Auch wenns schade ist, dass NEWS inzwischen sogar solche Covers nötig hat: Die Geschichte dazu ist lesenswert. Leider nicht online. Aber sicherlich beim Friseur eures Vertrauens aufliegend.
Auch wenns schade ist, dass NEWS inzwischen sogar solche Covers nötig hat: Die Geschichte dazu ist lesenswert. Leider nicht online. Aber sicherlich beim Friseur eures Vertrauens aufliegend.
Bei der Jasmin bin ich heut über einen Beitrag in der Huffington Post gestolpert, den ich gekürzt und übersetzt hier wiedergeben will. Einfach, weils so wahr ist. Nichts davon ist mir und LeserInnen dieses Blogs neu, dennoch, gehen wirs mal an, was die Huffington Post da so schreibt. Achtung: Das ist keine wörtliche Übersetzung dieses Beitrags, sondern auch von mir ein bissl in freien Worten kommentiert.
Also.
Die fünf Wahrheiten, die die Fast Fashion – Industrie uns nicht wissen lassen will
Ja, so ist das alles. Nicht mehr neu, aber immer wieder aufs neue schockierend. Ich hab beschlossen, mir viiiiiiel mehr selbst zu nähen. Erstens, weil Übung den Meister macht, und zweitens, weil dann wenigstens nur ich leide. Gestern hab ichs, blöder Zippverschluss am Tascherl.

Gestern war blöd. Gestern hab ich fulminant verschlafen, mein Handy zeigte mir um 09.21h an, dass die App „Wecker“ abgestürzt sei und fragte, ob ich sie schließen oder doch warten wolle. Schließen, blödes Teil, du. Jedenfalls bin ich fast zwei Stunden nach meiner normalen Aufstehzeit aufgewacht. Und diesen zwei Stunden bin ich gestern den gesamten Tag nachgelaufen, daher auch kein Blogbeitrag, keine Zeit. Und zu berichten hatte ich eigentlich auch nicht viel. Gestern Abend war ich nochmal auf einer kleinen Tauschparty mit viel Essen (blubb) und leider vielen Sachen in sehr kleinen Größen -mit Ausnahme einer Bluse, die mir sehr taugt, und die ich demnächst mal bei einer Art Tausch-Haul präsentieren werde.
Was mir allerdings in den letzten Tagen mal wieder wirklich aufgefallen ist, ist das schlechte Gewissen, das andere Leute mir gegenüber haben. Folgendes Gespräch ereignete sich beispielsweise am Montagabend:
ich: „Schönes Outfit!“ zu einer Frau in coolen Boots, Lagenlook, buntem Schal und grünem Parka. Eh das klassische Herbstoutfit. Aber es gefällt mir einfach sehr gut.
sie: „Ja, aber du wirst mich hassen für das Outfit, das ist alles H&M und Zara.“
Nein, nein und nochmal nein. Ich hasse niemanden für die Art, wie man sich kleidet. Ich mein, sorry, aber es wird doch wohl niemand absichtlich zu Primark und Co. gehen, damit er oder sie auch wirklich sichergehen kann, das auf alle Fälle ein paar Leute für die Herstellung der Kleidung leiden mussten, und auch bitte mindestens ein Fluss in China komplett vergiftet wurde. Als ob das ein Einkaufskriterium wäre.
Aber ich will auch nicht missionieren. Ich will informieren. Der Groschen muss bei jeder/m selbst fallen. Das hab ich ja auch bei mir gemerkt. Dass da bei der Textilproduktion was nicht so ganz korrekt zugeht, naja, im Hinterkopf hab ichs eh immer gehabt. Aber erst durch meine Shoppingdiät und meinen sehr bewussten Umgang mit dem Thema hat in mir erst so richtig dieser Paradigmenwechsel stattgefunden, der mich inzwischen seit über zweieinhalb Jahren erfolgreich davon abhält, die Filialen von Textilschwede und Co. zu betreten.
Also bitte, liebe Leute, nehmt mein (fast) tägliches Geblubbere bitte nicht als Gebot hin – und glaubt nicht, dass ich was Besseres bin (oder zu sein glaube). Was ich absolut und sowas von nicht bin – jede/r hat Schwächen, meine liegen wahrscheinlich im Ernährungsbereich, da bin ich manchmal ganz schön schludrig. Sondern seht diesen Blog einfach als Portal, auf dem es zu einem großen Teil monothematisch dahingeht – Fetzen, Fetzen, Fetzen, aber bitte in fair und öko. Mehr will ich doch gar nicht 🙂
PS: Nein, das heißt nicht, dass ichs jezt super finde, dass Leute sich mit fairer Mode beschäftigen und trotzdem zum Textilschweden rennen, aber ich werfe es niemandem vor!! Das ist ein Unterschied: Jede/r hat selbst ein Gewissen und ein Hirn und die Entscheidungskraft, sein/ihr Geld und damit seine/ihre Macht bewusst einzusetzen.
Die DPA hat eine eigene Umfrage in Auftrag gegeben – es ging ums Kaufverhalten. Bei der TT kann man den gesamten Artikel nachlesen. Der Artikel fängt fantastisch an:
Bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag der dpa sagten fast neun von zehn befragten Verbrauchern, für sie seien faire Produktionsbedingungen in der Textilbranche „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“. Fast jeder Dritte Befragte sagte, er würde auf keinen Fall ein T-Shirt, eine Jacke oder ein Kleid kaufen, von dem bekannt sei, dass es unter unmenschlichen Produktionsbedingungen herstellt worden sei. Weitere 49 Prozent gaben an, ein solches Produkt „eher nicht“ kaufen zu wollen.
Doch dann gehts bergab:
Bei einer vor einigen Monaten veröffentlichen Umfrage des Bundesverbandes des Deutschen Textileinzelhandels gaben jedenfalls nur sieben Prozent der Händler an, dass sich die Kundenanfragen nach den Produktionsbedingungen deutlich verstärkt hätten. Viele Konsumenten halten offenbar den Preis des Produkts noch für das zuverlässigste Signal in Sachen Herstellungsbedingungen. Gut die Hälfte der aktuell befragten Verbraucher meint, ein T-Shirt solle mindestens zehn Euro kosten. Weitere 29 Prozent meinten, mindestens 5 Euro seien angemessen.
Und wirklich traurig wirds am Schluss:
Einfacher haben es natürlich jene Konsumenten, denen die Herstellungsbedingungen egal sind. Besonders unter jungen Leuten sind das gar nicht so wenige. Immerhin jeder vierte Befragte im Alter zwischen 18 und 24 Jahren gab an, die Frage der Produktionsbedingungen sei beim Shoppingbummel für ihn ohne große Bedeutung.
Gibt nicht viel Hoffnung für die Zukunft – und fühlt sich in etwa so an wie das Wetter da draußen. Wäh. Ich wünsch mir mal gscheiten, aber realistischen Ethik-Unterricht an den Schulen anstelle des „Herr Fesser, kömma bitte an Film schauen“-Religionsunterricht wie ich ihn damals erleben „durfte“.
Mir ist schlecht.
Von null (= hey, schöner Tag heute, juhu, liebe Kollegin endlich ausm Urlaub zurück) zu kotz.
Warum?

(c) http://www.businessinsider.com/china-water-pollution-photos-2014-7?op=1&utm_content=buffer3421c&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer – und das ist noch das Harmloseste.
1) Der Fabrikschef mit den zweifelhaften moralischen Ansätzen (sich durch Nichtbezahlung der Löhne von 1500 Näherinnen aus dem Gefängnis herauserpressen) scheint es geschafft zu haben: Er ist frei. Bezahlt hat er bisher trotzdem noch nicht.
2) Verständlicherweise protestieren die sich sowieso schon in Hungerstreik befindlichen Näherinnen.
3) Und die Polizei geht gegen die Näherinnen vor, nicht gegen den Fabrikschef, der 1500 Arbeitsverträge (so er solche überhaupt ausgibt, was ich zu bezweifeln wage) wissentlich und willentlich bricht.
4) Aber Hauptsache, bei Lidl und Co. kommt es in der Lieferung zu keinen Unregelmäßigkeiten.
5) KOTZEN!
APA und Derstandard.at schreiben übereinstimmend (a.k.a. ident. a.k.a. copy/paste, a.k.a. was ich jetzt auch mache):
Tränengas in Textilfabrik in Bangladesch
7. August 2014, 16:47
Rund 400 Textilarbeiter wurden aus einer Fabrik vertrieben, in der sie für die Auszahlung ausstehender Löhne protestiertenDhaka – Mit Tränengas und Schlagstöcken hat die Polizei in Bangladesch am Donnerstag nach Gewerkschaftsangaben rund 400 Textilarbeiter aus einer Fabrik vertrieben, in der diese für die Auszahlung ausstehender Löhne protestierten. „Sie haben uns gezwungen, die Fabrik zu verlassen“, sagte die Streikleiterin Moshrefa Mishu.
Die Näherinnen in der Fabrik waren ihren Angaben nach in einen Hungerstreik getreten, weil 1500 Arbeiterinnen der Tuba-Gruppe seit drei Monaten keinen Lohn erhalten hätten. Sie fordern demnach zudem Urlaubsgeld für die freien Tage rund um das islamische Fastenbrechen.
Der Inhaber der Tuba-Gruppe, Delwar Hossain, war im Februar ins Gefängnis gekommen, weil er mitverantwortlich sein soll für den Brand in einer seiner Textilfabriken im Jahr 2012, bei dem 111 Arbeiter starben. Hossain wurde in der vergangenen Woche gegen Kaution freigelassen.
Polizeichef M.A. Jalil wies die Vorwürfe der Protestierenden zurück. Die Polizei habe die Näherinnen zwar aus der Fabrik entfernt, doch ohne Gewalt. Tränengas und Schlagstöcke seien erst eingesetzt worden, als die Arbeiterinnen auf die Straße stürmten und dort Autos und Busse attackierten. (APA, 7.3.2014)
Meine Fresse, mit manchen Leuten wirds wohl nix mehr. Der Besitzer der Tazreen-Fabrik, die vor eineinhalb Jahren abgebrannt ist und 112 NäherInnen aus dem Leben riss, versucht sich nun aus dem Gefängnis raus zu erpressen: Er zahlt in seinen verbleibenden Fabriken seit drei Monaten keine Löhne mehr – und hat durchblicken lassen, dass sich das in dem Moment ändern könnte, wenn er frei kommt.
Der Spiegel und die HuffPost schreiben, dass die Lage der NäherInnen immer verzweifelter wird – viele sind deshalb in Hungerstreik getreten. Es ist doch absurd: Ein Fabriksbesitzer will ausm Gefängnis, indem er den 1500 Näherinnen, die noch leben (!), keine Löhne zahlt. Mit der Ausrede, nur wenn er aus dem Gefängnis rauskomme, würde er den Kredit bekommen, den er für die Bezahlung der Löhne brauche. Das allein: Perfidität de luxe, der Typ hat null Schuldverständnis und sollte in meinen Augen allein für diese Tat gleich nochmal zehn Jahre sitzen. Und weil die unbezahlten NäherInnen sich nicht anders zu helfen wissen – von Gewerkschaften und Arbeitsrecht wahrscheinlich keine Spur – hungern sie. Um ihren Hungerlohn wieder zu bekommen.
Ja, mei, Rechtssystem in Bangladesch, alles übel, und in China ist ein Radl umgefallen. So in etwa kann man die Geschichte lesen. Doch ein einziges Wort holt die Geschichte wieder ganz nah her und zeigt unsere Verantwortung auf: LIDL. Die sind nämlich Auftraggeber dieses Fabriksbesitzers.
Mein Lieblingsabsatz aus dem Artikel der HuffPost:
Eine Lidl-Sprecherin sagte dem „Spiegel“, man verfolge die Situation aufmerksam. Bei der Tuba-Tochter, die die Firma beliefere, sei es zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen.
Ja träum ich? Die werden informiert, dass ihr Lieferant seine NäherInnen nicht bezahlt, die demnächst der Reihe nach verhungern werden – aber Hauptsache, es wird nach Plan und regelmäßig geliefert? Die Aussagen, die LIDL gegenüber Respact tätigt, wirken da sogar einfach nur noch wie blanker Hohn:
Wir sind uns der Verantwortung für Mensch und Natur bewusst und setzen uns kontinuierlich dafür ein, die Bereiche Umwelt und Klimaschutz, Mitarbeiter, Gesellschaftliches Engagement und Sortiment zu verbessern.
Die TAZ schreibt dazu auch noch was „Nettes“, Lidl ließ dort Trikots für die Fußball-WM produzieren:
Unklar bleibt, warum überhaupt so ein Kredit benötigt wird: Dem Financial Express zufolge nahm die Firma mit der Trikotbestellung ein Vielfaches der Summe ein, die sie den ArbeiterInnen schuldet.
Wann hört denn diese Wut in mir endlich mal auf? Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.
PS: Und weils mir durch einen Kommentar gerade aufgefallen ist: Was den Ecclestone die Freiheit kostet, würde drei Monatslöhne von VIERHUNDERTTAUSEND Näherinnen decken.
Ich muss zugeben, ich bin vorbelastet: Mir hängt diese ganze Wellnessscheiße zum Hals heraus. Vor ein paar Jahren war plötzlich alles Wellness. Wellness-Drink, Wellness-Yoghurt, Wellness-Müsli, Wellness-Turnmatte, Wellness-Musik (ich habe damals dieses Album online probegehört, weiß nicht mehr, wo, aber boah, he, billig produziertes, asiatisch angehauchtes Meditationsgedudel wie in Aufzügen von Shoppingcentren….WELLNESS ist was anderes.), Wellness-Cremes und so weiter.
Tchibo springt alle paar Wochen auch auf diese Welle. Und seit kurzem gibt es ein tolles neues Angebot: Den Wellness-Mantel.
Mir stößts aus drei Gründen auf:
Gut, den Punkt geb ich ihnen: Tchibo ist Mitglied von Textile Exchange, die verwendete Baumwolle wurde „ökologisch angebaut“ (wobei, liebe Profis, ich bin grad recherchierfaul: Ökologisch angebaut heißt nicht gleich bio, oder?). Und Tchibo hat schon verdammt viel echte Biobaumwolle auch im Angebot, auch das muss ich ihnen anrechnen.
Ich bin nur grad immer noch richtig angespitzt durch Kathrin Hartmanns Buch. Ich brauch keine Drachenfrüchte, ich brauch keinen Wellness-Mantel, und ich brauch vor allem keine Unternehmen, die mir vermitteln wollen, DASS ich das brauche. Die Rechnung geht sich doch einfach nicht aus: Billigste Massenproduktion von künstlich erzeugten Special-Interest-Produkten („Einen Wellness-Mantel hat nicht jeder, aber in der Therme muss man sich doch absetzen von den ordinären BademantelträgerInnen!“ – so in etwa stell ich mir ein Verkaufsgespräch für den Wellnessmantel vor, vielleicht wurde er sogar den Menschen bei der Kaffeekette selbst so verkauft, wie schade!), die sich trotz der für uns günstigen Preise nicht jeder leisten wird, und dafür Ressourcenverbrauch, Arbeitskraft-Ausnutzung in Billiglohnländern und eine Konsumgesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet.
Also ich brauch für Wellness keinen neuen Mantel, mit dem ich mich im Zweifelsfall nicht mal abtrocknen kann. Ihr?
Home Office ist was Tolles. Erstens hat man seine Ruhe und nicht dauernd irgendwelche Unterbrechungen im Großraumbüro (gut: von einem/r der SitznachbarInnen angeblödelt zu werden, schlecht: die unfassbar laute Kaffeemaschine), und zweitens kann man bis Punkt neun zuhause entspannt aufwachen und herumfaulen, bis es an die Arbeit geht. Was ich getan habe? Ich hab mich höchst unökologisch in die Badewanne gelegt. Das Fenster im Bad war offen, und von draußen hörte ich nur die im Hinterhof wohnende Amsel. Kurz wurde mir klar: welch Luxus! Sechs Fenster meiner Wohnung gehen in einen Innenhof, der mir folgende Geräuschkulisse schenkt: Grillen in der Nacht, die Amsel in der Früh, kurz danach Kirchturmglocken, manchmal die Musik des Nachbarn (ich weiß immer noch nicht, welcher Nachbar, aber die Musik ist trotz munterer Stildurchmischung immer gut) und ganz selten, wenn der Wind gut geht, das Pfeifen von anfahrenden Zügen. Autoverkehr hört man nicht. Wow, dachte ich mir. Luxus. Und das mitten in der Stadt mit der Ubahn ums Eck. Mir gehts ja so gut. Im nächsten Moment freute ich mich, dass ich mich über sowas noch freuen kann. Dass es mir nicht um „was kauf ich mir heute Neues, über das ich mich kurz freu, und das ich anderen zeigen kann“ geht. Oder dass ich die „kleinen Dinge“ bereits übersehe, weil ich unbedingt nach Höherem strebe.
Und wieder im nächsten Moment fühlte ich mich saupräpotent wegen dieser Überlegungen. Warum? Weil meine Badewannenlektüre Kathrin Hartmanns „Wir müssen leider draußen bleiben“ war.

Wir muessen leider draussen bleiben von Kathrin Hartmann (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen
Knallhart von der ersten Seite weg beschreibt sie Armut in Deutschland, man liest von Beziehungsberechtigten der Tafel, die sich Einkauf im Supermarkt nicht leisten können, und davon, wie absurd das eigentlich ist, welchen Überschuss Supermärkte kassieren. Ein unfassbar starkes Buch, selbst nach den ersten sechzig Seiten. Seit Ewigkeiten hatte ich es am Stapel, es ist ein Rezensionsexemplar, und bin nicht dazugekommen, es zu lesen. Das, was Werner Kräutler so gut am Beispiel Primark erkannt hat, nämlich, dass die Mittelschicht sich durch ihr Konsumverhalten selbst abschafft, zeigt sie ganz allgemein auf: Ohne Armut kein Reichtum. Daher kein Interesse der Politik, die Armut zu bekämpfen. Das ganze eingebettet in eine Überflussgesellschaft, die mir auch jedesmal im Supermarkt zu denken gibt: Wann hab ich eigentlich im Sinne von Angebot und Nachfrage mal ganz offen nach 37 verschiedenen Erdbeerjoghurtsorten gefragt? Und wann ist in mir Anspruch entstanden, dass ich Samstag um 17 Uhr im Supermarkt noch ein volles Brotangebot finde? Ganz ehrlich? Nie! Nicht, dass ich mir jetzt kommunistische Zustände herwünsche, in denen es eine Sorte Erdbeerjoghurt, eine Sorte Vanillejoghurt und zwei Sorten Naturjoghurt oder genau zwei oder drei verschiedene Brotsorten (wenn überhaupt) gibt, aber wir gehen gerade zu weit, oder? Ich muss da in letzter Zeit immer an eine von mir sehr hochgeschätzte Verwandte denken, die bei einem solchen Gespräch über den Überfluss mal völlig nebenbei und nonchalant meinte: „Hochkulturen gehen unter. War immer schon so.“ Schluck.
Schön, dass für die Tafeln, die ehrenamtliche Versorgung von Bedürftigen mit Restprodukten aus den Supermärkten, so viel übrig bleibt, an die Mitversorgung jener Personen denken die Supermarktketten aber ganz sicher nicht, wenn sie so viel Angebot in die Regale sortieren lassen. Hartmann schreibt: „Mit Nachhaltigkeit hat das allerdings nichts zu tun – denn Überproduktion und Verschwendung sind die Grundlage für den Profit der Handelsketten. Lebensmittelhersteller produzieren immer 120 bis 140 Prozent des realen Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können. Ein gutes Viertel aller Lebensmittel wird als wissentlich für den Müll produziert.“
Und warum ich mich saupräpotent fühlte, als ich meinen Hinterhof grad liebend bedachte? Schlicht und einfach, weil ich es konnte. Weil ich eine funkelnagelneue Nähmaschine im Nebenzimmer stehen hab, die ich mir geleistet habe, weil ich über Auto (halb, geteilt mitm Liebsten), Fahrrad, Roller und zwei (fast) gesunde Füße verfüge (Scheißknie…), weil ich eine Wohnung hab, in der man zu sechst auch wohnen könnte und trotzdem gäbs Platz, weil ich im Winter nicht frieren muss und ich, wenn ich Hunger habe, mir aussuchen kann, ob ich zu Lidl, Billa, Hofer, Spar oder Penny gehe, alle sind innerhalb von zehn Gehminuten erreichbar, oder mir aus meinem regelmäßig gelieferten Biokistl was leiste und mir auch einen Einkauf beim Merkur leisten kann (gut, nicht täglich, aber hin und wieder), ohne dass es meinem Konto wirklich weh tut. Die Personen, von denen Hartmann schreibt, zu denen gehöre ich nicht. Nicht falsch verstehen, ich schwimme echt nicht im Geld. Es ist nicht so, dass ich mir einfach mit einem Schnipp alles leisten kann, was gut und teuer ist. Aber ich komme im Alltag wirklich extrem gut aus, habe keinen Kredit laufen, keine Schulden, und hin und wieder geht es sich halt auch aus, mal 300 Euro für eine Nähmaschine abzuzweigen. Das ist unfassbarer Luxus! Obendrein bin ich komplett bobo, inklusive gerne mal im Augustin frühstücken gehen oder schnell mal ein Wochenende mit Freunden an den Hausmeisterstrand in Grado tschundern und sich über die Pizza am Eck beim Wirten, der „Fiskeeplattäää“ so nett ausspricht, freuen. Scheiße, mir gehts einfach nur fantastisch gut. Ich will damit nicht angeben, ich glaube eher, dass ich mit diesen Umschreibungen auch das Leben vieler meiner Freunde beschreibe (von denen einige weniger haben, andere unfassbar viel mehr – und bei letzteren bin ich mir nicht sicher, ob ich neidisch sein sollte).
Gleichzeitig schreibe ich über wahnsinnige Armut. Die aber weit weg ist. In Bangladesch, in Indonesien, in Pakistan. Hin und wieder merke ich auch: Hui, so weit weg ist die ja gar nicht, das passiert in der Slowakei beispielsweise ja auch! Nachbarland!
Nur wenn ich das Buch so lese, dann habe ich ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht. Dass ich mit meinem wirtschaftlichen Standing die Zielgruppe von neunzig Prozent aller Dienstleister bin. Aber genau deshalb finde ich das Buch auch so toll: Es regt dazu an, aktiv zu werden. Man liest es und denkt sich: Revolution. Alles anders machen. Konsumalternativen finden. Umverteilen. Und wann kommt endlich diese verdammte Vermögenssteuer bitte? Wann schafft sich die ÖVP bitte endlich selbst ab? Wann werden wir uns endlich alle solidarisieren und dieses verlogen-bürgerliche Unternehmerpolitikertum endlich mit Mistgabeln aus der Stadt jagen?
Ganz ehrlich: Aus mir wird kein Robin Hood werden. Ich kenne mich, ich bin keine Aktivistin. Ich krieg fast einen Herzinfarkt vor Angst allein schon bei dem Gedanken, wenn ich irgendwo einsteigen müsste, um im Müll nach Essbarem zu suchen. Und ich werd jetzt auch nicht aus falsch verstandener Solidarität mein Leben komplett umkrempeln. Ich will auch nicht jetzt einfach nur mal kurz drüber bloggen und damit mein persönliches soziales Gewissen beruhigen. Ich liebe meine Arbeit bei Greenpeace (hui, es ist neun, ich sollt fertig werden mit dem Beitrag), ich liebe es, keine Schulden zu haben, und ich liebe meinen Lebenstil, über dessen Luxus im Kleinen ich immer wieder Lobeshymnen singe. Aber auch ich Bobo kann meinen Teil beitragen: Ich kann mein Konsumverhalten entsprechend gestalten, und verdammt noch mal mein Maul aufreißen. Ein geringeres und vor allem gerechteres Angebot fordern. Und zwar nicht nur einmal, sondern dauernd. Laut. In alle Richtungen. Scheißüberproduktion, echt jetzt, die Nackenhaare stellts mir auf, allein schon, was das ökologisch bitte für einen komplett unnötigen Wahnsinn auslöst!!!
Hartmann beschreibt es anhand eines Beispiels: „(..) So wird aus dem „Vollsortiment“ ein Überangebot, das den Konsumenten als anspruchsvoll und „mündig“ adelt. Perfidestes Beispiel in diesem Zusammenhang: die Drachenfrucht. Das exotische Obst mit der pinkfarbenen Hülle und dem Fruchtfleisch, das Stracciatella-Eis ähnelt, sieht so attraktiv aus, dass Supermärkte gern ihre Obstabteilungen damit schmücken. Tatsächlich aber scheint die Frucht, die in Lateinamerika und Asien angebaut wird, nur als Lockmittel zu dienen. Haben will sie nämlich niemand. Die beiden Autoren Stefan Kreuzberger und Valentin Thurn haben bei den Recherchen zu ihrem Buch: „Die Essensvernichter“ (..) herausgefunden, dass diese Früchte, die in teuren Supermärkten bis zu fünf Euro kosten, zu 80 Prozent weggeschmissen werden.“
Das ist doch unfassbar bitte!!! Ich will keine Drachenfrüchte mehr!! Ich will ein Angebot, dass ich alle leisten können. Und wir, die Kunden, die vielleicht sogar mal aus Neugierde fünf Euro hinblättern würden, um die Drachenfrüchte zu kosten, die sind gefragt! Auf die hören die Supermärkte (bis zu einem gewissen Grad!). Wir müssen fordern, dass wir keine Drachenfrüchte mehr wollen!!!!
Ja, ich verpack meine Themen gerne ins Lustige, Selbstironische. Erstens, weil ichs oft wirklich so sehe, man kann dem Leben auch mit einem Augenzwinkern begegnen. Und viele schreiben mir, meine Art zu bloggen macht harte Themen einfacher zugänglich (was mich übrigens wahnsinnig freut, jedes einzelne Mal!). Aber manchmal, da muss es einfach volle Kanne sein. Immer voll drauf auf die Zwölf. Das ist dann Kathrin Hartmanns Job. Das Buch ist Wahnsinn. Allein schon mein schriftlicher Wutanfall nach nur sechzig Seiten, es ist unglaublich, was diese Zeilen in mir auslösen. Jeder zweite Satz lässt mir entweder meine Kinnlade zu den Knien wandern oder mich halb verzweifelt den Kopf schütteln. Wer sich also ein bissl für Konsumalternativen interessiert: Lesen. Und dann entsprechend handeln.
Oh wie schön! Vor langer langer Zeit wurde ich von zwei StudentInnen per Skype interviewt. Daraus ist ein Kurzfilm entstanden. Schöne Bilder!! Ich sag danke fürs Interview!
Der Kurzfilm InFashion beschäftigt sich mit Fragen zum bewussten, nachhaltigen oder auch ‚guten‘ Konsum. Welche Emotionen werden mit dem Kauf fair produzierter Kleidung verknüpft? Lässt Konsum uns gut fühlen oder ist der Weg des Konsumverzichtes eine alternative Strategie? Mit einer Collage aus Bildern, Zitaten und O-Tönen der Bloggerin Nunu Kaller möchte der Film Gedanken und Diskussionen zur Themenverknüpfung Konsum und Emotionen anstoßen.
Katharina Gregor absolvierte ihren Bachelor in Siegen und studiert derzeit im Masterstudiengang Gender Studies und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.
Philipp Hanke absolvierte bereits den Bachelor an der Ruhr-Universität Bochum und studiert derzeit im Masterstudiengang Medienwissenschaft und Theaterwissenschaft.Das Video ist im Rahmen des Projektmoduls „Gender, Medien und andere Formen von Politik“ am Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum, 2012/13, unter Leitung von Astrid Deuber-Mankowsky, Andrea Seier und Anja Michaelsen entstanden. (aus: http://www.ruhr-uni-bochum.de/genderstudies/kulturundgeschlecht/aktuell.html)