Wenn der Textilschwede redet, meine Zweifel aber die gleichen bleiben

So, jetzt aber. Ist schon fast eine Woche her, dass ich mit dem CSR-Menschen bei H&M, Hendrik Alpen, telefoniert habe. Und jetzt gerade (Mittwochabend) ist der erste Moment, wo ich wirklich die Ruhe habe, mich hinzusetzen und ein bissl zu reflektieren. Und ganz ehrlich, ich bin immer noch ein bissl durcheinander. Nicht, weil ich plötzlich textilschwedisch gebrainwashed bin, sondern weil ich mir nicht sicher bin, wo ich jetzt am besten ansetze. Es wurde vieles besprochen, ich werde sicherlich noch ein paar Beiträge abliefern. Dieser hier ist jetzt mal das, was mich seither am meisten beschäftigt.

Kurz gesagt: Weder ich konnte ihn noch er konnte mich von den jeweilig subjektiven Positionen abbringen. Aber ich glaube, dass wir beide relativ viel loswerden konnten und uns zuhörten. Meine Kritik an der Art, wie sie kommunizieren, kam an. Er meinte zu meiner Produkt-Anzahl-Kritik: „Relevant ist, wie sich der Anteil an entsprechenden Materialien am Gesamtmaterialverbrauch entwickelt. Ein Produkt kann entweder eine Tausender-Stückzahl oder eine gigantische Stückzahl haben. Um den Gesamtanteil gehts.“ Ja, versteh ich. Nur dann bitte nicht in der Tonalität von wegen „Yeah wir sind doch die Geilsten, die  Besten und so hammererfolgreich nachhaltig, weil wir 14 Prozent Anteil nachhaltigerer Materialien haben“ (das ist jetzt im Unterschied zu den oberen Anführungszeichen kein Zitat von Hendrik ), sondern lieber ehrlich auf „Ok, 14 Prozent sind erreicht, 86 Prozent noch nicht. Is net viel, aber wir arbeiten dran.“ (das wär schön, wenns ein Zitat von Hendrik wäre).  Hendrik stellte eine spannende Frage. Er meinte, es sei unglaublich frustrierend, wenn man was macht, mehr als „der Mitbewerber“, und „das so kritisiert wird, dass es besser ist, es einfach sein zu lassen“, da die „Marktwirkung verheerend“ ist. Versteh ich. Das ist genau der Grund, wieso ich meine CSR-Ausbildung gemacht hab, weil mich das auch immer gestört hat, das Firmen abgewatscht werden, egal, ob sie was tun oder nicht. Also „wie sollen wir es dann kommunizieren?“, fragte er.

Screenshot (c) hm.com

Screenshot (c) hm.com

Gute Frage. Mein erster Impuls: Gar nicht. Einfach mal die nachhaltigen Projekte weiterführen, ausbauen, und nicht aggressiv kommunizieren. Fänd ich wirklich spannend, was dann passiert – zu welchem Produkt die Kunden greifen. Aber ich bin ja keine BWL-erin, sondern eine Träumerin, ich weiß. Mein zweiter Impuls: Dem Konsumenten VIEL mehr Transparenz liefern. Nicht „nur“ eine Excelliste aller Lieferanten online stellen (und ja, das ist ein großer Unterschied zu vielen anderen Modelabels, dennoch…), mit denen die durchschnittliche Konsumentin nix anfangen kann, sondern wirklich informieren. Zeigen, wie produziert wird, wo, von welchen Menschen. Zeigen, wie der von mir so scharf kritisierte Paillettenstoff für die Conscious Collection entsteht (das Thema lässt mich immer noch nicht los. Pailletten in einer „nachhaltigeren“ Kollektion, verheerend in der Aussagekraft für jene, die sich mit fairer Mode auskennen). Und aufrechnen, wieviel Geld in welchen Teil der Lieferkette geht. Nennt mich naiv, aber ich finde, dass KonsumentInnen Bescheid wissen sollten, wo ihre Sachen herkommen und wie sie produziert werden. Am Kleidungsstück selbst ist ja nichts erkennbar (außer, es befinden sich etwas „andere“ Einnäher drin wie damals bei Primark). Aber dass es so komplett ausgeblendet wird, das stört mich. Nur schöne Bilder von glücklichen Menschen in den Kleidungsstücken. Ich hätt halt gern, dass die, die die Sachen nähen, auch glücklich sind.

Aber jaaaa, rolle ich grad mit den Augen, ich weeeeiß, der Markt verlangt und überhaupt der Kunde will nicht mehr zahlen und grmpf. Frustrierend, unfassbar frustrierend. Ich hab beim Schreiben jetzt gerade ein bisschen das Gefühl, das ich auch während des Gesprächs hatte: Ich „kämpfe“ gegen Windmühlen. Vielleicht habe ich den Beitrag deshalb so lange hinausgezögert…

Das war übrigens eine Vierzig-Euro-Jeans vom Textilschweden) und ich bin grad noch zu zerknautscht, um mir eine

Das war übrigens eine Vierzig-Euro-Jeans vom Textilschweden) und ich bin grad noch zu zerknautscht, um mir eine „neue“ Bebilderung zu überlegen 🙂 Jeans eben…

Wir kamen irgendwann auf die billigen Jeans zu sprechen. Die Tatsache, dass der Textilschwede Jeans um zehn Euro anbietet (auch ein lustiges Detail, ich sagte immer „zehn Euro“, Hendrik immer „neun Euro neunzig“). Hendrik erklärte mir, dass bei einer Zehn-Euro-Jeans genauso viel übrig bleibt für den Lieferanten wie bei einer  teureren – es wird einfach aus Angebotsgründen keine Marge draufgelegt. Nur so kanns dann so billig angeboten werden. Zwei Punkte daran ärgern mich, der zweite sogar massiv: Erstens ist es völlig egal, wie man es dreht oder wendet, in welchen Stückzahlen man produziert, eine Jeans um zehn Euro KANN SICH NICHT AUSGEHEN in fair (von öko sprech ich ja schon gar nicht mehr, *snief*). Zweitens: Durch solche Angebote befeuert der Textilschwede ein Einkaufsverhalten, das sowas von gegensätzlich zu jeglicher Nachhaltigkeit ist, dass es mir wirklich graust. Kunden entwickeln ein Anspruchsverhalten auf Zehn-Euro-Jeans, und die Preisdruckspirale ist eröffnet – irgendwann empfinden sie dann Jeans um 25 Euro als teuer, der Textilschwede bringt die nicht mehr an, es zählt das Preisargument – und viele der Nachhaltigkeitsunternehmungen sind beim Teufel. Da gehts nicht darum, dass ich aus elitärer Sicht sagen möchte, man möge doch bitte mehr für Jeans bezahlen müssen. Aber Kleidung verliert mit solchen Dumpingpreisen einfach immer mehr an Stellenwert, wird zu „nebenbei Gekauftem“ (und ich weiß, wovon ich spreche). Und das befeuert diesen Impuls nach mehr, schneller, billiger, her mit dem schnellen Glücksgefühl einfach enorm. So lange der Textilschwede solche Angebote macht, so lange werde ich mir auch weiterhin schwer tun, ihm seine diversen Nachhaltigkeits-Initiativen abzunehmen – selbst wenn ich das so gern würde, weil ich einfach gerne glauben würde, dass ichs noch irgendwann erlebe, dass keine Näherin leiden muss, dass wir unsere Umwelt sorglich behandeln, und unseren Konsum wieder auf ein Level herunterschrauben, das weder uns Lebensqualität noch die Umwelt ihr Überleben kostet.

Nur eines muss ich jetzt mal feststellen – so gern ich in meine letzten Absätze noch eine pfeffrige Schlusspointe reinhaue, in dem Fall ist für mich noch viel offen. Ich habe noch einiges zu dem Telefonat zu berichten und werde das nach und nach auch tun. Ich denk jetzt mal weiter drüber nach, wie man als Weltunternehmen dafür sorgen kann, dass die KonsumentInnen korrekt informiert sind, der Umsatz dennoch passt, und die Mitbewerber lange Zähne kriegen und unbedingt mitmachen wollen beim Nachhaltigsein. Wohl am ehesten, indem man keine Fast Fashion produziert, nüm? (oh, da war sie jetzt doch, die Pointe. Sorry, is mir passiert.)

So. Erster Eindruck, more to come.

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10 Gedanken zu „Wenn der Textilschwede redet, meine Zweifel aber die gleichen bleiben

  1. MarieAnn sagt:

    Ich bin ganz deiner Meinung! Keine Fast Fachion ist der einzige verantwortungsvolle Weg.

  2. gretchenstelltfragen sagt:

    So ein toller Beitrag, bin fast gierig auf alle anderen, die da noch kommen werden 🙂

  3. EriksMama sagt:

    Fast Fashion und Nachhaltigkeit? Das ist wie ein runder Kreis.

  4. jula sagt:

    Vielen Dank für deinen Einsatz und deine Unermüdlichkeit!
    Mich würde interessieren, was du mit „meine CSR-Ausbildung“ meinst?

  5. […] wie dieses zeigen: Es ist ihnen einfach wurscht. Es geht um Gewinn. Ich hatte diese Diskussion schon mit ihnen. Das Zehn-Euro-Jeans-Angebot ist für mich ein Symbol. Ach ihr lieben Textilschweden, ihr legt doch […]

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