Zynische Politiker auf allen Ebenen.

Ich sollt mal wieder was bloggen, nüm? Puh, bin derzeit im Sonnen-Meeres-Hirnverlangsamungs-Modus. Eines ist mir in den letzten Wochen aufgefallen: Drei Mal kam ich seit Ende Juni von Reisen zurück in meine Wohnung. Und drei Mal war ich komplett erschlagen, weil ich so viel Zeug habe. De facto hab ich wahrscheinlich gar nicht soooo viel, aber ich schaffe es, eine große Wohnung fast allein zu füllen. Und das muss sich ändern. Das wird wohl so bissl Blogthema in den kommenden Wochen. Hoffentlich. Wenn ich meinen inneren Schweinehund so weit bestechen kann, dass er mitmacht beim Ausmisten.

Aber nun zu was anderem. Was ganzganzganz anderem. Komplett völlig offtopic. Aber ich möcht einfach, dass das ganz viele Menschen lesen, weils einfach so wahnsinnig zynisch ist. Es geht um eine meiner beiden besten Freundinnen. Sie lebt seit mittlerweile acht Jahren (sniiiiiieeef!!) in England, hat dort ihre Doktorarbeit geschrieben und nun eine Post-Doc-Stelle in Oxford, die Streberin 😉 Ich bin wirklich stolz auf sie und beeindruckt von ihr, wie sie ihren Weg geht, wobei das gemessen an ihrer Sturheit, die ich in den vergangenen 22 Jahren kennenlernen durfte, wenig überraschend ist …. Sie hat einen Brief geschrieben an Gisela Stuart, eine aus Deutschland stammende britische Politikerin, die eine der führenden Pro-Brexit-Kräfte war und die sich nun um einen korrekten Ausstieg, bei dems quasi keine Verlierer gibt, kümmern will.

Stephs Brief (sie hat ihn in zwei Sprachen geschrieben, der der Einfachheit halber der deutsche):

Sehr geehrte Frau Stuart,

Ich schreibe Ihnen in unserer gemeinsamen Muttersprache um gleich zu Beginn festzuhalten, dass wir beide einiges gemeinsam haben. Wie Sie bin ich aus dem Deutschsprachigen Raum (Österreich um genau zu sein) nach Großbritannien gekommen um einer akademischen Karriere nachzugehen. Nachdem ich mich nun nicht annähernd so gut auf Politik verstehe wie Sie, habe ich diese auch weiterverfolgt, und nachdem ich letztes Jahr meinen PhD erworben habe, war ich bis vor Kurzem auf einem vielversprechenden Kurs, meinen Karriereweg in diesem Land ähnlich erfolgreich zu gestalten wie Sie das getan haben.

Ich sage “vor Kurzem”, nachdem, wie Sie Presseberichten zufolge ja mittlerweile auch festgestellt haben, mein zukünftiger Aufenthalt in UK keineswegs sichergestellt ist. Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, zu der Sie als eine der führenden Figuren der Leave Kampagne maßgeblich beigetragen haben, heißt, dass ich derzeit, wie hunderttausende andere auch, keinerlei Anhaltspunkt habe, was mein zukünftiges Bleibe- und Arbeitsrecht betrifft. Um es ganz klar zu sagen: dies ist kein Problem, dass in einigen Jahren auf uns zukommen wird, es ist jetzt ein Problem: für diejenigen von uns, die auf Arbeitssuche sind (welcher Arbeitgeber investiert in einen Bewerber, der vielleicht in wenigen Jahren sein Arbeitsrecht verliert), die eine Mietwohnung suchen (selbes Prinzip), diejenigen die hier Unternehmen gegründet haben, deren Zukunft nun in den Sternen steht, diejenigen, die sich bis über beide Ohren verschuldet haben, um ein Haus zu kaufen, ganz zu schweigen von denjenigen, die mit Britischen Staatsbürgern verheiratet sind oder Kinder haben – so wie einige meiner Freunde – und deren Familien nun im schlimmsten Fall auseinandergerissen werden könnten.

Dabei ist nun in der Praxis völlig irrelevant, wie lange unsereins schon im Lande ist, denn wenn man nicht, so wie Sie in der glücklichen Lage ist, die Britische Staatsbürgerschaft zu besitzen, hat man derzeit kaum eine Möglichkeit, einem Arbeitgeber oder Vermieter einen Nachweis des zukünftigen Aufenthaltstitels zu gewährleisten. Man kann natürlich beim Home Office um eine Permanent Residence Card ansuchen (wenn man denn Anspruch hat, was viele, die, wie wir beide, hier studiert haben, nicht tun), die Aussichten, die in näherer Zukunft zu bekommen, stehen allerdings aufgrund der schieren Massen, die gerade beim Home Office ansuchen, eher gering. Für mich persönlich bedeutet das nun ein wenig Kopfzerbrechen (nun gut, eine ausgewachsene Panikstörung), da ich nämlich, wie viele andere Jungakademiker auch, auf einem befristeten Vertrag arbeite, der Ende 2017 abläuft. Aus heutiger Sicht ist unklar, ob ich zu diesem Zeitpunkt einem neuen Arbeitgeber meine Arbeitsberechtigung nachweisen kann um eine neue Stelle zu finden, oder globaler gesprochen, ob ich garantieren kann, dass ich nach 2019 noch im Land verbleiben darf. Meine berufliche Zukunft, wie die vieler anderer, ist daher aus rein administrativen Gründen komplett ungewiss.

Ich erzähle Ihnen dies nun einerseits, da Sie, wie ich lese, eine Untersuchung des zukünftigen Status von EU-Bürgern in UK leiten, und ich Sie daher darauf hinweisen wollte, dass dies nicht eine Frage dessen ist, was passieren wird, wenn UK die EU verlässt – es ist eine Frage dessen, was jetzt gerade passiert. Ich erzähle es Ihnen aber auch, weil Sie meines Erachtens durch ihr Engagement für den Austritt für das, was gerade passiert, persönlich verantwortlich sind. Lassen Sie es mich daher zusammenfassen: 3 Millionen Menschen wie Sie und ich – Menschen die hierhergekommen sind, um sich ein besseres Leben aufzubauen – sind über Nacht zu Bürgern zweiter Klasse mit unklarem rechtlichen Status degradiert worden, und sehen sich dadurch unverzüglich mit existentiellen Problemen konfrontiert, was Arbeit, Unternehmen und Eigentum sowie Familienzusammenhalt betrifft. Dieser Zustand wird so lange anhalten, bis nicht nur klar ist, wie es mit uns weitergeht, sondern bis dies auch bürokratisch umgesetzt ist. In der Zwischenzeit ist es völlig unerheblich, ob die Regierung uns erzählt, dass sich vorerst nichts ändert – es hat sich bereits geändert und zwar gewaltig. Das letztere meine ich wörtlich – zusätzlich zu den bürokratischen Problemen, die wir nun haben, sind wir, wie sie vermutlich wissen, seit dem Referendum mit einer Serie von rassistischen Übergriffen konfrontiert, die sich gegen Fremde jedweder Nationalität sowie einheimische nicht-weisse Gesellschaftsgruppen richtet. Falls Sie es noch nicht getan haben, lade ich Sie herzlich ein, sich die folgende Radiosendung anzuhören, in der eine Dame aus Ihrem Heimatland schildert, wie es ihr seit dem Referendum in ihrer Nachbarschaft geht.
(link)

Damit wir uns ganz klar sind, Frau Stuart: auch dafür sind Sie, durch ihre Entscheidung mit Rassisten gemeinsame Sache zu machen, persönlich verantwortlich, wie auch für die anderen Übergriffe gegen EU-Bürger (ich erspare Ihnen die blutigen Fotos, ich denke, wir verstehen uns schon). Und all das, liebe Frau Stuart, weil diese Menschen nichts anderes wollten als Sie und ich auch – nur waren sie eben nicht clever genug sich einen Pass zu holen, bevor sie sich bewusst dafür einsetzen, der nächsten Generation die Tür vor der Nase zuzuknallen. Wenn Sie nun also mit Ihrer Kommission nach einer Lösung für uns EU-Bürger suchen, dann hoffe ich, dass Ihnen klar ist, dass jeder wegen Brexit verlorene Job, jede kaputte Firma, jede Obdachlosigkeit, jede psychische Erkrankung aufgrund existentieller Unsicherheit, und jeder rassistische Übergriff das Resultat des absolut atemberaubenden Egoismus und der Menschenverachtung ist, mit der Sie durch Ihre Unterstützung für Leave Ihren eigenen Landsleuten und Ihren Mitmenschen allgemein begegnet sind, Mitmenschen, die nichts anderes falsch gemacht haben als später als Sie geboren zu werden. Ich hoffe, dass Sie dies motiviert, so schnell und unbürokratisch wie möglich sicherzustellen, dass jene von uns, die schon hier sind, ihr Leben ungestört weiterführen können – für die Generationen die nach uns kommen ist es, wie es derzeit aussieht, ja schon zu spät.

Mit nicht allzu warmen kontinentalen Grüßen,

Die Antwort der Politikerin:

steph

Da steht: „Über 17 Millionen britisce Wähler haben sich dafür entschieden, die politische Struktur namens EU zu verlassen. Ich versuche sicherzustellen, dass dies passiert und dass dies ordentlich passiert. Ihren Brief würde ich „gemein“ nennen. Ich hoffe, Sie fühlen sich besser, dass sie ihn geschrieben haben. Gisela Stuart“

Ich war sprachlos. Sowas ist führende Politikerin. Und anscheinend eine ziemliche B…tch…. Was passiert da gerade mit unserem Teil der Welt?!

Was aber leiwand ist: Stephs Geschichte hat auf Twitter Shitstorm-Level. Sucht mal nach #gemeingate oder #gemein.

 

Edit: Ich hab die Geschichte gerade ein paar sehr netten Medienmenschen und ein paar politisch interessierten Freunden geschickt. Und so gut wie alle reagierten mit einem „Was erwartest dir? Ist doch eh ganz normal, die Antwort, so ist halt der Umgangston jetzt.“ 

Nein, es ist nicht normal!!! Und ja, der Ton ist in den letzten Monaten VIEL härter geworden, vor allem im Netz, aber das heißt nicht, dass wir jetzt cool drüberstehen müssen, uns abkapseln, eine dicke Haut wachsen lassen und sagen: Ja mei, is halt so. Denn dann wirds wirklich normal, so mit einander umzugehen. Und das darfs nicht werden. Wir können doch nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und sagen: Es ist halt so. In diesem Fall stimme ich meinem persönlichen „es ist so“-Motto überhaupt nicht zu. Es darf so nicht sein. Eine Politikerin darf nicht so auf eine Frau reagieren, die in „ihrem“ Land wohnt. 

6 Gedanken zu „Zynische Politiker auf allen Ebenen.

  1. Lolarennt sagt:

    Wo finde ich die englische Version? Will diese meinen englischen Verwandten schicken, wir tauschen uns sehr rege aus über den Knacks-Brexit. Danke!

    • nunette sagt:

      Dear Ms Stuart,
      (note: I used the polite German “Sie” thoughout)
      I am writing to you in our shared native language to note right away that you and I have a lot in common. Like yourself, I have come to the UK from the German-speaking world (Austria to be precise) in order to pursue an academic career. Since I am nowhere near as apt at politics as you are, however, I’ve opted to continue with mine and, after obtaining my PhD last year, was until recently on a promising track to build a career in this country, with similar success as you have done.
      I’m saying “until recently” since, as according to the press you have also come to realise, my future right to remain in the UK is far from certain. The UK’s decision to leave the EU, in which you, as one of the leading figures of the Leave campaign, played a crucial role, means that like hundreds of thousands of others I currently have no reference point whatsoever regarding my future right to live and work here. To make this entirely clear: this is not a problem that will become relevant in a few years, it is a problem right now: for those of us looking for work (what employer hires an employee who may lose their right to work in a few years), those who are looking to rent a flat (same principle), those who have started enterprises, the future of which is now entirely up in the air, those who are up to their eyeballs in debt because they bought a house, not to speak of those who married a British citizen or have children – like some of my friends – and now face the potential breakup of their families.
      In practice, it is completely irrelevant how long any of us have already been in the country, since, if one isn’t as lucky as yourself to have British Citizenship, there is currently no possibility to prove to an employer or landlord that one will be able to remain. Of course one can apply to the Home Office for a Permanent Residence Card (provided one is entitled, which many who, like you and me, came here to study, are not), but due to the sheer numbers currently applying to the Home Office, chances of getting one any time soon are slim. For me personally this means a bit of a headache (fine, a full-fledged panic disorder), since, like many early-career academics, I work on a fixed-term contract that will end in late 2017. From today’s perspective, it is entirely unclear whether I will be able at that point to prove to a new employer that I have a right to work, or indeed, to guarantee that I will retain this right after 2019. My professional future, like that of many others, is therefore, in purely administrative terms, completely up in the air.
      I am telling you all this, on the one hand, since I read that you are currently heading an inquiry into the future status of EU-citizens in UK, and I therefore wanted to point out that this is not a question of what will happen when the UK finally leaves the EU – it is a question of what is happening right now. I am also telling you it, however, because through your support for leaving, you are in my view personally responsible for this situation. Let me therefore summarise: Three million people like you and me – people who have come here to build a better life – have over night been degraded to the status of second-class citizens with unclear legal status, and are thus immediately confronted with existential problems regarding work, enterprise, property and family union. This situation will last not only until it is clear what will happen with us, but also until this is administratively implemented. Until then, it is completely immaterial if the government tells us that nothing will change for now – it has already changed, and massively so (note: untranslatable German pun about things changing ‘violently). Regarding the latter, I mean this literally – in addition to our bureaucratic troubles, as you probably know, we have since the referendum been confronted with a series of racist attacks against foreigners of any kind as well as non-white resident groups. In case you haven’t yet, I warmly invite you to listen to the following radio show in which a lady from your own native country describes how she has been treated in her own neighbourhood since the referendum:
      (link to the radio show with the desperate German lady)
      So, to be entirely clear, Ms Stuart, this, too, is your personal responsibility, due to your decision to make common cause with racists, just as the other racist attacks on EU-citizens are (I’ll spare you the bloody pictures, I’m sure you get my point). And all this, dear Ms Stuart, because these people wanted nothing else than the same thing as you and me – just that they weren’t clever enough to get a British passport before intentionally campaigning to slam the door in the faces of the next generation. So when you are now, with your committee, looking for a solution for us EU-citizens, I hope that you are aware that every Brexit-related lost job opportunity, every failed company, every case of homelessness, every mental illness due to existential uncertainty, and every racist attack are a result of the breath-taking egotism and contempt for humanity towards your own countrymen and –women, as well as fellow humans in general, that your support for Leave indicates – fellow humans who have done nothing wrong except having been born later than yourself. I hope that this will motivate you to work as quickly and unbureaucratically as possible towards ensuring that those of us who are already here can continue their lives in peace – for the generations coming after us, it is, as it currently stands, already too late.
      With not-very-warm continental wishes,
      Steph Gr

  2. Nicht schön, gar nicht, weder für Deine Freundin noch die Reaktion auf ihren Brief. Nur zu ändern ist da nichts. Vielleicht ist es besser, den englischen Traum zu begraben und ins Geburtsland zurückzukehren?

  3. Alex sagt:

    Tjo, die bekommt noch eine Antwort. Andere Politiker verstecken sich oder stellen sich taub bzw. stumm. Politiker machen doch zu großen Teilen ehe nur das, was für sie von Vorteil ist. Der Traum, dass die Politiker im Sinne des Volkes handeln, ist schon vor langer Zeit ausgeträumt worden.

    Natürlich ist die Antwort auch eher sehr dürftig, aber der Umgang miteinander ist zu großen Teilen, sofern sich die Personen nicht kennen, eine Katastrophe in der Gesellschaft. Ärgert mich auch regelmäßig, aber es ärgert mich mehr als die und die freuen sich zum Teil noch drüber.

    VG Alex

  4. JGH sagt:

    Irgendwie Kindergarten-Niveau: Du machst mich auf die Konsequenzen meiner Handlungen aufmerksam, du bist gemein!

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