es ist so.

Heute gibts mal wieder was Persönlicheres. Ich hab nämlich heute Jahrestag. Heute vor einem Jahr bin ich unterm Messer gelegen und hab zwei fette Drähte ins Schlüsselbein sowie ein paar Schrauben, Muttern und Drähte in die Schulter bekommen (zweitere sind dort immer noch, leider pieps ich nicht bei der Flughafenkontrolle, wär doch lustig). Beim Aufwachen nach der OP dachte ich, jemand hätte mir eine Axt in die Schulter gejagt und sie dort stecken lassen. Damals, vor einem Jahr, sagte mein Körper mir STOP. So ging es nicht weiter. Ich war gestresst, scheiße drauf, im Job lief es nicht, ich hatte gerade erst einen Mitbewohner rausgeschmissen, der mir ein halbes Jahr lang auf der Geldtasche und der Laune gelegen war, privat wars grad immer noch eine arge Umstellungs- und vor allem lange Sichselbstwiederfindungsphase nach der Trennung (anstrengend, aber sehr gut!), ich war zwar wirklich umgeben von den tollsten Freunden der Welt, aber doch wollte ich in vielen Bereichen einfach Dinge nicht wahrhaben, bin darüber hinweggehudelt, hab viel Party gemacht, und nahm in Bezug auf ichkaufnix jedes Angebot, das sich mir in den Weg stellte, an, Vorträge, Gastartikel, weißderTeufel. Stressig wars. Und dann gings ZACK, ich kippte einfach so ohnmächtig um und schon wars durch, das Schlüsselbein..

narbe

Ich hab seither viel gelernt. Viel darauf geachtet, was eigentlich wirklich wichtig ist. Und es sind die kleinen Momente. Und die Tatsache, dass man sich selbst akzeptieren und lieben muss. Das ist gar nicht so leicht!

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Ich liebe ja meine Handykamera, alle paar Minuten muss ich Fotos machen – und das, obwohl ich Instagram verweigere. Heut früh bin ich in Berlin am Sofa einer Freundin aufgewacht und hab mal wieder durchgeblättert, das mach ich ganz gern. Und es waren wirklich viele echte Momente dabei. Was mir auffiel: Auf keinem dieser Bilder geht es um was Neues, was Gekauftes, was Materielles „haben“ (ok, mit Ausnahme der Badewanne und der Hängematte, mein (gemietetes) Zuhause ist eine meiner größten Glücks- und Kraftquellen. Und mein Fahrrad. Geliebtes, langsam in die Jahre kommendes Fahrrad.). Ich brauch kein tolles Auto, ich brauch nicht den neuesten Elektronikscheiß, ich brauch keine Markenkleidung, ich brauch keine Urlaube im Fünfsternhotel (das Sofa bei Mella ist tausendmal besser!) – das alles hat nix mit Glücklichsein zu tun! Es geht um Kuscheln mit der Katze einer Freundin, vom Hund einer anderen Freundin geknutscht werden, Lichtstimmungen, Sonne, Stolz auf sportlich Erreichtes, gute Abende mit Freunden, in denen man einfach dem Hedonismus frönt, Lachanfälle, Entspannung.

Ich will jetzt nicht angeben mit meinem ach so tollen Leben – so toll ist das nicht. Es ist nicht immer gut, dass bei mir Arbeit und Privates so komplett ineinanderzahnen, ich werde es wohl nie schaffen, anständige Geldbeträge anzusparen (wobei ich zugeben muss: Das ist mir rasend wurscht), ich hab immer wieder meine hauptsächlich gesundheitlichen Sorgen rund um meine Familie, es gibt immer wieder argen Gnatsch mit mir sehr nahestehenden Personen, der mir den Schlaf raubt, überhaupt, das mitm Schlafen können ist so eine Sache, ich hab immer wieder Issues rund um meinen eigenen Körper, find mich selbst an bestimmten Tagen nicht unbedingt die Miss Vienna (und an anderen denk ich mir: Pah. Ich bin echt. Echt schön.), neinnein, mein Leben ist nicht nur Sonnenschein. Aber es ist so. Es geht nicht um Konsum, es geht nicht um Habenhabenhaben, es geht um Momente, Stimmungen, schöne Dinge, die dir begegnen und Gutes, das dir geschieht, das du aber auch anderen schenkst (Alles im Leben kommt zurück. Alles. Drum bitte brav Karmapunkte sammeln, gell?).

Und ganzganzganz wichtig: Es geht darum, dankbar zu sein für das, was man hat!! Ich weiß, dass das von mir aus aus einer verhältnismäßig elitären Perspektive daherkommt. Aber ich weigere mich, irgendetwas für selbstverständlich anzunehmen. Es ist weder selbstverständlich, dass ich einen Job habe, der mich inzwischen wieder sehr glücklich macht, ein Dach über dem Kopf, das mehr ist als nur dieses, Freunde, die für mich und für die ich durchs Feuer gehen würde, Liebe, eine Familie, die zusammenhält und immer weiter zusammenwächst, das ist alles nicht selbstverständlich. Jederzeit kann ein Schicksalsschlag mir eine Person für immer wegnehmen, ich kann einfach so plötzlich alles verlieren. Alles kann passieren, und nichts ist selbstverständlich. Aber auch dann ist es so.

Und ich hab mir selbst was geschenkt. Neben der Narbe was zweites Dauerhaftes. es ist so.

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Lieber Körper, ich verspreche dir, ich tu dir das nie wieder an, dieses dich-komplett-ignorieren und es dann mit Medikamenten bekämpfen. Ehrlich. Und liebes Inneres: Ich werd auch weiterhin versuchen, wach zu bleiben und mich nicht per Konsum zu trösten, zu belohnen, abzulenken. So wie ich es früher gemacht hab. Das macht nicht glücklich.

4 Gedanken zu „es ist so.

  1. Toll! Ich komme eben von der Krabbelstube, wo ich mein Kind abgegeben hab und hab mir einen Kaffee gemacht und mir gedacht, mal schaun, was die Nunu so schreibt bevor’s mit der Arbeit los geht. Und es hat mich sehr berührt. Alles Gute und toll, wie du auf dieses Jahr zurückblickst!

  2. Sabine sagt:

    Schön geschrieben!Pass gut auf dich auf.

  3. Lolarennt sagt:

    wow, Nunette, dein Beitrag hat mich angefasst, passt zu mir wie der buchstäbliche A… auf den eimer.

    Darf ich Deine beiden Textfotos verwenden, um sie meinen Schülern weiterzuleiten als Grund dafür, dass ich eine (erschöpfungsbedingte) Pause mache? Wäre froh, wenn Du ja sagst. Wer ist denn die Autorin?

    Liebe Grüße,

    Heidi

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