Etappensieg in Bangladesch

Es ist ein Erfolg. Man sollte sich freuen. Der Mindestlohn in Bangladesch wird auf 51 Euro angehoben. Das ist ein Fortschritt, allerdings immer noch nicht ausreichend. Knappe 100 Dollar wären ein guter Existenzlohn, an unterster Grenze liegen den Aussagen von Clean Clothes nach 75 Dollar. Aber 51 Euro sind mehr als knapp 30 Euro, definitiv. Trotzdem kann ich mich grad nicht so richtig freuen. Erstens, weil der Kampf um diesen neuen Mindestlohn allein in den vergangenen Tagen durch Unruhen und Zusammenstöße schon wieder Dutzende Tote gefordert hat, zweitens, weil ich hoffe, dass eine solche Mindestlohnerhöhung sich nicht auf die Arbeitsbedingungen auswirkt („Du musst jetzt doppelt so schnell produzieren, damit der Stückpreis für die Textilunternehmen gleich bleibt“) und zweitens, weil ich irgendwie ein Damoklesschwert pendeln sehe über den ArbeiterInnen.

Beim Fashioncamp erfuhr ich von einer Journalistin, dass in Haiti damals nach dem verheerenden Erdbeben massiv Werbung betrieben wurde, in Haiti Fabriken für Exportgüter aufzubauen. Kostet ja eh nix, und die Leut sind mit  nur einem minibissl mehr als nix zufrieden. An sich eine gute Idee, in Katastrophenregionen für Jobs zu sorgen – aber der Haken: Das macht doch leider kaum jemand, weil er ein guter Samariter ist. Sondern, weil damit aufgrund geringerer Produktions- und Personalkosten größere Gewinne zu erwirtschaften sind, und der Firmenchef sich dann überlegen kann, ob er ein Ferienhaus in Florida oder doch auf Hawaii kaufen will.

Irgendwie schwant mir, dass sich das nun auf den Philippinen wiederholen könnte.

Was das mit  Bangladesch zu tun hat? Ich würd mich zwar einerseits sehr drüber freuen, aber andererseits bedroht es dort wiederum Existenzen: Es besteht die Chance, dass irgendwann mal Bangladesch nicht mehr das billigste Produktionsland der Welt ist. Nochmal: Was jetzt nicht per se schlecht ist, aber es ist nicht nur positiv zu sehen!

Je öfter ich drüber nachdenk, desto klarer wird mir: Der Hebel liegt nicht allein bei der Wirtschaft und schon gar nicht allein beim kritischen Konsumenten, sondern stärker als bisher angenommen bei der Politik (bisher sah ich immer die Unternehmen selbst in der Verantwortung. Mehr Durchschlagskraft als die Politik, wenn sie es denn richtig machen. Aber CSR ist halt ein freiwilliges System.). Weltweit gültige Zollbestimmungen, weltweite Einhaltung der Menschenrechte (Existenzlohn ist übrigens ein Menschenrecht), und vor allem internationale Handelsabkommen, die auf sozialpolitischen Grundpfeilern stehen. Das wärs.

Ich geh jetzt weiterträumen.

PS: Bevor das jetzt falsch rüberkommt: Natürlich freu ich mich, dass die Menschen in Bangladesch ihren Kampf um Schritte in Richtung eines besseren Lebens gewonnen haben. Sie verdienen jeden Cent mehr, den sie bekommen können.

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4 Gedanken zu „Etappensieg in Bangladesch

  1. Julchen sagt:

    Ich träume gerne mit dir, vielleicht schafft es die Politik ja wirklich irgendwann einmal sich um die von dir erwähnten Dinge zu kümmern. Es besteht aber leider Grund zur Skepsis.

  2. Da kann ich dir nur zustimmen: Menschenrechte für alle! Mit der Erklärung der Menschenrechte war man damals schon ganz schön weit..

  3. Andrea sagt:

    Ich kann jetzt nicht ins Detail gehen. Aber ich habe die letzten Tage gerade ganz direkt mitgekriegt, dass in zumindest einer Konzernzentrale sehr wohl ein massives Umdenken stattfindet und nach Möglichkeiten gesucht wird, verständliche unternehmerische Ziele (um es jetzt mal sehr polemisch zu formulieren: nicht, um toskanische Villen zu finanzieren – die Zeiten sind in fast jeder Firma lange vorbei – sondern mit einem nicht zu miserablen Betriebsergebnis Arbeitsplätze zu sichern) nicht auf Kosten der produzierenden Arbeiter zu realisieren, sondern deren Rechte auf eine angemessene Entlohnung, zumutbare Arbeitsbedingungen und auf Schutz vor Giftstoffen (Beispiel: chromfreies Leder, Sand,…) zu berücksichtigen. Auf gut Deutsch: man kalkuliert für die nächsten Saisons bereits mit höheren Einkaufspreisen.

    Diese Entscheidungsträger, mit denen ich jetzt zu tun hatte, sind auch Menschen, die fernsehen und Nachrichten lesen und die Bilder wie die von Rana Plaza zutiefst erschüttern. Ein Einkäufer, der mehrmals im Jahr nach BD reist, hat mir jedoch auch versichert, dass es keinen Sinn hat, jetzt einfach einmal mehr Geld zu überweisen, so lange dieses Bewusstsein und die Verpflichtung bei den dortigen Firmenbossen nicht angekommen ist. Denn DAS sind die wahren Sklaventreiber mit den Villen am Meer. Die sackeln jeden Cent ein, den eine Firma durchaus auch mehr zahlen würde, so lange sie nicht seitens der Politik verpflichtet werden, all die schönen CSR-Verträge einzuhalten, bessere Löhne zu zahlen und zu investieren (ohne entsprechende Gesetze und Verordnungen wäre der Arbeitnehmerschutz ja nirgendwo anders, bei uns auch nicht) Darum müssen jetzt politische Entscheidungen und Regelungen abgewartet werden, damit das Geld sicher dort landet, wofür es gedacht ist, beispielsweise für bessere Löhne oder Investitionen in die Gebäude. Natürlich sind die europäischen (und sonstigen) Einkäufer und Entscheidungsträger damit nicht automatisch aus jeglicher Verantwortung entlassen und haben die Pflicht, ihre Scheuklappen und oft genug auch bewusste Ignoranz abzulegen.

    Auf den Gedanken, sich wegen der Preissteigerungen aus Bangladesh zurück zu ziehen, kam hier in dieser Einkäufer-Runde übrigens niemand. Dafür ist das Knowhow und die Qualität mittlerweile viel zu gut.

    Zu sehen, dass hier sehr wohl konkrete Maßnahmen ausgearbeitet werden, wie man als Handelsunternehmen zu Ware kommt, an der kein Blut und möglichst auch kein Gift klebt, hat mich dann doch ein klitzekleines bisschen ruhiger werden lassen, denn es ist nicht immer einfach, wenn man mittendrin steckt in der viel (und meist zu Recht) gescholtenen Fast Fashion-Branche…

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