Weil ich gestern von einer treuen Leserin diesbezüglich angeschrieben wurde, mache ich mir grad ziemliche Gedanken, wie „vorverurteilerisch“ ich eigentlich bin. Mein erster Impuls ist bei so einem Gedanken jedesmal: Ich verurteile nicht, ich mach mir nur so meine Gedanken, öffentlich.
Dann denk ich drei Minuten nach und komm drauf: Bullshit, natürlich verurteile ich. Jeder Mensch verurteilt sein Umfeld auf diese oder jene Art.
Ich verurteile genau die Personen, die Bescheid wissen, herummoralisieren – und drauf pfeifen. Die also wissen, was bei der Produktion von Billigkleidung abgeht, ganz groß mit aufgerissenen Rehaugen einen auf betroffen machen, wenn man drüber redet, das aber ganzganz weit in den Hinterkopf schieben, wenn sie mal wieder ein Zehn-Euro-Kleid-Angebot in die nächste Filiale einer beliebigen Textilkette reinschiebt.
Ich bin mir sicher, dass sich jetzt so einige LeserInnen denken werden: „Na Momeeeeent, da lehnt sie sich aber jetzt sehr weit aus dem Fenster, die Nunu….“ Recht habt ihr. Ich selbst mach da grad wirklich so eine Saulus-zu-Paulus-Transition durch. Ich war genau die Person, die ich da oben beschrieben habe (minus der Rehaugen). Erst seit diesem Jahr – und ich hab doch schon ein paar 29. Geburtstage hinter mir – wandle ich mich. Reichlich spät. Und pfoah, ist das manchmal anstrengend.

