„Neunzig Prozent unserer Einkäufe brauchen wir nicht“ – wirklich?!

Der berühmte Neurobiologe Gerald Hüther meint, wir brauchen neunzig Prozent unserer Einkäufe nicht. Gut, ich seh das ja ein, ein großer Teil unserer Einkäufe hat damit zu tun, dass wir uns belohnen, ablenken, trösten usw. wollen. Und ich bin an allervorderster Front Verfechterin der „Denk erst noch einmal nach, ob du das Klumpert jetzt wirklich brauchst“-Philosophie beim Einkaufen. Hab mich heut früh in meiner Wohnung umgeschaut, da liegt echt auch immer noch ziemlich viel Schrott herum, vom uralten Minikühlschrank von meinem Bruder über einen Überhang an Bilderrahmen zu Bildern bis hin zu *hüstel* ziemlich viel Wolle. Eine Minimalistin wird in diesem Leben nicht mehr aus mir, soviel ist fix.

Aber neunzig Prozent? Ich weiß nicht. Klar, wenn wir rein unsere Grundbedürfnisse befriedigen, und sonst auf alles pfeifen, bringt das auf einer esoterischen Ebene sicher maximale Befriedigung, und wir rennen nur noch mit seligem Grinser durch die Gegend, bis wir abends in einem leeren Zimmer in einer Hängematte einschlafen.

Für mich persönlich geht das aber ein bissl an der Lebensrealität vorbei. Klar ist es super und wichtig zu lernen, wie man kritisch konsumiert, und damit auch wirklich anzufangen. Aber es darf sich nicht nach Verzicht anfühlen, sonst ist sämtliche Motivation sofort wieder im Eimer – das ist doch genau so, wie wenn ich mir denk, puh, um abzunehmen, darf ich nur noch Knäckebrot und Wasser und wäh und ichwilljetztsofortSchokoladeaberdalli. Erfolgsaussicht gleich null.

Oder: Ich habe zwei Kerzenständer aus Messing. Schwere Teile, stehen bei mir nur herum, selten zünd ich die Kerzen an, eigentlich total sinnlose Dinger. Aber: Es freut mich jedes Mal, wenn ich sie ansehe, da sie eine ganz besondere Geschichte haben.

Ich finde, man sollte Hüther lesen und sich seine Gedanken drüber machen – aber dem nicht gleich folgen. Kann nur schlecht ausgehen. Ich hock auch grad da in einem schwarzen Rock von Cora Kemperman, den ich definitiv aber sowas von nicht gebraucht hab. Aber er macht mich glücklich, ich lieb ihn sehr. Einfach nur ein kreativ geschnittener (was man am Foto nicht sieht) schwarzer Rock.

Manchmal ist Konsum halt doch dazu da, glücklich zu machen und mehr als nur die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Es kommt halt drauf an, wie man damit umgeht und in welchem Ausmaß er stattfindet. Reduktion ist immer super, aber es müssen nicht sofort 90 Prozent sein. Sogar die Frau ichkaufnix meint: Hin und wieder darf man sich dann doch was gönnen. Wär halt schön, wenns was ökologisch und fair produziertes ist.

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14 Gedanken zu „„Neunzig Prozent unserer Einkäufe brauchen wir nicht“ – wirklich?!

  1. Ela sagt:

    Jetzt geht das schon wieder los….ist das auf dem Foto der schwarze Rock? Ich seh nur beige, ganz viel beige. 😛 (Das gab es doch letztens schon mal.)
    *lach*

    Ansonsten bin ich ganz bei dir. Irgendwie will man es ja auch „nett“ haben und nicht nur übersichtlich. Minimalismus kann sicher glücklich machen, aber vielleicht auch deprimieren in extremer Ausführung, kommt halt auf die eigenen Lebensfreuden an.

  2. EriksMama sagt:

    90% von was???
    Es gibt Leute, die viel konsumieren und welche (wie z.B mich oder mein Mann), die wenig konsumieren. Unsere Grundmenge ist von sich aus schon wenig. Deswegen möchte ich mich nicht mehr beschneiden.
    Übrigens belohnen wir uns gerne mit einem Einkauf im Bioladen. Das ist besser für uns, als irgendwelche Stofffetzen, die qm und Liquidität binden oder wir machen einen schönen Ausflug.

    Irgendwie finde ich es unnötig sich mit Gebrauchsgütern, die man eigentlich nicht braucht, zu belohnen. Lieber trinke ich einen guten Bio-Tee oder mache einen schönen Ausflug mit meinen Lieben.

  3. Wenn man sich das kaufverhalten ansieht denke ich doch er hat recht und ich finde (auch wenn wir uns nicht kennen) er spielt genau auf dich an liebe nunu und zwar genau kurz vor „ichkaufnix“, gut die 90 Prozent sind vielleicht übertrieben, aber eben dieses „ach das würde mir gefallen“ macht sicher viel aus.

    Lg Claudia

    • nunette sagt:

      Nein, auch bei mir waren es definitiv nicht 90 Prozent zu viel. Im Textilbereich mag das vielleicht hinkommen, aber aufgerechnet auf alle Konsum- und Verbrauchsgüter: Nein. Und 90 Prozent aller Konsumgüter runterschrauben halte ich für fast nicht machbar.

    • nunette sagt:

      Ok, anders: Verzichtbar sind die 90 Prozent vielleicht, aber ich halte es bei aller Liebe für kritischen und reduzierten Konsum für schwer machbar.

      • EriksMama sagt:

        Ich habe irgendwo mal eine Zahl gehört und zwar, dass in den USA 90% aller gekauften Güter nach ca. 6 Monaten nicht mehr im Gebrauch sind.Falls diese Zahl stimmt, dann sind diese 90% tatsächlich verzichtbar. 😉

    • ich hab auch eher die textil, schuh, technik usw gemeint und nichts was wirklich lebensnotwendig ist

      und doch ich seh es bei meinen Kindern, was sie zu Weihnachten bekommen haben sehen sie nicht einmal mehr an und das nach 4 Monaten.

      und die große darf sich bald was zum 7. Geburtstag aussuchen und wir werden es diesmal gemeinsam kritisch angehen, ob sie das wirklich haben will, oder nur damit sie was geschenkt bekommt bzw weil es die anderen haben. Ich hasse es dass die ganze Wohnung voll ist mit Sachen, die niemand anschaut

  4. Stefanie sagt:

    Also ich halte mich da an William Morris: „Man sollte nur Dinge besitzen, die nützlich oder schön sind“! Und was uns glücklich macht, ist doch immer auch schön, oder? 🙂

    Ich bewundere schon manchmal die Minimalisten, die mit wenigen Dingen auch glücklich sind, in Wohnwägen, Jurten o.ä. leben und ihren Besitzstand auf das Nötigste reduziert haben …
    … Bewunderung ist das Eine, aber ich wäre todunglücklich damit! Denn ich werde in dem Leben keine Minimalistin mehr?! 😉 Will mich mit den Dingen umgeben, die ich mag und die mich glücklich machen … und das sind nun mal viele Bücher, schönes Porzellan, Kunst, Deko und und und. Natürlich auch (eher viel) Kleidung, Schuhe und Schmuck! 🙂
    Aber ich versuche natürlich schon, „bewußt“ zu kaufen und die etwas andere Wirtschaft wie z.B. Welthandel (damit ich Weltläden etc.) Biohandel und Kunsthandwerk zu unterstützen. Außerdem gerne Gebrauchtes, von Antiquitäten über Trödel, Flohmarkt bis Second-Hand und Recycling. Dank Internet geht das auch viel leichter als früher, wenn man in einer Kleinstadt wohnt und nicht gerne und viel reist!

    Und auch das „Besitzen“ (Lieben) von vielen Dingen schließt nicht schöne Erlebnisse und Genuß wie gutes Essen und Trinken aus 🙂

  5. Also, da zitier ich doch mal den Herrn Konstantin Wecker: „Auf den Dächern sitzt ein fetter Gott und predigt von Genügsamkeit“. Soviel zu 90% Überflüssigem.
    Ich denke, es ist eine Binsenweisheit, dass hierzulande, und anderswo, die Menschen ein vielfaches von dem kaufen( und besitzen) , was sie wirklich brauchen. Das zu bemerken, brauchen wir keine Hirnforscher, oder? Das Problem ist doch, dass unser Wirtschaftssystem dadurch funktioniert, dass wir mehr wollen, als wir brauchen, um es dann möglichst schnell wieder leid zu werden.
    Als ich klein war, musste ich immer die Kleidung meiner drei Brüder nachtragen. Brauchen tat ich nichts anderes. Aber es war ein Festtag, wenn ich doch mal ein Paar Mädchenschuhe bekam oder ein Kleid gekauft bekam. Das mit dem Belohnungsgefühl ist auch keine neue Erkenntnis. Nur heute hat man ein neues Vokabular dafür.
    Ich trage fast ausschließlich secondhand Kleidung, und das schon seit fast vierzig Jahren. Damals fuhren wir zum „Kleiderfreak“ und kauften für 2,3 Mark das Kilo die wunderbarsten Klamotten, die dann nochmal 20 Jahre hielten.
    Ich weiß aber auch, dass das nur funktioniert( wie auch mein Upcycling, das ich sowohl in meiner Kunst, als auch im Alltag betreibe) weil so viele Leute eben so viel wegschmeißen. Ich freue mich, auf dem Sperrmüll alte Leinwände und Bilderrahmen zu finden, weil ich sie eben brauche. Und trotzdem kritisiere ich ja die Wegwerfmentalität der Leute. Diesen Widerspruch habe ich für mich noch nicht auflösen können.
    Denn auch secondhand kaufe ich ja nur Dinge, die mir wirklich gefallen, die heile sind( oder gut reparierbar) und von einer guten Qualität und gutem Material. Also bin ich Profiteurin unseres , perverses Konsumverhalten fördernden, Wirtschaftssystems.
    Wenn es (gebraucht)nur noch Lumpen zu kaufen gäbe, weil die Menschen ihre Kleidung wieder auftrügen, würden die neuen Dinge wieder ihren Wert bekommen, würden gepflegt werden und gewaschen- und ihren Preis haben. Und in Indien würde man sich nicht mehr wundern….
    Viele herzliche Grüße von Lisa, die grad erst Deinen tollen Blog entdeckt hat.
    PS komme jetzt öfters:-)

  6. Camillex sagt:

    Hallo,

    ich sehe das ähnlich wie du. Klar, man könnte auf eine extrem minimalistische Lebensweise kommen und sicherlich etliches aus der Wohnung entsorgen, aber ob man damit glücklich ist, ist halt die Frage. Mir würde sicherlich z.B. ein Blumentopf am Fenster reichen anstatt drei, und sogar den einen könnte man noch loswerden. Aber ich glaube kaum, dass ich damit glücklich wäre, wenn meine Wohnung einfach nur kahl wäre. Oder ich könnte z.B. darauf verzichten, eine Gesichtsmaske etc. zu kaufen, aber über manche Sachen freut man sich einfach. Materiell gesehen zwar sinnlos, aber manchmal braucht man halt auch was gutes für die Seele. Kompletter Verzicht auf alles was nicht zwingend notwendig ist, würde mich auch nicht mehr „erfüllen“, als ein guter Kompromiss.

    Viele Grüße

  7. Stefanie sagt:

    Gut formuliert, Lisa!
    Klar, diese „Nebenwirtschaft“ von Second-Hand, Flohmärkten, Upcycling etc. funktioniert nur, weil „die anderen“ viel konsumieren und dann wegwerfen oder weiterverkaufen?!
    Und davon profitiere ich mit meiner Art des Konsums, aber kritisiere diesen auch … ein Widerspruch in sich?!

    Trotzdem find ich die Entwicklung dieser „Gegenwirtschaft“ gut, an der Menschen direkt verdienen können, z.B. eben durch Wiederverkaufen bei Ebay oder auf Flohmärkten. Und auch etliche Sozialprojekte leben durch Sachspenden, was andere sonst wegwerfen würden, arbeiten die Dinge auf etc., schaffen dadurch Arbeitsplätze und bieten wiederum günstige Einkaufsmöglichkeiten.
    Wir werden den Kreislauf der Wirtschaft und des Konsums auch nicht mehr unbedingt zurückfahren können … aber ihn sozialverträglicher, ökologischer, menschlicher machen, mit mehr Nischen und Möglichkeiten für Behinderte, psychische Kranke oder sonst gehandicapte Menschen?

    Viele Grüße.
    Stefanie

  8. kinderlieb sagt:

    Hat dies auf kinderlieb rebloggt.

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