Schwedisches Feuer…

Spät, aber doch reagiere ich jetzt auch auf diesen ganzen Skandal rund ums Kleidung verbrennen vom Textilschweden. Warum ich bisher zögerlich war?

  1. Eine Kollegin von Greenpeace postete die Geschichte voller Wut, ein H&M Mitarbeiter kommentierte: Bildschirmfoto 2017-10-17 um 22.02.40
  2. Utopia.de ging auch auf das Statement des Textilschweden ein, stellte aber fest: „Der Fernsehsender TV2 widerlegt die Darstellung von H&M jedoch. Wie die „Berliner Morgenpost online“ berichtet, habe der Sender einige der Kleider testen lassen, die zur Verbrennung nach Roskilde verschickt wurden. Dabei seien weder ein problematischer Bleigehalt, noch Wasserschäden oder ein Bakterienbefall festgestellt worden. „Wenn die nicht extrem wasserundichte Lager mit mehreren leckenden Stellen haben, kann ich einfach nicht verstehen, wie so viele Kleidungsstücke so nass werden können. Ich gehe mal davon aus, dass die ordentliche Lager haben. Das ist merkwürdig“, erklärte Christina Dean, Gründerin der Textilumweltorganisation Redress im Gespräch mit TV2.“
  3. Ich hatte bisher keine Zeit, mich weiter in die Geschichte reinzugraben, mag aber ein paar Feststellungen abgeben:
    1. Dass HIN und WIEDER was nass wird, auch im größeren Stil, kann vorkommen. Und ja, das muss dann häufig verbrannt werden, weil das alles zu waschen sich nicht rentiert (so auch erlebt bei meinem geliebten Textil Müller in Kritzendorf nach dem Hochwasser vor ein paar Jahren, als das gesamte Erdgeschoß unter Wasser stand). Oookay. Ich kenn die Gesetze, ich weiß, allein potentielles Schimmelrisiko ist haftungstechnisch schon deppert.
    2. Aber JÄHRLICH seit 2013? Da würd ich mal ein bissl an euren Lagerungsmethoden arbeiten, liebe Textilschweden.
    3. Apropos Lagerung: Lagerung ist teuer. Lagerplatz von unverkaufbarer Ware (weil schnell wieder out und nicht mehr trendy) kostet verhältnismäßig viel. Ergo ist Verbrennen die beste Lösung. Hm! Eins und eins….?
    4. Und was das Argument mit der Chemikalienbelastung angeht – und ich versteh das Argument des Herrn Alpen: Man findet bei Untersuchungen immer nur jene Chemikalien, nach denen man sucht, und wenn der Sender nicht genau gesucht hat, dann hat der Sender auch nichts gefunden. Aber: Hey, warum ist das Zeug von vorne herein drin? Wieso werden ganze Chargen produziert, um nachher zerstört zu werden, weil halt leider ein paar Grenzwerte überschritten wurden?

Kurz: Die Geschichte fischelt doch etwas, vor allem die Regelmäßigkeit der Mengen macht mich stutzig. Ich war jedoch zu Beginn etwas vorsichtig in der Beurteilung, weil ich einfach nicht weiß, wie viel und häufig allgemein bei Fast Fashion Herstellern verbrannt wird (weil: Die Textilschweden sind definitiv nicht die Einzigen, sie haben halt nur Pech, dass es ihnen jetzt nachgewiesen wurde. Aber die Textilschweden sind die, die so sehr auf Recycling setzen wie kein Zweiter).

Aber was in dieser Geschichte mal wieder klar rauskommt: Liebe Schweden, ihr lehnt euch in euren „Wir sammeln alte Kleidung! Wir recyclen! Wir retten die Welt! Wir machen auf öko!“ Claims mal wieder viiiiiiiiiiiel zu weit aus dem Fenster. Herumposaunen, dass man 1000 Tonnen Altkleidung sammeln will (in der Recycling Week 2016, die nichts anderes war als eine Mööööörder Marketingaktion), nicht dazusagen, dass davon nach Stand der Technik grad mal ein Prozent wirklich recyclebar war, und dummdidumm so nebenbei NEUE Kleidung verbrennen, und zwar allein in einem Land ca. 12 Tonnen pro Jahr (und ich gehe davon aus, dass sie jetzt mal in einem Land erwischt wurden, es aber womöglicherweise auch noch in anderen Ländern passiert, globaler Konzern eben..) – das zeigts wieder SO gut auf:

Bitte hört endlich auf, die Menschen zu verarschen, liebe Textilschweden.

Gebt doch endlich zu, dass ihr ein umweltzerstörender Konzern seid, der die Globalisierung schamlos ausnutzt, um möglichst viel Gewinn zu machen. Seid doch endlich ehrlich. Echt jetzt, es geht mir schon so am Zeiger, jedes Mal das gleiche Spiel. Sagt doch einfach: „Hey, ihr wollt schnelle Mode? Liefern wir euch!“ und spart euch doch endlich das Ökogeschwafel, bis ihr WIRKLICH was ändert. Ihr habt lediglich die nicht gar so reflektierten, aber doch grün angestrichenen Menschen als Zielgruppe erkannt und schaut, dass ihr denen hübsch ein bissl „nachhaltig!“ und „Conscious!“ um die Ohren haut, damit sie glauben, sie retten beim Jeanskauf die Welt.

Bitte ändert endlich radikal was, ihr seht doch selbst andauernd: Ihr malt euch grün an, aber es hat keinen Effekt! Macht was! Und damit meine ich nicht hübsche Marketingaktionen, die euch weiterhin einen grünen Anstrich geben, sondern Dinge wie: VIEL weniger Kollektionen. VIEL mehr Produktverantwortung auch nach dem Verkauf (Stichwort Gewährleistung, Reparatur, Rücknahme). VIEL höhere Qualität. Kein schnelles Trendsetting mehr, sondern euren Kunden wieder beibringen, was Langlebigkeit und Zeitlosigkeit bedeutet (ihr schafft das schon. Bei eurem Budget, mit dem ihr per Werbung den Menschen einreden könnt, dass sie alle paar Wochen den neuesten heißen Scheiß brauchen, werdet ihr sicher ein paar schlaue Werber finden, die euch zeigen, wie man Slow Fashion positioniert). NUR NOCH Biobaumwolle (fuck „nachhaltigere“ Materialen!!). Conscious Collections mit HUNDERT PROZENT ökologischen Materialien und ohne konventionelle Baumwolle, konventionelle Seide oder neues Polyester (wobei ich euch auch recycletes Polyester nicht verzeihen würde). KEINE Angebote von Jeans um zehn Euro mehr. Kein Katz-und-Maus-Spiel mit Angebot und Nachfrage („Aber die Kunden verlangen es!“ –> Bullshit. Die Kunden wussten vor ein paar Jahren noch nichtmal, dass Jeans um zehn Euro überhaupt im Bereich des Möglichen sind)…

Aber bis ihr das seid: Bitte haltet still. Einfach mal ruhig sein. Ich kanns nicht mehr hören. Ein Fast Fashion Hersteller, dessen Kerngeschäft es ist, möglichst viele Fetzen möglichst billig zu produzieren und in möglichst kurzer Zeit mit möglichst hohem Gewinn unter möglichst viele Leute zu bringen, ist kein ökologisches Unternehmen und wird es nie sein. Nichtmal, wenn ihr einen auf transparent macht (Transparenz, die etwas milchig ist in meinen Augen). Macht euch nicht mit jeder Mini-Aktion zum Weltretter. Beispiel: Ihr produziert mit Polyester, also tragt ihr Mitverantwortung an der Verschmutzung der Meere. Und jetzt habt ihr auch noch eure Glaubhaftigkeit in Sachen Recycling endgültig verloren, weil ihr tonnenweise Neuware verbrennt. Schon blöd, wenn man seit 2016 voll auf Recycling setzt, nüm?

Vor einiger Zeit hat mal oben zitierter Hendrik Alpen zu mir gesagt, es sei unglaublich frustrierend, wenn man was macht, mehr als „der Mitbewerber“, und „das so kritisiert wird, dass es besser ist, es einfach sein zu lassen“, da die „Marktwirkung verheerend“ ist. Warum nicht einfach mal Schritt für Schritt machen – das will ich euch ja gar nicht absprechen – aber schlicht und einfach STILL sein? Wie schön wäre eine Meldung wie: „Seit sechs Monaten produzieren wir übrigens nur noch zu den Bedingungen von Fair Trade mit streng ökologischen Materialien, surprise, surprise!“ und dann genussvoll in die baffen Gesichter der „Mitbewerber“ schauen, die sich fragen, wie das gehen soll  – anstatt der diversen vollmundigen Ankündigen, was ihr alles machen werdet. Da wär ich dann mal ehrlich beeindruckt, ich glaub, da wär ich dann sogar euer Fan. 🙂

2017-10-18 21.47.38

PS: Natürlich find ichs gut, wenn ihr euch den Kampagnen von Greenpeace und Co. anschließt! Und natürlich weiß ich, dass ihr in Sachen Chemikalienmanagement gut unterwegs seid. Aber ich weiß und ihr wisst: Ihr könntet noch viel besser sein. In vielen anderen Bereichen. Chemikalienmangement ist unzweifelhaft superwichtig, aber es ist ein Teilbereich am Weg zu echter Verantwortung, und gerade als Greenpeace-Mitarbeiterin hab ich keine Lust, dass ihr die Detox-Kampagne zu eurem ökologischen Feigenblatt macht, und gleichzeitig auf Intransparenz und auf „nachhaltigere“ Materialien setzt und NEUWARE VERBRENNT. Echt jetzt…..

 

3 Gedanken zu „Schwedisches Feuer…

  1. Marlene sagt:

    Hallo Nuna,
    es ist schon krass, was so abgeht in dieser Branche! Danke für die verschiedenen Blickwinkel, die du versucht hast, einzunehmen und die gründliche Recherche. Ich bin schockiert und hoffe, dass es noch viele andere lesen.
    Viele Grüße,
    Marlene

  2. Unglaublich und irgendwie auch traurig. Aber lieben Dank dir für die tolle Zusammenfassung des Themas und ich hoffe, dass das hier von ganz vielen Menschen gelesen wird – ich weiß schon, warum ich da nicht einkaufen gehe^^

  3. K sagt:

    Danke für deinen guten Artikel.

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