Als eine Leserin mich massiv beeindruckte…

Eigentlich wollte ich was ganz was anderes schreiben heute, aber gestern Abend reagierte eine meiner Leserinnen auf die Anzweiflung der Sinnhaftigkeit von Shoppingdiäten durch eine Schweizer Bloggerin. Und schaffte das, was ich nicht schaffte: Die Schweizer Dame akzeptierte die Gegenmeinung, während sie meinen Blogpost, der allerdings aus KonsumentInnen- und nicht aus UnternehmerInnensicht geschrieben war, sprachlich herabwürdigte. Mir gehts genau NULL um ein „ällabätsch, gewonnen“. Sondern: Was meine Leserin da geschrieben hat, hat auch meinen Mund offen stehen lassen. Danke liebe Hoppla Charlotte für diese tolle Zusammenfassung, für diese vielschichtigen Perspektiven, dein Kommentar war so toll, dass ich mir erlaube, ihn hier zu wiederholen, damit möglichst viele Leute ihn lesen. Dankedankedanke.

Liebe modepraline,

ich bin ebenfalls Unternehmerin, genau wie du. Ich biete in meinem Geschäft ökologische und faire Kleidung für Groß und Klein an. Ich kaufe von verschiedenen, hochwertigen (hauptsächlich GOTS) zertifizierten Firmen Kleidung ein, um diese wieder zu verkaufen. Dafür musste ich einen Finanzplan schreiben, mir Geld leihen und weiß sehr genau, wie der Wirtschaftskreislauf läuft. Ich unterrichte an einer Hochschule für Wirtschaft und Recht “Nachhaltiges Management und Design”, da ich ursprünglich Produktdesignerin bin. Außerdem habe ich aus Überzeugung den Verein sustainable design center e.V. in Berlin mitgegründet. (normalerweise stelle ich das alles nicht so in den Vordergrund, aber weil du bei Nunu die wirtschaftlichen Punkte in Frage stellst, dies erst einmal zur Info.)

Trotz allem oder gerade dadurch sehe ich mich als Geschäftsführerin in der Verantwortung verschiedene Lösungen für alle meine Kund*innen anzubieten und versuche sehr stark in einem nicht-durch-gentrifizierten-Stadtteil von Berlin in verschiedenen Preisklassen Kleidung anbieten zu können, die unter oben genannten Gesichtspunkten vertretbar ist.
Außerdem versuche ich mit informationsveranstaltungen in meinem Laden aufzuklären und biete auch Workshops an, in denen wir zusammen aus Restgarnen Häkeln und Stricken, alte Kleidung bedrucken, kaputte Kleidung flicken und überhaupt der Wegwerfgesellschaft entgegenzuwirken. Letzte Woche hatte ich zum Beispiel eine Bekannte eingeladen, die die Klamottenkur von modeprotest vorgestellt hat (www.klamottenkur.de) und mit der ich und die Gäste gemeinsam diskutieren konnten.
Ich möchte zeigen, dass es immer und für jeden Möglichkeiten gibt ökologisch und sozial zu konsumieren, selbst wenn es darauf hinaus läuft, weniger zu konsumieren. Dies mache ich aus Überzeugung und habe oft Diskussionen mit einem Kundenkreis in verschiedenen Altersklassen, wieso ich dies tue.
ich habe keinesfalls das Gefühl, dass mich meine Einstellung schadet und ziehe mit ein paar (immer mehr werdenden) Läden und ziemlich vielen Firmen an einem Strang.
Wir setzen uns zusammen für eine nachhaltige Entwicklung der Modebranche ein und vestecken auch den ein oder anderen Nachteil mancher Materialien oder Firmen nicht. Aber so hat der/die Kund*in die Chance schneller und besser zu differenzieren.

Ich habe schon in vielen Einzelhandelsgeschäften gearbeitet und tatsächlich zu meiner Studentenzeit auch bei McDonald. Ich habe in dem Moment auch keine anderen Möglichkeiten gesehen, um ansonsten weiter studieren zu können. Ich kann mittlerweile darauf zurückblicken und sagen, dass mich diese verschiedenen Erfahrungen so weit gebracht haben, dass ich schon 2004 entschieden habe, keine Produkte entwerfen zu wollen, bei denen ich nicht weiß, wie sie hergestellt werden. Daher habe ich sie entweder selbst hergestellt oder mich auf die Lehre spezialisiert. Viele produzierende Firmen haben genau so angefangen und genau das geändert. Danke an recolution, SEY, people tree, slowmo und Co….Ohne diese Firmen könnte ich heute nicht in meinem eigenen Laden stehen und Kleidung anbieten von der ich fest überzeugt bin, dass sie wunderbare Alternativen bieten zu den herkömmlichen Marken und von der Qualität wesentlich langlebiger sind und schnell zu Lieblingsstücken werden, die nicht nach einer Saison aus ddem Schrank wandern.

Der Kreislauf funktioniert meiner Meinung nach sehr gut und ich freue mich sehr, dass immer mehr Kund*innen reflektieren und nachfragen.
Meinem Unternehmen schadet es nicht, wenn ich meinen Kund*innen den Tipp gebe in dem ein oder anderem Second Hand Laden nach einem Blazer für ein Vorstellungsgespräch zu schauen, wenn Ihnen der nachhaltig produzierte zu teuer ist und ihnen dabei noch sage, dass Strumpfhosenlöcher auch flickbar sind. Dann kaufen sie vielleicht das weiße Basict-shirt bei mir oder empfehlen mich weiter, weil ich Ihnen helfen konnte und sie sich gut beraten fühlen.
Wenn ein/e Kund*in am zweifeln ist, dann rate ich ihr, zuhause den Kleiderschrank zu kontrollieren und zu schauen, wo das eventuell neue Kleidungsstück zu passen würde und ob es die Garderobe ergänzen könnte oder ob es vielleicht doch nicht das richtige Kleidungsstück ist, welches dann ausgiebig genutzt wird. Es wäre ja schade drum…

Ich als Unternehmerin bin der Meinung, dass der wirtschaftliche Kreislauf definitiv funktionieren kann, auch wenn Konsument*innen bewusster shoppen gehen oder eine Kleidungsdiät, -kur oder ähnliches machen. Ich finde das es eine sehr gute Entwicklung ist.
Die Wirtschaft muss offen sein für Veränderungen, um die Welt für jede/n gerechter gestalten zu können und weiter überleben zu können.
Auch die “alt-eingesessene” Modebranche sollte anfangen, kreativer zu denken. Sie sollte nicht nur auf die Konsument*innen reagieren, sondern im besten Falle vorher agieren, eine Veränderung der Branche nicht boykottieren und darüber nachdenken, wie sie die Welt von vorneherein nicht schlechter machen (mit Chemie in Abwässern, Kinderarbeit und schlechten Arbeitsbedingungen). Dann müssen diese Firmen auch nicht probieren, sie mit irgendwelchen greenwashingkampagnen wieder besser zu machen (mit Spenden für den Regenwald, Entwicklungshilfe und Co). Wirtschaftlich und Gesellschaftlich macht dies Sinn.

Die Wirtschaft wird sich verändern müssen und wir können nicht immer am altbekannten klebenbleiben. Daher ist es toll, wenn Konsument*innen zeigen, dass sie auch mit weniger Kleidung auskommen.

P.S. Dies ist meine erste ausführliche Antwort auf einem Blog aber ich war so aufgewühlt, dass ich mir tatsächlich die Zeit nehmen musste, meine Meinung kundzugeben. Ich kenne viele Unternehmer*innen -auch im Modebereich-, die genauso oder ähnlich denken wie ich UND unternehmerischen Erfolg haben (natürlich könnten wir jetzt anfangen ERFOLG zu definieren…).

Getaggt mit , , , ,

5 Gedanken zu „Als eine Leserin mich massiv beeindruckte…

  1. Kati Blue sagt:

    tolles Kommentar! Jetzt möchte ich wissen was das für ein cooler Laden in Berlin ist!

  2. Wirklich toller Kommentar! Ich war noch nie in diesem Laden, aber wenn mich nicht alles täuscht, ist er in meinem Stadtbezirk. Ich bin schon so oft daran vorbeigefahren …

    Muss ich unbedingt mal reinschauen!

    Vielen Dank für`s nochmalige Teilen!

    Viele Grüße aus Berlin,
    Anja

  3. Liebe nunette,
    als Inhaberin eines Einzehandelgeschäftes sah ich mich in der Verantwortung auf deinen, bzw. modepralines Post zu antworten und hatte gar nicht geplant so einen langen Kommentar zu schreiben, aber der ist dann aus meiner Aufgewühltheit entstanden. Danke für das Lob und das Re-posten.
    Ich finde es schön, dass ich auf deinen Blog immer wieder auf neue Hintergrundinformationen, da ich es zeitlich nicht immer schaffe mich in allen Hinsichten breit zu informieren.

    Danke auch an die lieben Kommentare und emails, die ich bekommen habe nach meinem Kommentar. @Kati Blue: mein Laden heißt Hoppla Charlotte und hier findest du weitere Informationen: http://www.hopplacharlotte.de

    Liebe Grüße,
    Mareike

  4. Nanne sagt:

    Liebe Mareike,

    da hast du wirklich eine tolle Antwort verfasst! Ich werde hoffentlich im April ein Wochenende in Berlin verbringen und in deinen Laden reinschauen. Du schreibst auch von Firmen, die ich bisher noch nicht kenne.
    Liebe Grüße
    Nanne

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