Schlagwort-Archive: Konsumwahnsinn

ichkaufnix – und jetzt alle zusammen!

Am Samstag, den 30. November, ist der Kaufnix-Tag. Entstanden ist er in den USA, wo am Freitag nach Thanksgiving immer der „Black Friday“ stattfindet, der Tag des ultimativen Konsumrausches –  viele Leute haben frei, und der Handel lockt mit Angeboten. Seit einigen Jahren haben konsumkritische Amis den Tag nun in den Kaufnixtag verwandelt. 24h nichts konsumieren. Gar nichts. Einfach nur, um ein Zeichen zu setzen. Also konsumieren im Sinne von Essen zu sich nehmen, ja, aber das bitte nicht in einem Restaurant – es soll einfach kein „Ware oder Leistung gegen Geld“ an diesem Tag stattfinden. Ja, ich weiß, kauft man halt vorher ein… dennoch hat es Sinn, wenn man den geschichtlichen Hintergrund anschaut – es geht einfach darum, nicht den Angeboten und dem Konsumrausch zu verfallen.

In Deutschland und Österreich gilt der erste Weihnachts-Einkaufs-Samstag ebenfalls als umsatzstark. Daher findet – meiner Theorie zufolge – der Kaufnixtag hier eben einen Tag später statt.

Genauere Infos gibt es hier – ich mach mit. Wobei, ich mach kleidertechnisch da inzwischen mit einer Ausnahme schon wieder seit der WearFair mit 😉

(c) kleiner Öko

(c) kleiner Öko

Ich finds sinnvoll, ein Tag, an dem man sich mal den Nichtkonsum – und gleichzeitig den einen umgebenden Konsumrausch – bewusst macht. Die Wirtschaft wird davon nicht kaputt gehen, aber ein Zeichen ist gesetzt, und wenns nur ein Zeichen für sich selbst ist, dass man auch mal widerstehen kann und sich dem Wahnsinn da draußen (vor Weihnachten ist es wirklich ein solcher) da draußen nicht komplett ausliefert….

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„She just walked on.“

Bevor mein Buch rauskommt – in nur noch drei Tagen!!! – muss ich euch unbedingt ein anderes Buch vorstellen. Aber dann nicht sagen, man hätte nur das gelesen, weil die Nunu es gesagt hat, aber das von der Nunu nicht. Lass ich nicht gelten! 🙂

Also:

Lucy Siegle: To die for. Is fashion wearing out the world?

Ich bin noch überhaupt nicht weit, aber jetzt schon total begeistert. Erstens hat sie einen wunderbar selbstironischen Ton drauf, zweitens bringt sie die Fakten unfassbar klar auf den Tisch. Nur ein kurzes Beispiel, Siegle schreibt über Primark. Als die in London einen neuen riesigen Department Store öffneten, führte das zu einer Massenpanik inkl. Polizeieinsatz und mindestens zwei Verletzten:

„You would imagine the prices were already low enough, but somehow a rumour circulated among the swollen, near-hysterical and almost exclusively female crowd outside that everything was on sale for 1 pound. The scene descended into chaos as desperate consumers battled to geht to the front of the crowd. Young women scrambled over each other, pulling hair and collapsing in heaps on the pavement.“

Eine weitere Beobachtung zu Primark:

„Perhaps that mindset explains why a fashion industry commentator, working for a trade publication, watched in horror as she saw one satisfied customer emerge with six or seven brown paper Primark bags full of clothes. It was raining heavily, and as the young woman proceeded down Oxford Street one of them broke around the handls and folded cotton flopped onto the pavement. Naturally the journalist expected the girl to bend down and collect the brand new clothes, but no. She just walked on. Fashion was apparently so expendable it had turned into litter.“

Bitte wie arg?!

 

 

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Streetstyle um 1583 Euro

Streetstyle, gefunden von Elisabeth in der Wiener Bezirkszeitung. Street Style. Was einem auf der Straße so entgegengelaufen kommt, leistbar, fashionable. Laufstegmode auf günstig interpretiert.

Leistbar? Die Frau trägt 1583 Euro am Körper. Und ist wahrscheinlich jünger als ich. Nicht schlecht, ich hab lange diesen Betrag im Monat verdient.

Aber ernsthaft jetzt, das ist kein Neid, das ist Entsetzen. Gut und schön, wenn sie sich teuer kleiden will und es sich leisten kann, soll sie. Aber: Streetstyle? Vorbildwirkung?

WienerBezirksZeitung

In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

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Kekserlduft oder Parfum – oder beides?

Also wer mich kennt, weiß: Die fanatische Konsumkritikerin bin ich jetzt nicht unbedingt. Kritisches Konsumieren macht mir immer noch Spaß, sowohl aus Gründen der Kritik als auch aus Gründen des Konsums. Ich gebs ja zu, hin und wieder machts doch echt Spaß, dieses Kaufen und genießen. Endorphine, Serotonin, Adrenalin, das ganze Programm.

Aber sorry, zu Weihnachten werd ich echt zum Fundi. Wobei, was heißt „Weihnachten“ – wir haben den 21. November, also über ein Monat noch. Pünklich am 15. hingen plötzlich die Straßen wieder voller Weihnachtsbeleuchtung (wirklich überpünktlich, ich hab sogar eine Wette gewonnen, weil ich den genauen Tag erraten habe). Man beachte TV-Werbungen und zähle mal mit, wie signifikant die Anzahl der Parfumwerbungen ansteigt. Letztes Jahr haben der Liebste und ich mal in einer einzigen Werbepause sieben Parfumwerbungen gezählt (und immer das selbe Konzept: Schönheit räkelt sich/entsteigt den Fluten/kommt in Designerwohnung, leidet an Wallungen und reißt sich die Kleider vom Leib/alle schauens „verführerisch“ in die Kamera). Ich warte auf die massive Zunahme der Handytarifwerbungen, sollt auch in den kommenden Tagen passieren. Dann wird der Inder Weihnachten feiern und zu zugegeben meistens recht gut ausgewählter Musik A1 schöne Menschen durchs Bild tanzen lassen. Während einige Leute es noch schaffen, sich ihr privates Weihnachtsgefühl durch Keksebacken zu schaffen, werden wir in Supermärkten mit künstlichem Kekserlduft betört und können den auch noch als Duftkerze kaufen. Weihnachts“angebote“ (mir schlaft das Gsicht schon beim Schreiben dieses Wortes ein), wohin das Auge reicht. In spätestens zwei Wochen dann eine Inflation an Weihnachtsmännern auf den Einkaufsstraßen, die einem Flyer mit Sonderangeboten beim MüllerThaliaVeromodaPeekundCloppenburgHumanicPromodNewYorkerwoweißichdenn in die Hand drücken werden. Am 23. dann die Schlangen vorm Sewa und die 27 geöffneten Kassen im Thalia (wobei, Bücher schenk ich auch immer und gerne. Bücher sind einfach was Tolles. Und das schreib ich jetzt nicht aus diesem Grund).

Und jedes Jahr aufs Neue frag ich mich schon im November: Wozu denn der ganze Scheiß? Wieso lassen wir uns so dazu hinreißen, irre viel Geld für irre viele oft gewaltig unnötige Dinge auszugeben? Klar, Schenken ist was Schönes, und ich freu mich auch jedes Mal aufs Neue, wenn ich vom Liebsten oder von Freunden tolle, gutüberlegte Geschenke bekomme. Sehr. Dennoch: Dieses „Wir müssen schenken um des Schenken willens, und wir merken nicht, dass uns das nur eingeredet wird von Wirtschaft und Werbung, dass da nur mit unseren Gefühlen der Besinnlichkeit, Liebe und Familienbezogenheit gespielt wird“ – das nervt! Jetzt schon!

Ich konnte mich nicht entscheiden, wie ich bebildere, kam dann auf „Nichtweihnachten“ – und finde sie alle lustig. Konnte mich also nicht zwischen den vier Bildern entscheiden…..auf alle Fälle: alle (c) nichtlustig.de

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Oha, der Textilschwede will mich verführen

Es ist doch gemein. Die meiste und beste Inspiration hol ich mir an Freundinnen und/oder Frauen, die ich auf der Straße sehe. Und seit ich eine entfernte Bekannte vor einigen Wochen im Wienerwald getroffen hab, geht mir ein überdimensionierter grauer Sweater als Kleid nicht mehr aus dem Kopf. Hab seither immer wieder recherchiert, aber auf der biofairen Ebene nix entdeckt. Immer wieder überlegt, ob ich vielleicht mal ins Caritaslager schau, vielleicht find ich ja irgendeinen riesigen Herrensweater, den ich mir ein bißchen schmäler nähe.

Am Wochenende eine alte Bekannte des Liebsten getroffen. Und auch sie hatte genau so ein Teil an. Ich so: „Maaah, so einen hätt ich so gern, wo ist denn der her?“

Fehler, großer Fehler.

Ich muss lernen: Nicht fragen. Man will die Antwort ja eh nicht hören.

„Vom Haundemm!“

„Aber sicher schon älter, oder?“ Das war sowas wie der Versuch eines Abwehrmanövers im letzten Moment. Aber leider nicht erfolgreich:

„Na, vor einer Woche gekauft. Cool, oder?“

Verdammt. Das erste Mal seit Monaten (Jahren!) auf die Website in den Webshop geschaut. Und da ist er. Und gleich noch ein ähnlicher, auch saucool. Der eine fünfzehn, der andere 20 Euro. Und ich denk mir: „Nein. Neinneinnein. Fuck. Genau so. Nein. Neinneinnein.“

Aber ich bin immer noch von der WearFair und den vorhergehenden Einkäufen gesättigt. Ich brauch ihn nicht. Und die Feststellung, dass ich immer noch nicht immun bin gegen den Textilschweden, ärgert mich grad massiv. Aber mei, wenigstens weiß ich: Ich werd jetzt ein paar Tage raunzen und mir den Pulli wünschen und mit mir kämpfen, aber ich werd ihn mir nicht kaufen.

Caritaslager am Samstag anyone? 🙂

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Und das Perverse – neulich haben mir sogar Schuhe von Nike (!) plötzlich uuuurgut gefallen. Nike! Das sind die hier, best of Böse! Und was lernen wir daraus? Die Verführungen werden niemals weniger – aber die Konsequenz ist immer noch da. Ich kauf doch den Nikes keine Schuhe mehr ab, pfft, soweit kommts noch 🙂

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Fashioncamp: Gesamte Diskussion online

Die gesamte Diskussion vom Fashioncamp ist seit ein paar Tagen online! Wer Nana, Michaela, Victoria und Veronika beim Diskutieren und mir bei meiner (definitiv optimierbaren) Erstlingsmoderation zuschauen will: Klick aufs Bild!

fashioncampvideo

Und falls mich wer für zu unkritisch hält: Ich glaube nicht, dass es der Weg ist, mich mit all den Bloggerinnen, die Mode zu ihrem Arbeits- und Freizeitmittelpunkt machen, anzulegen. Der Groschen muss sowieso bei jeder selbst fallen, auf ihre jeweils eigene Art. Ich hab mich gefreut, dass wir bei dieser Diskussion viele Zuhörerinnen hatten und der Gedanke der fairen Produktion und Ressourcenschonung ein bißchen rausgetragen wurde.

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Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke!

Ich habs natürlich nicht lassen können und bin vorhin gerade rein in die gestern eröffnete Filiale von Ernstings Family bei mir ums Eck. Und ich hab wiedermal eine neue Entdeckung gemacht: Wenn man wirklich, WIRKLICH lange nicht in dementsprechende Geschäfte geht – zur Erinnerung: In den letzten eindreiviertel Jahren war ich genau zweimal beim Textilschweden drin, einmal heiße drei Minuten, dann flasht es einen auf überraschende Weise.

Ist euch schon mal aufgefallen, wie unglaublich es stinkt in diesen Filialen? Instant-Kopfschmerzen, diese Mischung aus seltsamen künstlichen Gerüchen, allem vorgelagert Polyestermief und Formalin. Unglaublich, wie ungewohnt das ist, wenn mans lange nicht erlebt hat. Die Verkäuferinnen tun mir leid.

Wusstet ihr, dass es Studien gibt, die den starken Pestizideinsatz bei Schnittblumen mit schweren Erkrankungen von Blumenverkäuferinnen in Zusammenhang bringen? Ich vermute und bin überzeugt, dass Verkäuferinnen, die tagein. tagaus in so einer Textilfiliale arbeiten, ebenfalls unbekannten gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt sind….

Tut mir leid, vielleicht übertreib ich jetzt, aber hat die Evolution uns unser Riechorgan nicht mal entwickelt, damit wir für unseren Körper Schlechtes als unangenehm riechend identifizieren? Schon klar, es gibt stinkende Sachen, die sind fantastisch, wieder Ziegenhartkäse, der mir grad den ganzen Kühlschrank vollstinkt, aber so rein grundsätzlich müsste man sich doch auf seine Nase verlassen können. Wieso finden wir dann Formalin- und sonstige Lösungsmittelgerüche nicht alarmierend?

Bin gespannt, ab wann es in der Filiale nur noch nach synthetischen Düften riecht. Die übrigens auch gesundheitsgefährdend, tw. mit krebserregenden Inhaltsstoffen, sind.

 

Mir stinkts.

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(Fast) Fashion Hero – alles andere als heroisch

Gestern Fashion Hero geschaut. Erwartungshaltung: Ich steh auf die Kreativität, die bei Project Runway vorgeführt wird. in einer von zehn Challenges geht es darum, etwas für den Massenmarkt zu produzieren, ansonsten gibt es immer wieder witzige  Herausforderungen und tolle Ergebnisse. Der Preis: Die finanzielle Möglichkeit, eine eigene Linie als Designer aufzubauen. Und nicht sich an Massenanbieter verkaufen. Mich inspirieren die Designs, aber nicht zum direkten Nachkaufen, sondern zu Überlegungen, wie ich was nachnähen könnte.

Die Hoffnung: Dass das genau sowas auf deutsch wird.

Das Fazit: BOAH. Was für ein konsumistischer Scheissdreck.

Ein sehr seltsames Konzept: Designer führen ihre „Signature Styles“ vor, und die EinkäuferInnen dreier großer Modehäuser schlagen zu – oder eben nicht. Dazwischen sitzt Claudia Schiffer mit zwei ansatzweise exzentrisch aussehenden Statisten und sagt: „Wow!“ und „Aaah“ und „Ich liebe diese Hose!“.

Es geht nur darum, was sich in Masse produzieren lässt, die ganze Show ist gesponsert von den drei Modemarken, die da „einkaufen“ um horrende Summen (ok, diese Summen sind vielleicht gar nicht so unrealistisch), und alles geht nur um schnellschnellschnell. Vor Monaten aufgezeichnet, heißts „Morgen in den Läden!“ Die sogenannten „Experten“: Staffage, die hin und wieder Senf abgeben.

Die Sendung ist eine Werbesendung für Massenproduktion. Sagt die Einkäuferin von asos (die mir übrigens mal eine Kooperationsanfrage geschickt haben…ich finds immer noch witzig), dass sie 70.000 Euro in zwei Teile eines Designers investiert, denk ich mir: Und die Näherin in Bangladesch/Pakistan/China/wurschtwo, die dieses hässliche Teil jetzt nähen darf, würde bei dieser Zahl in Ohnmacht fallen – und weiterhin 30 Euro im Monat für einen Job, bei dem nicht mal ihre Sicherheit gegeben ist, bekommen. Vielleicht.

Für die Unternehmen ists grandios – die Onlineshops binnen Minuten ausverkauft, bieten sie gleich noch jede Menge zusätzliche Produkte zu den Gewinnerdesigns an. Praktisch.

Ganz ehrlich? Weder asos noch Karstadt noch S.Oliver nehme ich auch nur die kleinsten Schritte Richtung Nachhaltigkeit ab. Das, was sie da abliefern, ist das Gegenteil. Yey Fast Fashion. Ich könnte kotzen. Von so einer Sendung erwartet man sich logischerweise und treppenlustigerweise kein erhöhtes Sendungsbewusstsein, aber so derartig ins Gegenteil umschlagen und nur auf kaufenkaufenkaufen gehen, ist wirklich verachtenswert.

Screenshot Karstadt Onlineshop drei Minuten nach der Sendung

Screenshot Karstadt Onlineshop drei Minuten nach der Sendung

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Fernsehabend

Nach drei Presseaussendungen, einer Pressekonferenz und Tagwache um halb sieben statt ansonsten zwischen halb acht und acht plus immer noch beleidigtem Magen häng ich in den Seilen und werde mich heute nicht mehr vom Fernseher/Laptop wegbewegen.

Als erstes schau ich mir in der TV-Thek an, was ich gestern live versäumt habe:

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Screenshot ZDF.de

Schau es jetzt gerade live, während ich diesen Beitrag erstelle, und wenn mir nicht eh schon den ganzen Tag wegen der Gastritis schlecht wäre, wäre es das spätestens jetzt. Unbedingt anschauen. Aber Achtung, WIRKLICH grauslich. Sehr drastische Bilder von Kühen, denen lebend die Haut abgezogen wird, und Marderhunden, die einfach schnell mal auf einem Markt erschlagen werden. Neben diesem Grausen hab ich grad so ein richtiges Bobo-schlechtes-Gewissen: Einerseits weiß ich, dass meine Sandalen, meine Boots und meine Taschen beide aus Ökoleder, chromfrei gegerbt und in Europa hergestellt sind. Andererseits: Leder. Und: Ich kanns nicht genau wissen, ich muss mich auf die HerstellerInfos verlassen. Und dann wär da auch noch die Second-Hand erstandene Liebeskind-Tasche. Verdammt, es ist doch so verlogen. Bei den nächsten schönen Lederboots hab ichs doch wieder vergessen. Wie wir alle. Fast alle. Was Leder und Veganismus angeht: Mein Weg dorthin ist ein sehr langsamer, aber ich versuche, ihn zu gehen.

Und danach geb ich mir neugierdshalber mal das Gegenprogramm. Ich bin ja großer Fan von Project Runway, aber was ich da so in den Vorschauen gesehen hab… ich weiß nicht so recht. Großhändler kaufen gleich mal die Kollektionen ab? Fokus auf Massenverkaufbarkeit? Den gibts bei Project Runway nicht (immer). Mal schauen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Der Diderot-Effekt

Sehr cooler Artikel, der dringend gelesen werden sollte – da er auf ORF nicht mehr auf der Startseite zu finden ist, kopier ich ihn hier rein. Aus Zeitgründen (muss gleich aufbrechen nach Niederösterreich) noch unkommentiert. Danke Jörg übrigens für den Hinweis!

Sklave einer „scharlachroten Robe“

Die kurze Klageschrift „Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern“ aus der Feder des französischen Aufklärers Denis Diderot, dessen Geburtstag sich am Samstag zum 300. Mal jährt, wendet sich, wie es im Untertitel heißt, als „Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben“. Zugleich bietet sie eine Erklärung für gesellschaftliche Mechanismen, die heute mehr denn je Gültigkeit besitzen.

Diderot beschreibt zunächst seine Gefühle, die der Verlust des alten, verschlissenen, aber liebgewordenen Hausrocks, der mit den vielen Tintenflecken die Arbeit des Literaten bezeugte, auslöst. In der neuen, prächtigen „scharlachroten Robe“ sehe er aus „wie ein reicher Tagedieb“, seufzt Diderot, „man sieht mir nicht mehr an, wer ich bin“. Aber das verlorene Identitätsmerkmal ist erst der Anfang, denn dem „scharlachroten Gebieter“ gelingt es, ringsum „seinen Stil durchzusetzen“.

Als Sklave des „verfluchten Luxuskleids“ sieht sich Diderot gezwungen, nach und nach seine gesamte Wohnungseinrichtung dem neuen Mantel anzupassen und auszutauschen: Der „Tisch aus Holz“ muss einem „kostbaren Schreibtisch“ weichen, der „alte Rohrstuhl“ einem „Maroquinsessel“, das verbogene Bücherbrett einem Intarsienschrank. „Zwei ganz passable Stiche“ werden ebenso „ohne Gnade vertrieben“ wie die Gipsabdrücke, Geschenke eines Freundes. Einzug halten dafür „Damasttapete“, „eine antike Bronze“, eine vergoldete Pendeluhr und ein „großer Spiegel über dem Kamin“. Wie das „Kabinett eines Steuerpächters“ sehe Diderots Zimmer jetzt aus.

Sein wahres Leben ist nur noch Erinnerung: „Mein alter Hausrock und der ganze Plunder, mit dem ich mich eingerichtet hatte – wie gut passte eins zum andern!“ Jetzt sei „alles aus den Fugen. Die Übereinstimmung ist dahin und mit ihr das richtige Maß, die Schönheit“. Schuld an allem „ist der unselige Hang zur Konvention“, „der anspruchsvolle Geschmack, der alles verändert, ausrangiert, verschönert, das Oberste zuunterst kehrt“.
Korrektur der Korrektur

Diderot-Effekt nennt der Sozialwissenschaftler Grant McCracken dieses psychologische Phänomen. Der Kauf eines neuen Produktes trete eine fatale Kettenreaktion los, weil das neue Produkt das harmonische Gesamtbild in der Imagination des Kunden störe und ihn instinktiv zur Korrektur zwinge. Ein passendes „Folgeprodukt“ müsse angeschafft werden, das jedoch bald wieder das neue Gesamtbild verforme und eine weitere Korrektur verlange.

Beispielsweise „ruft“ ein neuer Pullover nach der passenden Hose, diese dann nach der passenden Handtasche, diese wiederum nach den passenden Schuhen und so weiter. Der Diderot-Effekt versetze den Kunden in einen ausweglosen Konsumzwang, da ein stimmiges „Endbild“ nie erreicht werden könne. Marketing und Werbung machen sich das zunutze, indem sie Produkten ständig Updates, Upgrades und neue Versionen folgen lassen. Der Diderot-Effekt ist praktisch in der gesamten Wirtschaft zu finden und wird mitunter sogar als „Innovationsmotor“ beschrieben.

 

Diderots Klageschrift geht aber einen Schritt weiter. Impuls des Kaufrausches ist die Hoffnung auf Zufriedenheit, die aber so unerreichbar bleibt wie die Erfüllung des Wunsches, durch materiellen Wohlstand freier zu werden: „Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge“, klagt Diderot. Seine Selbstanalyse wird zur harten Gesellschaftsdiagnose. Es ist das Bild einer unglücklichen Gesellschaft, die gefangen ist in der Konsumschleife und blind Waren auf Waren häuft.
„Ende des Sturms“

Ein „richtiges Leben im falschen“ (Theodor W. Adorno) erscheint somit auch außerhalb von Diderots Zimmer unmöglich. Und so bleibt ausgerechnet dem Atheisten nur noch die Anrufung Gottes, der ihn strafen möge, wenn der Reichtum ihn verdirbt, ihm alles wegnehmen und ihn in die Armut zurückstoßen möge. Aber Gott solle ihm doch bitte ein einziges Bild lassen, Vernets „Ende des Sturms“, um dem Unglück noch zu entkommen, fleht Diderot – stets bereit für den Sprung zur nächsten Relativierung.

Im gänzlich falschen, weil nur noch warenförmigen Leben taucht mit der Kunst überraschend eine Nische auf, die diese Falschheit abzumildern oder zu negieren versucht. Aber auch sie ist zum Schiffbruch verurteilt, ja, spielt dem falschen zu, weil sie eine Möglichkeit von richtigem Leben bloß vorgaukelt.

Einen letzten Notausgang sucht Diderot in den „Armen einer Kurtisane“. Doch sei er gefasst, auch sie einst dem zu überlassen, den sie glücklicher machen kann als ihn. Verdient Diderot am Ende Mitleid? Nein, denn Diderot hält noch eine Schlusspointe parat, um sich gemeinsam mit dem Leser in kathartisches Amüsement fallen zu lassen: „Und um Euch mein Geheimnis ins Ohr zu sagen: Diese Schönheit, die sich andern so teuer verkauft – mich hat sie nichts gekostet.“
„Das Glück des Einzelnen“

Die „Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern“ stehen exemplarisch für Diderots radikales Verständnis von Aufklärung, nämlich schonungslos Urteile über Wahrheit und Falschheit aus der eigenen Erfahrung und der eigenen Überlegung heraus zu fällen – unter der grundlegenden moralischen Devise, für ein besseres Leben einzutreten, denn: „Das Glück des Einzelnen ist der Endzweck der Gesellschaft.“

Philosoph sei jener, „der das Vorurteil, die Tradition, die Vorrechte des Alters, die allseitige Übereinstimmung, die Autorität – in einem Wort: alles, was die Menge der Geister unterjocht – niedertrampelt, der selbst zu denken wagt, der zurückgeht auf die klarsten Prinzipien, sie prüft, sie diskutiert, und nichts akzeptiert, wenn es nicht auf dem Zeugnis seiner Erfahrung und Vernunft beruht“, postuliert Diderot in seiner „Enzyklopädie“. Jahrzehnte später, in Diderots Todesjahr 1784, wird sein deutscher Kollege Immanuel Kant mit seiner berühmten, ganz ähnlich formulierten Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ dieses Postulat upgraden.

Armin Sattler, ORF.at

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