Archiv des Autors: nunette

Und wiedermal ein Zelt

Und was lernen wir heute? Wenn man ein Kleid anhand eines Schnittmusters aus den USA in L näht, dann produziert man ein Zelt. Die haben wohl doch eine andere Definition von L und XL…. Naja, zwei Abnäher und dann das ungeliebte Säumen (irgendwie hau ich mir jeden Halsausschnitt zusammen damit, da muss ich noch übenübenüben), und fertig ist ein Vokuhila-Kleid.

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Zweitkleid mitten in Wien

Hach, an mir ist mal wieder für ein paar Monate ein toller neuer Store vorübergegangen – ich habs einfach nicht mitbekommen. Am Weg zum zweiten Geburtstag vom Muso Koroni bin ich durch die Hermanngasse geradelt, und sah an der Ecke plötzlich ein Schild: „Zweitkleid„. Gleichmal ohne Rücksicht auf Verluste stehen geblieben (und den Autofahrer hinter mir wohl nicht unbedingt glücklich gemacht, tschulligung nochmal) und reingeschaut. Und ich hätte mich nicht mehr freuen können: Ein Second-Hand-Laden mit guter Auswahl, schön aufgebaut, und mit einem wunderbaren Konzept.

Nachdem ich selbst mal wieder besch…eidene Handyfotos gemacht hab, hat die liebe Besitzerin Martina mir erlaubt, Fotos von der Website zu verwenden, vielen Dank dafür!

Ich selbst hatte ja auch eine ähnliche Idee (die immer noch in mir rumort, irgendwann werd ichs angehen). Und ich freu mir grad einen Haxen aus, dass es wieder Second-Hand-Läden in der Stadt gibt, die nicht entweder wirklich überteuert und mitten in der Innenstadt sind oder eine nicht unbedingt gutriechende Auswahl unmodischer Teile haben. Ich werd da sicher öfter reinschauen! Second Hand ist so eine wunderbar ökologische Shoppingalternative, und die Auswahl bei Martina kann sich wirklich sehen lassen!  Achtung: Sie gönnt sich genau die kommende Woche Urlaub, hat also erst am 19. August wieder offen! Aber dann, aaaaaaaaaaaaaber dann – ich hab da auch so eine senfgelbe Hose gesehen, na mal schauen, bissl umnähen müsst ich sie noch.

PS: Hahaha, bin soeben draufgekommen, dass ich den Laden zumindest vom Namen schon kannte. Ich hab ihn nämlich auch im Fashion Guide gelistet!

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Veganes Leder: Marketingverarsche oder echte Alternative?

Heute mal eine Diskussionsfrage an meine veganen LeserInnen: Was ist das mit dem veganen Leder? Ich habe das Gefühl, dass es ein paar echt coole Marken gibt, die das anbieten, zum Beispiel Matt & Nat (meine liebste graue Kirsche hat mir mal eine solche Tasche geschenkt – ich trage sie recht selten, weil sie keinen langen Träger hat, aber ich halte sie dennoch sehr in Ehren), und gaaaaaaaaaaaaaaaaaanz viel Mist. Das, was früher qualitativ als minderwertig gegenüber Leder galt, und oft wirklich schlecht verarbeitetes, stinkendes Plastik war, verarbeitet in schlecht sitzende Schuhe, die an jeder Ecke schmerzten, weil sie im Gegensatz zu Leder sich dem Fuß nicht anpassten – das wird jetzt als „veganes Leder“ angeboten. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass das ein ganz ein großer Marketingschmäh ist.

De facto: Geht man rein beim Deichmann, kann man sich denken: Alles nur Scheißplastik, stinkt, wäh, billigst produziert. Andererseits kann man sich denken: Alles veganes Leder.

Ernsthaft jetzt? Findet ihr nicht auch, dass da Marken, die billigst produzieren, nicht gerade auch auf diesen Zug, diesen Trend aufspringen? Mir geht das ziemlich am Nerv, weil es den Weg versperrt für die Entwicklung wirklicher Alternativen.

Apropos vegan: Das Muso Koroni feiert heute zweiten Geburtstag, ich gratuliere!

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Bangladesch, Lidl und die Polizei

1) Der Fabrikschef mit den zweifelhaften moralischen Ansätzen (sich durch Nichtbezahlung der Löhne von 1500 Näherinnen aus dem Gefängnis herauserpressen) scheint es geschafft zu haben: Er ist frei. Bezahlt hat er bisher trotzdem noch nicht.

2) Verständlicherweise protestieren die sich sowieso schon in Hungerstreik befindlichen Näherinnen.

3) Und die Polizei geht gegen die Näherinnen vor, nicht gegen den Fabrikschef, der 1500 Arbeitsverträge (so er solche überhaupt ausgibt, was ich zu bezweifeln wage) wissentlich und willentlich bricht.

4) Aber Hauptsache, bei Lidl und Co. kommt es in der Lieferung zu keinen Unregelmäßigkeiten.

5) KOTZEN!

APA und Derstandard.at schreiben übereinstimmend (a.k.a. ident. a.k.a. copy/paste, a.k.a. was ich jetzt auch mache):

Tränengas in Textilfabrik in Bangladesch
7. August 2014, 16:47
Rund 400 Textilarbeiter wurden aus einer Fabrik vertrieben, in der sie für die Auszahlung ausstehender Löhne protestierten

Dhaka – Mit Tränengas und Schlagstöcken hat die Polizei in Bangladesch am Donnerstag nach Gewerkschaftsangaben rund 400 Textilarbeiter aus einer Fabrik vertrieben, in der diese für die Auszahlung ausstehender Löhne protestierten. „Sie haben uns gezwungen, die Fabrik zu verlassen“, sagte die Streikleiterin Moshrefa Mishu.

Die Näherinnen in der Fabrik waren ihren Angaben nach in einen Hungerstreik getreten, weil 1500 Arbeiterinnen der Tuba-Gruppe seit drei Monaten keinen Lohn erhalten hätten. Sie fordern demnach zudem Urlaubsgeld für die freien Tage rund um das islamische Fastenbrechen.

Der Inhaber der Tuba-Gruppe, Delwar Hossain, war im Februar ins Gefängnis gekommen, weil er mitverantwortlich sein soll für den Brand in einer seiner Textilfabriken im Jahr 2012, bei dem 111 Arbeiter starben. Hossain wurde in der vergangenen Woche gegen Kaution freigelassen.

Polizeichef M.A. Jalil wies die Vorwürfe der Protestierenden zurück. Die Polizei habe die Näherinnen zwar aus der Fabrik entfernt, doch ohne Gewalt. Tränengas und Schlagstöcke seien erst eingesetzt worden, als die Arbeiterinnen auf die Straße stürmten und dort Autos und Busse attackierten. (APA, 7.3.2014)

 

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(c) Clean Clothes Campaign

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Ich lese auf der Garten Tulln.

So. Ich mach das jetzt ganz kurz, weil ich eigentlich schon am Heimweg sein sollte, und heut im Büro weniger zustande gebracht hab, als ich eigentlich vor hatte und solche Tage nicht mag und jetzt zuhause am Sofa noch zwei Studien lesen kann und gna. Egal. Lesung ist mal wieder. Und zwar am Sonntagabend (10. August!) auf der Garten Tulln. Zwanzig Uhr. Die lieben Ladies von der Garten Tulln haben mir einen kurzen Pressetext über die Messe geschickt, den ich hier reinkopiere, obwohl halt Pressetext und so. Aber er sagt einfach alles aus, was ich noch nicht aussagen kann, weil ich noch nicht dort war. Ich freu mich schon sehr drauf, weil ich glaub, das wird eine lässige Stimmung sein, so am Abend, im Freien, lauter tolle, ökologische (!) Gärten… ja, das wird sicher sehr nett! Mittendrin statt nur dabei! Ich hoff, die Gelsen werden mich verschonen 🙂

DIE GARTEN TULLN

Europaweit einzigartig in ihrer ökologischen Ausrichtung

Attraktiv durch ein vielfältiges Angebot

Behutsam in den Tullner Auwald eingebettet liegt DIE GARTEN TULLN –Niederösterreichs Landesgartenschau: Diese neuartige Gartenschau mit über 60 Schau- und Mustergärten, der „Natur im Garten“ Akademie und einem Restaurant am Teich nimmt 10 Hektar des insgesamt 50 Hektar großen Areals ein.

In ihrer ökologischen Ausrichtung, die sich an den Prinzipien der Aktion „Natur im Garten“ orientiert ist diese Landesgartenschau einzigartig in Europa. Niederösterreichs Gärten sollen durch die Einhaltung der „Natur im Garten“ – Kriterien insgesamt gesünder und naturnaher werden. Kein Torf, keine Pestizide und keine leicht löslichen chemischen Mineraldünger – das ist auch dem Initiator von „Natur im Garten“, Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka ein großes Anliegen. Alternativ werden den Garteninteressierten in Führungen durch die themenbezogenen Schaugärten innovative und umsetzbare Gartengestaltungsideen geboten, die sich im heimischen Garten oder auf dem Balkon realisieren lassen. Kreislaufdenken und behutsamer Umgang mit der Natur und der Umwelt spielen bei einer gesunden Gartenpflege eine große Rolle. In der Formensprache wird auf Zeitgenössisches gesetzt und der wild wuchernde Auwald mit den intensiv gestalteten Gartenräumen kontrastiert. Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der „Natur im Garten Akademie“ können sich Besucher entweder persönlich oder über Informationsblätter zu vielen verschiedenen Gartenfragen Tipps und Ratschläge holen. Schließlich etabliert sich die DIE GARTEN TULLN als permanente Ausstellung und „Natur im Garten“-Kompetenzzentrum.

Das vielfältige Angebot wird vervollkommnet durch DIE GÄRTNEREI, ein Restaurant, das heimische Spezialitäten in offener und verspielt moderner Architektur serviert, sowie einen Shop, der von gartenspezifischer Literatur, über nützliche Accessoires viele Überraschungen für den Besucher bereithält. Pflanzeneinkauf ist an einem gesonderten Stand direkt im Gelände möglich.

International hat sich DIE GARTEN TULLN bereits als Vorzeigeprojekt etabliert. Renommierte Schauanlagen aus ganz Europa wenden sich an die Experten der Tullner Gartenschau, um die ökologische Idee zu übernehmen.

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Chinatown in Italien

Mannmannmann, da war ich ein paar Tage so ein bissl themenleer (abgesehen von meinem  übrigens bisher noch nicht geglückten Versuch, den kleinen süßen Marco an den Mann zu bringen – teilen des Marcobeitrag ist ergo gerne gesehen und erlaubt 🙂 ). Und seit gestern sprudeln die Themen leider wieder nur so. Leider? Ja, weil einfach grad so viele grausliche Sachen in meine Wahrnehmung gerülpst werden, dass mir eh schon ganz schlecht ist. Zuerst allgemeine Konsumkritik, dann die Sache mit Lidl und den verhungernden NäherInnen, und gestern stolperte ich auch wiedermal über einen Artikel über Prato.

Prato ist eine Stadt mitten in der Toskana, in denen Unmengen an (tw. illegalen) chinesischen Immigranten im Akkord nähen und „Pronto Moda“ (Fast Fashion auf italienisch) herstellen. Vor einigen Monaten kamen bei einem Brand einige ChinesInnen ums Leben, damals waren kurz mal alle Zeitungen voll von dem Thema. Und schneller, als man „Made in Italy“ sagen konnte, wars auch schon wieder vorbei.

Umso spannender jetzt der Artikel in der Zeit, der mal eine andere Perspektive einnimmt: Eine Chinesin als Mitglied der italienischen Mittelschicht. Ich finds gut, dass es in dem Artikel nicht mehr so intensiv um das „wir“ und „die“ geht – trotzdem lässt mich der Beitrag etwas verwirrt zurück. Ich finds gut, dass eine gewisse Form der Integration stattfindet, aber muss ich deshalb das System „Billige Arbeitskraft kommt nach Italien, um „Made in Italy“ bei chinesischen Arbeitsbedingungen produzieren zu können“ gut finden?

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Ich hab ’nen Knackarsch an der Hüfte

Jippiie, die neue Nähmaschine macht uuurviel Spaß (auch wenn sie hin und wieder bissl seltsame Geräusche macht, da muss ich nochmal im Laden nachfragen, ob das normal ist)! Bisher entstanden: eine türkisfarbene Kopie des Kleides, das ich kürzlich im Stoffsalon produziert hab. Leider ist mir der Kragen nicht so ganz gelungen, da muss ich mir jetzt noch was überlegen, und danach gibts Fotos. Außerdem: Die hochgeschätzte Nicola Gold – deren Kennenlernen eines der wenigen positiven Dinge dieses misslungenen Flohmarktes war – hat mir eine ihrer Lieblingshosen überlassen, weil sie an prekärer Stelle aufgerissen war und somit auch nicht mehr flohmarktverkaufbar. Ich solle damit machen, was ich wolle. Gut, hab ich getan:

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Das Tolle: Ich hab lang überlegt, wie ich das wohl am besten zusammennähe, ohne dass es „hintenrum“ ausgeleierte ausschaut als vorne, weil ja mehr Stoff eingesetzt wird. Ein einziges kurzes Youtube-Video hat geholfen (Auf die Fütterung hab ich jetzt verzichtet, vielleicht mach ich die noch ein anderes mal, wenns mich freut), und nach nichtmal einer halben Stunde war die Tasche fertig, inklusive verstellbarem Träger.

Und das Tollste dran: Ich trage jetzt nicht nur eine ehemalige Lieblingshose einer mir sehr sympathischen Frau, nein, ich trage Größe 28! Eine Größe, die ich noch nie wirklich übern Popsch drübergekriegt hab. Und sie passt wie angegossen. Seitlich an der Hüfte. Hehe….

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Was Lidl mit verhungernden NäherInnen zu tun hat

Meine Fresse, mit manchen Leuten wirds wohl nix mehr. Der Besitzer der Tazreen-Fabrik, die vor eineinhalb Jahren abgebrannt ist und 112 NäherInnen aus dem Leben riss, versucht sich nun aus dem Gefängnis raus zu erpressen: Er zahlt in seinen verbleibenden Fabriken seit drei Monaten keine Löhne mehr – und hat durchblicken lassen, dass sich das in dem Moment ändern könnte, wenn er frei kommt.

Der Spiegel und die HuffPost schreiben, dass die Lage der NäherInnen immer verzweifelter wird – viele sind deshalb in Hungerstreik getreten. Es ist doch absurd: Ein Fabriksbesitzer will ausm Gefängnis, indem er den 1500 Näherinnen, die noch leben (!), keine Löhne zahlt. Mit der Ausrede, nur wenn er aus dem Gefängnis rauskomme, würde er den Kredit bekommen, den er für die Bezahlung der Löhne brauche. Das allein: Perfidität de luxe, der Typ hat null Schuldverständnis und sollte in meinen Augen allein für diese Tat gleich nochmal zehn Jahre sitzen. Und weil die unbezahlten NäherInnen sich nicht anders zu helfen wissen – von Gewerkschaften und Arbeitsrecht wahrscheinlich keine Spur – hungern sie. Um ihren Hungerlohn wieder zu bekommen.

Ja, mei, Rechtssystem in Bangladesch, alles übel, und in China ist ein Radl umgefallen. So in etwa kann man die Geschichte lesen. Doch ein einziges Wort holt die Geschichte wieder ganz nah her und zeigt unsere Verantwortung auf: LIDL. Die sind nämlich Auftraggeber dieses Fabriksbesitzers.

Mein Lieblingsabsatz aus dem Artikel der HuffPost:

Eine Lidl-Sprecherin sagte dem „Spiegel“, man verfolge die Situation aufmerksam. Bei der Tuba-Tochter, die die Firma beliefere, sei es zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen.

Ja träum ich? Die werden informiert, dass ihr Lieferant seine NäherInnen nicht bezahlt, die demnächst der Reihe nach verhungern werden – aber Hauptsache, es wird nach Plan und regelmäßig geliefert? Die Aussagen, die LIDL gegenüber Respact tätigt, wirken da sogar einfach nur noch wie blanker Hohn:

Wir sind uns der Verantwortung für Mensch und Natur bewusst und setzen uns kontinuierlich dafür ein, die Bereiche Umwelt und Klimaschutz, Mitarbeiter, Gesellschaftliches Engagement und Sortiment zu verbessern.

Die TAZ schreibt dazu auch noch was „Nettes“, Lidl ließ dort Trikots für die Fußball-WM produzieren:

Unklar bleibt, warum überhaupt so ein Kredit benötigt wird: Dem Financial Express zufolge nahm die Firma mit der Trikotbestellung ein Vielfaches der Summe ein, die sie den ArbeiterInnen schuldet.

Wann hört denn diese Wut in mir endlich mal auf? Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

PS: Und weils mir durch einen Kommentar gerade aufgefallen ist: Was den Ecclestone die Freiheit kostet, würde drei Monatslöhne von VIERHUNDERTTAUSEND Näherinnen decken.

 

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Mozzarellaschneider und Wellnessmantel – Dinge, die die Welt nicht braucht.

Ich muss zugeben, ich bin vorbelastet: Mir hängt diese ganze Wellnessscheiße zum Hals heraus. Vor ein paar Jahren war plötzlich alles Wellness. Wellness-Drink, Wellness-Yoghurt, Wellness-Müsli, Wellness-Turnmatte, Wellness-Musik (ich habe damals dieses Album online probegehört, weiß nicht mehr, wo, aber boah, he, billig produziertes, asiatisch angehauchtes Meditationsgedudel wie in Aufzügen von Shoppingcentren….WELLNESS ist was anderes.), Wellness-Cremes und so weiter.

Tchibo springt alle paar Wochen auch auf diese Welle. Und seit kurzem gibt es ein tolles neues Angebot: Den Wellness-Mantel.

Screenshot vom 5.8.14 (c) tchibo.de

Screenshot vom 5.8.14 (c) tchibo.de

Mir stößts aus drei Gründen auf:

  • Ein Mantel aus mehr als 60 Prozent Polyester – Schwitzen ist also Wellness? In der Sauna ja, aber danach?!
  • Wenn ich mir überlege, WER den wohl WO genäht hat, denk ich auch an viel, aber definitiv nicht an Wellness. Auf der Website kann man keine „made in“-Angabe finden. Aber auch keinen Hinweis auf Fairtrade oder ähnliches. Was halt leider auch nicht ausschließt, dass das ein Stück aus einer Unter-Existenzlohn-und-menschenunwürdige-Bedingungen-Fabrik sein könnte.
  • Bitte wann genau ist bei uns der Bedarf nach „Wellness-Mänteln“ entstanden? Gehts nur mir so, wenn ich diesen Begriff unglaublich absurd und grauslich Marketingsprech find? Die Dinge, die von denen angeboten werden, wirken auf mich manchmal echt wie ein Best of der Dinge, die die Welt nicht braucht. Mein Favorit ist immer noch der Mozzarellaschneider letztens. Wer braucht sowas? Entweder ich verwende schlicht und einfach ein Messer, oder ich bin total fancy und verwende den baugleichen (!) Eierschneider. Aber einen Eierschneider haben wahrscheinlich schon zuviele Leute, deswegen brauchens jetzt unbedingt noch einen Mozzarellaschneider.

Gut, den Punkt geb ich ihnen: Tchibo ist Mitglied von Textile Exchange, die verwendete Baumwolle wurde „ökologisch angebaut“ (wobei, liebe Profis, ich bin grad recherchierfaul: Ökologisch angebaut heißt nicht gleich bio, oder?). Und Tchibo hat schon verdammt viel echte Biobaumwolle auch im Angebot, auch das muss ich ihnen anrechnen.

Ich bin nur grad immer noch richtig angespitzt durch Kathrin Hartmanns Buch. Ich brauch keine Drachenfrüchte, ich brauch keinen Wellness-Mantel, und ich brauch vor allem keine Unternehmen, die mir vermitteln wollen, DASS ich das brauche. Die Rechnung geht sich doch einfach nicht aus: Billigste Massenproduktion von künstlich erzeugten Special-Interest-Produkten („Einen Wellness-Mantel hat nicht jeder, aber in der Therme muss man sich doch absetzen von den ordinären BademantelträgerInnen!“ – so in etwa stell ich mir ein Verkaufsgespräch für den Wellnessmantel vor, vielleicht wurde er sogar den Menschen bei der Kaffeekette selbst so verkauft, wie schade!), die sich trotz der für uns günstigen Preise nicht jeder leisten wird, und dafür Ressourcenverbrauch, Arbeitskraft-Ausnutzung in Billiglohnländern und eine Konsumgesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet.

Also ich brauch für Wellness keinen neuen Mantel, mit dem ich mich im Zweifelsfall nicht mal abtrocknen kann. Ihr?

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Ich wollte nie Drachenfrüchte!!!

Home Office ist was Tolles. Erstens hat man seine Ruhe und nicht dauernd irgendwelche Unterbrechungen im Großraumbüro (gut: von einem/r der SitznachbarInnen angeblödelt zu werden, schlecht: die unfassbar laute Kaffeemaschine), und zweitens kann man bis Punkt neun zuhause entspannt aufwachen und herumfaulen, bis es an die Arbeit geht. Was ich getan habe? Ich hab mich höchst unökologisch in die Badewanne gelegt. Das Fenster im Bad war offen, und von draußen hörte ich nur die im Hinterhof wohnende Amsel. Kurz wurde mir klar: welch Luxus! Sechs Fenster meiner Wohnung gehen in einen Innenhof, der mir folgende Geräuschkulisse schenkt: Grillen in der Nacht, die Amsel in der Früh, kurz danach Kirchturmglocken, manchmal die Musik des Nachbarn (ich weiß immer noch nicht, welcher Nachbar, aber die Musik ist trotz munterer Stildurchmischung immer gut) und ganz selten, wenn der Wind gut geht, das Pfeifen von anfahrenden Zügen. Autoverkehr hört man nicht. Wow, dachte ich mir. Luxus. Und das mitten in der Stadt mit der Ubahn ums Eck. Mir gehts ja so gut. Im nächsten Moment freute ich mich, dass ich mich über sowas noch freuen kann. Dass es mir nicht um „was kauf ich mir heute Neues, über das ich mich kurz freu, und das ich anderen zeigen kann“ geht. Oder dass ich die „kleinen Dinge“ bereits übersehe, weil ich unbedingt nach Höherem strebe.

Und wieder im nächsten Moment fühlte ich mich saupräpotent wegen dieser Überlegungen. Warum? Weil meine Badewannenlektüre Kathrin Hartmanns „Wir müssen leider draußen bleiben“ war.

Wir muessen leider draussen bleiben von Kathrin Hartmann (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Wir muessen leider draussen bleiben von Kathrin Hartmann (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Knallhart von der ersten Seite weg beschreibt sie Armut in Deutschland, man liest von Beziehungsberechtigten der Tafel, die sich Einkauf im Supermarkt nicht leisten können, und davon, wie absurd das eigentlich ist, welchen Überschuss Supermärkte kassieren. Ein unfassbar starkes Buch, selbst nach den ersten sechzig Seiten. Seit Ewigkeiten hatte ich es am Stapel, es ist ein Rezensionsexemplar, und bin nicht dazugekommen, es zu lesen. Das, was Werner Kräutler so gut am Beispiel Primark erkannt hat, nämlich, dass die Mittelschicht sich durch ihr Konsumverhalten selbst abschafft, zeigt sie ganz allgemein auf: Ohne Armut kein Reichtum. Daher kein Interesse der Politik, die Armut zu bekämpfen. Das ganze eingebettet in eine Überflussgesellschaft, die mir auch jedesmal im Supermarkt zu denken gibt: Wann hab ich eigentlich im Sinne von Angebot und Nachfrage mal ganz offen nach 37 verschiedenen Erdbeerjoghurtsorten gefragt? Und wann ist in mir Anspruch entstanden, dass ich Samstag um 17 Uhr im Supermarkt noch ein volles Brotangebot finde? Ganz ehrlich? Nie! Nicht, dass ich mir jetzt kommunistische Zustände herwünsche, in denen es eine Sorte Erdbeerjoghurt, eine Sorte Vanillejoghurt und zwei Sorten Naturjoghurt oder genau zwei oder drei verschiedene Brotsorten (wenn überhaupt) gibt, aber wir gehen gerade zu weit, oder? Ich muss da in letzter Zeit immer an eine von mir sehr hochgeschätzte Verwandte denken, die bei einem solchen Gespräch über den Überfluss mal völlig nebenbei und nonchalant meinte: „Hochkulturen gehen unter. War immer schon so.“ Schluck.

Schön, dass für die Tafeln, die ehrenamtliche Versorgung von Bedürftigen mit Restprodukten aus den Supermärkten, so viel übrig bleibt, an die Mitversorgung jener Personen denken die Supermarktketten aber ganz sicher nicht, wenn sie so viel Angebot in die Regale sortieren lassen. Hartmann schreibt: „Mit Nachhaltigkeit hat das allerdings nichts zu tun – denn Überproduktion und Verschwendung sind die Grundlage für den Profit der Handelsketten. Lebensmittelhersteller produzieren immer 120 bis 140 Prozent des realen Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können. Ein gutes Viertel aller Lebensmittel wird als wissentlich für den Müll produziert.“

Und warum  ich mich saupräpotent fühlte, als ich meinen Hinterhof grad liebend bedachte? Schlicht und einfach, weil ich es konnte. Weil ich eine funkelnagelneue Nähmaschine im Nebenzimmer stehen hab, die ich mir geleistet habe, weil ich über Auto (halb, geteilt mitm Liebsten), Fahrrad, Roller und zwei (fast) gesunde Füße verfüge (Scheißknie…), weil ich eine Wohnung hab, in der man zu sechst auch wohnen könnte und trotzdem gäbs Platz, weil ich im Winter nicht frieren muss und ich, wenn ich Hunger habe, mir aussuchen kann, ob ich zu Lidl, Billa, Hofer, Spar oder Penny gehe, alle sind innerhalb von zehn Gehminuten erreichbar, oder mir aus meinem regelmäßig gelieferten Biokistl was leiste und mir auch einen Einkauf beim Merkur leisten kann (gut, nicht täglich, aber hin und wieder), ohne dass es meinem Konto wirklich weh tut. Die Personen, von denen Hartmann schreibt, zu denen gehöre ich nicht. Nicht falsch verstehen, ich schwimme echt nicht im Geld. Es ist nicht so, dass ich mir einfach mit einem Schnipp alles leisten kann, was gut und teuer ist. Aber ich komme im Alltag wirklich extrem gut aus, habe keinen Kredit laufen, keine Schulden, und hin und wieder geht es sich halt auch aus, mal 300 Euro für eine Nähmaschine abzuzweigen. Das ist unfassbarer Luxus! Obendrein bin ich komplett bobo, inklusive gerne mal im Augustin frühstücken gehen oder schnell mal ein Wochenende mit Freunden an den Hausmeisterstrand in Grado tschundern und sich über die Pizza am Eck beim Wirten, der „Fiskeeplattäää“ so nett ausspricht, freuen. Scheiße, mir gehts einfach nur fantastisch gut. Ich will damit nicht angeben, ich glaube eher, dass ich mit diesen Umschreibungen auch das Leben vieler meiner Freunde beschreibe (von denen einige weniger haben, andere unfassbar viel mehr – und bei letzteren bin ich mir nicht sicher, ob ich neidisch sein sollte).

Gleichzeitig schreibe ich über wahnsinnige Armut. Die aber weit weg ist. In Bangladesch, in Indonesien, in Pakistan. Hin und wieder merke ich auch: Hui, so weit weg ist die ja gar nicht, das passiert in der Slowakei beispielsweise ja auch! Nachbarland!

Nur wenn ich das Buch so lese, dann habe ich ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht. Dass ich mit meinem wirtschaftlichen Standing die Zielgruppe von neunzig Prozent aller Dienstleister bin. Aber genau deshalb finde ich das Buch auch so toll: Es regt dazu an, aktiv zu werden. Man liest es und denkt sich: Revolution. Alles anders machen. Konsumalternativen finden. Umverteilen. Und wann kommt endlich diese verdammte Vermögenssteuer bitte? Wann schafft sich die ÖVP bitte endlich selbst ab? Wann werden wir uns endlich alle solidarisieren und dieses verlogen-bürgerliche Unternehmerpolitikertum endlich mit Mistgabeln aus der Stadt jagen?

Ganz ehrlich: Aus mir wird kein Robin Hood werden. Ich kenne mich, ich bin keine Aktivistin. Ich krieg fast einen Herzinfarkt vor Angst allein schon bei dem Gedanken, wenn ich irgendwo einsteigen müsste, um im Müll nach Essbarem zu suchen. Und ich werd jetzt auch nicht aus falsch verstandener Solidarität mein Leben komplett umkrempeln. Ich will auch nicht jetzt einfach nur mal kurz drüber bloggen und damit mein persönliches soziales Gewissen beruhigen. Ich liebe meine Arbeit bei Greenpeace (hui, es ist neun, ich sollt fertig werden mit dem Beitrag), ich liebe es, keine Schulden zu haben, und ich liebe meinen Lebenstil, über dessen Luxus im Kleinen ich immer wieder Lobeshymnen singe. Aber auch ich Bobo kann meinen Teil beitragen: Ich kann mein Konsumverhalten entsprechend gestalten, und verdammt noch mal mein Maul aufreißen. Ein geringeres und vor allem gerechteres Angebot fordern. Und zwar nicht nur einmal, sondern dauernd. Laut. In alle Richtungen. Scheißüberproduktion, echt jetzt, die Nackenhaare stellts mir auf, allein schon, was das ökologisch bitte für einen komplett unnötigen Wahnsinn auslöst!!!

Hartmann beschreibt es anhand eines Beispiels: „(..) So wird aus dem „Vollsortiment“ ein Überangebot, das den Konsumenten als anspruchsvoll und „mündig“ adelt. Perfidestes Beispiel in diesem Zusammenhang: die Drachenfrucht. Das exotische Obst mit der pinkfarbenen Hülle und dem Fruchtfleisch, das Stracciatella-Eis ähnelt, sieht so attraktiv aus, dass Supermärkte gern ihre Obstabteilungen damit schmücken. Tatsächlich aber scheint die Frucht, die in Lateinamerika und Asien angebaut wird, nur als Lockmittel zu dienen. Haben will sie nämlich niemand. Die beiden Autoren Stefan Kreuzberger und Valentin Thurn haben bei den Recherchen zu ihrem Buch: „Die Essensvernichter“ (..) herausgefunden, dass diese Früchte, die in teuren Supermärkten bis zu fünf Euro kosten, zu 80 Prozent weggeschmissen werden.“

Das ist doch unfassbar bitte!!! Ich will keine Drachenfrüchte mehr!! Ich will ein Angebot, dass ich alle leisten können. Und wir, die Kunden, die vielleicht sogar mal aus Neugierde fünf Euro hinblättern würden, um die Drachenfrüchte zu kosten, die sind gefragt! Auf die hören die Supermärkte (bis zu einem gewissen Grad!). Wir müssen fordern, dass wir keine Drachenfrüchte mehr wollen!!!!

Ja, ich verpack meine Themen gerne ins Lustige, Selbstironische. Erstens, weil ichs oft wirklich so sehe, man kann dem Leben auch mit einem Augenzwinkern begegnen. Und viele schreiben mir, meine Art zu bloggen macht harte Themen einfacher zugänglich (was mich übrigens wahnsinnig freut, jedes einzelne Mal!). Aber manchmal, da muss es einfach volle Kanne sein. Immer voll drauf auf die Zwölf. Das ist dann Kathrin Hartmanns Job. Das Buch ist Wahnsinn. Allein schon mein schriftlicher Wutanfall nach nur sechzig Seiten, es ist unglaublich, was diese Zeilen in mir auslösen. Jeder zweite Satz lässt mir entweder meine Kinnlade zu den Knien wandern oder mich halb verzweifelt den Kopf schütteln. Wer sich also ein bissl für Konsumalternativen interessiert: Lesen. Und dann entsprechend handeln.

 

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