Archiv für den Monat August 2017

CURVY SUPERMODEL: YEAH, RUNDE FRAUEN KÖNNEN SICH AUCH ZUM AFFEN MACHEN!

Gestern erschien mein Gastbeitrag auf Curvect. Das Thema liegt mir so am Herzen, dass ich ihn hier auch teilen möchte:

CURVY SUPERMODEL: YEAH, RUNDE FRAUEN KÖNNEN SICH AUCH ZUM AFFEN MACHEN!

Seit ich mich intensiv mit dem Thema Body Positivity auseinandersetze, bin ich etwas allergisch gegen das kleine Wort „auch“. Wenn es Curvys und all jenen, die anderweitig aus der sowieso schon lange nicht mehr erreichbaren „Norm“ fallen, ein Anliegen ist, ihren Platz in der Gesellschaft, in den Medien, in der Aufmerksamkeit der Menschen als natürlich und selbstverständlich darzustellen, dann geht das nicht mit dem Wörtchen „auch“:

Plus Size Frauen sind nicht AUCH schön, sie sind schön.
Sie haben nicht AUCH Liebe und Anerkennung verdient, sie haben es schlicht verdient, wie jede andere Person auf diesem Planeten (ok, Kriegsverbrecher und andere Sadisten sollten wir da jetzt mal auslassen).
Wir dürfen nicht AUCH enge Tops und kurze Röcke anziehen, wir dürfen es.
Punkt.
Soweit zur Theorie.

Kommen wir mal zur derzeit im Fernsehen gelebten Praxis. Da gibt es jetzt doch glatt „Curvy Supermodel“ bereits in zweiter Staffel. Ein Modelcontest für rundere Frauen. Freuen sollte man sich, endlich wird das Bild der kurvigen Frau normalisiert. Denn Curvy Frauen sind ja AUCH schön (merkt ihr was?). Doch leider, leider, Curvy Supermodels bricht nicht mit Klischees, es verstärkt sie.

16-Jährige stolzieren in Unterwäsche auf Pferderennbahnen dahin. Ich mein – Plussize Frauen. Auf Pferderennbahnen. Das ist die erste Einladung für Bodyshamer vorm Bildschirm, auf die noch viele weitere Folgen sollen. Ja, kurvig soll man bitte sein, aber schwabbeln darf nichts. Eine Sanduhrfigur wird gesucht, aber wehe, du hast mehr Sanduhr als Größe 44. Plus Size startet übrigens bei der Jury, bestehend aus einer Kurvigen und drei sehr schlanken Menschen, bei 38.

Überhaupt, die Jury: Peyman Amin wurde ja bei Germany´s next Topmodel bekannt – als der Bad Cop, der die angehenden Models regelmäßig zusammenfaltete, damit ihr Selbstwert ja nicht größer als sein eigenes Ego war. Das Gleiche macht er nun mit angehenden Curvy Models, natürlich nur für die Quote, hinter den Kameras ist er ja ein gaaaanz ein Liiieber (ich seh sie schon vor mir, die Bild.de-Überschriften).

Mit dem kleinen Unterschied, dass es beim Zuschauen noch ein bisschen mehr weh tut, weil ich – selbst curvy – sehr gut nachempfinden kann, was in den Köpfen der Curvys vorgeht. Ich musste über dreißig werden, bis mein Selbstbewusstsein endlich so weit ausgeprägt war, dass ich im Bikini im Freibad nicht mehr halb in Ohnmacht gefallen bin vom Baucheinziehen. Hat man dieses Selbstbewusstsein noch nicht – was den durchschnittlich geschätzt 20-Jährigen nicht vorzuwerfen ist – ist das Zeigen des eigenen Körpers in Unterwäsche noch nicht gar so einfach.

Die Kandidatinnen müssen das jedoch in jeder einzelnen Folge tun. Selbst, wenn es nur um ihre neuen Frisuren geht, müssen sie sich in hautfarbenen Slips und BHs vor die Kameras stellen. Das ist keine Darstellung von Kurven, das ist Zurschaustellung.

Curvy muss sexy sein. Curvy natürlich oder gar curvy sportlich – nö. Sexy muss sein. Es muss da dringend weiterhin auf dem Klischee der „drallen Blondine“ und der „rassigen Brünetten“ herumgeorgelt werden.

Kurz: Das, was die Sendung vorgibt, ist sie nicht. Sie ebnet den Weg in ein neues Körperbild nicht. Sie verstärkt Klischees und betont, dass Curvys AUCH Models sein können. Jeder einzelne Kritikpunkt, der an Germany´s next Topmodel geäußert wird, gilt auch für Curvy Supermodel (ja, sogar das Abnehm-Argument. Wetten?). Und das ist nicht überraschend. Egal, ob kurvig oder nicht, eine auf mehrere Stunden ausgedehnte Werbesendung, unterbrochen von weinenden Mädchen, ist und bleibt Trash-TV.

Und Trash kann man mögen – oder eben AUCH nicht.

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Bobby, die Frau hinter Curvect, hat sich dazu entschlossen, weitere Meinungen und Kommentare zu Curvy Supermodel zu sammeln und so eine Debatte zu starten, die dringend nötig ist. Habt ihr auch eine Meinung dazu? Dann schreibt ihr: „Wir von Curvect möchten euch gerne die Plattform bieten um zu diskutieren. Wie findet ihr das Format Curvy Supermodel? Ihr habt auch eine Meinung zum Thema und wollt diese mit uns und unseren LeserInnen teilen? Dann schickt euren Bericht (max 500 Wörter, etwa eine A4 Seite) an office@curvect.com Wir veröffentlichen eure Meinung gerne, so lange sie nicht beleidigend oder diskriminierend ist. Diskutiert mit!“

Gestern war übrigens ein etwas irrer Tag. Ich hatte mal wieder zu allem eine Meinung, so sehr, dass ich selbst nur noch lachen konnte. Zuerstmal brachten wir bei Greenpeace diese Meldung raus, die darin gipfelte, dass ich Unmengen an Interviews gab und die Pressestelle bei Spar auch einiges zu tun hatte. Überhaupt war medialer Großkampftag, es wurde gestern nämlich auch diese Reportage gesendet. Das Thema: Kaufsucht. War ein sehr spannendes Gespräch, und auch die ganze Reportage ist sehr interessant anzuhören – sechs Tage noch online! 

Und zu Body Positivity hab ich ab Jänner so richtig viel Meinung: Tataaa

 

Als ich auf Facebooks Algorithmus reinflog.

Wow, gestern bin ich mir selbst auf den Leim gegangen. Ich habe mich auf der Facebookseite vom Textilschweden mal durch die Userkommentare geklickt (90 Prozent übrigens weisen darauf hin, dass ihr Telefonservice anscheinend ein Nichtvorhandenes ist).

Ein Kommentar fiel mir jedoch besonders auf:

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Ich habe den Kommentar gesehen und dachte mir: Oida. Echt jetzt? Gehts noch?

Und dann habe ich die Antworten angesehen. Und war noch entsetzter. Macht der Textilschwede da etwa einen auf Vogel-Strauß-Politik? Es war keine Antwort des Unternehmens zu sehen.

Bevor ich den Screenshot machte, überzeugte ich mich nach braver journalistischer Regel (check – double check – recheck!) noch zwei Mal, ob da wirklich keine Antwort von H&M stand. Nein, da waren sogar mehr als die oben angegebenen drei Kommentare zu sehen, und sie waren chronologisch zu sehen. Unter „chronologisch“ gibt Facebook an:

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Also postete ich den Screenshot mit einiger Entrüstung auf Facebook. Um sofort darauf hingewiesen zu werden, dass der Textilschwede eh geantwortet hätte. Und richtig, als ich die Auswahlmöglichkeit der Kommentare änderte, war da die Antwort des Unternehmens zu sehen.

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Ich bin volles Rohr auf den Algorithmus von Facebook reingefallen. OBWOHL ich mir alle Kommentare anzeigen lassen wollte. Und nachdem ich es gleich mal glauben wollte, dass der Textilschwede sowieso so fürchterlich ist, dass er auf einen so grauslichen Kommentar gar nicht antwortet, war ich gleich mal in meiner Überzeugung bestätigt.

Die Geschichte hat mir sehr eindrücklich gezeigt, in welcher Blase ich mich im Netz auch informationstechnisch befinde. Erschreckend.

Und ganz ehrlich, was jetzt kommt, ist zeitlich der totale Zufall: Wenige Tage, bevor ich mich mit meiner Entrüstung auf Facebook blamierte, veröffentlichte Greenpeace seine neue Kampagne für mehr Demokratie und Frieden im Internet.

Ich habe einen Haufen neuer, grandioser KollegInnen, die mit riesigem Engagement an diesem Projekt arbeiten. Ein Ziel der Kampagne, die auch hier sehr schön umschrieben wurde: Raus aus der Filterblase, weg mit der Filterblase. Denn – und das schreiben sie wörtlich: „Algorithmen, die dazu führen, dass Menschen nur noch in ihrem eigenen Weltbild bestätigt werden: All das schadet Frieden und Demokratie.“

Gestern hab ich gelernt: Ja, diese Kampagne brauchts wohl ziemlich dringend. Also: Immer aufpassen, bevor man sich in den nächsten Shitstorm wirft 😉

Warum wir wahrscheinlich unsere eigenen Fleecepullover essen….

So. Seit etwas über einer Woche bin ich wieder ein Rainbow Warrior und arbeite als KonsumentInnensprecherin für Greenpeace. Meine erste öffentliche Tat: Eine Presseaussendung zur Textilkampagne Detox. Eh klar. Greenpeace Deutschland brachte Anfang Juli ein sehr spannendes Hintergrundpapier zu einem meiner Herzensthemen heraus, das wir heute auch in Österreich veröffentlicht haben. Es ist sooooo ein spannendes Ding, ich konnte mir das nicht entgehen lassen… (heute nachmittag red ich übrigens auch auf FM4 in Reality Check drüber)…

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Haller & Kaller @ work….

Den zugehörigen Blogbeitrag hat meine wunderbare Früher-bei-GLOBAL2000-jetzt-bei-Greenpeace-Kollegin Stella Haller geschrieben (wir haben uns gerade darauf geeinigt, dass wir demnächst Handys tauschen, um dann mit „Haller für Kaller“ oder „Kaller für Haller“ abheben zu können 🙂 ) – und ich kopiere ihn hier einfach mal unverschämterweise hinein:

 Synthetik-Mode bedroht die Weltmeere

Kaum zu glauben: Von unserem Kleiderschrank soll eine Gefahr für die Weltmeere ausgehen? Ist aber so! Denn ein Großteil unserer Kleidung besteht heute aus Kunstfasern, vor allem aus Polyester. Und diese Textilien verlieren beim Waschen winzige Plastikfasern, die bis ins Meer gelangen können.
Wie eine Greenpeace-Studie zeigt, enthalten 60 Prozent der Kleidung weltweit bereits Polyester, Tendenz steigend. Zwischen 2000 bis 2016 stieg der Polyester-Einsatz für Bekleidungszwecke von 8,3 auf 21,3 Millionen Tonnen weltweit. Gleichzeitig hat sich die gesamte Textilproduktion verdoppelt: 2014 waren das unglaubliche 100 Milliarden Kleidungsstücke weltweit. Polyester ist der Treibstoff für das moderne Phänomen der „Fast-Fashion“: Die sehr billig produzierbare Kunstfaser hat den Konsumentinnen und Konsumenten ermöglicht, jedem noch so kurzweiligen Modetrend zu folgen und Kleidung für die Mülltonne zu kaufen.

Plastikfasern sind im Ozean allgegenwärtig

Der schnelle Konsum von billigen Textilien aus Kunstfasern gefährdet das Leben in unseren Gewässern. Beim Waschen lösen sich winzige Plastikfasern aus der Synthetik-Kleidung. Winzig bedeutet jedoch nicht gleich harmlos: Eine Fleece-Jacke kann bis zu einer Million Fasern pro Waschgang verlieren. Insgesamt 30.000 Tonnen Mikroplastik spülen allein Europas Waschmaschinen jährlich ins Abwasser. Weder ist die Technologie von Waschmaschinen noch die von Kläranlagen weit genug gediehen, um diese Fasern aufzuhalten. Das herausgewaschene Mikroplastik landet direkt in unseren Flüssen und Meeren. Dort wird Mikroplastik von Meereslebewesen mit Futter verwechselt und bahnt sich den Weg über die Nahrungskette bis auf unsere Speisekarten – in Form von Muscheln und Fisch. Wie sich das Mikroplastik auf Meereslebewesen und den menschlichen Körper auswirkt, ist bislang noch nicht ausreichend erforscht.

Kunstfaser adé?

Können wir das Problem durch einen Boykott von Kunstfasern lösen? Leider nein! Kunstfasern durch natürliche Fasern wie etwa Baumwolle zu ersetzen, würde das Problem nur verlagern. Baumwolle ist extrem durstig und stellt in vielen Anbaugebieten ein Problem für die regionale Wasserversorgung dar. Außerdem wird beim herkömmlichen Anbau eine Unmenge an Pestiziden eingesetzt. Auch andere Textilien wie Viskose stellen angesichts des Massenkonsums von Kleidung keine nachhaltige Lösung dar.

Stattdessen empfehlen wir, weniger, hochwertige und umweltverträgliche Kleidung zu kaufen, wie etwa aus Biobaumwolle. Zudem wirkt es entspannend, nicht jedem Trend nachzujagen. Ja, es kann sogar richtig Spaß machen, für ein neues Modeverständnis einzutreten; mit Kleidertauschpartys und selbst „gepimpten“ Kreationen.

Hier geht es übrigens zum Hintergrundpapier….

Der obige Beitrag ist ursprünglich hier erschienen.