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Bangladesch – mal wieder ein Trauerspiel

Gestern war mal wieder Bangladesch überall in den Medien. Ich zitiere hier mal die TAZ – und leider, mit jeder Zeile, die ich las, hatte ich noch mehr das Gefühl, dass das leider nix bringen wird. Die Hauptverdächtigen untergetaucht, einfach futsch. Toll. Oh du Fröhliche.

Tödlicher Fabrikbrand in Bangladesch

Anklage in Abwesenheit

In Bangladesch ist ein Jahr nach einem Fabrikbrand mit 112 Toten Anklage gegen die Besitzer erhoben worden. Doch die sind längst verschwunden.

Ausgebranntes Treppenhaus: Feuerwehrleute bergen eine Leiche aus dem Tazreen Fabrikgebäude (November 2012).  Bild: dpa

BERLIN taz/afp | Mehr als ein Jahr nach einem verheerenden Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch ist Anklage gegen die Besitzer erhoben worden. Unter den Angeklagten sind das Besitzer-Ehepaar, Delwar Hossain und Mahmuda Akhter, die allerdings seit dem Brand verschwunden sind. Außerdem werden elf Wachleute und Manager sich ebenfalls wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Von ihnen wurden sieben festgenommen, von den anderen fehlt ebenfalls jede Spur.

Bei dem Brand in der Textilfabrik Tazreen Fashions in einem Vorort der Hauptstadt Dhaka waren im November vergangenen Jahres 112 Menschen gestorben, die meisten von ihnen Frauen. Die Fabrik hatte unter anderem für die Bekleidungskette C&A, die US-Supermarktkette Walmart und den deutschen Discounter Kik produziert.

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Die Überlebenden berichteten, dass Aufseher den Feueralarm zunächst als Übung abgetan hatten und Fluchtwege verschlossen gewesen waren. Viele sprangen aus dem Fenster, um sich zu retten. Die Ermittlungen zeigten später, dass es für das neunstöckige Gebäude nur eine Genehmigung für drei Etagen gegeben hatte.

Arbeitsbedingungen in Textilfabriken Bangladeschs sind berüchtigt, regelmäßig gibt es Brände. Fünf Monate nach dem Brand bei Tazreen Fashions stürzte zudem das Fabrikgebäude Rana Plaza ein. Dabei starben mehr als 1100 Menschen, mehr als doppelt so viele wurden verletzt. Viele konnten nur mit Notamputationen aus den Trümmern geborgen werden. Unter dem öffentlichen Druck unterzeichneten zahlreiche Bekleidungsfirmen ein Abkommen für Gebäudesicherheit und Brandschutz in den Fabriken. Gewerkschafter hatten ein solches Abkommen schon seit mehreren Jahren gefordert.

Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Produzent von Textilien weltweit. Die Branche beschäftigt fast vier Millionen Menschen, überwiegend Frauen. Die Fabriken produzieren rund 80 Prozent aller Exporte des Landes. Zu unsicheren Fabriken kommen besonders ausbeuterische Arbeitsbedingungen: Den Arbeitern wird einer der niedrigsten Löhne der Welt gezahlt, sie werden regelmäßig zu 14-stündigen Schichten verpflichtet und haben meist nur zwei Tage im Monat frei.

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Die Hose made in Bangladesh in meinem Schrank

Spät, aber doch: Mein heutiger Beitrag. Ich habe den heutigen Tag nämlich damit verbracht, mich von Dingen zu trennen. Meine Wohnung ist dankenswerterweise recht groß, und wir bewohnen sie lediglich zu zweit (was eine Katastrophe für den ökologischen Fußabdruck ist, aber ein großes Glück für die Beziehung – man hat einfach Raum). Und heute war es so weit: Ich bin meinen Besitz durchgegangen. Während der Liebste in der Küche alles wegschmiss, was abgelaufen war, und aus dem gerade noch verkochbaren Zeug eine herrliche Suppe kochte, wanderten bei mir Bücher, Zeitschriften und sonstiges Zeug kistenweise raus. Es ist unglaublich, bei einer so großen Wohnung merkt man einfach nicht, wieviel Krempel und Klumpert man ansammelt. Wohnzimmer, Küche und Bad fühlen sich definitiv schon „leichter“ an, nun ist das Schlafzimmer dran. Und dort steht der Kleiderschrank. Also der halbe, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Als ich im Oktober 2012 dachte, ich hätte mich bereits von so viel Zeug getrennt, jetzt passts – lag ich voll daneben. Es ist schon wieder ein Ikea-Sack voller Kleidung startklar für Tauschparties und die Caritas. Und ich habe das starke Gefühl: Da folgen noch weitere. Denn alles, von dem ich nicht wirklich sagen kann: „Das zieh ich gern an!“, fliegt.

Doch ein Teil, das heb ich mir auf, obwohl ich es nie anziehe.

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Gekauft habe ich diese Hose am 28. Dezember 2011. Ich war beim Textilschweden, um mir wie von einer Freundin angetragen für den anstehenden Jahreswechsel auf Teneriffa der spanischen Tradition entsprechend rote Unterwäsche zu kaufen (immer diese Traditionen übrigens, an den Weintrauben, die man ebenfalls traditionell dort ist, bin ich halb erstickt…). Ich kann mich noch genau an diesen Besuch beim Textilschweden erinnern: Es war überall Ausverkauf. Ich MUSSTE einfach einmal durchschauen, ob mich was anspringt. Diese Hose tat es. Heruntergesetzt auf 15 Euro. In Größe „Ja, wird schon passen“. Bei den Umkleidekabinen eine ewig lange Schlange – dafür hatte ich keine Zeit. Ich musste ja noch packen, am nächsten Tag gings Richtung Teneriffa. Zuhause dann die Hose (und die Bluse und das Top, das ich auch noch mitgenommen hatte, das Top um unpackbare 2,50) anprobiert. Sie schaute einfach seltsam aus, passte mir überhaupt nicht ordentlich. Weggeben konnte ich sie nicht. Sie war ja neu und vielleicht würde ich noch was draus machen und überhaupt, vielleicht würde ich sie ja doch mal anziehen. Rückgabe gibts beim Textilschweden auf Heruntergesetztes nicht, zumindest war das damals an der Kassa die Info.

Heute ist sie mir wieder in die Hand gefallen, versteckt im hintersten, untersten Eck meines Kleiderschranks. Ich schaute mir das Label mal genauer an (wobei mir eh klar war, dass auch wenn da jetzt Turkey oder Cambodia steht, es nicht besser ist):

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Diese Hose werde ich aufbewahren. Sie ist für mich und meinen Kleiderschrank (also was den Inhalt dessen anbelangt, ob der selbst eine Meinung hat, kann ich nicht sagen, wobei: Lustig wär das schon! „Hearst, was gibst ma denn da scho wieder eini, a so a Schaas, des ziagst sicher nia an, und dann hab ichs hängen. Super.“) fast schon ein Mahnmal: Sie ist der Inbegriff meines früheren Kaufverhaltens. Sie steht für das „zuviel“, in dem ich so leidenschaftlich geschwelgt habe, und für das so viele Menschen leiden mussten. Für das nicht-darüber-nachdenken, wo meine Kleidung herkommt. Für diese Anspruchshaltung, dass ich mir nebenbei schnell mal was zum Anziehen kaufen kann, ohne groß drüber nachzudenken. Wie gerne würde ich heute wissen, wer aller diese Hose (oder Teile davon) in der Hand hatte, bevor sie bei „meinem“ Textilschweden zum Verkauf da lag. Damals war mir das wurscht. Wenn diese Menschen wüssten, dass ich diese Hose erst einmal an hatte…

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„Das mit Bangladesch, das wird nix mehr..“

Wiedermal ein Abend gewesen, der mir die Perspektiven etwas durcheinander gerüttelt hat. Eine liebe Bekannte arbeitet ebenfalls im Bereich fairer Mode und war vor einigen Wochen in Bangladesch. Und ihr Urteil – obwohl sie sich wirklich seit Jahren für faire Bedingungen einsetzt, war nüchtern und erschreckend, vor allem aus ihrem Mund: „Das mit Bangladesch, das wird nix mehr.“

Und ihre Argumentation war erdrückend. Wenn man sich die Geschichte von Bangladesch anschaut, dann sieht man, dass dieser Staat eigentlich von vornerherein eine Missgeburt war. Hohe Bevölkerungsdichte, keine Strukturen, die dieser Dichte auch nur im Entferntesten gewachsen wären, eine Geburtenrate, von der unser Sozialminister nur träumen kann. In dem Moment, wo europäische Unternehmen abwandern, stehen die chinesischen bereits Schlange – und dann kann man in Sachen fairem Sozialsystem, das die Europäer VIELLEICHT begonnen haben aufzubauen (wie war das mit den Rana Plaza Zahlungen? Immer noch nicht da!), wieder bei fast null anfangen.

Ich habe dagegen gehalten, dass Aufschwung möglich sein muss. Dass man nicht von vornerherein abkanzeln darf. Aber irgendwie …. ihre Argumentationen waren sehr schlüssig. Zu viel Korruption beherrscht diesen Staat, politisch wie wirtschaftlich. Das mehrinvestierte Geld von europäischen Unternehmen landet ohne klare gesetzliche Regelung nicht bei denen, für die es bestimmt ist – sondern bei den Fabriksbesitzern. 10 Prozent aller politischen Abgeordneten in dem Land sind selbst Fabriksbesitzer, die Hälfte aller Abgeordneten hat ebensolche im engsten Familienkreis. Also kann man sich denken, wie bald diese gesetzlichen Regelungen zustande kommen werden.

Wir kamen dann aufs Thema „weiterhin konventionell kaufen, damit die Frauen eine Wahl haben.“ Ihre Antwort, sinngemäß: „Dieses Argument kann ich nicht gelten mehr lassen. Ist es eine Wahl für ein 16-jähriges Mädchen, vom Land in die Stadt geschickt zu werden, dort 16 Stunden am Tag zu arbeiten, in einem Slum zu wohnen, und mit diesem minimalen Lohn die Verantwortung für zehn Familienmitglieder zuhause zu tragen? Die von dem Geld abhängig sind? Und sie muss sich währenddessen in Gefahr am Arbeitsplatz bringen, im Slum wohnen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sein? Würden diese Mädchen am Land bleiben, hätten sie zwar kein Geld und würden von dem leben, was sie anbauen, aber sie hätten – so unglaublich arrogant das aus westlicher Sicht klingt – mehr Leben. Und zwar alle miteinander.“

Auch das wieder: Eine sehr harte Argumentation, aber ich kann dem auch etwas abgewinnen. Das Argument, nicht aufhören, die Ware aus Bangladesch zu kaufen, damit es diese Jobs wenigstens gibt, wird von elitärer Seite ausgesprochen – nicht von denen, die an der Nähmaschine sitzen. Denen geht es nämlich nicht darum, wie sich das System weiterenwickeln kann und besser werden kann, denen geht es ganz trocken schlicht um die Sicherung der einen Schüssel Reis am Folgetag.

Und übrigens: Das Gespräch fand statt, bevor ich das hier lesen konnte. Obs was bringt? Es ist ein Schritt, ein Zeichen, das man gutheißen sollte. Aber die Umsetzung wird zeigen, ob diese Bekannte mit ihrem Bangladesch-Pessimismus richtig liegt. Ich glaube ihr, sie kennts vor Ort – ich kann von hier aus viel behaupten. Sie hats gesehen.

Es stimmt schon, es kann nicht sein, dass wir, die wir hier leben wie die Maden im Speck, beschließen, wir kaufen nix mehr von dort, weil dort gehts scheiße zu. Ein kollektiver Boykott ist keine Lösung – und wird auch nicht stattfinden. Aber was mach ich jetzt, ich Nunu, die sich vor lauter Komplexität langsam komplett in dieser Problematik verläuft?!

 

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Zwei Welten mitten in Dhaka

Heut nur kurz: Keine neue Geschichte, aber eine neue Perspektive: Ein sehr spannender Artikel auf NEON, geschrieben nach einer Pressereise mit dem Herrn Textilschwedenchef Persson nach Bangladesch. Unglaubliche Paralleluniversen.

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Etappensieg in Bangladesch

Es ist ein Erfolg. Man sollte sich freuen. Der Mindestlohn in Bangladesch wird auf 51 Euro angehoben. Das ist ein Fortschritt, allerdings immer noch nicht ausreichend. Knappe 100 Dollar wären ein guter Existenzlohn, an unterster Grenze liegen den Aussagen von Clean Clothes nach 75 Dollar. Aber 51 Euro sind mehr als knapp 30 Euro, definitiv. Trotzdem kann ich mich grad nicht so richtig freuen. Erstens, weil der Kampf um diesen neuen Mindestlohn allein in den vergangenen Tagen durch Unruhen und Zusammenstöße schon wieder Dutzende Tote gefordert hat, zweitens, weil ich hoffe, dass eine solche Mindestlohnerhöhung sich nicht auf die Arbeitsbedingungen auswirkt („Du musst jetzt doppelt so schnell produzieren, damit der Stückpreis für die Textilunternehmen gleich bleibt“) und zweitens, weil ich irgendwie ein Damoklesschwert pendeln sehe über den ArbeiterInnen.

Beim Fashioncamp erfuhr ich von einer Journalistin, dass in Haiti damals nach dem verheerenden Erdbeben massiv Werbung betrieben wurde, in Haiti Fabriken für Exportgüter aufzubauen. Kostet ja eh nix, und die Leut sind mit  nur einem minibissl mehr als nix zufrieden. An sich eine gute Idee, in Katastrophenregionen für Jobs zu sorgen – aber der Haken: Weiterlesen

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Der literarische Countdown läuft

Und weil gestern der „Nunu tut“-Tag war, heut noch ein kurzer Reminder auf das eigentlich wirklich Lässige, was da bald passiert. Langsam werd ich wirklich nervös, so richtig. Es geht jetzt schon ziemlich zu, meine liebe Pressesprecherin (ich HABE eine, ich bin keine! Wie arg ist das denn?!?!) kleistert mich schon mit Interviewterminen usw. zu, ich hab immer noch den Amazon-Rank in Beobachtung (inzwischen Rang 53 von 101 bei den Sachbüchern!!!!) und zitterer dem Erscheinungstermin entgegen.

Ich kanns kaum noch erwarten, „mein“ Buch bald wirklich selbst in Händen zu halten.

Am 27. November wird es so weit sein. Was für ein Jahr. Wenn ich das in ein paar Jahren mal wem erzähl, das glaubt mir niemand. Anfang 2012 beschlossen, für ein Jahr keine Kleidung zu kaufen, zwei Jahre später das passende Buch veröffentlicht und beruflich ebenfalls im Textilbereich tätig. Unpackbar.

Sorry.

Ich weiß.

Zu viel ich ich ich.

Während in Bangladesch schon wieder Menschen sterben, weil sie einfach nur fair bezahlt werden wollen. Vor Ort kann ich ihnen nicht helfen, aber hier: Bewusstseinschaffenbewusstseinschaffenbewusstseinschaffen – egal wo.

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Minimale Verbesserungen in Bangladesch

Ich wurde bereits mehrfach auf folgenden Artikel hingewiesen, und habe bisher davon abgesehen, darüber zu schreiben, da ich lieber erst auf Ergebnisse warten würde. Heute früh hab ich mir den Beitrag nochmal genauer durchgelesen – und finde es unglaublich, wie sehr in einem einzigen Artikel gleichzeitig Hoffnung geschürt und zerstört wird. Die Anhebung ist ein guter Plan und erfreut wahrscheinlich nicht nur mein Herz (und sei es nur, um auf internationalen Druck zu reagieren). Die Anhebung auf immer noch über 20 Euro weniger als gefordert, und warum sollen nur fünf bis 15 Prozent weitergegeben werden an die Unternehmen – wenn die anscheinend sogar sich positiv über eine Lohnsteigerung äußern?

Es dauert zwar noch zwei Monate, aber ich wünsch mir jetzt mal was vom Christkind: Gebt den ArbeiterInnen 75 Euro (oder mehr!!!) im Monat, und lasst die Unternehmen, die jahrelang profitiert haben von diesen miesen Löhnen, zu mindestens 30 Prozent dafür brennen. Bitte. Und bitte, ich war dieses Jahr sooo brav, darf ich mir bitte eine neue Überarbeitung der Importbedingungen der EU wünschen?

Hier der Artikel:

Bangladesch: Textil-Mindestlohn soll deutlich angehoben werden

23. Oktober 2013, 11:57
  • Besonders schwer war das Unglück in der Nähe der Hauptstadt Dhaka im April. Bei dem Einsturz eines achtstöckigen Gebäudes waren damals über 1.130 ArbeiterInnen in den Trümmern ums Leben gekommen.
    foto: ap

    Besonders schwer war das Unglück in der Nähe der Hauptstadt Dhaka im April. Bei dem Einsturz eines achtstöckigen Gebäudes waren damals über 1.130 ArbeiterInnen in den Trümmern ums Leben gekommen.


Arbeitgeber stellen Erhöhung um 50 bis 80 Prozent in Aussicht – Internationale Modefirmen, die vor Ort produzieren lassen, sollen zur Kasse gebeten werden

Dhaka – In Bangladesch zeigen die Proteste von TextilarbeiterInnen für einen höheren Mindestlohn Wirkung. Die ArbeitgeberInnen stellten am Montag eine Anhebung um 50 bis 80 Prozent in Aussicht. Um die dafür anfallenden Kosten zu decken, wollen sie jedoch internationale Modefirmen und Bekleidungsmarken, die vor Ort produzieren lassen, zur Kasse bitten.

Das weltweit zweitgrößte Exportland für Textilien hofft damit auch den internationalen Druck zu mildern, seine Arbeitsbedingungen zu verbessern. Denn nach einer Serie schwerer Unfälle und dem Einsturz eines Fabrikgebäudes, bei dem im April mehr als 1.130 Menschen ums Leben kamen, war Bangladesch in die Kritik geraten. Noch am Montag wollte sich das zuständige Gremium zu Beratungen treffen, bevor der Lohnvorschlag dann an die Regierung übergeben wird.

Monatlicher Mindestlohn bei 28 Euro

Der monatliche Mindestlohn für Beschäftigte der Textilwirtschaft liegt in Bangladesch bei umgerechnet 28 Euro. Zuletzt war er 2010 nach monatelangen Protesten angehoben worden. Die Textil-Beschäftigten fordern nun eine Erhöhung auf rund 75 Euro. Mit zahlreichen Protestaktionen untermauerten sie zuletzt ihren Anspruch, ein Fünftel der Produktionsstätten war davon im vergangenen Monat betroffen.

Die Fabrik-BetreiberInnen hatten zunächst einen Mindestlohn von monatlich rund 34 Euro angeboten. Reuters erfuhr von ihnen, dass damit gerechnet werde, dass die zuständige Tarifkommission nun zwischen 42 bis 52 Euro vorschlagen werde. Fünf bis 15 Prozent der Kostenerhöhung sollten auf den Einzelhandel umgeschlagen werden. Ob damit aber auch ein Ende der Streiks zu erreichen ist, bleibt offen. Viele ArbeiterInnen haben bereits angekündigt, weiter zu protestieren, sollten ihre Forderungen nicht umgesetzt werden.

Vor allem Frauen sind in der Branche beschäftigt

Die Textilindustrie ist die wichtigste Branche des asiatischen Landes. Sie steht für 80 Prozent des Jahresexports. Vor allem Frauen sind in dem Bereich beschäftigt. Wegen der extrem niedrigen Löhne und der günstigen Zollbestimmungen für Lieferungen in die westlichen Industrieländer lassen fast alle großen Modefirmen und Bekleidungsmarken in Bangladesch produzieren. Beliebter ist bei den Unternehmen derzeit nur noch China.

In den Lohnverhandlungen geht es jetzt darum, einen Kompromiss zwischen den AuftraggeberInnen aus den Industrieländern, darunter Konzerne wie Wal-Mart oder H&M, den Fabrik-Eigentümern mit guten Kontakten zur Politik und den protestierenden ArbeiterInnen auszuloten. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung in Bangladesch nicht auf die Streiks reagiert. Doch dann kam es zu mehreren Unfällen in Fabriken. Besonders schwer war das Unglück in der Nähe der Hauptstadt Dhaka im April. Bei dem Einsturz eines achtstöckigen Gebäudes waren damals über 1.130 ArbeiterInnen in den Trümmern ums Leben gekommen. Hinweise der Stadtverwaltung auf Risse waren offenbar ignoriert worden. Das Gebäude war nach offiziellen Angaben auf sumpfigem Boden und ohne die erforderlichen Genehmigungen gebaut worden. Nur zwei Wochen später war es in Dhaka in einer Textilfabrik zu einem Brand gekommen, bei dem acht Menschen starben.

Wal-Mart und H&M offen für Gehaltssteigerungen

Wal-Mart und H&M zeigten sich offen für Gehaltssteigerungen. „Löhne sind ganz oben auf unserer Agenda, um für Verbesserungen in der Textilwirtschaft zu sorgen“, sagte Helena Helmersson, die bei H&M für das Ressort Nachhaltigkeit zuständig ist. Wal-Mart ermuntere die Regierung in Bangladesch, die Löhne an die Bedürfnisse der Arbeiter anzupassen, sagte ein Firmensprecher. ArbeiterInnen in Bangladesch bekommen in etwa die Hälfte des Lohnniveaus von Vietnam oder Kambodscha. Im Vergleich zu China ist es sogar nur ein Viertel. (APA, 23.10.2013)

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1000e km und 6 Monate weit weg – ganz nah

Der heutige Tag war – und das ist keine Anspielung auf meine Magenprobleme  – ein Schlag in ebenjenen. Zumindest ein Moment.

Der Moment kam, als ich bei Kollegin Christina von Südwind saß und wir etwas WearFair-Nachbearbeitung betrieben. Am Boden vor mir lag ein Plastiksack. Ich hob ihn auf, um nicht mit dem Bürosessel drüber zu rollen, und legte es auf den Tisch. Erkannte es. Und mir wurde schlecht. Rana Plaza. Tausende Kilometer und sechs Monate weit weg, plötzlich direkt vor mir auf dem Tisch.

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Die Shirts, die in dem Plastiksack waren, hat Christina bei einem Lokalaugenschein auf dem Gelände von Rana Plaza gefunden. Die Kärtchen (KiK, Verona Pooth) waren schon dran – staubüberzogen und zerknickt. Ich kann nur sagen: Das geht rein. Gänsehaut und tief ins Herz. Die Menschen, die diese Shirts genäht haben, sind entweder tot oder schwer traumatisiert, weil über ihnen ein achtstöckiges Gebäude zusammengebrochen ist. Es gibt Filmmaterial, das Christina beim Einsammeln der Shirts zeigt – bis kommenden Montag online.

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Bei dieser Gelegenheit: DANKE für die tolle Zusammenarbeit in den letzten Monaten, liebe Christina! Du machst einen tollen Job!

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Dreifach kritisch, dreifache Freude

In den letzten Tagen habe ich eine interessante Beobachtung gemacht – es ist zwar schon öfter vorgekommen, dass ich auf shopping/Fast-Fashion-kritische Beiträge von überraschender Seite gestoßen bin, aber noch nie bin ich innerhalb von 24 Stunden auf ganze drei derartige Artikel gestoßen.

Darum gibts heut ein paar Lesetipps:

1) Vienna Wedekind, eine Wiener Fashionbloggerin, war Zuhörerin bei der von mir moderierten Podiumsdiskussion am Fashioncamp. Einige der Zahlen, die ich dort präsentiert habe, dürften sie beeindruckt und zum Nachdenken gebracht haben. Was mich sehr freut – mein Wunsch, dass sich Fashionbloggerinnen über ihre Vorbildwirkung bewusst(er) werden, ist in diesem Fall in Erfüllung gegangen. Schön, und vielen Dank, Vienna Wedekind!  Danke an Maria für den Hinweis, übrigens!

2) Maria selbst hat sich auch zu dem Thema geäußert, und zwar auf kräftige Weise, mir haben beim Lesen die Ohren geschlackert. Toller Beitrag! Mehr davon bitte! 🙂

3) Auch Modejournalistinnen gehen gedanklich den Weg zur Reduktion. Und auch wenn sich in den Kommentaren einer über ihre Abneigung zum Second-Hand-kaufen aufregt – ich kann es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen und verurteile sie deshalb nicht. Der gedankliche Ansatz ist trotzdem gut.

 

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Sie verdienen es nicht

Heute ist MEIN Tag. Seit gestern darf ich mich akademisch zertifizierte CSR-Managerin schimpfen, das Buch befindet sich bereits im Druck, die WearFair, das größte berufliche Projekt dieses Jahres, war megaerfolgreich, und ich bin exakt so fertig und müde, wie man es sich nach so einem Höllenritt von einem Jahr vorstellen kann. Ich zahle gerade eine Rechnung nach der anderen für das, was ich meinem Körper angetan habe an Stress. Doch jetzt kann mal – zumindest für ein Monat – Ruhe einkehren. Das zelebriere ich heute. Ich werde alles tun, was so ein wirklich WIRKLICH freier Tag mir bieten kann. Heute habe ich nur eine Verpflichtung: Der Spaziergang der etwas anderen Art.

Doch darauf freue ich mich. Denn egal, wie müde, fertig und arbeitsfrei ich bin und sein will – eines habe ich in den letzten zehn Monaten gleich nochmal festgestellt: Diese Sache mit der Textilproduktion, die ist sowas von beschissen und unfair und unmenschlich, dass ich nie aufhören werde, dagegen zu mobilisieren und meine Meinung dazu preiszugeben – ob man es hören will oder nicht.

Nehmt die Katastrophe von Rana Plaza – sie nimmt kein Ende. Nicht nur, dass über 1100 Menschen gestorben sind, nein, die Überlebenden kämpfen derzeit ebenfalls einen Kampf, den sie nicht gewinnen können. Oder stellt ihr es euch einfach vor, einfach mal schnell wieder einen Job in einer Näherei zu finden, nur halt ohne Arm oder Bein? Und ob man so einfach in solchen Gebäuden weiter arbeiten kann, wenn man schon einmal im Schutt gelegen ist, begraben von Beton, Nähmaschinen und Menschen?

Im Kurier rechnet Südwind den finanziellen Bedarf in Bangladesch vor. Der Lohn reicht sowieso nicht zum Leben – und die Überlebenden, Geschädigten haben weder von staatlicher Seite noch von Textilunternehmens-Seite auch nur einen Cent an Entschädigung erhalten. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Mindestlohn auf mindestens das Doppelte erhöht werden muss, damit diejenigen, die für Geld arbeiten, von diesem Geld auch überleben können. Nichtmal das ist gesichert! Die Clean Clothes Kampagne hat dagegen eine Petition ins Leben gerufen. Ich hab schon unterschrieben. Auf dass so viel zusammenkommt, dass wir ein Zeichen gegen die Unmenschlichkeit der Fast Fashion setzen können.

Mir ist schon klar, dass effektive Hilfe vielleicht anders aussieht – hinfliegen und anpacken wäre vielleicht die Devise. Nur bin ich mir sicher, dass das leichter gesagt als getan ist, ich glaube, ich wäre in Dhaka komplett hilflos, und dann wäre genau niemandem geholfen. Aber ich möchte wenigstens meinen sehr kleinen Teil dazu beitragen, dass ein Zeichen gesetzt wird. Sie verdienen es nämlich einfach nicht, im doppelten Wortsinn.

Eines ist mir noch ein großes Anliegen: Liebe Leute, es ist nicht nur Bangladesch. Es ist genauso Pakistan, Vietnam, Indien, Kambodscha und sogar die Türkei. Ein Label „made in Turkey“ kann ebenfalls für menschenverachtende Arbeitssituationen stehen. Aber eines ist wahr: Es scheint nirgendwo schlimmer zu sein als in Bangladesch.

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