ganz […]

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