Abgründig – Wie Schönheitschirurg Mieterinnen loswerden wollte

Hellohello! Ich lebe noch! Und heute habe ich eine Mail bekommen, bei der ich spontan beschlossen habe: Das muss ich veröffentlichen. Das muss bekannter werden. Es geht um Modus Vivendi, ein kleines Atelier im Sechsten, wo zwei wunderbare Designerinnen seit 25 Jahren selbst Mode entwerfen und schneidern. Feiner Laden, so wie ich es mag: Einzelkämpferinnen gegen die blöden Textilriesen ein paar Meter weiter auf der Mahü.

Und denen passiert gerade Folgendes (ich kopiere hier die Presseaussendung rein und sag nix mehr, sonst landen ein paar Kraftausdrücke zu viel hier am Blog):

Abgründig – Wie Schönheitschirurg Mieterinnen loswerden wollte. Diese wehren sich kreativ und laden heute zum Solidaritätsumtrunk ein.

(Wien, 6.10.16, PUR) In der Nacht vom Freitag (30.09.) auf Samstag standen die beiden Designerinnen Charlotte Jakoubek und Monika Bacher nur mehr vor den Trümmern ihres Geschäftes und ihrer Existenz. Dort, wo einmal ihre liebevoll gestaltete Boutique war, befand sich nur mehr ein großes Loch, das in den Keller führte. Die gesamte Bodenkonstruktion des Geschäftes war herausgerissen worden, ohne Rücksicht auf die Einrichtung und die Ware. Die neue Kollektion nebst Stoffen, Materialien und Strickmaschinen wurde komplett vernichtet, das Türschloss mit Superkleber unbrauchbar gemacht.

Zur Vorgeschichte

Im Vorjahr kaufte der Innsbrucker Schönheitschirurg Markus Handle einen größeren Hausanteil in der Wiener Schadekgasse 4 und errichtete im zweiten Stock eine luxuriöse Privatordination. Die Modedesignerinnen Monika Bacher und Charlotte Jakoubek betreiben im Erdgeschoß desselben Hauses seit vielen Jahren ihr Modelabel modus vivendi – mittlerweile eine Institution im Grätzl. Im Erdgeschoß befand sich der Verkaufsraum und im ersten Stock das Atelier, wo auch zwei MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Handle wollte wahrscheinlich die Räumlichkeiten des Modelabels der modus vivendi für sein Ambulatoruim verwenden. Der unbefristete Mietvertrag der Designerinnen dürfte dem Chirurgen und Hausbesitzer ein Dorn im Auge gewesen sein. Er versuchte diesen Vertrag per Gericht wg. angeblichem „Eigenbedarf“ zu kündigen, was erwartungsgemäß erfolglos blieb.

Eine Kellersanierung wie ein Bombenangriff

Dann gab Handle ein Privatgutachten in Auftrag, welches einen angeblichen holzzerstörenden Pilz im Keller genau unterhalb des Ateliers gefunden haben wollte – und das einen akuten „Sanierungsbedarf“ diagnostizierte. Handle ließ die Fassade einrüsten und ein Transparent vor dem Atelierfenster aufhängen. Danach gab es jeweils über Nacht und meist am Wochenende bisher ungeklärte Vorfälle, die eine normale Geschäftstätigkeit in der Boutique unmöglich machten. So war z.B. die Sicherung kaputt und das Geschäft hatte drei Tage keinen Strom. Und vom Keller aus wurden immer größere Löcher in den Fußboden gerissen und so der Parkettboden des Shops zerstört. Die Designerinnen behalfen sich, indem sie Holzplatten über die ständig neuen Löcher legten.

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Aufforderung zur Räumung?

Der Schönheitschirurg behauptet nun, dass er die Mieterinnen wiederholt zur Räumung des Geschäftes aufgefordert habe, um die Keller-Sanierung durchzuführen -was die Designerinnen bestreiten. Zwar war die Sanierung des Kellers baubehördlich genehmigt. Aber nicht nachvollziehbar ist, wieso für eine Kellersanierung das darüberliegende Geschoß evakuiert und gleich die ganze Ziegeldecke weggerissen und die Stahlträger abgeschnitten wurden. –Dafür lag jedenfalls auch keine behördliche Genehmigung vor. Die Kellerdecke war eine Ziegel–Stahlträgerkonstruktion, der wohl ein holzzerstörender Pilz nichts anhaben kann. Ein konkretes Angebot für ein Ersatzlokal gab es vom Schönheitschirurgen nie. Gegen die Sanierung des Kellers haben die Designerinnen keine Einwände. Die Bereitschaft eine Sanierung im notwendigen Umfang zuzulassen war dem Schönheitschirurgen nicht genug, er wollte eine vollständige Räumung.

Vorwand Denkmalschutz

Nachdem die Vorfälle eine breite mediale Berichterstattung nach sich zogen, rechtfertigte sich der Schönheitschirurg damit, dass es sich ja auch um ein denkmalgeschütztes Haus handelte, das er zu erhalten habe. „Unter Denkmalschutz steht aber nur die Stuckatur in einer Wohnung“ so Jakoubek und Bacher. Handle hat den Designerinnen angeboten, sie mögen ihr Geschäft freiwillig aufgeben, was die Designerinnen jedoch ablehnten. „Wir sind seit vielen Jahren hier im Grätzl und mittlerweile eine Institution. Wir wollen hier bleiben“, so die rechtmäßigen Mieterinnen. Mittlerweile haben sie eine einstweilige Verfügung bei Gericht beantragt und verlangen, dass der verursachte Schaden ersetzt und der Boden des Geschäftslokales wieder hergestellt wird. Strafrechtliche Schritte wegen Sachbeschädigung gegen den Schönheitschirurgen werden geprüft.

Welle der Solidarität

Jakoubek und Bacher sehen nun ihre berufliche Existenz bedroht. Die Medienberichte haben aber eine Welle Solidarität von Kundinnen, Kolleginnen und Anrainern ausgelöst. „Wir geben nicht so einfach auf, was uns gehört und wir lieb gewonnen haben!“ so die beiden Designerinnen.

Das Team von modus vivendi ruft nun zum „Solidaritätsumtrunk“ direkt vor dem Geschäft (bzw. vor dem, was davon noch übriggeblieben ist) auf.

Heute, Donnerstag, den 06.10. um 17.00 vor dem Geschäft in der Schadekgasse 4, 1060 Wien

6 Gedanken zu „Abgründig – Wie Schönheitschirurg Mieterinnen loswerden wollte

  1. ich habe nicht alles gelesen – nur das Wort Denkmalsschutz – also wenn das Haus unter Denkmalschutz steht – dann braucht er eine Genehmigung und es ist auch zu hinterfragen ob die abgebrochene Decke auch unter Denkmalschutz steht und ob der Abbruch genehmigt ist

  2. Elke Falk sagt:

    Ich halte den beiden Mieterinnen die Daumen, dass ihr moralisches Recht auch juristisch durchsetzbar ist, danke für diesen Beitrag, der sicher mit dazu beitragen wird, dass solches Unrecht nicht mehr im Verborgenen passieren kann!
    LG Elke Falk

  3. Marlene sagt:

    Wahnsinn, was Leute denken, was einfach so durchgehen kann. Ich hoffe wirklich, dass hier das Gericht ordentlich nachforscht! Bei denkmalgeschützten Häusern kann man auch nicht einfach Decken durchbrechen. Es gäbe da also gerichtlich sicher gleich mehrere Ansatzpunkte.

  4. minimalf sagt:

    Krass. Ich finde es erschreckend und traurig zugleich, das Menschen mit dem nötigen Kleingeld sich immer erhaben fühlen müssen. Als ob er sich alles genehmigen kann, aber mit Geld kommt man weit. Traurige Gesellschaft. Ich drücke den Beiden die Daumen!

  5. Luna sagt:

    Da schäm ich mich für meine Stadt, ein solches *Schimpfwort nach Belieben* hervorgebracht zu haben!
    Alles Gute den beiden starken & tollen & kreativen Frauen!!

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