Im Dialog mit dem Textilschweden: Von Fasern, Siegeln und Steuern

So. Vergangene Woche hat ja der Pressesprecher des Textilschweden noch einmal auf mich reagiert. Anscheinend als Privatperson, aber eindeutig aufmunitioniert mit den Argumenten und Linien des Unternehmens (voll ok, ich kann das bei mir auch nicht so gut trennen mit Beruf und privat…). Ich bedanke mich trotzdem, dass meine Kritik wahrgenommen wurde und auf sie wiederholt auch aus textilschwedischer Argumentationssicht reagiert wurde – und zwar sehr ausführlich, und teilweise auch wirklich nachvollziehbar. Dennoch. Ich versuch da jetzt mal Punkt für Punkt drauf einzugehen. Das ist jetzt wahrscheinlich mein längster Blogbeitrag ever, aber einer, der mit sehr viel Herzblut geschrieben wurde.

Liebe Nunu, es freut mich, dass mein Kommentar dich freut. Kurz der Ordnung halber – ich habe dir als Privatperson geschrieben, da ich fuer H&M’s Nachhaltigkeitsreport verantwortlich bin und somit natuerlich nicht möchte, dass selbiger dich zur Verzweiflung treibt…;)

Gut, das wär mal geklärt, hey Hendrik, ich bin die Nunu. 🙂

Wenn ich dich richtig verstehe, bleibt deine Hauptkritik also die Werbemassnahmen zur Conscious Exclusive-Kollektion.

Nicht ganz. Meine Hauptkritik liegt in dem Ungleichgewicht zwischen Tun und Bewerben des Tuns. Und dass ihr in einigen Punkten einfach zu wenig tut.

Eigentlich schalten wir fuer diese Kollektion verhältnismässig wenig bis fast keine Werbung. Aber medial erhält die Kollektion tatsächlich viel Aufmerksamkeit. Hiermit möchten wir wie gesagt gerade auch ein Bewusstsein dafuer schaffen, dass auch Kleidung z.B. aus Biomaterialien toll aussehen kann.

Das mach ich hier auch. Seit dreieinhalb Jahren. Mit null Budget. Aber nur Biomaterialien reicht einfach nicht, das sag sogar ich als Öko-Tante. Und genau deshalb blogge ich immer noch: Weil „da draußen“ einfach noch viel zu viele Menschen denken: Hui, da steht „bio“ drauf, das ist sicher komplett fair produziert und überhaupt, so teuer, wie das ist, muss da ja alles korrekt abgelaufen sein. Leiderleider – das Argument begegnet mir immer noch viel zu häufig. Der Textilschwede mag Bio-Materialien im Angebot haben – aber dann hat, provokativ ausgedrückt, die Näherin in Bangladesch mit der 12-Stunden-Schicht ohne Klopausen in einer heißen und stickigen Halle einfach eine andere Stoffrolle vorgesetzt bekommen. Am fertigen Produkt sieht man nicht, wieviel die NäherInnen dafür bekommen haben. Ökologie und soziale Verbesserung muss Hand in Hand passieren.

Ich persönlich finde das eine durchaus positive Entwicklung, wenn das Thema aus der Nische herauskommt und auch Kunden erreicht, die vielleicht in erster Linie z.B. ein schönes Kleid suchen, fuer die dabei der Gedanke an Nachhaltigkeit aber (vielleicht noch) nicht an erster Stelle steht.

Dünnes Eis. Die Diskussion hatte ich im Vorfeld der europaweit größten B2C-Messe für nachhaltige Mode, der WearFair. Wir hatten zwei verschiedene Werbe-Shootings. Einmal eine happy Familie mit Obstkorb und Fahrrad, im warmen Sonnenlicht, alle in zusammenpassenden, gedeckten Farben, als ob sie am Samstag mal schnell über den Markt spazieren – waren echt feine Fotos, mit Amateurmodels – und einmal wirklich top notch High Fashion Avantgarde inklusive magersüchtig wirkendem Profimodel, inszeniert von einer Werbeagentur, sah auch sehr gut aus, finde ich. Die ökofaire Szene watschte mich Länge mal Breite ab für das zweite Plakat – bis auf die, deren Mode höherpreisig verkauft wurde. Die habens nämlich verstanden: Genau, wie du sagst, Henrik, für manche Menschen steht Mode im Vordergrund und Nachhaltigkeit kommt erst an den hinteren Plätzen vor. Und genau die bringen die Kohle. Was mich jedoch wieder zu der Überzeugung führt: Es geht euch nur um die Kohle. Auf Details wird nicht geschaut. Einfach nur sagen: „Hey, ist nachhaltig!“ – das reicht nicht. Das ist gekauftes gutes Gewissen, ohne sich die Hintergründe angeschaut zu haben. Wenn ich Mode verkaufe, die ich als nachhaltig definiere, dann hat dafür gesorgt zu sein, dass jede/r in der gesamten Lieferkette fair bezahlt wurde, und sämtliche Maßnahmen ergriffen wurden, die zu einem ökologischen Materialgebrauch führen. Da seid ihr noch weit entfernt davon.

Und nur um dies auch nochmals ganz deutlich zu machen – die Conscious Exclusive-Kollektion macht nur einen sehr kleinen Anteil unseres Conscious-Angebots aus. Wir haben neben dieser limitierten Kollektion das ganze Jahr ueber und in allen Stores ständig ein breites und wachsendes Angebot an Conscious-Produkten, nicht nur diese eine Kollektion. Dass die Nachfrage gross ist, ist natuerlich eine tolle Motivation fuer uns, diesen Weg weiter zu gehen.

Ich habe soeben noch mal nachgeschaut. Textilschweden-Onlinestore Österreich. Bei Herren und Damen ist die Kategorie Conscious sogar so versteckt, dass ich eine Weile brauchte, sie zu finden.

  • Damen: 3555 Produkte, 71 Conscious. 1,99%.
  • Herren: 1048 Produkte, 49 Conscious.  4,6%
  • Kinder: 2030 Produkte, 279 Conscious 13,7%

Wer ist nochmal eure Hauptzielgruppe? Richtig, Frauen! ES IST NICHT VIEL! Und es steht in keinem Verhältnis zur Kommunikation drüber! Ich finde es besonders im Damenfall wirklich und ehrlich verwerflich, sich mit einer „Verdreifachung“ oder „plus 300%“ zu brüsten, wenn man von so einer geringen Zahl ausgeht. Werbemaßnahmen wie die des Textilschweden im Moment stehen in keiner Relation zu den angebotenen Produkten.

Alle unsere Conscious-Produkte sind mit mind. 50% zertifizierten Bio-Materialien oder zertifizierten Recyclingmaterialien (bei recycelter Baumwolle aus Altkleidern 20%) und seit letztem Jahr gegebenenfalls mit Hilfe besserer Waschprozesse (z.B. gemessen am Jeanologia-Tool) hergestellt. Und dies weitgehend zu denselben Preisen wie fuer vergleichbare konventionelle Produkte. Fuer die Mehrkosten nehmen wir dabei in den meisten Fällen eine geringere Marge in Kauf.

Und schon wieder hab ich grad den Onlineshop durchgeschaut. Eine stinknormale Skinnyjeans, konventionell: Neun Euro Neunundneunzig. Conscious: Ab vierzig Euro. Was ja ok ist, das Problem sind hier nicht die vierzig Euro für Conscious, sondern die zehn Euro! Wer so eine Jeans überhaupt im Angebot hat, darf in meinen Augen echt nicht auf nachhaltig tun, das schließt sich aus. Da braucht man auch gar nicht von einem Umstellungsprozess oder sonst was reden: Eine Jeans um zehn Euro gehört aus dem Handel genommen. An der klebt Blut.

Insgesamt machen derartige Materialien ueber 10% unseres gesamten Materialvolumens aus, Tendenz weiter steigend. Ich kann dir versichern, dass der Kampagnenaufwand fuer die Conscious Exclusive-Kollektion diesen Anteil nicht uebersteigt.

Da wäre ich wirklich an den Zahlen interessiert. Nicht dem Verhältnis. Den Zahlen. Wieviel investiert ihr im DACH-Raum, also DeutschlandÖsterreichSchweiz, in Werbung jeglicher Art sowie Medienarbeit, ebenfalls jeglicher Art, wieviel davon ist „Conscious“? Und was schaut vor allem am Ende raus dabei? Ist das Verhältnis der Clippings über Conscious auch bei zehn Prozent oder doch höher?

Produkte mit Better Cotton zeichnen wir uebrigens NICHT mit dem Conscious-label aus.

Wo find ich die? Hier ein Screenshot von soeben: bettercotton   Oh, und wenn wir grad bei Better Cotton sind: Mir ist letztens beim Zähneputzen ein Gedanke gekommen: Kann es sein, dass ihr bis 2020 die 100-prozentige Umstellung auf „bessere“ Baumwolle erreicht, indem ihr insgesamt den Baumwollanteil in euren Kollektionen senkt und mehr auf Polyester und Co. setzt? Das wär ökologisch dann nämlich wirklich die Pest mit Cholera behandeln…. Ist nur so ein Gedanke, mich würd die Entwicklung eurer Faserverteilung ebenfalls interessieren, hab ich die im Bericht überlesen?

Das Paillettenkleid wurde uebrigens in Indien hergestellt. Die Fabriken unserer Lieferanten in Indien (wie auch allen anderen Ländern), sind fuer jedermann öffentlich zugänglich unter http://www.hm.com/supplierlist. Als bislang meiner Kenntnis nach einziges Unternehmen unserer Grössenordnung haben wir hier in diesem Jahr sogar die wichtigsten Stoff- und Garnlieferanten unserer Lieferanten hinzugefuegt.

Ich gebe mich mit dem Land nicht zufrieden. Oder mit der Veröffentlichung eines Namens. Ich will wissen, ob ihr garantieren könnt, wer diesen Stoff hergestellt hat. Nicht das Kleid, den Stoff. Wurden die Pailletten von Hand angenäht, wenn ja, von wem, und wurde die Person entsprechend entlohnt?

Und um auch auf diesen Punkt einzugehen: Du kritisierst, dass wir uns zu unrealistische Ziele setzen wuerden und wir die Umstellung der Baumwolle bis 2020 nicht erreichen könnten. Auf der anderen Seite kritisierst du, dass uns eben solche Ziele und systematische Strategien fehlen wuerden und wir lediglich einzelne kleine Projekte umsetzen wuerden. Das beides widerspricht sich fuer mich leider ein wenig.

Siehe oben. Und nein, es widerspricht sich in meinen Augen nicht. Eine „Umstellung“ von konventioneller Baumwolle auf „bissl bessere“ konventionelle Baumwolle ist zwar sicher systematisch, aber nicht im Sinne der Nachhaltigkeit. Würdet ihr sagen: Wir stellen komplett auf Biobaumwolle, und zwar 100prozentige, und Recyclingkreislaufstoffe um, ok, dann würd ich sagen: Chapeau. Aber das aktuelle ist ein verwaschenes Ziel. Warum ich das so kritisiere? Weil es mich so wahnsinnig enttäuscht. Als vor einigen Monaten (ist schon bissl länger her), der CEO des Textilschweden in einem Interview sagte, er wolle ein Siegel für faire Mode, das international gelten muss und nicht nur für den Textilschweden, er will da wirklich die Welt verändern und alles muss gut werden, hatte ich wieder solche In-den-Tisch-beiß-Ansätze. So ein Siegel gibt es schon! Es nennt sich Fairtrade! Ein von Unternehmensseite geschaffenes Siegel ist garantiert in vielen Belangen viel schwächer als Fair Trade. Wozu also? Schon wieder so ein verwaschenes Ding! („Verwaschen“ find ich in dem Zusammenhang der Diskussion über Fast Fashion grad ziemlich lustig, sorry für die Wiederholungen 🙂 ). Oder, anderes Beispiel, das mich echt rasend gemacht hat: Der globale Steuerbeauftragte des Textilschweden setzt sich vor eine Kamera und betont, dass völlig legal in keinem der Produktionsländer Steuern bezahlt  werden. Das führt doch sämtliche sozialpolitische Verbesserungsversuche ad absurdum! Das ist klassisches Vorgehen multinationaler Konzerne, gewinnorientiert bis dorthinaus – ihr habt massiven Vorteil durch Produktion in Billiglohnländern, und kein Cent zuviel bleibt in diesen Ländern. Da kann man sich noch so oft medienwirksam mit Regierungschefs treffen und ihnen erklären, es solle der Mindestlohn angehoben werden und soziale Systeme verbessert werden, damits den ArbeiterInnen besser geht: Mit welchem Geld, wenn Großkonzerne diese Länder gleichzeitig aussaugen und die Arbeitskraft bei sich bündeln? Was bleibt denn dann noch?

In der Tat setzen wir uns ambitionierte Ziele und verfolgen meiner Meinung nach sehr umfassende Strategien, die ueber unseren eigenen Tellerrand hinausschauen und systematische Veränderungen befördern. Wir haben nicht immer von vorne herein alle Lösungen parat. Wir arbeiten aber sehr ernsthaft darauf hin, diese Ziele zu erreichen. Um dies zu erreichen, muessen wir einzelne Schritte gehen. Beides machen wir transparent, in einem ueber 100 Seiten starken Bericht (nicht in irgendwelchen Werbekampagnen). Mit exakten und von unabhägigen Pruefern auditierten Zahlen. Wo wir Ziele nicht erreichen, machen wir auch dies transparent, ebenso wie wir nach neuen Lösungen suchen, um sie doch noch zu erreichen. Ich denke, dass diese Transparenz ebenso wie hoch gesteckte Ziele notwendig sind, um diese Veränderungen zu bewirken. Vielleicht verstehe ich dich falsch – sollten wir dies sein lassen?

Fangfrage. Ja, die Ziele müssen streng(er) (in dem Fall wirklich eine Steigerung, nicht so wie bei nachhaltigER) sein, und die Kommunikation muss zu jeder Zeit transparent sein. Aber sorry, es ist ein Unterschied zwischen: Ich antworte ehrlich und korrekt, wenn ich gefragt werde, oder ich blas meine tollen Ziele raus in die Welt und lass dadurch die Mehrheit der Leute – die, die nur halb hinhören und querlesen und es eigentlich eh nicht so genau wissen wollen – glauben, ich bin jetzt schon ursuper und öko und überhaupt. Genau wie bei den Zahlen der Conscious Collection: Die Art der fast schon aggressiven Kommunikation grenzt für mich an Irreleitung.

Und um bei diesem Beispiel zu bleiben – wir liegen bei unserem Baumwollziel sehr gut im Plan.

Siehe oben. Wirklich, ist nur so ein Gedanke, aber bei den diversen Zahlenspielereien im Bericht hat mich das nicht mehr losgelassen. Und was mir seit Beginn dieses Dialogs fehlt, ist die Antwort auf meine Frage, wie ihr zu Mikroplastik steht?

Nichtsdestotrotz – es bleibt viel zu tun. H&M ist nicht perfekt, die Modeindustrie ist nicht perfekt und das perfekte und vollkommen nachhaltige Kleidungsstueck gibt es (noch) nicht. Es ist ein Prozess zu besserer Mode. Schade finde ich, wenn, so ist zumindest mein Eindruck, die Unternehmen, die in unserer Industrie Veränderungen vorantreiben oftmals mehr Kritik einstecken muessen, als die, die es einfach bleiben lassen. Das sendet meiner Meinung nach genau die falschen Signale – und hält Nachhaltigkeit in der Mode in der Nische.

Ich hoffe, du verstehst meine Beiträge hier richtig: Ich freue mich sehr, dass endlich ein Dialog stattfindet, und bedanke mich für deine ausführlichen und interessanten Antworten und Einblicke – ich bin regelrecht erleichtert, dass ich nicht mehr ins Leere kritisiere, sondern in Diskussion treten kann. Aber es gibt Dinge, da sind wir unterschiedlicher Auffassung, und ich finde es sehr spannend, sie hier auszudiskutieren. Natürlich gibt es Unternehmen, die noch viel schlechter sind als der Textilschwede, in Hülle und Fülle gibt es die. Macht bitte weiter bei euren Unternehmungen, aber bremst eure Kommunikation. Wer so proaktiv hinausschreit, dass er bio und nachhaltig und überhaupt der Leiwandste ist, muss sich wohl auch auf mehr Kritik einstellen. Das muss erlaubt sein. Glashaus und Steine und so.

Auch wenn ich natuerlich akzeptieren kann, dass du kein Fan von unserer Arbeit werden möchtest, freue ich mich natuerlich, wenn du dir die Zeit nimmst, dich mit den Fakten zu unserer Arbeit im Detail auseinanderzusetzen. Und natuerlich auch wenn wir den Dialog ueber diese Inhalte unserer Nachhaltigkeitsarbeit und unseres Reportings konstruktiv weiter fortfuehren können. Zumindest mein Eindruck ist, dass wir hier eigentlich gar nicht so weit auseinanderliegen.

Mir fällt da jetzt keine textile Analogie ein, drum bleibt mir nur zu sagen: Ich glaub, wir mögen beide Musik, aber der Ton machts aus. Oder? 🙂

Meine Emailadresse kannst du ja wahrscheinlich sehen. Lass uns wenn du magst hierzu gerne telefonieren. Gerne stelle ich dann auch den Kontakt zu meiner sehr kompetenten österreichischen Kollegin her. Viele Gruesse & schönes Wochenende Hendrik

Danke, das werde ich tun, aber ich finde es andererseits auch sehr wichtig, dass diese Unterhaltung öffentlich stattfindet, so wie sie schon öffentlich begonnen hat. Ich will, dass meine LeserInnen sich ihr eigenes Bild machen können, ich war noch nie gut bei Stiller Post….

Übrigens, das Sahnehäubchen, das mir gezeigt hat, dass dieser Blog hier weitaus mehr zu sein scheint als mein persönliches Ventil, wenn mir die Fadenspannung in der Nähmaschine mal wieder spinnt: Anne Gorke hat ebenfalls reagiert. DIE Anne Gorke. Deren Kleidung ich bisher in Hochglanzmagazinen bewundern durfte und mich freute, dass ökofaire Kleidung auch schon so weit oben angekommen ist. Was sie schreibt, dem stimme ich voll zu. Drum zitier ich sie jetzt unkommentiert:
Erstens:

Sehr geehrter Herr Alpen, vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort, die teilweise auch durchaus interessant und nachvollziehbar ist. Ja, der Markt kleinerer ökologischer Labels ist ein Nischenmarkt, diese Labels bauen seit Jahren ein ökologisches Bewusstsein beim Konsumenten auf, zumindest im Ansatz. Dies tun sie auch, indem sie zu 100% nachhaltige Produkte anbieten und dies kommunizieren. Und dann kommen große Konzerne wie H&M und merken: der Markt ändert sich, Konsumenten fragen nach. Und anstatt verantwortungsbewusst etwas an der Lieferkette zu ändern, Stück für Stück, da machen Sie erstmal Riesenkampagnen, die den Konsumenten quasi anbrüllen: Schaut, wir machen’s auch ökologisch!! Und das Anbrüllen sieht sehr hübsch aus, zugegeben, Kampagnen kann H&M sehr gut. Und ja, sie erreichen so viel mehr Menschen damit, als all die kleinen Nischenmarktlabels. Und überhaupt erstmal Nachhaltigkeit ins Bewusstsein des Konsumenten zu bringen, ist ein Anfang. Aber spätestens hier haben wir ökologische Labels schon keine Lust mehr hinzuschauen und es gut zu finden, was sie machen. Weil Sie ihre Kommunikation so sehr übertreiben, dass es anfängt, gefährlich zu werden. Sie suggerieren Dinge, die der normale und durchschnittliche Konsument nicht hinterfragt. Sie schreiben Organic Cotton Blend, allein dieses Wort lässt einen den Kopf schütteln.. Sie berichten von der Nicht-Duldung von Kinderarbeit und dann, abgesehen von ihrer regulären Produktpalette. bringen Sie sogar in der Conscious Kollektion ein Palettenkleid!! Das ist wirklich nicht in Ordnung, da gibt es auch nichts schön zu reden. Da hilft auch keine Fair Living Wage Nummer. Und ihre Basics? Fast alle sind Made in Bangladesh. Bei aller Liebe, bei allem Verständnis für die komplexe Lieferkette eines so großen Unternehmens: TShirts für 4,99 € stimmen einfach nicht, das ist auch nicht in Ordnung. Und dann kommen ihre Organic Cotton Shirts. Die werden auch super beworben, da denke selbst ich, immerhin, ein kleiner Schritt, die Arbeiter in Bangladesh sind dann zwar immer noch teilweise in Lebensgefahr, während der Fertigung, aber immerhin… Aber dann muss ich wieder diese Gespräche führen, warum meine ökologischen und nachhaltigen Produkte so viel kosten. Dass es schlimm ist, wenn Menschen wie ich durch Organic Clothing und Eco und so weiter einen Reibach machen wollen, weil sie deswegen die Preise hochschrauben, denn H&M zeigt es ja, organic geht auch günstig. Eco muss nicht viel kosten, sieht man ja bei H&M. Wenn ich diese Gespräche mit Endverbrauchern führe oder ähnliche Diskussionen in gekauften Blog-Beiträgen lese, dann denke ich an ihre Nachhaltigkeitskampagnen und verfluche sie, trotz der positive Aspekte wie “einen Anfang machen” oder “ein Bewusstsein schaffen”. Weil sie einfach so sehr über das Ziel hinausschießen und zusätzlich zu den größtenteils fragwürdigen Bedingungen ihrer Textilproduktion auch noch ein allerfeinstes und omnipräsentes Hochglanz-Green-Washing betreiben.. Das finde ich sehr schade und nimmt Ihren, vielleicht wirklich ernst gemeinten, Bemühungen alles Positive. Mit freundlichen Grüßen Anne Gorke

und zweitens:

Sehr geehrter Herr Alpen, noch ein Nachtrag zu Ihrer weiteren Antwort, ich kann es mir nicht verkneifen. Sie bewerben die Conscious Exklusive Collection nur in kleinem Maße? Beim Launch in New York war unter anderem Olivia Wilde eingeladen, außerdem Presse und Blogger. Beim Launch in Berlin waren ausser deutschen Models und Schauspielerin, die ein Live-Shooting ablieferten, auch Presse und Blogger eingeladen. Zählt das nicht ihren Kampagnen-Rahmen? Die ConsciousExklusiveSause war medial allgegenwärtig. Da kann man sagen, das liegt am Thema, das interessiert, die schreiben alle freiwillig. Aber: das stimmt doch nicht, wenn wir mal ehrlich sind. Da geht es mir ähnlich, wie beim Paillettenkleid: wenn Sie es mir schlüssig und glaubhaft erläutern und es wirklich alles inhaltlich so fröhlich ist, wie Sie es hier schildern, dann zieh ich meinen Hut. Wirklich. Und: niemand, dem dieses Thema am Herzen liegt, möchte nachhaltige Mode in der Nische halten. Da sind wir auch kurz vor Totschlag-Argument. Natürlich möchten wir das nicht. Aber eben bitte nicht dieses Green-Washing, das ist wirklich wie eine Ohrfeige für alle, denen dieses Thema tatsächlich und sehr am Herzen liegt. Einfach mal einen medialen Gang zurückschalten und nicht alle so irre machen mit einer Kommunikation, die suggeriert, dass H&M nur noch eine Saison davon entfernt ist, das internationale HessNatur zu werden. Es stimmt einfach nicht. Und noch etwas: am Ende vom Tag geht es nicht um Wording und Reports und hübsche Events. und ein tolles Image. Es geht um effektive Taten. Und: Es geht um Menschen und um Tiere, die Leid tragend sind, auch aufgrund der Produktion von H&M Textilien. Mit freundlichen Grüßen Anne Gorke

Getaggt mit

10 Gedanken zu „Im Dialog mit dem Textilschweden: Von Fasern, Siegeln und Steuern

  1. mukolama sagt:

    Danke für die öffentliche Diskussion! Ich als „bloßer Konsument“ (und nicht Experte, Pressesprecher,…) finde es enorm bereichernd, die unterschiedlichen Seiten lesen zu dürfen und mir so meine Meinung bilden zu können!

  2. MarieAnn sagt:

    Danke für deiner Arbeit Nunu! ich denke, das bei den Verbraucher mittlerweile das Bewustsein wächst, dass billig nur auf Kosten von Menschen, Umwelt und Natur möglich ist.
    Die Konzern sollten das berücksichtigen.

  3. La Pepite sagt:

    Liebe Nunu,
    ich lese hier erst seit ein paar Wochen mit und bin auch noch nicht ganz durch (ich gehe gerade Dein 2014 an :-)), aber Du hast mein Hirn in Nullkommanix umgekrempelt. Ich war zwar noch nie bei Primark (nur ein Beispiel), weil mir klar war, dass da irgend etwas nicht stimmen kann, wenn da Wintermäntel für EUR 14,90 verkauft werden. Aber ich gebe zu, ich habe dabei nur an mich und meine Gesundheit gedacht. Insbesondere daran, dass ich keine brutal chemieverseuchten Fasern auf der Haut und sowieso keine Wegwerfartikel für eine Saison haben möchte. An die Zustände in der Lieferkette habe ich dabei eher selten gedacht. Da war ich ganz das dumme Konsumentenschaf, irgendwie alles zu weit weg, als dass ich es an mich herangelassen hätte. Und ich wäre es noch immer, wenn Du Dich nicht durch all diese Nachhaltigkeitsberichte, Zeitungsartikel und sonstige Nachrichten ackern, hinterfragen und darüber berichten würdest. DANKE, dass Du das tust, denn ich würde schon nach zwei Seiten blabla völlig genervt und angeödet aufgeben. Nun aber schaue ich ganz bewusst in meinen Kleiderschrank und überlege, was ich von den nicht mehr so schönen oder kaputten Sachen aufmotzen oder wiederverwerten kann. Und bin so voller Ideen, dass ich Nähprojekte für die nächsten 2 Jahre im Kopf habe. 🙂
    Und EINEN Nachhaltigkeitsbericht werde ich mir dann doch mal zu Gemüte führen. Den von Comma. In den letzten Jahren war ich fast nur noch dort einkaufen, weil ich die Klamotten wirklich schön finde. Und nun bin ich schon sehr gespannt, wie es bei denen mit Bio und fairer Produktion bestellt ist. Gemessen an den Preisen müsste ich ein überdurchschnittlich gutes Rechercheergebnis erwarten können. Vermutlich reine Illusion. 😦
    Jetzt ist das doch ein ziemlich langer Kommi geworden, dabei wollte ich nur Danke sagen und von der Existenz einer weiteren kritischen Konsumentin berichten. Du bist schuld! 🙂
    LG, Romy

  4. […] bin eeeewig spät dran, weil mir der Textilschwede dazwischen gekommen ist, aber es steht was wirklich ganz ganz Wichtiges an: Am Freitag ist Fashion Revolution Day. Am […]

  5. Anne Gorke hat es einfach toll zusammen gefasst!!! Großartig!

    Das Greenwashing ist einfach extrem schrecklich – ich merke das an Familienmitgliedern, die mit Vorschlägen für Kinderkleidung angekommen – ist bio. Nein, ist es ganz oft nicht und dann ist ganz oft überhaupt nicht klar, wie ist es produziert und welche Giftstoffe stecken in der Kleidung. Ich selbst kauf nur secondhand oder gots – zertifiziert. Dieser ganze Etikettenschwindel&Greenwashing ist echt anstrengend und es müsste endlich mal Politiker geben, die den A***** in der Hose haben und so was verbieten.
    LG Nanne

  6. Stefan sagt:

    @ Nanne:
    So einfach ist es mit GOTS und den anderen Zertifikaten leider auch nicht. Wir sind aktuell ein Crowdfunding für Socken zu starten. Es soll alles ganz transparent werden: Wo wurde die Baumwolle gekauft, wo wurde sie weiterverarbeitet und – ganz wichtig! – welche Stoffe wurden z.B. in der Färberei verwendet. Wir sind vor über einem Jahr ganz blauäugig mit dem Projekt gestartet und du es ist teilweise schrecklich, was einem da alles angeboten wird… Eine Strickerei hat uns z.B. angeboten, die fertigen Socken mit einem bestimmten Zertifikat zu versehen (ich möchte ausrechtlichen Gründen hier nicht detaillierter darauf eingehen) ohne dass die Baumwolle das entsprechende Zertifikat besaß!!! Das ist leider – meiner Erfahrung nach – kein Einzelfall. Ich möchte nicht gegen GOTS wettern, die gehören sicherlich noch zu den Besseren, aber diese ganzen Zertifikate sind mit Vorsicht zu genießen. Da ist ein Haufen Geld im Spiel und wo Geld ist, wird beschissen! Wir haben uns daraufhin gegen eine Zertifizierung entschlossen, lassen alles nach besten Richtlinien produzieren und dokumentieren es umfangreich. Das ist unserer Meinung nach die bessere Wahl.

  7. […] Der Anteil des Selbermachens bei den “Bezugsquellen”. Bemerkenswert sind außerdem Stellungnamen von H&M bei Nunu Kaller. Ich finde es toll zu sehen, wieviel man mit Öffentlichkeitsarbeit auch via Blog […]

  8. […] wie sie ist (gut so!), etwas genauer durchgelesen und interessante Schwerpunkte herausgearbeitet. HIER könnt ihr ihren Artikel dazu […]

  9. […] Zwei Interessanten Artikel zur H&M Conscious Linie von Nunu – absolut Lesenswert! Der Texitschwede sprach zu Nunu und steht jetzt sogar im Dialog zu Ihr… […]

  10. […] jetzt aber. Ist schon fast eine Woche her, dass ich mit dem CSR-Menschen bei H&M, Hendrik Alpen, telefoniert habe. Und jetzt gerade (Mittwochabend) ist der erste Moment, wo ich wirklich die Ruhe habe, mich […]

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