2016 war nicht gar so scheiße, wie ihr tut

Heute früh bin ich aufgewacht und hab mir gedacht, es ist mal wieder Zeit, hier etwas zu schreiben. Ich habe einen superlustigen Abend mit Freunden hinter mir, bin aufgewacht in meiner  warmen und überraschend aufgeräumten Wohnung, eine meiner besten Freundinnen ist gerade auf Besuch, der ganze Weihnachtswahnsinn ist überstanden, kurz: Alles leiwand. Unfassbar privilegiert, und das klopf ich mir jeden einzelnen Tag ins Hirn, um die Dankbarkeit nicht zu verlernen. Ich will damit absolut nicht angeben und euch zeigen, wie super mein Leben nicht ist – nein, euer Leben ist es auch, wenn ihr ein bissl nachdenkt drüber!

Und dann hab ich begonnen, ein bissl nachzudenken. Und ich mach jetzt meinen eigenen Jahresrückblick. Einfach, weil ich auch mal was anderes sehen möchte als das ewige „hach, 2016, schleich dich endlich“. 2016 war nämlich nicht nur scheiße. Gut, globalpolitisch schon, aber hier? Hey, Kern als Kanzler, Van der Bellen als Präsident – ich finde diese Kombi schon verdammt super. Ich kann zugegebenermaßen aber auch grad nicht anders, als es auf mein Umfeld zusammenzustutzen, politisch wars schlicht und einfach mörderisch scheiße dieses Jahr. Da gibts nix dran zu rütteln.

Ja, die Statistik hat echt Schindluder mit uns getrieben dieses Jahr und uns viele KünstlerInnen und Bekanntheiten weggenommen. Natürlich gibt uns das zu denken, wenn die HeldInnen unserer Kindheit uns verlassen (aber George Michael: An Weihnachten? Ehrlich? Musste das sein?). Mir gibt mehr zu denken, dass uns diese Schlagzeilen wirklich treffen. Ich mein, rein psychologisch ist das schon leicht erklärbar, man baut durch das Ikonendasein, das rund um Bowie, Fisher oder Prince aufgebaut wurde, irgendwie eine persönliche Beziehung zu denen auf, lässt sie in ihr Wohn- oder Schlafzimmer (ich schau grad wieder Friends, und da gibts doch diese eine Princess Leia Folge…. gnihihihi). Aber Leute, nur so ein kleiner Hinweis: Ihr braucht euch nicht massiv auf 2017 freuen, ich hege nämlich den begründeten Verdacht, dass auch dann Leute sterben werden.

In Hundertschaften im Mittelmeer abgesoffene Flüchtlinge haben uns dieses Jahr kaum noch berührt, das waren maximal Kurzmeldungen auf orf.at. Stattdessen wird hierzulande ein nie dagewesener (oder nie an die Öffentlichkeit hervorgerülpster) Hass gegen alles Andersartige formuliert. Dieser Hass, der da hervorgebrochen ist, der macht mir Angst (und ja, ich weiß, Angst sollte man nicht haben, Angst bringt nix, okok, aber pfuh, diese Meldungen auf rechten Seiten sind mir nimmer wurscht). Kokett wird mit dem Thema Hasspostings umgegangen und Leuten erklärt, dass sie sich halt in einer Filterblase befinden, hui, da kann man nix machen. Da MUSS man sogar was machen! Ich bin für das Lehrfach Social-Media-Kompetenz in der Schule! Obwohl nie sonderlich großer Fan von Florian Klenk, dass er sich mit einem seiner Hassposter getroffen hat und dieser nun auch andere Medien als unzensuriert.at konsumiert, war eine der ganz großen Geschichten dieses Jahr – und sollte eigentlich von uns allen wiederholt werden.

Eine Frau, die nur wenige Kilometer von Wien komplett einsiedlerisch lebt und schnell mal ihre gesamte Familie auslöscht: Ein Artikel auf den Niederösterreich-Seiten. Und ich dachte mir tagelang (wie auch schon bei Kampusch, Fritzl und Co.): WIE GEHT DAS? Wie kann das sein, dass da keine Interaktion mit den Nachbarn herrschte? Ich mein, man muss nicht gleich jeden Nachmittag im nachbarlichen Wohnzimmer hocken, aber ist nicht so ein bisschen soziale Interaktion mit der Nachbarschaft nicht das, was den Alltag wirklich verbessert (und auch vereinfacht? Ich sag nur Teilen und Helfen…)? Dieses prinzipielle „Einander helfen, nutzts nix, kosts nix“-Ding, haben wir das echt schon so verlernt? Zu mir sagte mal ein Nachbar in der Ferienwohnung meiner Großeltern, nachdem er komplett selbstlos stundenlang geholfen hatte, gröberen Schaden an der Wohnung durch ein kaputtes Rohr zu verhindern, dass „alles im Leben zurück kommt“. Ich mein das jetzt komplett unchristlich, aber Nächstenliebe ist nicht nur so ein Wort. Das hat schon auch wirklich Sinn. Auch hier kann ich eine Geschichte, die für mich 2016 geprägt hat, liefern: Eines Abends saß ich zuhause und dachte mir, meine Schuhe und Kisten im Vorzimmer wären irgendwie hübscher in einem geschlossenen Schrank als in einem offenen Regal aufgehoben. Also postete ich einfach schnell mal auf Facebook, dass der oder die nächste, der oder die einen weißen Kleiderschrank zu vergeben hat, an mich denken soll. Exakt SIEBEN Minuten später wurde mir einer von einem Bekannten angeboten, dessen Bruder gerade zufällig umgezogen war und den Schrank nicht mehr brauchte, nochmal ein Tag später war der Transport organisiert, auch über Facebook nach Hilfe gesucht, und am selben Abend kam – Überraschung, wieder, weil ich auf FB um Hilfe gefragt hab – eine ehemalige Schulkollegin und baute ihn (eigentlich weniger mit mir sondern eher für mich – ich hab da null Talent dafür) auf. Zack, fertig. Als ich meinte, ich liebe Facebook, sagte Esther nur trocken: „Nein, das ist nicht Facebook, das sind die Menschen, mit denen du dich umgibst.“ Recht hat sie. Und damits nicht nur einseitig ist, versuche ich auch immer wieder einzuspringen, heute zum Beispiel beim Gulasch-für-sechzig-Leute-kochen einer Freundin. Was ich damit sagen will: Sich gegenseitig helfen, das ist gleichzeitig ein Höhepunkt und eine Selbstverständlichkeit 2016 gewesen.

Zu Weihnachten kam ein Artikel, der mich sehr berührte, über Massenentlassungen von protestierenden ArbeiterInnen in bengalischen Nähereien. Leute! Die finden nicht einfach mal so einen neuen Job! Eine solche Entlassung aufgrund von gewerkschaftlichen Aktivitäten kommt einem Berufsverbot gleich, den Frauen bleiben  unter anderem nur noch die Möglichkeiten „zurück aufs Land zur Familie und dort finanziell nix beitragen können“ oder „in der Stadt bleiben und auf den Strich gehen“. Und das in einem der ärmsten Länder der Erde. Aber Hauptsache, wir können auf den Einkaufsstraßen auswählen zwischen unzähligen verschiedenen Fast Fashion – Herstellern, deren Zeugs inzwischen eh schon alles gleich ausschaut. Mich macht das rasend – nur nix vom eigenen „weil ich es mir wert bin“-Lebensstil aufgeben, wird schon keine Kinderarbeit sein, da sinds in der EU doch eh so streng. Jo, genau. Aber zum Glück gibt es (oder begegnen mir) immer mehr Menschen, die diesen ganzen Konsumwahnsinn nicht mehr mitmachen wollen. Immer mehr Initiativen, die soziale und gesellschaftliche Verantwortung in den Vordergrund stellen – an vorderster Stelle für mich goood: Lauter ehemalige Kapitalismusgewinnerinnen (und das hör ich noch lang von Claudia, wenn sie das liest, gell?), aber sowas von top notch oberste Liga, beschließen, sie wollen das System so nicht mehr, sie wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, sie haben schon genug bekommen. Hier ist mein Stichwort für 2016: Empathie. Und auch davon gab es – ohne Beispiele, die habt ihr sicherlich alle selbst auf Lager – einige große Momente im vergangenen Jahr. (Mich würd ja mal interessieren, Empathie bei politisch recht- und linksgelagerten zu messen. Meine Theorie ist, dass genau diese Charaktereigenschaft politische Überzeugungen prägt.) Ja, es gab auch viel Gegenteiliges, aber sorry, da muss sich jede/r von uns an der eigenen Nase nehmen und Verantwortung für sich und sein Umfeld übernehmen.

Und ohne Scheiß jetzt: Persönlich habe ich das zweifellos beste Jahr meines Lebens hinter mir – nicht nur, weil mir einfach verdammt leiwande Sachen passiert sind, sondern  vor allem auch, weil ich eine völlig neue Wertschätzung für mein Leben, meine Entscheidungen und das mich Umgebende entwickelt habe (und mit meiner Dankbarkeit und guten Laune einigen Freunde schon ziemlich am Senkel geh, gell, Teresa? 😉 ). Für mich ist übermorgen einfach nur der erste Jänner und kein Neuanfang. Es ist nämlich nicht das Jahr, das scheiße zu einem ist – da kann man in unserem höchstprivilegierten Teil der Welt so einiges auch selbst steuern. Es heißt ja nicht, dass man gleich die Welt ändert, wenn man versucht, auf Plastik zu verzichten, mit einem Migranten Deutsch zu lernen, für den Canisibus Hauben zu stricken oder Suppe zu verteilen, weniger zu fliegen oder regelmäßiger zu spenden – das sind genaugenommen in dieser minimalen Skala alles Taten fürs eigene Gewissen. Aber sie deshalb nicht tun, nur weils global eh keinen Unterschied macht, und dann raunzen, dass alles so scheiße ist, das hab ich noch nie verstanden. Alle, die das hier lesen können (also deutsch verstehen, sinnergreifend lesen können und Medienkompetenz im Internet haben), sind sowas von mordsprivilegiert! Und alle haben sie Möglichkeiten, im Kleinen oder Größeren Empathie und Nächstenliebe zu zeigen.

In diesem Sinne: Happy 2017! Gehen wirs an!

Aber bitte lassts mir die Queen am Leben….und Betty White. Und für meinen Opa bitte den Otto Schenk. 🙂 

5 Gedanken zu „2016 war nicht gar so scheiße, wie ihr tut

  1. aaah beim letzten satz dachte ich nur, verschrei’s dir nicht! triffst den nagel auf den kopf, mir ging in den letzten wochen das sudern sehr auf’n nerv. einfach mal die kresse halten und halt was ändern am eigenen leben. in diesem sinne, guten rutsch!

  2. […] wollt ich dazu auch nichts schreiben. Da kam mir dieser Blogeintrag recht, auf den ich hiermit eine Antwort […]

  3. Donna sagt:

    Hallo, du hast Recht, es gibt viel Grund zufrieden zu sein. Aber diese immer lauter werdenden „braunen“ Stimmen in Deutschland, die machen mir Angst und auch die Politik, die das alles mit verbockt hat, und trotzdem nichts ändert lässt mich drüber nachdenken, nicht mehr wählen zu gehen. Jaaaa, okaaaay, ich gehe wieder wählen, obwohl es immer schwieriger wird sich zu entscheiden.
    Persönlich lief es dieses Jahr nicht so gut für mich. Habe meinen Job verloren, was uns ganz schön Probleme verursacht (finanziell gesehen) und würde jetzt gerne auch auf FB einen Aufruf starten und nach einer neuen Stelle fragen. Aber dazu habe ich einen zu kleinen Leserkreis. Vermutlich finde ich leichter einen weißen Schrank als einen Job:o(
    Wünsche dir einen guten Rutsch und bei allem Übel drumherum weiterhin den Blick aufs Positive und Zufriedenheit in deinem Leben.
    Herzlichst Donna G.

  4. Danke für diesen tollen Rückblick. Ich finde es absurd, einem Jahr die Schuld an allem zu geben. 2016 kann nix dafür – es hat uns höchstens mal wieder gezeigt, wie ohnmächtig und einfach gestrickt die Menschen sind.

  5. policycounts sagt:

    sehr schöner Artikel, danke! Mich haben eher Peter Lustig, Muhammad Ali und Bud Spencer getroffen, aber um ehrlich zu sein war wohl für jeden was zum trauern dabei dieses Jahr.
    Persönlich hab ich auch einiges schönes erlebt, aber Empathie scheint wohl nur ein individuelles Stichwort zu bleiben. Und ich unterstelle dir mal, dass du sie nicht erst dieses Jahr entdeckt hast. 😉

    Am Ende wirkt ein Jahresrückblick immer etwas konstruiert, denn unsere Geschichten halten sich nicht an den Jahresrhythmus der Natur und was 2016 global schei** war, bleibt es 2017. Aber man kriegt die Möglichkeit mal längerfristige Entwicklungen zu betrachten, was heutzutage schon eine nette Abwechslung ist. Ein Jahr ist da tatsächlich schon sehr langfristig, obwohl so vieles da noch nicht mal ansatzweise gesehen werden kann. Sehr gelungen!

    Wenns dich interessiert kannst du dir ja mal meine Gedanken durchlesen, ich würd mich freuen!

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