Fashion Revolution: Warum die Katastrophe noch lange nicht vorbei ist

Heute ist der 24. April. Heut vor zwei Jahren brach Rana Plaza zusammen – das Fabriksgebäude, in dem diverse Textilfirmen aus den USA und Europa produzieren ließen. 1138 Menschen starben, 2500 wurden – teilweise schwer – verletzt. Seit Beginn meiner Auseinandersetzung mit dem Thema Texilproduktion waren schon ein paar Fabriken abgebrannt, waren in Pakistan oder Bangladesch schon einige Opfer zu verzeichnen gewesen, aber diesmal war die Opferanzahl viel höher als sonst. Die ganze Welt schaute hin, sogar auf die Titelseite der New York Times schaffte es das Bild der zusammengebrochenen Fabrik.

Ich dachte: Jetzt wird sich etwas ändern. Jetzt kann mir niemand, der Zeitung liest, mehr erzählen, er oder sie wüsste nix von den schrecklichen Produktionsweisen in Bangladesch und Co. Viele Organisationen reagierten umgehend, beispielsweise schaffte die Clean Clothes Kampagne es, 31 Unternehmen dazu zu bringen, ein Brandschutzabkommen für Bangladesch zu unterschreiben. Einige Unternehmen versprachen, in einen Fonds einzuzahlen, der Hinterbliebenen zugute kommen solle.

Doch die Geschichten, die nicht in den Medien standen, berührten mich so sehr, dass ich diesen „Besänftigungen“ zwar Glauben schenkte, aber nicht AN sie glaubte. Besonders ein Gespräch mit einer Bekannten aus der NGO-Szene, die dortgewesen war, brannte sich bei mir ein. Sie öffnete mir die Augen: Die Frauen und Männer, die in der Fabrik gearbeitet hatten, das Unglück aber überlebt hatten, waren psychisch natürlich stark beeinflusst. Logisch. Doch anstatt ihnen zu helfen, gab es schwarze Listen mit ihren Namen drauf, die sich die Fabrikschefs in der Umgebung weitergaben. Der Grund: Diese NäherInnen waren nicht mehr produktiv, die sollte man besser nicht anstellen. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass man in Dhaka nicht schnell mal mit der U-Bahn ans andere Ende der Stadt fahren kann, weil man dort doch eine Fabrik gefunden hat, die einen aufnimmt, sondern auf jene Arbeitgeber angewiesen ist, die sich im sagenwirmal zweistündigen Fußmarsch-Umkreis des eigenen Bettes (mehr ist da oft nicht in den Zimmern in den Slums) befinden, wird einem diese unglaubliche Perspektiven- und Chancenlosigkeit klar. Es geht nicht nur um die 1138 Opfer, es geht viel mehr auch um die Überlebenden, deren Leben heute vor zwei Jahren im Grunde auch endete.

Oder, anderes Beispiel: Es hieß, dass Hinterbliebene Geld aus dem Fonds bekommen, wenn sie einen Todesschein vorweisen können. Ein großer Teil der Leichen waren jedoch so entstellt, dass sie nicht mehr identifiziert werden konnten. Und in Dhaka gibt es genau ein DNA-Labor, und eine DNA-Probe kostet soviel wie ein Jahresgehalt des durchschnittlichen Textilarbeiters. Keine Chance auf Zahlungen also für die Hinterbliebenen.

Erst gestern hatte ich ein unglaublich inspirierendes Telefonat mit einer alten Freundin. Der geht die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer wie mir gerade sehr nahe. Sie ist wirklich genervt, dass man so wenig tun kann, sie will wirklich effektiv helfen. Am liebsten vor Ort. Es machte sie wahnsinnig, dass es uns hier so gut geht und wir uns nicht um die Ärmeren kümmern. Natürlich müssen wir jetzt nicht die Last der kompletten Verantwortung für alles Unrecht in der Welt auf unsere Schultern nehmen, einfach, weil es uns hier in Nordwesteuropa so gut geht – aber ich finde genauso wie sie, dass wir bei den Katastrophen, wo wir aufgrund unseres Wirtschaftsverhaltens definitiv Mitschuld tragen, verantwortlich sind zu helfen, sei es die Textilproduktion in Bangladesch, seien es die Flüchtlinge im Mittelmeer, die nur dann eine Chance auf ein besseres Leben haben, wenn sie es vorher aufs Spiel setzen. Ich hab förmlich gemerkt, wie es sie unter den Fingernägeln juckt, wie es sie hin und her reißt zwischen „Was kann ich schon tun?“ und „Aber ich muss doch unbedingt was tun?“. Ich kann sie sehr gut verstehen. Nach Rana Plaza dachte ich mir: Ich will dorthin. Ich will den Menschen helfen. Ich realisierte jedoch schnell: Ich westlicher Bobo-Stadtmensch wäre dort mehr Hindernis als Hilfe. Aber das heißt nicht, dass ich nichts tun kann. Meine Aufgabe liegt hier, indem ich darüber schreibe. Weil das ist das, was ich wirklich kann (hoff ich halt, zumindest sagens mir viele, und mir machts Spaß).

Leute, auch wenn Rana Plaza jetzt zwei Jahre her ist: Die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei. Noch immer gibt es Unmengen an Fabriken, in denen nicht mal die grundsätzlichsten Standards zur Arbeitssicherheit gibt. Es gibt viel zu wenig effiziente Audits, viel zu wenig verpflichtende Richtlinien. Es gibt immer noch die Möglichkeit für Fabrikschefs, seinen Leute komplett jenseitig wenig zu bezahlen, weil er weiß: Die sind sowieso drauf angewiesen. Diese Vorgänge passieren – stark überspitzt formuliert – weil wir hier ein Anspruchsverhalten auf T-Shirts um drei Euro entwickelt haben (vor drei Jahren fand ich die fünf Euro übrigens noch schockierend, inzwischen hab ich schon so oft die drei Euro gesehen, dass man die fünf Euro fast als teuer empfinden könnte. Schlimm.).

Ja, man fühlt sich hier hilflos, aber man ist es nicht. Man kann Zeichen setzen – durch sein Einkaufsverhalten, und durch ein Verbreiten der Message. Beides bedeutet nicht, dass man von heute auf morgen sein komplettes Leben und Wertesystem auf den Kopf stellen muss, sondern beides sind im Grunde kleine Schritte, und am Abend kann man dann wieder ins frisch überzogene Bett in der großen Wohnung, dessen Miete man sich leisten kann, fallen. Beides findet heute und morgen nicht nur in Wien, sondern in vielen Städten weltweit statt. In Wien zeigen wir heute Abend im Schikaneder einen Film („Traceable“) und lassen anschließend ein spannendes Podium darüber diskutieren, und morgen gibt es mehrere Touren durch Wiener Läden, die fair produzieren. Einen davon darf ich leiten, ich freu mich auf rege Teilnahme. Wir treffen uns um zwölf vorm Ebenberg. Das gesamte Programm kann man hier nochmal nachlesen. Lasst uns bitte gemeinsam ein Zeichen setzen. Weitreichend. Es ist Zeit für eine Fashion Revolution.

fashionrevolution

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Ein Gedanke zu „Fashion Revolution: Warum die Katastrophe noch lange nicht vorbei ist

  1. Petra sagt:

    Liebe Nunu,
    danke für Deinen ausführlichen Artikel. Auch ich habe das Gefühl, etwas tun zu müssen. Es geht uns so gut hier (trotzdem sind so viele unzufrieden). Und man fühlt sich so hilflos. Gestern habe ich zum ersten Mal zwei Kleidungsstücke gekauft, die fair und ökologisch hergestellt worden sind. Maas, ein Familienbetrieb mit einigen Filialen in Deutschland. Beim Tragen hat man ein viel besseres Gefühl. Die Sachen riechen nicht nach Chemie, tragen sich sehr angenehm. Trotzdem will ich auch meinen Konsum weiterhin einschränken. Vieles habe ich schon zu Oxfam gegeben. Und ich „nerve“ meine Freundinnen, sie habe ich schon angesteckt. Fast jeder Frau, die ich kennenlerne und mit ihr rede, berichte ich von der Veränderung in meinem Kaufverhalten. Gerne würde ich noch mehr machen.
    Dein und Hindis Blog motivieren ungemein und ich hoffe sehr, dass immer mehr Frauen ihr Kaufverhalten ändern. Eine Fashion Revolution ist dringend notwendig.
    Mach‘ so weiter. Du hast schon viel bewegt.
    Petra

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