„Kleine“ Bauchpinselei

Ach ist das nett, wenn man sich ausgerechnet an einem Tag, an dem man permanent von a nach b gerissen wird und keine Zeit hat, sich einen feinen Blogbeitrag zu überlegen, in der Onlinezeitung entdeckt:

Diesmal hat mir meine Fratze in der Kleinen Zeitung entgegengegrinst: Tataaaa!

„Kleiderfasten“ ist in Mode

Entsagen ist modern geworden in einer Welt voller unnützer Konsumgüter. Die Wienerin Nunu Kaller gehört zu einer immer größer werdenden Anzahl von Bloggern, die ihren Verzicht für die Öffentlichkeit dokumentieren. Ein Jahr schwor sie dem Kleiderkauf ab – und ist heute eine kritische Konsumentin. Von Karin Fritzl

Nunu Kaller in Selbstgestricktem Foto © KKNunu Kaller in Selbstgestricktem

34 Röcke und 30 Jacken im Kleiderschrank einer Frau? Textilhersteller bekommen bei dem Gedanken vor Freude wohl feuchte Augen, aber für Nunu Kaller stellte diese Inventur ihres Kleiderschrankes im Jänner 2012 ein einschneidendes Erlebnis dar. „Ich kauf nix mehr“, dachte sie, und plötzlich fiel es der Pressesprecherin eines Non-Profit-Unternehmens wie Schuppen von den Augen. „Ich bin Nunu, und ich bin shopping-süchtig“, bekannte sie in einem ihrer ersten Einträge auf ihrem Blog ichkaufnix.

Ein Jahr lang entsagte sie jeglichem Kleiderkauf. Im Jänner 2013 wurde das Projekt erfolgreich beendet.Wir baten die Wienerin zum Interview.

Warum gerade Kleidung entsagen?

 

KALLER: Ich hatte interessanterweise eigentlich nur bei der Kleidung so einen Kaufdrang. Bei Lebensmitteln und anderen Luxusprodukten war ich eher sparsam. Nach den ersten Wochen ohne Kleiderkauf begann ich aber plötzlich sehr viel Bücher zu hamstern. Der Gedankengang: Da ich jetzt Geld spare, kann ich mir jetzt mehr Bücher leisten. Als mir das klar wurde, reduzierte ich meinen Bücherkauf auch radikal und ging mit anderen Käufen auch bewusster um. Die Frage „Brauche ich das wirklich?“ stelle ich mir sicherlich öfter als vor dem Nix-Kauf-Jahr. Wenn man weniger kauft, bekommt das, was man sich dann doch leistet, gleich einen ganz anderen Wert. Das finde ich schön.

Wie wichtig war der finanzielle Aspekt?

KALLER: Es war nicht der Hauptgrund für das Projektjahr, allerdings sicherlich ein Mitauslöser – gegen Ende des Monats wurde es bei mir immer eher rötlich am Konto. Immer nur kleinere Beträge, aber garantiert immer, weil etwas aus einem Kleiderladen oder Schuhgeschäft abgebucht wurde. Allerdings kann ich gar nicht sagen, wie viel ich mir erspart habe – zu Beginn ging das Geld eben in Bücher und danach habe ich mit einer teuren Ausbildung begonnen. Mehr Geld als vorher habe ich also definitiv nicht.

„Keine große Leistung“

„Alles was ich getan habe war, ein Jahr lang keine Kleider zu kaufen. Das ist keine große Leistung. Nunu Kaller.

Warum wurde dein Blog übers Entsagen so ein Renner?

KALLER: Die Zugriffe waren enorm und haben meine Erwartungen mehr als überstiegen, zu Spitzenzeiten hatte ich mehrere 1000 Klicks pro Tag, und auch jetzt, nach Ablauf des Jahres, schauen immer noch mehrere hundert Leute täglich auf meinen Blog. Das Feedback war und ist überwältigend und durchgehend positiv. Ich denke, dass ich mehr oder weniger unabsichtlich einen Nerv der Zeit erwischt habe: Noch nie wurde uns so derartig viel angeboten, noch nie hatten wir so viel Auswahl. Statt wie früher auf Produktionsweise und Qualität zu achten, geht es nur noch um das Aussehen des Produkts und den Preis. Alles andere ist ausgeblendet worden.

Ich glaube, dass das schlicht zu einer Überforderung der Menschen geführt hat – egal, wohin man schaut, es schreien einen Ausverkaufsschilder an, es wird einem eingeredet, dass man ‚kaufenkaufenkaufen‘ muss. Und wenn man beschließt, das nicht zu tun, ist es gleich etwas Ungewöhnliches. Ich finde das bedenklich. Alles, was ich getan habe, war, ein Jahr lang keine neue Kleidung zu kaufen, weil ich wirklich genug davon besitze. Das ist keine große Leistung – und wird doch von vielen bewundert. Ein bisschen absurd war das schon Aber es freut mich – gemessen an dem Feedback der LeserInnen stehe ich mit meiner Überforderung und meinem Wunsch danach, wieder zu wissen, woher meine Kleidung kommt, wie sie produziert wird und nach einer Verkleinerung meines eigenen Kleiderschranks nicht alleine da. Was mich besonders gefreut hat (und immer noch freut), war und ist das immer noch andauernde Interesse der Medien – das zeigt mir, dass ein bewussterer Umgang mit dem Thema Kleidung, Produktion und Konsum nach gut 20 Jahren massiver Beschleunigung des Textilmarktes wieder spannend wird.

Wie ging dein Umfeld damit um?

KALLER: Meine Freunde waren durchwegs angetan von dem Projekt. Vor allem freuten sich viele mit mir, weil sie merkten, dass ich mit dem Thema wirklich meinen persönlichen roten Faden gefunden habe. Es macht mir Spaß, biofaire Alternativen zu suchen, ich finde es schön, dass ich mich persönlich über die konventionelle Kleidungsproduktion auslassen kann, und ich hoffe, dass ich mich in dem gesamten Thema noch weiter entwickeln kann.

Wie hast du auf deine Gemütsschwankungen reagiert, wenn kaufen keine Option war?

KALLER: Ich wusste ja von Anfang an, was ich da in den letzten Monaten, in denen ich wirklich sehr viel eingekauft hatte, kompensiert hatte. In meiner Familie ging es drunter und drüber, und auch mein damaliger Job überforderte mich. Durch die Auszeit und den bewussten Umgang fing ich an, diese Themen ganz anders zu verarbeiten und ich hatte dann einfach bald keine Gemütsschwankungen mehr. Die Zeit, die ich früher mit (Online-)Shopping verplempert hatte, verbrauchte ich inzwischen dafür, mich intensiv in die verschiedenen Themen rund um Kleidung und Konsum einzulesen. Das machte wahnsinnigen Spaß, so traurig die Themen teilweise auch waren.

Deine Tipps für den Aufbau einer qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Garderobe?

KALLER: Zuerst muss man eine Bestandsanalyse machen. Schau deinen Kleiderschrank durch, was davon ziehst du wirklich an, was waren Fehlkäufe, wie müssen Kleidungsstücke aussehen/geschnitten sein, damit sie dir wirklich stehen? Bei neuer Kleidung immer überlegen: Brauche ich das wirklich? Natürlich darf man sich auch hin und wieder auch einfach was gönnen – bringt ja nix, wenn Kleiderkauf gar keinen Spaß mehr macht.

Achte auf die Qualität: Kleidung aus Bio-Stoffen ist inzwischen nicht mehr viel teurer als Kleidung aus konventioneller Stoffproduktion (gut, mit dem Drei-Euro-Top kann sie nicht mithalten, aber ab 10 Euro bekommt man bereits Bio-T-Shirts) und ist sehr viel umweltverträglicher. Ein Viertel aller weltweit produzierten Pestizide landet auf der Baumwolle, in der Biobaumwollproduktion sind chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel aber verboten.

Achte auf die Produktion: Es gibt leider wenige Gütesiegel, die sowohl die ökologischen als auch den sozialen Aspekt der Produktion berücksichtigen. Ausnahme ist das GOTS (Global Organic Textile Standard)-Siegel. Am Anfang steht immer die Recherche: Wo bekomme ich fair produzierte Kleidung? Eine schöne Quelle ist hier der Shoppingguide www.wearfair.at sowie die Messe selbst – dieses Jahr findet die WearFair von 27. – 29. September statt. Ein Fixtermin für modisch interessierte Menschen, die mit gutem Gewissen einkaufen gehen wollen. Auch ich habe auf meinem Blog eine kleine Auflistung.

Wem es Spaß macht: Selbermachen! Ich bin zum totalen Strick-Junkie geworden und sogar stolzes Gründungsmitglied des ersten Wiener Strickvereins. Tauschen ist auch eine bewährte Alternative. Private Tauschpartys werden zu Recht immer beliebter – Dinge, die man selbst aus irgendwelchen Gründen nicht mehr trägt, können einer Freundin passen und für sie ein besonderes Stück im Kleiderschrank werden. Ich bin ein Riesenfan dieser Partys, weil man mit dem Kleidungsstück gleich eine Geschichte dazu geliefert bekommt, und weil man es ganz anders in Ehren hält, eben weil es von einer Freundin stammt.

Kann man Kleidung aus Bio-Baumwolle tatsächlich vertrauen? Worauf muss man achten?

KALLER: Grundsätzlich ja. Biobaumwolle ist eine gute Alternative – leider ist der Anteil an der Weltbaumwollproduktion noch sehr klein, etwa fünf Prozent. Kauft man bei Massenproduzenten, sollte man aber darauf achten, wie hoch der Biobaumwollanteil ist – oft sind es nur ein paar Prozent, mit denen das ganze Kleidungsstück dann groß beworben wird – mir persönlich fällt da nur der Ausdruck „Greenwashing“ dazu ein.

 

Warum ist es etwas anderes sich den Pullover selbst zu stricken anstatt ihn zu kaufen?

KALLER: Stricken konnte ich vorher schon, habe mir jedoch nie Pullover gestrickt, sondern immer nur Hauben und Schals. Der Pullover war mein erstes Großprojekt, das wahnsinnigen Spaß machte – inzwischen habe ich bereits vier oder fünf Pullis gestrickt. Grundsätzlich wollte ich einfach wissen, wie lange es eigentlich dauert, mir einen Pullover selbst herzustellen, den ich für wenig Geld (in schlechter Qualität) auch kaufen kann. Ich habe gesehen, dass sowohl der Zeit- als auch der Kostenfaktor recht hoch sind – trotzdem hat mir diese Eigenproduktion einfach total Spaß gemacht.

Planst du weitere Entsagungs-Projekte?

KALLER: Derzeit nicht, und ich habe auch festgestellt: Das Leben als bewusste Käuferin ist um einiges komplizierter als das der bewussten Nicht-Käuferin. Letztes Jahr war es einfach, ich durfte einfach nicht. Dieses Jahr darf ich, und das bedeutet, dass ich mich den Verführungen ganz anders stellen muss.

Was ist die Verlockung an Geschäften wie H&M, Zara, Mango etc…? Die ständig neuen Kollektionen oder der Preis?

KALLER: Wahrscheinlich beides. Durch immer neue Kollektionen werden immer neue „Needs“ erschaffen – das Marketing und die Werbung dieser Unternehmen versteht es sehr gut, in den Konsumentinnen immer wieder den Wunsch nach Neuem zu erschaffen, und sie gleichzeitig mit den günstigen Preisen anzulocken. Klar ist es super, dass man es finanzieren kann, dass man jederzeit nach den neuesten Trends gekleidet sein kann – aber will man das auch? Ich empfinde mich selbst zwar als modebewussten Menschen, aber alle zwei Wochen neue Kollektionen in den Läden, das ist mir einfach zu steil, zu schnell. Und wer wirklich in seinem Kleiderschrank auf Nachhaltigkeit achten will, der unterstützt dieses System von „Fast-Fashion“ einfach nicht – denn genau diese schnelle Massenproduktion erschwert die soziale und ökologische Situation in der Kleidungsproduktion unermesslich.

KARIN FRITZL
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2 Gedanken zu „„Kleine“ Bauchpinselei

  1. aniger sagt:

    Love it!

  2. Sammy sagt:

    Toll!
    Jetzt bist du schon richtig berühmt!!!! 🙂

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