Letztens war ja wieder mal eine Reportage über Bangladesch, diesmal im Weltjournal+ auf ORF. Und langsam, aber sicher kam ich ins Wigelwagel. Keine Frage, die Reportage war super, deckte auf, welche Labels in welchen heruntergekommenden Fabriken eingenäht wurden, deckte auf, dass Kinderarbeit nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, und dass große Firmen wie Inditex über das alles bestens Bescheid wissen. Oder dieser Artikel, extrem informativ…
Und so sehr mich das Thema bewegt: Mich hat keine Sekunde der Doku überrascht. Schlicht, weil für mich nichts Neues dabei war. Das soll nicht heißen, dass ich abgestumpft bin, die Bilder sind und bleiben einfach nicht in Ordnung. Es gab nur einfach in den vergangenen Jahren wirklich viel Berichterstattung dazu.
Nur ein Gedanke ist mir nach der letzten Doku dann doch zum ersten Mal gekommen: Langsam muss es doch so weit sein. Langsam müssen doch wirklich alle Bescheid wissen. Es wird so breit getreten, von einer Titelseite in der New York Times nach dem Zusammenbruch von Rana Plaza bis hin zu regelmäßigen Skandalmeldungen in der Bildzeitung für ….. andere Bildungsschichten als die der New York Times. Dieses: Ok, was könnte jetzt eigentlich folgen, wenn jetzt alle Bescheid wissen, das beschäftigte mich einige Tage. Und abgesehen von der Frage, was wirklich folgen könnte, wenn die Unternehmen wenigstens ihren Worten Taten folgen lassen würden (was nicht geschieht, frustrierend bis dorthinaus, was da gerade – nicht – passiert), bin ich leider auch auf zwei Antworten gekommen, die mich sehr frustrieren:
Erstens: Es ist noch nicht bei den KundInnen angekommen. Die KonsumentInnen wissen zwar vielleicht alle irgendwie Bescheid (oder auch nicht – als Nachrichtenjunkie fällt es mir schwer zu glauben, dass es sehr viel mehr Nachrichtenresistenzler als Nachrichtenjunkies gibt, aber anscheinend ist es so), aber an ihrem Konsumverhalten ändert das nichts. Weiterhin haben FastFashion-Unternehmen Rekordumsätze. Nochmal: Ja, ich weiß, schwierig. Würde dort niemand mehr shoppen gehen, gäbe es für die Frauen in Bangladesch nur noch die Wahl zwischen Heirat oder Strich. Und jenen hier, die es sich nicht anders leisten können, werde ich Besuche beim Textilschweden nie vorwerfen. Aber jenen, die es sich sehr wohl leisten können, durch Umdenken und kritischen Konsum ein Zeichen zu setzen, und es nicht tun, auf die bin ich dann doch ein bissl angfressen. Wobei: Dazu hab ich auch kein Recht, jeder Mensch entscheidet für sich. Auch ich habe zwei Hosen im vergangenen Dreivierteljahr konventionell gekauft – zwar bei keinem dieser Massen-Fast-Fashion-Ketten, sondern in einem kleinen Concept Store und von kleinen Labels, aber dennoch. Dieses hirnlose „jö, das nehm ich auch noch mit, das ist ja schön“-Shopping und Shopping als Hobby anstatt von Shopping aufgrund von „das brauch ich“, das ist doch das eigentliche Problem – und das wird von FastFashion per Werbung gepusht wie blöd. Diese „Ich-hab-nix-zu-tun-gehmma-shoppen“-Einstellung. Und das sollte ja das erste sein, das einem bei diesen Bildern aus Bangladesch vergeht, oder?
Zweitens: Es überrascht sogar immer noch die kritischsten Menschen. Habe letztens mit einer sehr guten Freundin, die wirklich sehr bedacht, sehr kritisch mit einem Grundgedanken von Fairness für und Solidarität mit allen an sämtliche Themen im politischen Regenbogen herangeht, über genau jene Weltjournal-Reportage geredet. Und ich traute kurzfristig meine Ohren kaum, als sie mir komplett überrascht erzählte, wie sehr es sie schockierte, dass zwischen Textilschweden- und Diesel-Jeans wahrscheinlich außer dem Preis kein Unterschied besteht. Ich traute meinen Ohren deshalb kaum, weil ich dachte, sie müsste darüber doch eigentlich schon Bescheid wissen. Auch ihr ist im Grunde kein Vorwurf zu machen, niemand erwartet von ihr, dass sie von jetzt auf gleich zur Textil-Gerechtigkeitsfanatikerin wird. Muss sie ja auch gar nicht! Nur finde ich es einfach sehr überraschend, dass gerade dieses medial schon so breit getretene Thema sich auch in kritischen Köpfen anscheinend noch nicht gefestigt hat.
Fazit: Nein, es kann gar nicht zuviel berichtet werden. Immer noch nicht.
LIebe Medien, bitte macht weiter damit.