Vom Selbermachen und blöden österreichischen Gesetzen

Ach wie nett, es gibt wieder einen neuen Selbstversuchsblog: Aylin traut sich etwas, was ich mir nie zutrauen würde: Ein Jahr lang nix neues kaufen, sondern das, was man neu haben will, nur selbst nähen. 

Meine Nähmaschine wird demnächst aus ihrem Winterschlaf geholt (ja ich weiß, das schreib ich schon länger, aber nach dem ganzen Chaos der vergangenen Monate hab ich einfach die Muße zum Nähen nicht gehabt), weil ich mir endlich mein eigenes Milch-Kleid nähen darf (ihr übrigens auch). Aylin näht einfach so drauflos. Ob Poncho, Shirt oder Kissen, man darf gespannt sein, was in diesem Jahr sonst noch so von ihr kommen wird.

Apropos Nähen, in Österreich ist das ja so eine Sache. Während in Deutschland eigentlich jede und jeder, der oder die gern näht, das auch per Dawanda oder ähnliches verkaufen kann, ist das Nähen in Österreich kein freies Gewerbe. Also genaugenommen das Kleidermachen. Ich find das ja arg, wenn ich jetzt in der Stimmung wäre, mal schnell drei Hosen zu nähen und die hier zu verkaufen, weil ich sie mir alle zu eng genäht hab aus lauter Optimismus, dann dürfte ich das eigentlich gar nicht (und außerdem wär ich ein fester Trottel, drei Hosen hintereinander zu eng zu nähen, eigentlich…).

Weil? In Österreich darf nur Kleidung herstellen, wer einen entsprechenden Meisterbrief hat. Ohne Meisterbrief kein Gewerbe anmelden, ohne Gewebe quasi Verkaufsverbot. Und da gibts jetzt eine Petition dagegen, die auch jene unterschreiben sollten, die gerne Mode aus Österreich hätten, selbst wenn eine Nähmaschine auf sie einschüchternd wirkt wie ein chinesischer Bahnhof.

Steph von Starcross Sewing erklärts ganz wunderbar, das muss ich gar nicht in eigene Worte fassen, da muss ich nur sie zitieren:

Der traditionelle Weg ist es eine Lehre zu machen, nach drei Jahren einen Lehrabschluss und dann nach einigen weiteren Jahren den Meister abzuschließen. Alternativ kann man auch eine Modeschule besuchen, aber auch die führt nicht automatisch zu einem Meisterbrief. Auch nach mehrjährigem Besuch einer Modeschule muss man sich noch immer der Modeinnung stellen und dort eine Prüfung ablegen.

Die Prüfung ist streng und hat sehr spezifische Auflagen. Man muss eine bestimmte Fasson eines Herren- oder Damenblazers schneidern (je nachdem welchen Meisterbrief man anstrebt – Damen- oder HerrenkleidermacherIn), man muss ohne Behilfe nach Müller München schnittzeichnen (und zwar *nur* nach Müller München – andere Schnittsysteme sind nicht zulässig), und man muss sich mit Textiltechnologie auskennen sowie eine AusbilderInnen- und Unternehmensprüfung ablegen.

Da die Prüfung schwer nachzuholen ist und mit Kosten verbunden ist, vor allem wenn man sich im zweiten Bildungsweg für so eine Ausbildung entscheidet, finden viele, die selbstgemachte Kleidung herstellen und verkaufen möchten, einen anderen Weg. Leider muss man, um einen anderen Weg zu finden, oft auch viel Kapital haben und kann nicht einfach nebenberuflich ein bisschen online verkaufen. Man kann sich zum Beispiel mit einem/r MeisterIn zusammenschließen, und diese/n in der Unternehmensgründung anführen, auch wenn diese/r oft gar nicht für oder mit einem arbeitet. Oder man kann seine Produktion auslagern, oft ist es da im Ausland billiger. Welchen Sinn das also für die heimische Modebranche hat, ist fraglich.

Aus heutiger Sicht scheinen diese Auflagen absurd. Es kann doch nicht sein, dass es vollkommen in Ordnung ist, dass, sagen wir, H&M problemlos ein zu fragwürdigen Bedingungen von schlecht bezahlten ArbeiterInnen irgendwo in einer Fabrik in Asien hergestelltes Billig-Wegwerf-T-shirt verkaufen kann, aber dass es nicht in Ordnung ist, wenn jemand daheim ein Leiberl oder Kleid herstellt und das dann verkaufen will – weil das ja dann angeblich schädlich für die KonsumentInnen sein könnte. Die könnten sich dann vielleicht an einer unprofessionell im Kleid vergessenen Stecknadel erstechen oder das T-shirt zerfällt nach mehrmaligem Waschen (ja, sowas passiert ja niemals bei den großen, ordentlich herstellenden Billigketten!)  oder der Stoff kratzt gar die Haut auf. Oh weh! Und so schützt das österreichische Gesetz halt die armen KonsumentInnen, die es nicht besser wissen, vor den schrecklichen Folgen heimisch unprofessionell und amateurhaft erstellter Kleidung. In Asien ist’s eben besser.

Ich sollt echt wieder nähen. Allein schon das Foto macht große Lust drauf....

Ich sollt echt wieder nähen. Allein schon das Foto macht große Lust drauf….

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11 Gedanken zu „Vom Selbermachen und blöden österreichischen Gesetzen

  1. frauvomsee sagt:

    hach, hatte ich sogar schon unterschrieben, bevor ich deinen blogbeitrag darüber gelesen hab 🙂

  2. Liebe Nunu,
    Darf ich dich bitten dir diese Diskussion http://vernadelt.at/viewtopic.php?f=20&t=6361 durchzulesen?

    Lg claudia

  3. Bruder sagt:

    Umgekehrt wird vielleicht ein Schuh draus:
    Nicht die Gewerberpflicht auflösen sondern wegen der Gleichberechtigung gleiche Anforderungen an Importware einklagen!

  4. birgit sagt:

    Also blöd finde ich das Gesetz nicht – denn wer eine umfassende Ausbildung absolviert hat soll auch als Vorteil den Vorrang beim Verkaufen haben. Sonst könnten ja gleich alle Gewerbeberechtigungen abgeschafft werden und dann kann der eine ein bisschen Rohrverlegen und der andere kreativ sein bei der Elektrokabelinstallation. Auch ich bin dafür, dass die europ. Standardanforderungen bei Importwaren gelten sollten.

  5. ylvie sagt:

    Liebe Nunu, ich bin ja fast immer deiner Meinung, aber in diesem Fall nicht: Gelernte Kleidermacher_innen haben eine professionelle Ausbildung hinter sich gebracht und es verdient, dass ihre Existenz geschützt wird. Und die sehe ich mit einem Fall der Gewerbepflicht gefährdet. Sie haben es so und so schon schwer genug – ohne Gewerbe käme es wohl zu Dumping-Preisen durch Hobby-Näher_innen. Das wäre den gelernten Schneider_innen gegenüber wirklich nicht fair.

  6. Bine sagt:

    Liebe Nunu, schade, dass deiner Meinung nach eine fundierte Ausbildung im Bereich Handwerk nichts mehr Wert zu sein scheint. Und nur so nebenbei, die Meisterprüfung kostet nicht nur Quereinsteiger viel Geld.

  7. Gerlinde sagt:

    Glaube kaum, das aaalle ‚Fraktion-Prof’s‘ ueberhaupt – sogar MIT Schnitt – faehig waeren, nach Kundenwunsch zu naehen. Ich sehe ‚das‘ eher als ‚Kuenstler-Tum‘ aber nicht als Fachkoennen. D.h.: andere ‚Kuenstler‘ in anderen ‚Material-Verarbeitungs-Sparten’/Kunstrichtungen brauchen jetzt auch einen Ausbildungsnachweis? Wie sieht es eigentlich mit der Ausbildung der Politiker aus 😉 ?!

  8. Diana sagt:

    Dankedankedanke dass du immer solche Sachen postest – wie wäre ich sonst auf die Pedition gekommen? Und sie behandelt noch GENAU das Thema, das mich schon seit Ewigkeiten stört. Wird sofort abgestimmt und geteilt!

  9. Stefanie sagt:

    Also ich schließe mich Nunos Meinung an und hab – obwohl aus Deutschland – die Petition unterschrieben!
    Vorher wußte ich noch gar nichts von diesen Beschränkungen in Österreich … bei uns undenkbar?! Ich kenne einige, die auch ohne „Fachausbildung“ toll nähen können und dies gewerblich (im privaten Umfeld oder über Dawanda, Flohmärkte etc.) nutzen – andererseits auch eine Freundin, die trotz Schneiderinnenausbildung eher schlampig näht.
    Ich denke mal, der „Markt“ wird das schon regeln, wer sich was mit seinem Können zutraut und was sich verkaufen lässt? Und gelernte Schneiderinnen oder Designerinnen werben ja sicher mit ihrer Ausbildung und Fachkenntnissen – und sind dann auch entsprechend teurer … auch das wird Angebot und Nachfrage regeln?

    Meinens Wissens brauchen übrigens auch in Deutschland einige Handwerkerberufe keine Meisterprüfung mehr, um sich selbständig zu machen – gegen die Arbeitslosigkeit und so?! Es muß z.B. nicht jeder Hausmeister oder Dienstleister in privaten Haushalten eine Fachausbildung haben, um manches handwerkliche erledigen zu können – und ich gehe davon aus, daß die Leute ihre Fähigkeiten schon richtig einschätzen können und entsprechend arbeiten? Auch da wird der Markt regeln … mit Mundpropaganda und gutem Ruf, genauso wie beim Nähen? 🙂

    • Klar wird sich der Markt regeln, wobei ich nicht weiß wie das bei dawanda usw gehen soll, denn da sieht man ja die qualität erst wenn man sie in den händen hält und eventuell eingefahren ist.
      und wenn ich mir die Entwicklung so anschaue, dass derzeit jeder zweite der in Karenz ist glaubt nähen zu „müssen“ und am liebsten gleich ein Gewerbe anmelden würde, weil alle es sooooo toll finden was man so näht, finde ich es echt gut, dass es kein offenes Gewerbe gibt.

      und wer will, kann ja die Prüfung ablegen, wenn man glaubt eh so toll zu sein, sollte das ja kein Problem sein .

      LG Claudia

  10. Gerhild sagt:

    😂😂😂 OT…. Aber läuft da friends auf dem Laptop??

    Lg Gerhild

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