Meine Fleecejacke, eine Umweltkatastrophe

Eigentlich will ich seit Wochen über ein Thema schreiben, das mich momentan sehr beschäftigt: Mikroplastikfasern. Es ist einfach sooooo eine Krux: Einerseits erzählen sie seit Jahren, Fleece ist ursuper, weil es aus recycleten Petflaschen besteht – und dann kommt raus, dass die Fasern, die sich beim Waschen aus Fleece lösen, eigentlich richtig böse sind. Sie sind Mikroplastik – noch kleiner als die bereits skandalisierten Mikroplastikkügelchen in der Kosmetik. Und sie richten potentiell echt viel Mist in unseren Gewässern und Meeren an. Ich hab dazu schon Studien gelesen, recherchiere usw – und hänge meine Fleecejacke, die mir wahrscheinlich eh in nicht allzu ferner Zukunft in Einzelteilen vom Leib fallen wird, brav in der Nacht immer zwischen die Fenster zum Lüften, um sie nicht öfter als einmal pro Jahr waschen zu müssen. Allerdings ist diese Geschichte mit Mikroplastikfasern nicht nur bei Fleece so, sondern bei allen Polyester-Fasern (man kann also sagen: Bei ausm Handgelenk geschätzt ca. 90 Prozent aller Primark-Produkte, zum Beispiel). Echt saublöde Sache.

Kirsten war schneller als ich und hat auf Grüne Mode einen Beitrag dazu verfasst, ganz in ihrem Style, gespickt mit Zahlen, Daten, Fakten. Ich find den so super, dass ich ihn jetzt mal (mit Quellenangabe natürlich) hierher kopiere.

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Und ja, ich trage die Jacke weiterhin als wärmende Zwischenschicht für Übergangsjacken. Sie wegzuwerfen, bringt jetzt genau niemandem was. Dann lieber die Lebensspanne verlängern.

Kirsten schreibt:

Was mich umtreibt? Der Verdauungstrakt von Fischen, der mit Mikroplastik gefüllt ist, darunter viele Fasern. Lecker, oder? Studien zeigen, dass Mikroplastik von vielen Meeresbewohnern in erheblichen Mengen gefressen wird, weil sie es mit Plankton verwechseln. Wie größere Plastikteile den Magen von Seevögeln oder Meeresschildkröten verstopfen, so blockiert Mikroplastik den Verdauungstrakt kleinerer Meerestiere. Mikroplastik – da ist die Wissenschaft einig – bedroht die Nahrungsketten der Ozeane essentiell. Mikroplastik sind Kunststoffpartikel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern. Es kann sich sowohl um Bruchstücke größerer Plastikteile wie Flaschen oder Tüten handeln, als auch um Partikel, die gezielt hergestellt wurden, zum Beispiel als Bestandteil von Peeling-Cremes. Die Menge von Mikroplastik im Ozean nimmt ständig zu.

Mikroplastik – das ist ein Problem mit potentiell apokalyptischen Ausmaßen. Es ist Zeit, Alarm zu schlagen, denn Mikroplastik ist nicht rückholbar. Die Bedrohung der Meere ist in etwa so groß wie damals die Umweltbedrohung durch Pestizide, die Rachel Carson 1962 in ihrem Buch “Der stumme Frühling” beschrieb. Mikroplastik ist der “stumme Frühling” unter Wasser.  Schätzungen zufolge landen sechs bis zehn Prozent des weltweit hergestellten Kunststoffs in den Ozeanen. Das sind jährlich bis zu 30 Millionen Tonnen. Und aus Makroplastik wird Mikroplastik.

Warum das bei einer Textilexpertin für Albträume sorgt? Weil meine Kollegen aus dem Meeresbereich bei Greenpeace gefragt haben, wie ich den Mikroplastik-Eintrag durch Kunstfasern beurteile und ich zu recherchieren begonnen habe. Erstes Ergebnis: Grundsätzlich gelangen bei jedem Waschgang Fasern ins Abwasser. Das gilt auch für Textilien aus Naturfasern, die jedoch im Gegensatz zu Kunstfasern biologisch abbaubar sind. Nach Angaben des Umweltbundesamtes tragen synthetische Textilien in Deutschland mit bis zu 400 Tonnen jährlich zur Verschmutzung der Umwelt mit Mikroplastik bei. Das ist um Größenordnungen weniger als etwa die Zersetzung größerer Plastikabfälle, entspricht aber der Partikelbelastung durch Kosmetikprodukte (kleine Plastikkügelchen etwa in Peelingcremes).  Die Freisetzung von Synthetikfasern beim Waschen ist also von der Menge her vernachlässigbar, aber was einmal da ist, bleibt und ist durch diese Langlebigkeit eben doch ein Problem und schlägt bei Kunstfasern negativ zu Buche.

Interessant ist, dass nicht alle Kleidungsstücke gleich viel Fasern in der Waschmaschine verlieren. Besonders problematisch ist das Sammelgrab Fleece (viele Fasern), die bei Versuchen doppelt so viel Fasern freisetzten wie Hemden aus Polyester. Ein Fleece-Pullover kann bei einer einzigen Wäsche bis zu 1900 Fasern ins Abwasser abgeben. In Nordamerika sind bereits Filter auf dem Markt, mit denen sich Waschmaschinen nachrüsten lassen. Noch zeigen die großen Waschmaschinen-Hersteller allerdings wenig Interesse an einer solchen Technik. Und ob sich die Kunstfasern generell anders produzieren lassen, so dass es nicht zu Abrieb kommt, dazu habe ich keine Informationen gefunden bislang. Ich weiß also noch nicht, ob Kunstfaser-Textilhersteller etwas verändern können.

Soll man Kunstfasern also lieber meiden? Kunstfasern verbrauchen in der Herstellung weniger Wasser als Baumwolle. Zudem lassen sie sich stofflich besser recyceln. Auf der Minus-Seite schlagen die verheerenden Umweltauswirkungen bei der Förderung des Rohstoffes Erdöl zu Buche und eben die Faser-Emissionen. Machen wir uns nur klar, dass Kunstfasern fast 60 Prozent der weltweiten Textilproduktion ausmachen. Diese Menge durch Biobaumwolle&Co. zu ersetzen, erscheint momentan schlichtweg unmöglich. Für Sportsachen jedenfalls steige ich jetzt auf Engel Sports um und ihre GOTS zertifizierte Kollektion aus Merinowolle und Seide.

Was bleibt uns sonst? Auf unnötiges Waschen von Textilien zu verzichten, zählt sicher dazu. Und eben generell weniger Kleidung zu kaufen und die Teile länger zu tragen. Ende November gibt es DIE Mikroplastik-Konferenz in Köln. Die Forschung setzt eigentlich jetzt erst richtig ein. Mir ist einfach angesichts der Dimensionen des Problems erstmal die Spucke weggeblieben. Und an dem Faser-Thema bleibe ich dran. Wenn es in Köln was interessantes Neues gibt, werde ich hier darüber schreiben.

Aus Taiwan vom Jahrestreffen der Greenpeace-Detox-Kampagne, grüßt euch Kirsten!

Den Grüßen, obwohl vom Treffen schon wieder zurück, schließ ich mich an. Superspannendes Thema.

10 Gedanken zu „Meine Fleecejacke, eine Umweltkatastrophe

  1. Antonia sagt:

    Danke für diesen Beitrag. Wieder was gelernt und wieder mal frustriert, dass man da am Lebensstil wohl grundsätzlich was ändern muss. Ich selbst bin weder Freund von Fleece als auch von Polyester. Ich schwitze und stinke in dem Zeug wie verrückt. Aber die Kinder finden es super. Doof nur, dass man gerade deren Kleidung sehr häufig waschen muss. Also keine Fleecejacken mehr. Plastik auf der Haut von 2-jährigem klingt ohnehin nicht so verlockend.

  2. Nessy sagt:

    Hi Nunu,
    danke für das in Erinnerung rufen dieser Tatsache. Zum ersten Mal habe ich das schon in ‚Plastic Planet‘ von Werner Boothe gehört und verzichte seit dem auf Wolle aus Polyacryl. Was beim Einkaufen von Fertigsachen einiges an Geduld erfordert, bis man unter den lauter fluschigen Strickwaren endlich etwas ohne Polyacryl findet.

    Leider 😦

    Vlg,
    Nessy

  3. wieder was gelernt! bin ja auch ein waschverfechter, aber als ich meine fleecejacke mal wusch, kam sie mir schon „weniger“ vor? nun hat sie ausgedient und bin noch auf der suche nach einem würdigen ersatz..

  4. ruhrstyle sagt:

    Sehr guter Artikel!

  5. Stefanie sagt:

    Bisher hab ich – rein aus dem Trage-Gefühl raus und vom Anfassen her – Chemiefasern in der Kleidung weitgehend vermieden (außer manche Jacken, Strumpfhosen und so) … Hab bewußt Kleidung aus Naturfasern gesucht, höchstens wenig % Beimischung – auch meine Wolle reine Schurwolle, Baumwolle, Kaschmir etc.
    Und lieber auf manches verzichtet, das vielleicht gut aussah, aber mir zu „chemisch“ war! Und jetzt zeigt sich mal wieder, daß mein „Gefühl“ ganz richtig lag, ich das jetzt auch mit Argumenten untermauern kann 🙂
    Und Fleecematerial mochte ich eh noch nie – fühlt sich nicht gut an für mich …und wollte auch nie recycelte Flaschen unbedingt „anziehen“! 😉

  6. […] man ja bekanntlich streiten, ich bin da mehr so in der Anti-Riege, weil Plastik bleibt Plastik und wird zu Mikroplastik, egal, ob recyclet oder nicht). Man setzt ausschließlich auf faire […]

  7. […] Und der Satz, bei dem ich im Büro kurz mal aufgebrüllt hab: “Was Wunder, dass bei dem großflächigen Einsatz von Polyester rund 80 Prozent des von der Universität Sydney und der Universität Dublin untersuchten Mikroplastiks (jene unschönen Nanopartikel, die die marine Flora und Fauna vergiften) aus textilen Produkten stammen.” Eine Kollegin meinte trocken: “Geh, das ist doch sicher nur die geschönte Studie, wenn das branchenintern diskutiert wird.” Ich find die 80 Prozent schon absolut irre, bin bisher aufgrund diverser Studien von 40-50% ausgegangen. Fleece, sag ich nur! […]

  8. […] Jaaa, ich weiß. Die Umweltkatastrophe in meinem Kleiderschrank. Aber lieber bei mir und regelmäßig gelüftet statt gewaschen statt ganz im […]

  9. Farina sagt:

    Puh ich denke gerade daran, dass sehr sehr sehr viele Stoffwindeln einen hohen Mikrofaseranteil haben und die werden natürlich nach jedem Gebrauch gewaschen…

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