300 Tote weit weg ganz nah

Einige von euch werden letztens sicher über die abgebrannte Textilfabrik in Pakistan gelesen haben, bei der 300 Näherinnen starben. Die meisten verbrannten hilflos, weil nicht nur die Türen zugesperrt waren (von Fluchtweg sowieso keine Rede), sondern weil die Fenster auch noch vergittert waren. Die, die nicht verbrannten, zogen sich teilweise tödliche Verletzungen zu, weil sie auf der Flucht vor den Flammen vom Dach der Fabrik sprangen.

Klingt grauslich, ist aber weit weg – dieses Pakistan. Das war doch das Land, wo vor ein paar Jahren Abertausende BewohnerInnen Opfer einer Jahrtausendflut wurden (Klimawechsel oleole, ich trau mich wetten, in spätestens zehn Jahren haben die dort wieder Gelegenheit zum Ertrinken…).

Ich hatte zwei Jahre lang das Vergnügen, journalistisch arbeiten zu dürfen – bei einem großen Onlineportal im Politikressort. Dort hieß es meistens recht trocken: Je weiter weg, desto mehr Tote brauchma, sonst interessierts keinen hier. Die Klickraten bewiesen diese These regelmäßig recht eindrucksvoll. Gut, 300 Tote ist wirklich viel, aber EINE Fabrik, noch dazu so weit weg in einem Land wie Pakistan – sehr sehr sehr viele LeserInnen wissen sicher: Ja, ist weit weg, drüben im Osten. Aber wo genau, können sicher nicht alle beantworten.

Ein solches Drama kann man aber ganz schnell ganz nah hierher holen:

In der betroffenen Fabrik ließ nämlich KIK Jeans für Deutschland, Österreich und Osteuropa produzieren. Die Fabrik war nicht offiziell registriert und es hatten keine Gebäudeprüfungen oder Regierungsinspektionen stattgefunden.

Hier ein kurzer Auszug aus der heutigen Presseaussendung der Clean Clothes Kampagne:

„Die ausländischen Käufer interessieren sich nicht für die Arbeitsbedingungen in den hiesigen Fabriken“, sagte Nasir Mansoor von der National Trade Union Federation von Pakistan. „Eine 30-minütige Inspektion in der Fabrik hätte gezeigt, dass den Arbeitern und Arbeiterinnen keine der Einrichtungen zur Verfügung gestellt wurden, die laut Dokumente des Eigentümers vorzufinden gewesen wären.“

KIK betreibt 3200 Geschäfte in acht europäischen Ländern, mit einem Umsatz von über 1,69 Milliarden Euro (2011). Obgleich es angibt, einen Verhaltenskodex für Zulieferer zu haben, hat dieser Vorfall auf tragischste Weise gezeigt, dass Unternehmen wie KIK nicht in der Lage sind, ihre Zulieferketten in angemessener Weise zu kontrollieren.

Und sowas kommt raus, wenn man auf Teufelkommraus billigst produzieren lässt. Bin schon sehr neugierig auf die offizielle Reaktion von KIK. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich grad kotzen möcht.

 

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7 Gedanken zu „300 Tote weit weg ganz nah

  1. Vielen Dank fürs Recherchieren!!!

  2. ich freu mich ja immer, wenn die textilgrößen engagement zeigen und kontrollieren (wollen) und sich mühe geben (wollen); aber irgendwie verliert man doch langsam die hoffnung, wenn regelmäßig solche berichte / filme / dokus.. kommen, in denen nichts davon zu sehen ist.

  3. grausig, danke für die recherchen. 😦

  4. […] als Standard für faires und soziales Arbeiten interpretiert wird. Bullshit. Könnt ihr euch an die Fabrik in Pakistan erinnern, bei der vor wenigen Wochen fast 300 ArbeiterInnen starben, weil die Fenster vergittert […]

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