Wenn ein Hase mich auf die Palme treibt

Ach, es ist so einfach, mich kurz mal eine Palme hochklettern zu lassen. Heute geschehen, als ich es mir in meiner Hängematte gemütlich machte und mal wieder ein paar Seiten fürs Buch schreiben wollte. Aber zuerst noch so ein bissl im Netz surfen, kennt man ja, nüm? In letzter Zeit surfe ich gerne zu Revelist, einer Website für Frauen, in denen es zwar viel um den üblichen Schas a la Make-Up, Outfits und Stars geht, aber auch sehr viel um Body Positivity, um Inklusion aller Körperformen, sexuellen Ausrichtungen und sonstigen Eigenschaften, die einen sonst schnell ins ausgeschlossene Eck stellen können. Ich mag die Seite sehr, da sie wichtige, feministische Themen sehr niederschwellig daher bringt – und damit Menschen erreicht, die vielleicht bisher noch nicht so massiv über solche Themen nachgedacht haben.

Aber fertig mit der kurzen Werbung und zurück zur Palmenkletterei.

Ich liebe liebe liebe liebe liebe meine Nichten und Neffen zum Quadrat und nochmal hoch zehn. Die fünf sind ein wunderbarer Haufen an komplett unterschiedlichen Menschen, und es ist unglaublich spannend, den Zwetschgen dabei zuzuschauen, wie sie ihre Persönlichkeiten entwickeln und im Laufe der Zeit heranwachsen. Die Nichten sind grad neun und zehn, und eine der beiden hat mir jetzt schon zwei Mal angefangen mit „ich bin so fett, boah, da auf dem Foto im Bikini, urfett, wäh“. Nachdem ich als Kind erstens definitiv runder war als sie und zweitens oft von Eltern und sonstigen Verwandten gehört habe, ich bin das dicke, ungschickte Kind und mei, was wird wohl aus der und Copyright Opa „Die muss mal mit dem Kopf punkten.“ (Tu ich eh, Opa, tu ich eh. Unter anderem. 😉 ), bin ich hyperallergisch auf solche Themen.

Hätte mir als Kind öfter wer gesagt, dass es komplett wurscht ist, dass ich ein Baucherl hab (adipös war ich definitiv nicht), ich glaube, ich hätte sehr viel schneller einen positiven Zugang zu meinem Körper und somit auch zu meinem Selbstwert gewonnen. Daher habe ich auch der Nichte letztens, als sie wieder mit „auf dem Foto bin ich so fett, wäh“ anfing, eine recht ausführliche Tantenrede gehalten – dass es überhaupt nicht stimmt, dass sie, solange sie ohne Baucheinziehen und seitlich gehen durch die Tür passt, NICHT FETT IST, dass sie noch einiges zu wachsen hat, dass es außerdem sowieso und überhaupt komplett wurscht ist, weil Schönheit ist was ganz was anderes als wenige Kilos und ein Monalisa-Lächeln, schön ist man von innen, und überhaupt ist sie so wunderschön, dass ich sie gern auffressen würde, und und und. Ich frage mich seither, wo sie das her hat. Obwohl nicht der größte Fan ihrer Mutter, bin ich überzeugt davon, dass diese sich sehr wohl Mühe gibt, ihr Akzeptanz von sich selbst und anderen beizubringen. Mein Bruder ist jetzt auch keiner, dem die perfekte Silhouette bei anderen wichtig ist, der schaut auch auf ganz andere Werte. Es kann also nur von ihrem Umfeld in der Schule kommen. Kinder, die ihren Mamas dabei zuschauen, wie diese sich selbst vorm Spiegel geißeln. Und mir ziehts dabei alles zusammen.

Das Schlimme ist, es ist nicht nur die eine Mama, die ihrem Kind unbewusst ein falsches Körperbild einimpft, sondern es ist eine ganze Kultur. Auf Revelist fand ich heute diesen Artikel. Eine Kinderbekleidungsfirma bietet einen Pulli an, auf dem es um Diät geht. Ja, es gibt inzwischen weitaus mehr aus gesundheitlicher Perspektive zu dicke Kinder. Und denen das Abnehmen mit ein bissl Spaß schmackhaft zu machen, ist sicher nicht die blödeste Idee der Weltgeschichte, aber das gilt für sehr wenige Kinder, und sollte wirklich sensibel behandelt werden. Aber kann mir wer erklären, wieso dieser Pulli (der übrigens sicher nicht bio und fair produziert wurde, nur so nebenbei) in Größe S verkauft wird?

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Kindern nicht nur bereits den Schlankheitswahn einreden, sondern damit auch noch Geschäft machen ….. es rennt so viel falsch in unserer Gesellschaft….

Und übrigens, weils grad mal wieder eine komplette Spontanaktion war: Meine neueste Leidenschaft, Körperbilder und was die Industrie mit uns anstellt, passt ja nicht immer zwingend auf ichkaufnix, allerdings hab ich hier eine so wunderbare Leserschaft. Damit ich euch nicht permanent mit dem Thema konfrontiere, das eigentlich nur halb zum Blog passt, hab ich schnell einen weiteren gebastelt. Drüber bei „Fuck Photoshop“ gibts in Zukunft mehr Gedanken zu dem Thema. Ich werd mir aber auch weiterhin erlauben, hier auch über andere Themen als Textilproduktion zu schreiben 😉

2 Gedanken zu „Wenn ein Hase mich auf die Palme treibt

  1. Jessy sagt:

    Liebe Nunu,

    also von mir aus kann es gerne mehr solcher Texte geben, auch hier auf dem Blog. Vielleicht wäre es ja eine Idee, eine eigene Kategorie einzurichten? Fände ich persönlich übersichtlicher als ein eigener, neuer Blog – aber das ist bestimmt Geschmackssache 🙂

    Ich finde, du schreibst unglaublich authentisch und ich lese deine Gedanken zu Bodypositivity und Selbstliebe unglaublich gern. Nach einer schweren Trennung im letzten Jahr habe ich gemerkt, wie wenig bei mir davon vorhanden ist. In der Beziehung habe ich mir das nicht eingestanden. Manchmal sind es nicht nur die Worte eines anderen, sondern auch sein Verhalten, die dafür sorgen, dass man nicht eins mit sich ist. Aber auch mir haben – zumindest in meiner Jugend – Leute ins Gesucht gesagt, ich sei hässlich – all das brennt sich ein. Bis heute kriege ich mein inneres und äußeres Bild nicht immer zusammen, Ich habe eine Größe 36/38, suche im Internet aber nach „Plussize-Models“. Nun nehme ich mir Zeit für mich und übe mich darin, verständnis- und liebevoll mit mir selbst zu sein und ich habe das Gefühl, die Dinge und meine Gedanken fangen an, sich an den richtigen Stellen zu fügen.

    Meine kleine Nichte ist erst zwei Jahre alt, aber ich bermerke immer wieder, wie ihre Umgebung in Rollenbildern denkt und diese auch vermittelt. Die Leute meinen das meist gar nicht böse, vieles ist schneller ausgesprochen als durchdacht. Ich hoffe, ich kann ihr später auch gute Gedanken zu dem Thema auf den Weg geben.

    Alles Gute für`s neue Jahr, liebe Nunu, ich bin gespannt auf alles Kommende!

    LG

    Jessy

  2. Leserin sagt:

    Hallo liebe Nunu,

    danke für den schönen Blogeintrag (einer von vielen schönen Texten bei dir). Da ich selbst ein kleines Mädchen zu Hause habe berührt mich das Thema sehr und ich merke, was es für eine Herausforderung ist, das eigene (negative) Selbstbild nicht in die Erziehung einfließen zu lassen und dabei authentisch zu bleiben. Was mir hilft, ist die tatsächlich die ungebremste Zuneigung meines Kindes, das mir hilft meinen Körper noch mal aus ganz neuen Augen zu sehen und wertzuschätzen. Meine Tochter hat meinem Bauch einen eigenen Kosenamen gegeben und schwärmt täglich davon, wie schön er ist, „weil er so weich und kuschelig ist“: Ich würde sagen Schönheit noch mal aus einem ganz anderen Blickwinkel interpretiert.

    Schwierig wird es, wenn das Kind selbst von der Babyzeit bis jetzt ins Kindergartenalter ständig in Bezug auf das Gewicht (und auf andere Themen) bewertet und kommentiert wird („Zu dick“, „nicht zu dick“, „genau richtig“, „in die Länge gegangen“, „sportlich“, usw.). Was man bei Erwachsenen aus Respekt und aus Höflichkeit niemals tun würde geschieht Kindern gegenüber täglich, es wird über sie in ihrem Beisein geredet und geredet ohne dass man sich Gedanken macht, ob das Kind mithört oder nicht oder was solche Bewertungen mit dem Kind machen. (Ich bin bei bestimmten Personen ganz kurz davor in deren Beisein mit anderen Menschen mal deren Körpergewicht auszudiskutieren, mal schauen, wie sie das finden).

    Was das Kind dabei lernt, ist, dass man irgendwie zu sein hat und dass das im besten Fall schlank und der Mediendefinition angepasst hübsch (und leise, höflich, gut erzogen, zurückhaltend, selbstsicher, fröhlich, etc.) ist. Und es lernt, dass es dem zum Großteil nicht entsprechen kann, also .dass es nicht „richtig“ ist. (Modellvorstelungen von „richtig“ werden dann ausgerechnet über die Medien entwickelt.

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