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Presse-Kommentar: Der Mann hat sooo recht!

Ich bin gestern Abend schon drübergestolpert online, heute stehts in der Printausgabe der Presse: Der Mann hat einfach nur so recht, und fasst es wunderbar zusammen. So schön, dass ich es unbedingt auch hier am Blog posten möchte, nicht nur auf Facebook:

„T-Shirt, made in Bangladesch“: Moral ist nicht eingepreist

Kritisieren, und trotzdem kaufen. Erklärungsversuch einer Doppelmoral.

Von Adrian Lobe  (Die Presse)

Erinnert sich noch jemand? Im Mai 2013 stürzte in Bangladesch eine Textilfabrik ein. Über 1000 Menschen starben. Die Bilder lösten Entsetzen aus, die Empörung war groß. Medien, Wirtschaft und Politik geißelten die katastrophalen Arbeitsbedingungen: Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen und die Arbeitsplatzverhältnisse verbessert werden, war der einhellige Tenor. Große Modeketten wie H&M, Benetton und Zara, die in Bangladesch und anderen Billiglohnländern in großem Stil produzieren, wurden an den Pranger gestellt.

Ein Jahr später ist man wieder am Ausgangspunkt angelangt. Vom moralischen Furor ist wenig geblieben, das Geschäft geht munter weiter. Die Leute kaufen eifrig bei den gebrandmarkten Kaufhausketten ein, das Etikett mit der Aufschrift „Made in Bangladesch“ wird ignoriert. Was zählt, ist der Preis.

Das T-Shirt ist kein Gebrauchsgegenstand mehr, den man über einen längeren Zeitraum trägt, sondern ein Einwegprodukt, das man einmal anzieht und dann in den Müll wirft. Wir gehen verschwenderisch mit Ressourcen um.

Die modernen Sklaven in der Dritten Welt, die oft nicht mehr als einen US-Dollar am Tag verdienen und in erbärmlichen Behausungen leben, müssen für den Überflusskonsum in den Industrienationen schuften. Die Frage ist: Wie lange können wir uns diesen Lebensstil noch leisten? Wie viele Fabriken müssen noch einstürzen, ehe ein Umdenken einsetzt?

Komplizen der Textilindustrie

Die Gutmenschen im Westen, die gern Menschenrechte einfordern und sich in Krisengebieten zum moralischen Scharfrichter aufschwingen, werden zu Komplizen der Textilindustrie. Eine Doppelmoral und üble Heuchelei: Wir zeigen mit dem Finger auf böse Modeketten und Ausbeuter, kaufen aber ihre Produkte – und unterstützen damit dieses Treiben. Wir finden es irgendwie „cool“, ein iPhone in den Händen zu halten, das eine glatte Oberfläche hat, sich perfekt an den Nutzer anschmiegt, wollen aber nicht einsehen, dass an den seltenen Erden oftmals Blut klebt. Wir sehen das Produkt, aber nicht die Leute, die es produzieren.

Fair Trade ist nur eine Nische

Auf modisch gefärbten Jeans erkennt man keine Schweißperlen. Und man sieht auch nicht die verklebten Lungen chinesischer Arbeiter, die Jeanshosen mit einem Giftcocktail aus Chemikalien bearbeiten, damit diese den gewünschten Vintage-Look bekommen.

Natürlich empfinden wir es als himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn wir in den Abendnachrichten die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sehen. Trotzdem gehen wir am nächsten Tag ins Modegeschäft, eben weil es billig ist. Der Homo oeconomicus wägt zwischen Preis und Konsumwert ab. Die Moral ist nicht eingepreist.

Es gibt die Kritiker von Attac und Greenpeace an diesem Geschäftsgebaren. Doch Nichtregierungsorganisationen können dem System nur schwerlich etwas entgegensetzen. Fair Trade ist nur eine Nische. Die Macht der Verbraucher ist die Ohnmacht der Arbeiter.

Ist der mediale Scheinwerfer weg, gerät die Misere in Vergessenheit. Die moderne Konsumgesellschaft ist nicht nur eine Wegwerfgesellschaft, sondern auch eine Wegschaugesellschaft. Wir sehen verschämt weg oder setzen Betroffenheitsminen auf, wenn wir mit der Armut konfrontiert werden.

Wir ergehen uns in Empörungsexerzitien, fordern vehement ein Ende der Ausbeutung, mehr Gerechtigkeit und Fairness. Doch mit unserem Kaufverhalten konterkarieren wir eben unsere wohlfeilen Intentionen. Wir werden die Welt nicht retten. Aber wir sollten unsere hehren Motive nicht an der Kaufhauskasse vergessen.

Adrian Lobe (geb. 1988) studierte Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen und arbeitet als freier Journalist für diverse Medien.

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Kambodscha, KiK und kotzen wollen

Es ist zwar schon spät, aber ich muss mir das jetzt von der Seele schreiben. Ich find es so unendlich traurig, dass diese Nachrichtenmeldungen derzeit kein Ende nehmen (und gleichzeitig freu ich mich, dass es Nachrichtenmeldungen sind, dass es inzwischen so einen Nachrichten wert hat, dass wir hier in Österreich und Deutschland davon erfahren).

Es gibt wieder Streiks und Demonstrationen von TextilarbeiterInnen. Diesmal in Kambodscha. Auch dort wird um eine signifikante Erhöhung der Mindestlöhne gekämpft, da die aktuellen Löhne im Textilbereich zum Leben einfach hinten und vorne nicht mehr reichen. Und das Militär ist gleich mal auf sie los gegangen – mit dem Argument, die Streikenden wollten „zur Zerstörung von Fabriksbesitz anstiften“. Stattdessen wurden die Streikenden zerstört – mit Messern, Kalaschnikows, Steinschleudern und Schlagstöcken. Echt, da fehlt nur noch Tränengas in der Liste. Zum Kotzen. Da kämpfen welche FRIEDLICH um ihr MENSCHENRECHT (das Recht auf einen Existenzlohn steht in der Menschenrechtscharta) – und werden dafür verprügelt und verhaftet.

Wenn nicht das schon arg genug wäre: Die Menschen kämpfen um 160 Euro im Monat. Gut, momentan ist hier alles voll mit Ausverkaufsangeboten, aber die „Vorher“-Preise bei Turnschuhen zB. kommen doch manchmal dort hin, preistechnisch gesehen. Die hier, zum Beispiel, oder die hier. Und: Diese Schuhe werden im Kambodscha genäht. Also. Ein Paar Schuhe von zig, die ein Arbeiter pro Tag zumindest in Teilen zusammennäht. Und er kriegt nichtmal 160 Euro im Monat dafür.

Ja, der Lebensstandard in Kambodscha ist ein anderer. Im Gegensatz zu hier kann man dort wahrscheinlich von 160 Euro im Monat halbwegs leben (bevor ich das jetzt hier um die Ohren gehaut krieg: Nein, ich glaube nicht, dass man hier mit 160 Euro leben kann. Nicht, wenn man Miete zahlen muss.). Aber allein schon darum kämpfen zu müssen, mit der Gefahr, entweder verprügelt, verhaftet oder gleich versehentlich umgebracht zu werden, kann sich das hier bitte mal jemand vorstellen? Wir ÖsterreicherInnen haben ja nichtmal die Donnerstagsdemos konsequent durchgehalten, und wenn der VGT auf der Mariahilferstraße demonstriert, sind da mehr Einsatzwagen als Demonstranten anwesend – und gemeinsam spazieren diese gemütlich die Mahü runter…. 

Gleichzeitig mit den Unruhen hat der Chef der Tengelmanngruppe (wo KiK dazugehört) ein Interview gegeben. Ganz ehrlich, das liest sich so derartig scheinheilig und verlogen, dass mir schlecht wurde beim Lesen. Ich zitiere ORF.at:

Die Bekenntnisse westlicher Billigmodeketten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind jedenfalls kaum mehr als schöne Worte. Erst am Donnerstag verteidigte der Handelskonzern Tengelmann, zu dem der Textildiskonter Kik gehört, die Produktion von Kleidung in Bangladesch. „Ich wehre mich dagegen, dass es aufgrund niedriger Preise automatisch zu schlechten Produktionsbedingungen kommen muss“, sagte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub gegenüber der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ („WAZ“).

In den Fabriken werde nicht nur für Kik, sondern auch für Markenfirmen genäht, argumentierte Haub. Er erklärte, der Tengelmann-Konzern habe „in den letzten Jahren begonnen, allein und aus eigener Kraft einige Verbesserungen in den Produktionsländern auf die Beine zu stellen. Das ist uns aber nicht mit großem durchschlagendem Erfolg gelungen“. Mit Blick auf die jüngsten Fabrikskatastrophen fügte er hinzu, es sei sehr traurig, dass sich die produzierenden Unternehmen erst dadurch zusammengetan hätten.

Hallo? Es ist in SEINER (Mit-)Verantwortung, solche Katastrophen zu verhindern! Danach sagen: Hui, wie traurig, dass erst danach was passiert, aber leider, vorher hatten wir nicht den „durchschlagenden Erfolg“, weil wir halt doch nicht zu viel Gewinn einbüßen wollten….. ich mag solche Menschen nicht. Punkt.

Im Standard kommentiert Julia Herrnböck die aktuellen Entwicklungen in Kambodscha, und für diesen Absatz könnte ich sie abbusseln, sie hat einfach durch und durch recht:

Mit dem gleichen Druck sollten wir Konsumenten auch auf Gewalt und Repression reagieren, mit der Löhne unter dem Existenzminium erzwungen werden. Und wenn sich die Konsumenten ihrer Rolle bewusst werden und ein paar alte Einkaufsgewohnheiten überdenken, könnte sich noch mehr zum Besseren wenden.

Wenn die Unternehmenschefs schon keine große Intention zeigen, etwas zu ändern, dann sollten wir KonsumentInnen es endlich tun. Ich sags in jedem Interview im Moment, und ich werds auch in jedem noch folgenden sagen: Mit jedem Einkauf, mit jeder Konsumtätigkeit setzen wir eine politische Handlung.

Echt jetzt, buddhistische Mönche verprügeln. Das ist ja wohl das Letzte. So ganz nebenbei.

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(Mieses) Erlebnis-Shopping

Ich muss diesen Blog jetzt mal missbrauchen. Pfwoah hab ich mich geärgert letztens. „Zwischen den Jahren“ (bin letztens über diese Redewendung als Bezeichnung für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr gestolpert und finds wunderschön) sind der Liebste und ich viel zuhause. Ausspannen am Sofa. Sehr viel. So viel, dass uns ein bissl die Decke am Kopf ist. Worauf wir uns gestern spontane Freunde gesucht haben – und in Form der Frau Vintage und Rosenroth samt Liebsten fanden. Die wiederum eine spontane Überraschung in Form von in Barcelona lebenden (und im Buch vorkommenden) Freunden mitbrachten.

Gelandet sind wir aus Neugierde („Das wollt ich schon ewig mal ausprobieren“ – „Ja ich auch!“) im Dots. Dort gibts „Experimentalsushi“ – und zugegeben, es schmeckt teilweise echt spannend. Teilweise. Die Preise sind wirklich geschmalzen, und der Rest ….. es ist mir aus lauter Grant grad ein Anliegen, dass meine auf Facebook hinterlassene Rezension (ja, ich war sauer, so richtig) auch hier von ein paar Leuten gelesen wird: Weiterlesen

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Spaß beim bunten Spanier??!

Ich liebe da Bild.de. Mein tägliches Nachrichtenprogramm am Morgen beginnt mit derstandard.at und orf.at, geht dann manchmal noch kurz zu Spiegel.de, und auf alle Fälle aber noch zu Bild.de. Einfach, weil ich mir immer wieder denk: Das gibts doch einfach nicht. Das ist doch wirklich noch ärger als die Kronenzeitung. Heute durfte ich folgenden Artikel lesen: Ausziehen für Desigual. Die Aktion kennt man seit Jahren vom bunten Spanier: Nackert, optimalerweise im tiefsten Winter, vor der Filiale warten, drinnen darf man sich dann ein Oberteil- und ein Unterteil behalten. Mei. PR-Aktion halt.

Nur heute muss ich mal wirklich den Zeigefinger erheben, die Moralkeule auspacken und wasweißichnoch alles. Der Satz der PR-Beraterin nach der Feststellung, dass so eine Aktion den bunten Spanier 25.000 Euro kostet, blieb mir nämlich im Hals stecken: „Spaß lassen wir uns gern was kosten.“

Also erstens: Weiterlesen

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Must have? Must kotz!

Ich musste heute auf die Mahü. Also eigentlich musste ich sie nur passieren, vom 13A zur Sonja im Strickwerk (übrigens verlosen die zwei Bücher von mir!). Da muss man auch am Forever 21 vorbei. Dort in der Auslage: MUST HAVES! FÜR WEIHNACHTEN! Ein schwarzer Rock, eine graue Jacke, echt MUST HAVES! Ich find das einfach absurd, ich mag mir nicht einreden lassen, was ich haben muss. Und zu Weihnachten, da muss ich als Allererstes mal Familie, den Liebsten und keinen Stress haben (das allein ist schon gar nicht so einfach, wie man weiß). Aber ich MUSS sicher keine graue Jacke haben. Weihnachten findet auch ohne graue Jacke statt.

Ich weiß nicht, stößt euch das auch so ab wie mich? Überhaupt, dieses Gedränge und Geschubse und jeder mit gestresstem Gesicht, und überall wird man kampfbesinnlich umspielt mit Weihnachtsliedern, alle paar Meter ein Punschstand, und Leute! Ihr MÜSST doch KAUFEN! Es ist doch WEIHNACHTEN!

Wäh.

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Wie passend, der Paketdienst-Laster im Hintergrund. Fällt mir jetzt erst auf..

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Einen hab ich noch…

…Einen hab ich noch! Irgendwie sollt ichs ja blöd finden, aber: ich finds trotz allem „aber das kann man doch nicht vergleichen“-usw…. amüsant. Weihnachtsshopping in Wien:

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Die Hose made in Bangladesh in meinem Schrank

Spät, aber doch: Mein heutiger Beitrag. Ich habe den heutigen Tag nämlich damit verbracht, mich von Dingen zu trennen. Meine Wohnung ist dankenswerterweise recht groß, und wir bewohnen sie lediglich zu zweit (was eine Katastrophe für den ökologischen Fußabdruck ist, aber ein großes Glück für die Beziehung – man hat einfach Raum). Und heute war es so weit: Ich bin meinen Besitz durchgegangen. Während der Liebste in der Küche alles wegschmiss, was abgelaufen war, und aus dem gerade noch verkochbaren Zeug eine herrliche Suppe kochte, wanderten bei mir Bücher, Zeitschriften und sonstiges Zeug kistenweise raus. Es ist unglaublich, bei einer so großen Wohnung merkt man einfach nicht, wieviel Krempel und Klumpert man ansammelt. Wohnzimmer, Küche und Bad fühlen sich definitiv schon „leichter“ an, nun ist das Schlafzimmer dran. Und dort steht der Kleiderschrank. Also der halbe, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Als ich im Oktober 2012 dachte, ich hätte mich bereits von so viel Zeug getrennt, jetzt passts – lag ich voll daneben. Es ist schon wieder ein Ikea-Sack voller Kleidung startklar für Tauschparties und die Caritas. Und ich habe das starke Gefühl: Da folgen noch weitere. Denn alles, von dem ich nicht wirklich sagen kann: „Das zieh ich gern an!“, fliegt.

Doch ein Teil, das heb ich mir auf, obwohl ich es nie anziehe.

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Gekauft habe ich diese Hose am 28. Dezember 2011. Ich war beim Textilschweden, um mir wie von einer Freundin angetragen für den anstehenden Jahreswechsel auf Teneriffa der spanischen Tradition entsprechend rote Unterwäsche zu kaufen (immer diese Traditionen übrigens, an den Weintrauben, die man ebenfalls traditionell dort ist, bin ich halb erstickt…). Ich kann mich noch genau an diesen Besuch beim Textilschweden erinnern: Es war überall Ausverkauf. Ich MUSSTE einfach einmal durchschauen, ob mich was anspringt. Diese Hose tat es. Heruntergesetzt auf 15 Euro. In Größe „Ja, wird schon passen“. Bei den Umkleidekabinen eine ewig lange Schlange – dafür hatte ich keine Zeit. Ich musste ja noch packen, am nächsten Tag gings Richtung Teneriffa. Zuhause dann die Hose (und die Bluse und das Top, das ich auch noch mitgenommen hatte, das Top um unpackbare 2,50) anprobiert. Sie schaute einfach seltsam aus, passte mir überhaupt nicht ordentlich. Weggeben konnte ich sie nicht. Sie war ja neu und vielleicht würde ich noch was draus machen und überhaupt, vielleicht würde ich sie ja doch mal anziehen. Rückgabe gibts beim Textilschweden auf Heruntergesetztes nicht, zumindest war das damals an der Kassa die Info.

Heute ist sie mir wieder in die Hand gefallen, versteckt im hintersten, untersten Eck meines Kleiderschranks. Ich schaute mir das Label mal genauer an (wobei mir eh klar war, dass auch wenn da jetzt Turkey oder Cambodia steht, es nicht besser ist):

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Diese Hose werde ich aufbewahren. Sie ist für mich und meinen Kleiderschrank (also was den Inhalt dessen anbelangt, ob der selbst eine Meinung hat, kann ich nicht sagen, wobei: Lustig wär das schon! „Hearst, was gibst ma denn da scho wieder eini, a so a Schaas, des ziagst sicher nia an, und dann hab ichs hängen. Super.“) fast schon ein Mahnmal: Sie ist der Inbegriff meines früheren Kaufverhaltens. Sie steht für das „zuviel“, in dem ich so leidenschaftlich geschwelgt habe, und für das so viele Menschen leiden mussten. Für das nicht-darüber-nachdenken, wo meine Kleidung herkommt. Für diese Anspruchshaltung, dass ich mir nebenbei schnell mal was zum Anziehen kaufen kann, ohne groß drüber nachzudenken. Wie gerne würde ich heute wissen, wer aller diese Hose (oder Teile davon) in der Hand hatte, bevor sie bei „meinem“ Textilschweden zum Verkauf da lag. Damals war mir das wurscht. Wenn diese Menschen wüssten, dass ich diese Hose erst einmal an hatte…

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Im Hochzeitsstress

Es ist doch wie verhext – es gibt eine Art von Event, bei der ich mir jedes Mal denke: Ich hab nix anzuziehen: Hochzeiten. So sehr ich selbst nicht heiraten will: Die Einschränkung auf „weißes Kleid“ würd mir schon einiges erleichtern. Jedes Mal, wenn ich auf eine Hochzeit eingeladen bin, bin ich im Dilemma: Hab ich Kleider, die edel genug sind? Kann man in einem Jerseykleid auf eine Hochzeit gehen? In schwarz, rot und wasweißichnoch darf man ja auch nicht auftauchen. Kein Jersey und kein Schwarz und ich bin verloren – in der Kombination hätt ich wenigstens ein Kleid (dankenswerterweise von den lieben Menschen der Göttin des Glücks).

Im Endeffekt finde ich dann eh meistens etwas in meinem Schrank, das tragbar ist – in den meisten Hochzeitsfällen immer das gleiche Kleid (und auch heute stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mein Wunderwickelkleid aus Australien wird (ein Wunder, weil ich es 2005 gekauft habe und es immer noch passt).

Aber stressen tu ich mich jedes einzelne Mal. Unglaublich. Früher bin ich jedes einzelne Mal losgerannt auf der Suche nach was Edlem… und auch jetzt noch geht in mir dieser „hab nix anzuziehen, muss losziehen“-Mechanismus los. Uah. Gut, dass draußen so grausliches Wetter ist (ob es heute auch noch mal hell wird?), da hält sich die Lust eh sehr stark in Grenzen …. manche Impulse, die ich dachte, mir hart abgearbeitet zu haben, hab ich immer noch in mir drin. Nur glücklicherweise weiß ich jetzt: Bulllshit. Ich hab IMMER etwas anzuziehen.

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Made in Italy

Vor wenigen Tagen kam es wieder zu einer Katastrophe in einer Textilfabrik. Es fing zu brennen an, sieben chinesische ArbeiterInnen konnten sich nicht mehr retten bzw. nicht mehr gerettet werden. Das „Überraschende“: Diese Fabrik stand mitten in der Toskana. In Prato.

Dort stehen nämlich über 3000 Fabriken, die fest in chinesischer Hand sind. Die FAZ schreibt:

Die 25 Kilometer westlich von Florenz gelegene Provinzhauptstadt Prato, mit rund 200.000 Einwohnern, ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der italienischen Textilproduktion und stellt vor allem Stoffe für Damenbekleidung her. Im Unterschied zu allen anderen Industriezentren Italiens wurde in Prato jedoch die Textilproduktion von größtenteils illegalen chinesischen Unternehmen unterwandert. Alleine in dem großen Industriegebiet im Süden von Prato, wo am Sonntag das Feuer ausbrach, wird die Zahl der chinesischen Betriebe auf rund 3000 geschätzt.

Es ist schockierend und traurig, dass es diese unwürdigen Zustände nicht irgendwo weit weg, sondern ganz in unserer Nähe gibt. Nicht, dass es „besser“ wäre, weils weiter weg ist – aber es lässt sich doch ein bißchen besser verdrängen, oder? Jetzt mal ganz auf unzynisch: Es ist untragbar, egal, wo es solche Zustände gibt. Doch in diesem Zusammenhang möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen: „Made in Italy“ wird komplett unterwandert. Bereits im Jahr 2010 stand dazu ein sehr spannender Artikel im Tagesspiegel.

Ein kleiner Auszug:

Die Journalistin Silvia Pieraccini hat sich in diese Welt weiter vorgewühlt als jeder andere – und ein Buch geschrieben über die Mechanismen, mit denen die Chinesen zu Reichtum kommen. Mindestens die Hälfte der zwei Milliarden Jahresumsatz, dessen sind sich Pieraccini und die Polizei gewiss, kommt illegal zustande. Stoffe werden am Zoll vorbei ins Land geschmuggelt, ganze Schiffsladungen innerhalb eines Wochenendes verarbeitet und verkauft, ohne Rechnung, ohne Beleg. Steuerforderungen durchzusetzen ist den Behörden praktisch unmöglich: Ein chinesischer Betrieb, der sich im Visier der Fahnder weiß, schließt sofort – und der Bruder, der Schwager, der Onkel, der am Tag darauf eine neue Firma ins Handelsregister einschreibt, ist für die Versäumnisse eines früheren Unternehmers nicht zu belangen. Auf den Firmenschildern im Industriegebiet stehen nur Handynummern, genauso wie auf den Stellenanzeigen, die in Chinatowns Supermärkten hängen, vor denen sich abends nervös rauchende Chinesen drängen.

Laut der Italienischen Nationalbank werden aus Prato jeden Tag 1,2 Millionen Euro nach China überwiesen. Dabei erfasst die Nationalbank nur jene Geldtransfer-Büros, die amtlich registriert sind, nicht etwa jene verschwiegene Buchhaltung, über die laut Polizei in einem einzigen Monat 2009 mehr als sieben Millionen Euro geflossen sind. Dass Geldwäsche im Spiel ist, erscheint den Ermittlern offenkundig; mancher vermutet, Prato sei ein chinesisches Finanzzentrum in Italien. Inzwischen laufen auch Ermittlungen gegen Polizisten, die womöglich in den Geschäften mitmischen, statt sie zu bekämpfen.

Regelmäßig hebt die Polizei versteckte Nähereien aus, in denen junge Chinesen und Chinesinnen auf engstem Raum zusammengepfercht leben, essen, schlafen und arbeiten: unter prekären hygienischen Bedingungen, mit improvisierten Gasheizungen, bis zu 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zwei, drei Jahre lang – bis eben die zehntausend Euro oder mehr abbezahlt sind, die der illegale Einwanderer seinen Schleusern schuldet.

Das unsichtbare Heer der Schwarzarbeiter sei so groß, sagt Silvia Pieraccini, „dass die Chinesen in Prato jeden Tag eine Million Kleidungsstücke nähen können, also mehr als 360 Millionen pro Jahr“. Das „Made in Italy“ hat in diesen Fällen formal seine Berechtigung, „aber bei den Regeln, unter denen da produziert wird – mitten in Europa und in einer Zone mit den am härtesten erkämpften, stärksten Arbeiterrechten –, da stellen sich mir die Haare zu Berge.“

Ich hoffe sehr stark, dass die „Made in“-Diskussion nun neu entfacht wird. Die momentane Regelung – „Es zählt die letzte Naht“ – ist einfach nicht tragbar. Nicht nur, dass diese rechtliche Situation zu solchen Perversitäten wie das Chinatown Pratos und den zugehörigen katastrophalen Zuständen führt, sondern es werden die KonsumentInnen auch einfach nach Strich und Faden belogen. Nur weil „made in Italy“ drinsteht, heißt das noch lange nicht, dass es unter menschenwürdigen Zuständen produziert wurde.

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Die kleine Stimme, die nie verstummt: „Angebot!“

Nach der ersten Sendung hab ich ja schon mal drüber geschrieben: Fashion Hero.

Über Stylekingdom bin ich bei einer Analyse nach Abschluss der Show bei Amica gelandet. Die Show war ein Flop, das war sehr schnell klar. Es gewann der, der von Anfang an als Gewinner feststand. Und es ging nur um verkaufbare Massenware.

Dass sich diese als doch nicht ganz so verkaufbar herausgestellt hat, zeigt die Tatsache, dass in den Online-Shops fast alle Teile noch in allen Größen zu haben sind. Heruntergesetzt. Das bedeutet: Es wurde schnellschnell produziert, um die Leute damit zu beeindrucken, dass ein bestimmtes Siegerdesign noch am gleichen Abend online erhältlich sind. Mein Gedanke dabei: Verdammt, damit wird die Anspruchshaltung an die Geschwindigkeit derartiger Dienstleistungen nur noch weiter gesteigert. Dass die Show zwei Monate im Vorhinein produziert wurde, klingt in diesen Relationen zwar als lang – aber durchüberlegt: In zwei Monaten vom Design zum Stoffkauf zur Produktion zur Fertigung zur Endfertigung zum Transport nach Deutschland? Das ist nix (und doch derzeit der Durchschnitt in der konventionellen Textilwelt)! Und sehen tun die Leute: 20.15h Show, 22.15h Gewinnerstyles bestellbar im Onlineshop. Boah, ey.

Irgendwie freue ich mich ein kleines bisschen, dass die Sendung nicht supererfolgreich geworden ist. Aber der Effekt, dass da jetzt mit großem Tamtam Kleidung produziert wurde, die erst recht keiner kaufen will, der ist wirklich bitter.

Und was ganz absurd ist: Ich habe drei Folgen davon gesehen. In einer mich in den Style echt verschaut – sicher die einfachsten Teile, am wenigsten chichi und nix besonderes. Ich find sie trotzdem gut. Es gibt die Teile noch. Sie sind sicher nachnähbar bzw. ähnlich in biofair erhältlich, keine Frage. Aber sogar in mir, die sich absolut bombensicher ist, dass sie abgesehen von der Tatsache, nicht mehr konventionell kaufen zu wollen, und vor allem kein solches Sendekonzept unterstützen zu wollen,  hat sich so eine kleine Stimme gemeldet: „Ausverkauf! In meiner Größe erhältlich!“. Zum Glück hab ich diese Stimme inzwischen recht gut im Griff – erstummen wird sie wahrscheinlich dennoch nie. Sie wird nur von all den anderen Stimmen in meinem Kopf immer lauter und schneller mit einem „Schnauze halten, die Idee ist scheiße!“ abgewürgt 🙂

Screenshot (c) Soliver.de

Screenshot (c) Soliver.de

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