Mittelalter: 12 Wochen volle Arbeit für ein Hemd

Spannender Artikel, der mir auch von einer Leserin kürzlich zugeschickt wurde: Ein Shirt wäre gemessen an den Arbeitzeiten und dem -einsatz im Mittelalter heute 3500 Dollar kosten. Ich hab mir mal erlaubt, den Beitrag von Eve Fisher, der hier auf englisch erschienen ist, zu übersetzen.

Das 3500-Dollar-Shirt – eine Geschichtsstunde in Wirtschaft

Einer der großen Vorteile der Historiker ist, dass sie (frei übersetzt:) die Gegenwart nie als so schlimm empfinden wie andere (?). Wenn Sie denken, dass dieses Jahr schlecht ist, versuchen Sie es mal mit dem Jahr 1347, als der Schwarze Tod den größten Teil von Europa hinraffte, ein Drittel der Welt gestorben war, und (um noch schlimmer zu machen) gab es auch (in Europa) die kleine Angelegenheit namens Hundertjähriger Krieg und die babylonische Gefangenschaft der Kirche (als der Papst nach Avignon in Frankreich gezogen war, und im Grunde die Kirche in eine Tochtergesellschaft des französischen Regimes verwandelt wurde). Da schauen die Dinge heute gleich schon besser aus, oder?

Eine andere Sache ist die Wirtschaft. Jeder beschwert sich über Steuern, die Preise und wie teuer es ist, überhaupt zu leben. Ich werde mich nicht den Steuern widmen – denn die sind Wahnsinn. Aber ich kann Ihnen sagen, dass das Leben noch nie günstiger gewesen ist. Wir leben in einem Land das von Produkten überflutet ist – Nahrung, Kleidung, Geräte, Maschinen, billiger Mist aus China – aber es ist nie genug. 4-Dollar-T-Shirts? Bitte. Wir wollen fünf für 10 Dollar, und selbst dann könnten wir sie vielleicht doch noch im Ausverkauf bekommen? Und doch, im Vergleich zu einer Welt, in der alles von Hand gemacht wurde – wir sprechen hier von kaum 200 Jahren – ist alles billig und reichlich vorhanden, und wir sind erschreckend undankbar.

Nehmen wir die Kleidung her. Als die Industrielle Revolution begann, stellten Fabriken Stoff her. Warum? Weil es Kleidungg zuvor erschreckend teuer war. Als ich Vorlesungen hielt, erzählte ich oft über das 3500-Dollar-Shirt oder die Tatsache, warum Bauern so wenig Kleidung hatten. So auch hier:

Sehen Sie den tanzenden Mann vorne links? Er trägt ein typisch mittelalterliches Shirt. Es verfügt über ein Yoke (? Übersetzung sagt Joch, ich kenns nicht), ist ein bisschen gesmokt, und konnte am Kragen, an den Ärmeln und am Bund mit Bändern geschlossen werden.

Oh, und im Mittelalter wurde erwartet, dass Ärmel auch innen vernäht waren – und das wurde von Hand gemacht. Eine erfahrene Schneiderin hätte dazu wohl etwa sieben Stunden gebraucht. Aber nicht nur diese Stunden gingen in die Herstellung. Nehmen wir den Stoff. Ein solches Shirt würde etwa 4 yards (3,6 Meter) Stoff brauchen, feinen Stoff: Das Knoxville Museum schätzt, dass in einer Stunde etwa vier inches (fünf Zentimeter) davon hergestellt werden konnten. Also: 4 yards mal 36 inches durch zwei = 72 Stunden (ich webe selbst, oder zumindest tat ich es früher, und das hört sich für mich realistisch an). Gut, also würde das Weben und das Nähen mit der Hand insgesamt 79 Stunden dauern. Gut, das Spinnen auch noch zu schätzen war immer schon komplex, aber versuchen wir es mal kurz:

Lauflänge der Gewinde für 4 yard Tuch, das einen Meter breit ist (wenn auch alte Webstühle oft nur etwa 24 inches breiten Stoff webten), und pro inch werden 12 Fäden benötigt:

12 Fäden * 36 inch Weite * (4 + 2 Yards für „tie-up“ = 6 Meter, oder 72 inch) * 72 = 31.004 inch oder 864 yards (790 Meter) Faden für die Kette. Und für den Schuss braucht man in etwa das Gleiche, was so viel bedeutet wie insgesamt etwa 1600 yards (1463 Meter) Faden für ein Hemd.

1600 Yards dauern eine Weile zum Verspinnen. Eine Rekonstruktion von mittelalterlichen Vorgängen ergab, dass ein guter Spinner wohl etwa vier Yards (3,6 Meter) in der Stunde schaffte, das heißt also 400 Stunden allein fürs Spinnen der Fäden für ein einzelnes Shirt.

Also: sieben Stunden fürs Nähen, 72 Stunden fürs Weben, 400 Stunden fürs Spinnen, also 479 Stunden, um ein einziges Shirt herzustellen. Zum heutigen Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde würde das Shirt heute 3,472.75 Dollar kosten. Und das ist nur mal ein normales Shirt!

Und da wird nichtmal dazu gerechnet, wieviel Geld in die Zucht der Schafe oder den Anbau von Baumwolle ging, geschweige denn die Bearbeitung der Rohmaterialien, damit sie versponnen werden konnten. Oder die Herstellung des Fadens zum Vernähen. Und außerdem: Hosen (Strumpf- oder Kniehosen) oder einen Rock, ein Mieder oder eine Weste, eine Jacke oder einen Mantel und Strümpfe brauchte man ja auch noch. Sowie manchmal den seltenen Luxus von Schuhen.

(Die Notes hab ich ausgelassen, kann man in der englischen Version nachlesen)

Nachdem Kleidung so schwierig und teuer herzustellen war, trug man jedes Teil, bis es buchstäblich auseinanderfiel. Noch 1800 konnte eine Bäuerin von Glück reden, wenn sie drei Kleider besaß – eines für die Feiertage und zwei für den Alltag. Sogar meine Mutter ging 1930 zur Schule und hatte genau drei Kleider, in die ihr Name genäht war. Deshalb ist alte Kleidung auch so selten: Sogar die Reichen vererbten ihre alten Kleider an die nächste Generation oder ärmere Leute. Die Armen trugen die Sachen dann, bis es nicht mehr ging, und danach wurden sie zusammengeschnitten zu Kinderkleidung, dann als Fetzen aller Art benutzt, um schließlich an Lumpensammler verkauft zu werden, die sie der weiteren Verwendung zuführten, unter anderem wurde daraus Papier gemacht.

(…..)

Der Artikel geht noch weiter und handelt von der Produktion von Papier. Ich wollte jedoch darauf hinweisen, dass es da draußen jemanden gibt, die sich ausgerechnet hat, wie viele Arbeitsstunden in ein einziges Hemd im Mittelalter gingen. Ich finds wirklich beeindruckend. Natürlich weiß man, dass damals alles von Hand  gemacht wurde, aber trotzdem sind diese 479 Stunden echt nochmal ein Kaliber außerhalb meiner Vorstellungskraft. 12 Wochen 40 Stunden Hacke. Wow.

2 Gedanken zu „Mittelalter: 12 Wochen volle Arbeit für ein Hemd

  1. „Eine Rekonstruktion von mittelalterlichen Vorgängen ergab, dass ein guter Spinner wohl etwa vier Yards (3,6 Meter) in der Stunde schaffte, das heißt also 400 Stunden allein fürs Spinnen der Fäden für ein einzelnes Shirt.“

    Ich habs jetzt nicht mit deinen anderen Rechnungen verglichen, aber hier muss ein Fehler sein, vielleicht hast du dich auch vertippt. 3,6 Meter Faden die Stunde sind ganz ganz arg zu viel, das kann einfach nicht stimmen

    Ich schaff einen Meter gesponnenen und nicht verdrillten Faden, selbst wenn wir jetzt von meiner Handspindel ausgehen und nicht von einem spätmittelalterlichen Spinnrad in 30 Sekunden und ich bin im Vergleich zu einem mittelalterlichen Spinner absolut ungeübt.

    Der Weber braucht einen verdrillten Faden, das wäre dann noch mal 30 Sekunden pro Meter + verdrillen vielleicht nochmal 30 Sekunden, also 1,5 Minuten pro Laufmeter.

    Macht also für 1600 Yards Faden ca 36 Stunden, nicht 400. Könnte natürlich ein geübter Spinner in wesentlich weniger Zeit.

    Natürlich weiterhin beeindruckende Zahlen, aber das würde ich dann doch korrigiern wollen.

  2. http://www.sleuthsayers.org/2015/01/is-time-money-or-is-money-time.html aja, wurde upgedatet, dabei wurde auch die falsche fadenzahl pro cm berücksichtigt. 4-5 Fäden pro cm ist viel zu wenig fü reinen mittelalterlichen stoff, da reden wir eher von 20 fäden pro cm

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