Gestern war ich am Fußballplatz. Mit einer Partie von lauter lustigen und netten Leuten, wir grölten die Sprechgesänge mit, ich bekam ungefragt ein Bier in die Hand, wir lachten, hatten Spaß, die Stimmung war unglaublich gut (wir haben ja auch gwonnen, hehe). Am Heimweg dachte ich mir, wie toll mein Leben gerade ist. Ich kann mir einfach so von Freunden Autos ausborgen, wenn ich eines brauch. Ich fahr damit einfach so nach Italien an den Strand, kann dort gratis bei einer Freundin wohnen, ich kauf einfach so Lebensmittelvorräte und fancy Zeug wie Gojibeeren und Matchatee. Ich hab ein grandioses Wochenende mit Freunden inklusive Baden im Fluss, Lagerfeuer und Kesselgulasch. Ich habe einen wunderschönen Tag mit meinem Pflegehund, stricke vor mich hin, faulenze leidenschaftlich. In meinem Vorzimmerschrank lagert toller Wein mit eigenem „Selection Nunette“-Label, ein Geschenk von Freunden. Ich gehe einfach so zum ersten Mal zu einer Burlesque-Show. Ich übernachte einfach so auf einer alten Burg. Ich entdecke eine ungeahnte Koch-Leidenschaft in mir, probiere neue Rezepte aus. Ich fahre ins Burgenland und koste mich durch locker 20 Paradeisersorten am Schaufeld von Erich Stekovic. Ich kaufe ein Buch direkt im Webstore meines Readers und fange mitten in der Nacht auf meinem gemütlichen Sofa an zu lesen, siedle später in mein genauso gemütliches Bett. Ich lache mit Freunden, mit Familie. Schaue sehnsüchtig mein Fahrrad an, das ich schultertechnisch immer noch nicht fahren kann, rollere aber munter bereits durch die Gegend. Mein Leben ist wunderbar vielseitig, bunt, de facto sorgenfrei. Es ist der pure Luxus in Wahrheit, es ist vielseitig, ich habe die Freiheit und die Möglichkeit, so viele verschiedene Dinge zu erleben, und an erster Stelle: Ich muss mich selbst nicht ernstnehmen. Ich kann einfach machen.
Und weil mich ein Kommentar grad fuchst: Ja, ich finde mein Leben unglaublich toll. Ich bin dankbar und demütig für all die Menschen, die mich begleiten, all die Erlebnisse und Dinge, die mir passieren. Ich will aber nicht damit angeben, sondern aufzeigen, wie absurd es eigentlich ist.
Heute früh ziehe ich los Richtung Supermarkt und kaufe drei Bio-Äpfel und eine Packung frischen Blattspinat. Vier Euro. Ich mag mal Green Smoothies ausprobieren, hab ich nämlich beschlossen. Soll ja so toll und nährstoffreich und lecker sein. Danach noch in den Thai-Shop ums Eck, Klebreis kaufen. Mag ich auch mal ausprobieren. Der Verkäufer gleich ganz besorgt: „Was, nicht mit Wasserdampf? Nur so am Herd? Aber dann wenig Wasser verwenden!“ – und fängt lang und breit an, mir zu erklären, wie man süßen Reis am besten macht, schenkt mir zwei Mangos dazu, die er in einem langwierigen Prozess mit Tasten und Riechen aus einer Kiste voller Mangos zieht – während ich ein schlechtes Gewissen habe wegen Mangos, wo doch gerade die österreichische Ernte so schön bunt und vielseitig ist. Er lässt es sich aber nicht ausreden. Ich soll am Montag berichten kommen, wie mir der Kokosreis mit Mango gelungen ist.
Lächelnd rollere ich nachhause, sehe, wie ein Nachbar von mir gerade das Fenster zu macht, und bekomme ein wohliges Gefühl im Bauch – ich habe ein so wunderbares Zuhause, funktionierende Nachbarschaft, ich bin so dankbar.
Zuhause angekommen, scrolle ich – Macht der Gewohnheit – Facebook mal durch. Eine Freundin postet, man möge doch bitte Wasser, Essen, Medikamente zum Westbahnhof bringen. Dort kommen gerade 1400 Flüchtlinge aus Ungarn an. Jene Flüchtlinge, die tagelang nicht in den Bahnhof in Budapest gelassen wurden, die von der Regierung verarscht wurden, deren Zug, der sie gen Westen bringen sollte, genau vor einem Aufnahmezentrum hielt, die sich zu Fuß auf der Autobahn auf den Marsch nach Wien machten. Allein das machte mich gestern schon fassungslos. Ich sehe Inas Posting und beschließe spontan, die Schuhe, die ich aussortiert hatte, hinzubringen. Dusche und Smoothie müssen warten. Schnell suche ich noch meinen Medizinschrank durch, sortierte alles aus, was rezeptfrei und fiebersenkend oder schmerzstillend ist (und stelle bei der Gelegenheit fest, dass ich wohl in den nächsten fünf Jahren bei Verkühlungen, Magenproblemen oder leichten Schmerzen definitiv nicht zum Arzt muss, unglaublich, was sich da so ansammelt).
Ich wohne zu Fuß genau zehn Minuten vom Westbahnhof entfernt, Luftlinie sind es wahrscheinlich so um die 900 Meter. Die Gleise, über die jeder Zug in den Westbahnhof einfährt, sind 200 Meter von meinem Wohnzimmerfenster entfernt. Wenn der Wind richtig geht, höre ich manchmal die Ansagen auf den Bahngleisen. Ich gehe runter, komme direkt bei den Gleisen an – und komme mir plötzlich so wahnsinnig armselig vor mit meiner Kiste mit fünf Paar Schuhen und ein paar Medikamenten. Zwei Bahnsteige sind voll mit Flüchtlingen, sie sehen müde aus, abgekämpft, aber glücklich. Ein Mann hält ein Schild in der Hand, auf dem „Danke Österreich“ steht. Ich sehe es und es schießen mir die Tränen in die Augen.
Ich gehe zur Sammelstelle der Caritas und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Dort hat sich eine lange Schlange gebildet, Menschen bringen Wasser, Hygieneartikel, Brot, Nüsse, Trockenfrüchte, Medikamente, Schuhe – und ich stelle mich mit meiner Kiste dazu. Im Kopf bin ich immer noch am Bahnsteig, bei den Flüchtlingen. Es ist eine humanitäre Katastrophe, die sich da gerade vor meinen Augen abspielt. Sie ist nichtmal im nahen Traiskirchen, was an sich ja schon nahe genug ist, nein, sie ist jetzt quasi direkt vor meiner Haustüre angekommen. Es ist zwar wunderschön, von wie viel Hilfsbereitschaft ich umgeben bin in der Schlange, aber es macht mich auch wahnsinnig traurig, dass es das überhaupt braucht! Verheult rufe ich meine Mutter an, erzähle davon, sie heult gleich mit, erklärt, sie hätte damals, 1989, auch gespendet, Sachen aussortiert. Mein Bruder ist der Nächste, er betont: Ab auf den Ballhausplatz. Demonstrieren wie unter Schwarz-Blau. Weg mit dieser Regierung. (Übrigens: Ich habe am Bahnhof vier Politiker der Grünen erkannt, die einfach mithalfen, Sachen sortierten, sich mit den Flüchtlingen unterhielten. Von anderen Parteien habe ich niemanden gesehen.) Ich denke: Ja, er hat recht, aber es muss auch akut geholfen werden.
Ich habs schon mal geschrieben, es geht mir unglaublich am Arsch, dass die Zivilgesellschaft Troubleshooter für eine völlig versagende Politik spielen muss. Aber es ist andererseits verdammtnochmal gerade unsere Pflicht zu helfen.
Liebe Leute, setzt euch mal hin und überlegt euch so wie ich, was ihr im letzten Monat alles erlebt habt, was gut war, bunt war, schön war. Und dann seid bitte dankbar und bescheiden. Wir haben unfassbares Glück, nichts anderes, einfach nur schicksalstechnisch Sau. Und es ist unsere Aufgabe, auf allen Ebenen, sei es per Demo, um den Regierungen zu zeigen, was wir von deren Vorgehen halten, per Direkthilfe, per Spendenaktion, was auch immer – es ist unsere Aufgabe und Pflicht zu helfen. Jeder so, wie er oder sie kann.
Der Appetit auf mein Bobo-Green-Smoothie-Frühstück ist mir erstmal vergangen.