Jauch war nicht nur schlecht

Und wieder was gelernt. Ich habe mir gestern die Diskussion bei Jauch zum Thema Bangladesch gegeben. Sowohl von Teilnehmerinnen (Sina Trinkwalder) als auch von Zuschauerinnen (Kirsten Brodde) aus unterschiedlichen Gründen gewaltig kritisiert, fand ich die Diskussion nicht nur schlecht. Ich beschäftige mich jetzt seit eineinhalb Jahren auf täglicher Basis mit dem Thema Fast Fashion vs. Faire Produktion.

Und zugegeben, über sehr weite Strecken habe ich gestern nichts Neues erfahren.

Gut, man kann auch wirklich einiges kritisieren:

  • Ein zärtlicher Hinweis auf den Überkonsum unserer Tage ging ziemlich unter (und der ist schlicht und einfach schuld an all der miesen Massenproduktion, daran gibts nichts zu rütteln),
  • das wunderbare Projekt Manomama von Sina Trinkwalder wurde genau einmal und viel zu kurz erwähnt,
  • an dem Brandschutzabkommen der Clean Clothes Kampagne wurde berechtigte Kritik geäußert, auf die die Dame im TV leider genau nicht richtig reagiert hat (während Michaela Königshofer von der österreichischen Clean Clothes Kampagne mich heute in weniger als zwei Minuten mit dem genau richtigen Argument davon überzeugt hat, dass das Abkommen sehr wohl sinnvoll ist und nicht nur Augenauswischerei).
  • Der Herr Minister hat viel zu viel Redezeit, fürchterlicher Typ.
  • Beim Transparenz-Thema gab es einige wirklich gute Ansätze, leider wurde nicht weiter drauf eingegangen.
  • Die gesamte Diskussion kratzte an der Oberfläche herum.

Aber ein paar Neuigkeiten waren auch für mich dabei, gute wie schlechte – wobei, genaugenommen, eigentlich nur schlechte:

  • Dass „Made in Italy“ einfach nicht glaubwürdig ist, weil chinesische ArbeiterInnen nach chinesischen Bedingungen mitten in Italien produzieren dürfen (dunkelgraue Rechtslage), war mir auch neu. Dass man in dem Bereuch jedoch grundsätzlich nicht zwingend auf Transparenz setzen muss, ist dann doch wieder bekannt.
  • Wenig überraschend, dass kein einziger Betrieb und kein Verband aus der konventionellen Produktion die Eier hatte, an der Diskussion teilzunehmen. Schön jedoch, dass die Liste der Absagen ausgestrahlt wurde.
  • Den Vorschlag dieses Diskontheinis, Produktion nach Südeuropa zu verlagern, weil „dort sind eh alle arbeitslos“ (kein wörtliches Zitat, aber so in der Art fiel die Aussage), ist ein im ersten Moment spannender Ansatz. Doch eine Verwirklichung dessen heißt: Raus aus dem Euro mit diesen Ländern, und vor allem: Ab in die Pauschalverarmung, liebe Fernost-Produktionsländer. Das Thema ist komplex bis dorthinaus. Sagt die Clean Clothes Kampagne, dass man schon weiter in Bangladesch produzieren soll, aber die Standards dort gscheit anheben, gebe ich dem absolut recht. Schreibt Sina Trinkwalder „Eine Nacht darüber geschlafen und eine bittere Erkenntnis aus der Sendung gezogen: niemand will, dass wieder in DE produziert wird. Frau Burckhardt hat das ja sogar direkt formuliert. Warum auch? Dann wäre alles gut, und die ganzen Nasen arbeitslos. So traurig. Und zeigt mir mal wieder, wie fucking hart unser Weg ist.“ – dann gebe ich ihr auch absolut recht.

Aber trotz all der Kritik finde ich eines ganzganzganz wichtig: Ich finde es nicht ok, wenn diejenigen, die sich seit Jahren, Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen, davon ausgehen, dass ein Jauch für ihre Belange diskutiert. Der diskutiert für die Belange der breiten Masse. Und so kritisch Insider diese Diskussion auch sehen: Wenn schon nicht wir, vielleicht haben einige Zuschauer doch Neues erfahren. Vielleicht gibt es immer noch Zuschauer, die nicht wussten, wie wenig die Näherinnen wirklich verdienen. Ich freu mich über jede weitere Person, die mit dem Thema erreicht wird, und die daraus ihre ganz höchstpersönlichen Konsequenzen zieht, sei es weniger einkaufen, anders einkaufen, sämtliche Petitionen zum Thema unterschreiben oder selbst aktiv werden. Ganz wurscht, Hauptsache, sie WISSEN es! Und  genau aus diesem Grund freut es mich auch, dass die Bildzeitung das Interview mit der Gewerkschafterin aus Bangladesch schwer emotionalisiert bringt. Die breite Masse kauft Fast Fashion und denkt nicht über die Standards in Fernost oder die Möglichkeit, vielleicht mal doch zu tauschen oder selbst zu produzieren nach. Das heißt, die breite Masse ist Teil des Problems. Na dann ist es doch bitte gut, dass sie über ihre eigenen Kanäle, ob Bild oder ARD, je nach Bildungsniveau, erreicht wird!

Aber bevor jetzt alle verwirrt sind: Hier geht es zum Stream der Sendung. Informiert euch selbst, über Kommentare, gerne auch solche, die mir widersprechen, freue ich mich.

Ein neuer Rekord am Blog: Dies ist ziemlich sicher der Beitrag mit den meisten Klammern bisher (nur so zur Info in der Kategorie Nicht-einmal-Halbwissen).

Getaggt mit , , , , , , ,

7 Gedanken zu „Jauch war nicht nur schlecht

  1. spreemieze sagt:

    Ich frage mich immer, warum nur H&M und co kritisiert werden, wenn doch auch Marken in der gleichen Firma produziert werden. Nur anderes Lable drauf. Die werden dann aber nicht für 9,90€ in den Handel gebracht, sondern dann für 49,95€.
    Wenn die Firmen nur ein paar 10tel Prozent ihres Gewinns abtreten würden, und in ihre Zulieferer investieren, wäre das auch schon mal was.

    • nunette sagt:

      absolut, und selbst wenn die Marken den Mehrpreis eins zu eins weitergeben wollen würden an den Kunden – würde sich das wirklich nur im Centbereich auswirken.

      • spreemieze sagt:

        es müsste sich noch nichtmal auswirken. Bei einer Handelsmarge von mind. 800% brauch das Unternehmen ja nur 0,5% an den Zulieferer abtreten..aber das werden wohl die Aktionäre nicht so doll finden 😦

  2. toms70 sagt:

    irgendwie von dir gut auf den punkt gebracht. ich finde, dass die diskussion durchaus gut war. ja, für die, die sich mit dem thema schon lange auseinandersetzen hatte sie wahrscheinlich wegen news wert. ich habe neben dem tollen ansatz von sina trinkwalder vermisst, dass es durchaus auch möglich ist, dass in bangladesch und anderen südostasiat. ländern produzieren können, wenn sich die auch um persönliche kontakte ihrer lieferanten kümmern würden. und sich nicht einfach der langen kette undurchschaubarer lieferanten hingeben würden. aber es ist schon wichtig, sich bewusst zu machen, dass sich die masse die doch meist als nische produzierte produkte nicht leisten können und die auch nicht kennen. darum ist der wirtschaftliche und auch der politische aspekt hier nicht zu vernachlässigen!

    eine sache, die die konsumentInnen über herstellung und herkunft aufklären würde und sie dann zu mündigen und bewussten machen würde, ist die sache mit dem (QR-?) code, der das möglich macht. das habe ich spannend gefunden.

    • nunette sagt:

      ja, das finde ich auch interessant, die Sache mit den QR-Codes. Allerdings: Die Firmen, um die es geht, sind schon verdammt um Intransparenz bemüht. Allein Puma hat eine fünfstellige Zahl an Zulieferern. Wie diese Transparenz zustandegebracht werden soll, frage ich mich halt schon auch.

  3. […] Fazit: Nein, es kann gar nicht zuviel berichtet werden. Immer noch nicht. […]

  4. […] Den Herrn Starmanns durfte ich ja schon letztes Jahr auf der WearFair kurz kennenlernen, aber mit Kirsten Brodde hatte ich das Vergnügen noch nie. Und eigentlich wäre das ja die perfekte Möglichkeit, sie, das Vorbild aller kritischen Bloggerinnen , kennenzulernen. Fast immer muss ich ihren Blogbeiträgen (die ich fast komplett gelesen habe), zustimmen, nur manchmal seh ich die Dinge ein bißchen anders… […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: