Von Konsum, Gefühl und Verstand

Unser Gehirn ist daran interessiert, einen Zustand herzustellen, den ich Kohärenz nenne. In diesem Zustand verbraucht es wenig Energie. Erfahrungen von Ausgrenzung oder Bestrafung regen Regionen im Hirn an, die auch aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet. Das Gehirn gerät in Inkohärenz. Niemand kann körperlichen Schmerz lange aushalten, der Zustand verbraucht einfach zu viel Energie. Also muss schnell ein Ersatz her, damit Ruhe einkehrt.

Und wie kommt man heutzutage zu einer solchen Ruhe, frag ich mich beim Lesen. Der Interviewer fragt das glücklicherweise auch.

Heute konsumieren wir ja wie verrückt. Werbung will uns jeden Tag weismachen, woran es uns angeblich noch fehlt. Wir kaufen also ein neues Paar Schuhe und sogleich wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Menschen schenken uns plötzlich Aufmerksamkeit, beneiden uns um die neuen Schuhe. Dadurch wird der Normalzustand im Kopf wenigstens für kurze Zeit wiederhergestellt und der Schmerz gelindert.

Wie nachhaltig ist das?

Nicht sehr. Es kaschiert eigentlich nur, dass unsere wahren Bedürfnisse nicht gestillt sind. Wenn man nicht das bekommt, was man braucht, nimmt man sich eben, was vorhanden ist. Aber glücklicher werden wir dadurch nicht.

 

Ich mag ihn, den Herrn Hüther. Der ist nämlich Gehirnforscher, und beschäftigt sich viel mit Konsum und Glück und dem ganzen Zeug, über das ich mich hier seit Jahren auslasse. Und das Feine: Das, was ich am eigenen Körper erlebt habe, diese Zufriedenheit ohne Shoppen, und diese Rückkehr zu bewussterem Konsum, die ist wissenschaftlich belegt. Hier gehts zum ganzen Interview. (Danke Babsi und Ursi für die fast schon beängstigend zeitgleichen Hinweise auf diesen Link!)

Übrigens, die letzte Antwort ist meine Lieblingsantwort. Mir fällt nämlich immer mehr auf, dass Gefühl und Verstand nur bei sehr wenigen Leuten wirklich Hand in Hand gehen. Oder zumindest meistens eine Hand die stärkere ist. Ein solcher Ausgleich wär auch mal was Erstrebenswertes.

Um unser Verhalten zu ändern, müssten wir umdenken. Das gelingt uns aber nur, wenn wir auch dazu in der Lage sind, umzufühlen. Gefühl und Verstand gehen immer Hand in Hand. Unsere Vorstellungen und Überzeugungen sind eben nicht nur ein bisschen mit dem Gehirn verbunden, sondern tief in unserer Gefühlswelt verankert. Wie kommen wir also daraus? Nun, wir müssten uns für etwas anderes begeistern als bisher. Dann würde Belohnungssystem mit einer anderen, einer positiven Erfahrung verknüpft.

 

 

3 Gedanken zu „Von Konsum, Gefühl und Verstand

  1. Rabin sagt:

    Genau die richtige Lektüre für den ersten Kaffee. Es klingt auf jeden Fall spannend, danke dir. 🙂

  2. Den Vortrag kenne ich schon, sehr empfehlenswert!

    lg
    Maria

  3. EriksMama sagt:

    Ich habe bei mir beobachtet, dass ich meißtens dann shoppen will, wenn ich arbeite. Zuhause mit meiner Familie entsteht so ein Bedürfnis gar nicht.
    Das heißt wohl daß durch meine Arbeit mein Grundbedürfnis nach Liebe, Geborgenheit nicht gestillt wird und ich das dann durch Shoppen kompensieren möchte. Das ist blöd.

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