„Pullover aus Massenmenschenhaltung“

Eine Schwäche, die ich hab, sind Zeitschriften. Ich hab keine tausend Abos, aber wenn was neu rauskommt, muss ichs testlesen. So auch mit der Allegra, die in den Neunziger Jahren groß war, dann eingestellt wurde, und die es jetzt wieder gibt. Und in der zweiten Ausgabe ist ein Artikel der Schriftstellerin Juli Zeh, der mir sooowas von aus der Seele spricht. In „Erst das Essen, dann die Moral“ schreibt sie von Menschen, die sich superbewusst und bio ernähren, aber in Zara-Jeans einkaufen gehn, den geschulterten Sohnemann komplett in Kik gekleidet.

allegra

„Das Verrückte ist, dass nicht wenige Grünkern-Fetischisten vom Reformhaus direkt in den Textidiscounter laufen. Sie sind in der Lage, sich beim Verzehren eines Ökohuhns über Massentierhaltung zu empören, während die Pullover, die sie tragen, aus Massenmenschenhaltung in Kambodscha stammen. Im Supermarkt werden die Inhaltsstoffe auf jedem Müsliriegel studiert, während im Jeansladen kein Mensch nach den Herstellungsbedingungen fragt.“

Auch sie betont, dass es nicht an mangelnder Information liegen kann, spätestens sei Rana Plaza muss man Bescheid wissen. Ihr Fazit:

„Warum wird beim Essen mit der Lupe sortiert, bei Klamotten aber ohne schlechtes Gewissen der letzte Trash gekauft? Weil das Gewissen beim Einkaufen in Wahrheit keine Rolle spielt. So traurig das klingen mag: Wir sind längst daran gewöhnt, unseren westlichen Lebensstil auf dem Rücken von Entwicklungsländern zu pflegen. Was vor 500 Jahren begann, ist immanenter Teil unserer kapitalistischen Kultur geworden. In Wahrheit geht es beim richtigen Essen eben auch nicht um Politik und Gesellschaft. Umweltschutz und Tierschutz sind schöne Worte, hinter denen sich ganz normale Egozentrik verbirgt. Der Ernährungsbewusste will nicht die Welt verbessern, sondern sich selbst. Nur die eigene Gesundheit ist ihm das Geld wert, nicht hingegen die Gesundheit der Textilsklavinnen am anderen Ende der Welt.“

Sie erklärt die aktuelle Leistungsgesellschaft, in der es gilt, den eigenen Körper fit zu machen und zu „pimpen“. Jedes Wort davon trifft ins Schwarze. Und spricht mir aus der Seele:

„Es ist und bleibt die Aufgabe der Politik und nicht der Verbraucher, den Markt so zu regulieren, dass niemandem Schaden entsteht. Nötig wären verbindliche Arbeitsrechte in den Handelsverträgen der Europäischen Union sowie eine gesetzlich garantierte Haftung der Textilunternehmen entlang der gesamten Lieferkette. Europa ist einer der wichtigsten Märkte weltweit. Wir haben die Macht, also auch das Recht und die Pflicht, nur diejenigen Produkte zuzulassen, die unseren ethischen Standards entsprechen.“

Ich gebe ihr so hundertprozentig recht, dass ich fast nasse Augen hab. Keine Sorge, in weitere Folge spricht sie sehr wohl auch die Verantwortung der Konsumenten an. Auch richtigerweise. Ich wünsch mir grad: Lest alle diesen Artikel. Ich habe aus drei Seiten nur drei Zitate rausgenommen, aber am liebsten hätt ich den ganzen Artikel abgetippt. So schön, ehrlich und wahr…

 

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