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Eine Fashionbloggerin denkt um

Ich bin gerade begeistert, aber sowas von! Darf ich euch Madeleine vorstellen? Madeleine ist sehr erfolgreiche Bloggerin, macht Wahnsinnsfotos und hat einen dieser Fashion- und Lifestyleblogs, die einem Hochglanzmagazin um nix nachstehen. Ergo: Einer dieser Blogs, die ich mit gespaltenen Ansichten betrachte – einerseits wow, schön, hübsch, Fashion, Style! – andererseits bin ich oft traurig, weil genau solche Blogs wie ihrer dieses Fast-Fashion-Dasein auch noch verstärken, und wie.

Madeleine selbst hab ich bisher zweimal „live“ erlebt, beide Male nicht wirklich geredet mit ihr, und aus der Ferne erschien sie mir – bitte um Entschuldigung – wie ein etwas oberflächliche Modepüppchen, aber hey, absolut perfekt gestyled, da gabs gar nix….

Doch jetzt hat das elfte Gebot bei mir mal wieder zugeschlagen: Du sollst dich nicht täuschen. Madeleine hat kürzlich folgendes auf ihrem Blog gepostet:

ein jahr ist es nun her, dass ich meinen 3-monatigen shop stop abgehalten habe. nach nur 2 monaten, bin ich schwach geworden und habe mir etwas gekauft. nun, fast ein jahr später ist einiges passiert. abgesehen davon, dass ich ZU VIEL besitze, haben viele berichte, diese oder diese sendung, immer wieder fragen aufgeworfen: wo wird meine kleidung produziert? wer produziert sie zu welchen konditionen? woher kommt das leder für meine schuhe? wie sterben diese tiere?

google analytics sagt mir heute, dass dariadaria im letzten monat 182.778 klicks verzeichnet hat. 182.778 klicks, die die modeindustrie, vorallem firmen wie zara und H&M unterstützen. einen blick in meinen kleiderschrank: made in china, made in bangladesh, made in turkey usw. usf. von allen meinen sachen, und ich habe wirklich alle unter die lupe genommen, waren nur vier stück „made in USA“ und ein paar wenige vintage teile made in italy oder made in austria. auf vielen etiketten steht ebenso „made in portugal“ – aber wusstet ihr, dass ein shirt ebenso in bangladesh hergestellt und die knöpfe in portugal angebracht werden können, damit dieses etikett angebracht werden darf?

lederprodukte waren für mich immer zeichen von qualität. ich bevorzugte eine leder- einer plastiktasche. doch wusstet ihr, wie viele lederprodukte hergestellt werden? in bangladesh werden kühe aus indien „verarbeitet“, die einen langen transportweg hinter sich haben, denen chilli in die augen gerieben wird, die brutal erschlagen und zu unseren handtaschen verarbeitet werden. beim gerben sind die wässer mit chrom verseucht, in welchem die arbeiter barfuß stehen und welches so auch in’s leder und so auf unsere haut gerät. ich hätte nie gedacht, dass meine lederschuhe einmal für krebs verantwortlich sein könnten. und ich würde es mir nie verzeihen, einem kind lederschuhe anzuziehen, die in gift getränkt worden sind. mader, die in china zuhauf gezüchtet werden, um letztendlich auf unseren pelzkrägen zu landen. brutal erschlagen, oft bei lebendigem leib gehäutet. alles, wegen unserer nachfrage. ich habe keinen hund, aber ich würde nicht wollen, dass er auf diese art und weise lebt und stirbt. es wird mir übel, wenn blogger beginnen davon zu sprechen, sie würden sich jetzt vegan ernähren, das sei besser für die umwelt und dann billigen chinapelz tragen und 10€ hosen von h&m posten. bevor ich auf ein ei von einem glücklichen huhn verzichte, verzichte ich lieber auf mode.

ich möchte mich übergeben. über alle meine kleidungsstücke, die ich kaufe, im vollen bewußtsein wie diese produziert werden. meine 6€ schlafshirts von H&M: produziert in bangladesh, wo letztes jahr erst ein gebäude einstürzte, weil die dort ansässigen firmen (zB. mango, benetton oder primark) weitere stockwerke anbauten. firmen, die den hinterbliebenen familien bis zum heutigen tage keinen cent zurückgezahlt haben. noch übler wird mir, wenn ich bedenke, dass ich diese firmen und ihre ethik unterstütze. ich würde hier niemals kinderprostitution oder menschenhandel promoten, wieso also diese arbeitsbedingungen?

ich habe bereits die hälfte meines kleiderschranks aussortiert und werde diese sachen einem obdachlosenheim zukommen lassen. für mich hat kein neuer stop shop begonnen, sondern ein bewussteres shopping verhalten. ich werde weniger und bei den richtigen labels kaufen. ihr werdet natürlich noch teile von h&m, zara und forever21 sehen, könnt euch aber sicher sein, dass dies restbestände sind, die ich noch behalte, bis sie durch faire kleidung ersetzt worden sind. im bereich „fair fashion“ im blogmenü sammle ich links zu labels, die fair und/oder organic produzieren und habe mir heute den ersten pulli von grüne erde zugelegt, den ihr auch am bild seht. seht euch diesen beitrag an und denkt nach, wie ihr euer leben gestalten wollt. meines muss sich ändern, sofort.

Ich bin gerade wirklich sowas von begeistert!!!!! Danke, liebe Madeleine – du sitzt an einem einflussreichen Hebel – und du nutzt ihn!!! SUPER!!!! Weiter so, und vielen, vielen Dank!

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Die Hose made in Bangladesh in meinem Schrank

Spät, aber doch: Mein heutiger Beitrag. Ich habe den heutigen Tag nämlich damit verbracht, mich von Dingen zu trennen. Meine Wohnung ist dankenswerterweise recht groß, und wir bewohnen sie lediglich zu zweit (was eine Katastrophe für den ökologischen Fußabdruck ist, aber ein großes Glück für die Beziehung – man hat einfach Raum). Und heute war es so weit: Ich bin meinen Besitz durchgegangen. Während der Liebste in der Küche alles wegschmiss, was abgelaufen war, und aus dem gerade noch verkochbaren Zeug eine herrliche Suppe kochte, wanderten bei mir Bücher, Zeitschriften und sonstiges Zeug kistenweise raus. Es ist unglaublich, bei einer so großen Wohnung merkt man einfach nicht, wieviel Krempel und Klumpert man ansammelt. Wohnzimmer, Küche und Bad fühlen sich definitiv schon „leichter“ an, nun ist das Schlafzimmer dran. Und dort steht der Kleiderschrank. Also der halbe, aber das tut jetzt nichts zur Sache.

Als ich im Oktober 2012 dachte, ich hätte mich bereits von so viel Zeug getrennt, jetzt passts – lag ich voll daneben. Es ist schon wieder ein Ikea-Sack voller Kleidung startklar für Tauschparties und die Caritas. Und ich habe das starke Gefühl: Da folgen noch weitere. Denn alles, von dem ich nicht wirklich sagen kann: „Das zieh ich gern an!“, fliegt.

Doch ein Teil, das heb ich mir auf, obwohl ich es nie anziehe.

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Gekauft habe ich diese Hose am 28. Dezember 2011. Ich war beim Textilschweden, um mir wie von einer Freundin angetragen für den anstehenden Jahreswechsel auf Teneriffa der spanischen Tradition entsprechend rote Unterwäsche zu kaufen (immer diese Traditionen übrigens, an den Weintrauben, die man ebenfalls traditionell dort ist, bin ich halb erstickt…). Ich kann mich noch genau an diesen Besuch beim Textilschweden erinnern: Es war überall Ausverkauf. Ich MUSSTE einfach einmal durchschauen, ob mich was anspringt. Diese Hose tat es. Heruntergesetzt auf 15 Euro. In Größe „Ja, wird schon passen“. Bei den Umkleidekabinen eine ewig lange Schlange – dafür hatte ich keine Zeit. Ich musste ja noch packen, am nächsten Tag gings Richtung Teneriffa. Zuhause dann die Hose (und die Bluse und das Top, das ich auch noch mitgenommen hatte, das Top um unpackbare 2,50) anprobiert. Sie schaute einfach seltsam aus, passte mir überhaupt nicht ordentlich. Weggeben konnte ich sie nicht. Sie war ja neu und vielleicht würde ich noch was draus machen und überhaupt, vielleicht würde ich sie ja doch mal anziehen. Rückgabe gibts beim Textilschweden auf Heruntergesetztes nicht, zumindest war das damals an der Kassa die Info.

Heute ist sie mir wieder in die Hand gefallen, versteckt im hintersten, untersten Eck meines Kleiderschranks. Ich schaute mir das Label mal genauer an (wobei mir eh klar war, dass auch wenn da jetzt Turkey oder Cambodia steht, es nicht besser ist):

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Diese Hose werde ich aufbewahren. Sie ist für mich und meinen Kleiderschrank (also was den Inhalt dessen anbelangt, ob der selbst eine Meinung hat, kann ich nicht sagen, wobei: Lustig wär das schon! „Hearst, was gibst ma denn da scho wieder eini, a so a Schaas, des ziagst sicher nia an, und dann hab ichs hängen. Super.“) fast schon ein Mahnmal: Sie ist der Inbegriff meines früheren Kaufverhaltens. Sie steht für das „zuviel“, in dem ich so leidenschaftlich geschwelgt habe, und für das so viele Menschen leiden mussten. Für das nicht-darüber-nachdenken, wo meine Kleidung herkommt. Für diese Anspruchshaltung, dass ich mir nebenbei schnell mal was zum Anziehen kaufen kann, ohne groß drüber nachzudenken. Wie gerne würde ich heute wissen, wer aller diese Hose (oder Teile davon) in der Hand hatte, bevor sie bei „meinem“ Textilschweden zum Verkauf da lag. Damals war mir das wurscht. Wenn diese Menschen wüssten, dass ich diese Hose erst einmal an hatte…

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Made in Italy

Vor wenigen Tagen kam es wieder zu einer Katastrophe in einer Textilfabrik. Es fing zu brennen an, sieben chinesische ArbeiterInnen konnten sich nicht mehr retten bzw. nicht mehr gerettet werden. Das „Überraschende“: Diese Fabrik stand mitten in der Toskana. In Prato.

Dort stehen nämlich über 3000 Fabriken, die fest in chinesischer Hand sind. Die FAZ schreibt:

Die 25 Kilometer westlich von Florenz gelegene Provinzhauptstadt Prato, mit rund 200.000 Einwohnern, ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der italienischen Textilproduktion und stellt vor allem Stoffe für Damenbekleidung her. Im Unterschied zu allen anderen Industriezentren Italiens wurde in Prato jedoch die Textilproduktion von größtenteils illegalen chinesischen Unternehmen unterwandert. Alleine in dem großen Industriegebiet im Süden von Prato, wo am Sonntag das Feuer ausbrach, wird die Zahl der chinesischen Betriebe auf rund 3000 geschätzt.

Es ist schockierend und traurig, dass es diese unwürdigen Zustände nicht irgendwo weit weg, sondern ganz in unserer Nähe gibt. Nicht, dass es „besser“ wäre, weils weiter weg ist – aber es lässt sich doch ein bißchen besser verdrängen, oder? Jetzt mal ganz auf unzynisch: Es ist untragbar, egal, wo es solche Zustände gibt. Doch in diesem Zusammenhang möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen: „Made in Italy“ wird komplett unterwandert. Bereits im Jahr 2010 stand dazu ein sehr spannender Artikel im Tagesspiegel.

Ein kleiner Auszug:

Die Journalistin Silvia Pieraccini hat sich in diese Welt weiter vorgewühlt als jeder andere – und ein Buch geschrieben über die Mechanismen, mit denen die Chinesen zu Reichtum kommen. Mindestens die Hälfte der zwei Milliarden Jahresumsatz, dessen sind sich Pieraccini und die Polizei gewiss, kommt illegal zustande. Stoffe werden am Zoll vorbei ins Land geschmuggelt, ganze Schiffsladungen innerhalb eines Wochenendes verarbeitet und verkauft, ohne Rechnung, ohne Beleg. Steuerforderungen durchzusetzen ist den Behörden praktisch unmöglich: Ein chinesischer Betrieb, der sich im Visier der Fahnder weiß, schließt sofort – und der Bruder, der Schwager, der Onkel, der am Tag darauf eine neue Firma ins Handelsregister einschreibt, ist für die Versäumnisse eines früheren Unternehmers nicht zu belangen. Auf den Firmenschildern im Industriegebiet stehen nur Handynummern, genauso wie auf den Stellenanzeigen, die in Chinatowns Supermärkten hängen, vor denen sich abends nervös rauchende Chinesen drängen.

Laut der Italienischen Nationalbank werden aus Prato jeden Tag 1,2 Millionen Euro nach China überwiesen. Dabei erfasst die Nationalbank nur jene Geldtransfer-Büros, die amtlich registriert sind, nicht etwa jene verschwiegene Buchhaltung, über die laut Polizei in einem einzigen Monat 2009 mehr als sieben Millionen Euro geflossen sind. Dass Geldwäsche im Spiel ist, erscheint den Ermittlern offenkundig; mancher vermutet, Prato sei ein chinesisches Finanzzentrum in Italien. Inzwischen laufen auch Ermittlungen gegen Polizisten, die womöglich in den Geschäften mitmischen, statt sie zu bekämpfen.

Regelmäßig hebt die Polizei versteckte Nähereien aus, in denen junge Chinesen und Chinesinnen auf engstem Raum zusammengepfercht leben, essen, schlafen und arbeiten: unter prekären hygienischen Bedingungen, mit improvisierten Gasheizungen, bis zu 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zwei, drei Jahre lang – bis eben die zehntausend Euro oder mehr abbezahlt sind, die der illegale Einwanderer seinen Schleusern schuldet.

Das unsichtbare Heer der Schwarzarbeiter sei so groß, sagt Silvia Pieraccini, „dass die Chinesen in Prato jeden Tag eine Million Kleidungsstücke nähen können, also mehr als 360 Millionen pro Jahr“. Das „Made in Italy“ hat in diesen Fällen formal seine Berechtigung, „aber bei den Regeln, unter denen da produziert wird – mitten in Europa und in einer Zone mit den am härtesten erkämpften, stärksten Arbeiterrechten –, da stellen sich mir die Haare zu Berge.“

Ich hoffe sehr stark, dass die „Made in“-Diskussion nun neu entfacht wird. Die momentane Regelung – „Es zählt die letzte Naht“ – ist einfach nicht tragbar. Nicht nur, dass diese rechtliche Situation zu solchen Perversitäten wie das Chinatown Pratos und den zugehörigen katastrophalen Zuständen führt, sondern es werden die KonsumentInnen auch einfach nach Strich und Faden belogen. Nur weil „made in Italy“ drinsteht, heißt das noch lange nicht, dass es unter menschenwürdigen Zuständen produziert wurde.

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Altkleider und die Caritas

Ich sortiere derzeit meine (abertausenden…ächz) Mails im Büro durch, auf der Suche nach wichtigen Kontakten und sonstigen wichtigen Infos, die ich weitergeben sollte, bevor ich nächsten Montag meinen Schreibtisch bei GLOBAL 2000 für immer räume. Hui, dieses „für immer“ macht mich doch grad etwas nostalgisch und traurig…. aber mei, egal, darum gehts grad nicht.

Stattdessen gehts um Folgendes, ich hab nämlich was gefunden beim Aussortieren. Nachdem es im vergangenen Jahr ja immer wieder Diskussionen gab, wie das eigentlich mit diesen Altkleidercontainern ist, habe ich – schon im Jänner – eine Mail an Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas, geschickt. Seine Pressesprecherin antwortete. Habe heute nachgefragt, ich darf sie zitieren – hier ihre Informationen, wie mit Altkleidung bei der Caritas in Österreich umgegangen wird. Ich finde es im Vergleich zu dem, was man so über Humana und die sonstige Containerverwertung liest, sehr lobenswert, meine nicht mehr tauschbare Altkleidung geht zur Caritas:

Das Thema Altkleidersammlung wird nicht nur in den Medien, sondern auch innerhalb der Caritas diskutiert. Zum einen werden die Sammelcontainer der Caritas oft auch schlicht als Müllentsorgung gesehen, Menschen „spenden“ beschmutzte, stark zerschlissene Unterwäsche genauso wie Faschingskostüme etc. – diese Spenden werden von (teilweise ehrenamtlichen) MitarbeiterInnen in den Sozialprojekten wie der Carla erst aussortiert: Müll und komplett verdreckte, kaputte Bekleidung werden der Entsorgung zugeführt. Dies ist bei durchschnittlich 30 Prozent der Spenden der Fall. Die Kosten dafür muss die Caritas tragen. Alle anderen Kleiderspenden werden an Bedürftige verteilt sowie in den Carla-Läden verkauft. Der Erlös kommt Sozialprojekten der Caritas zugute. Ein weiterer Teil geht direkt an Caritas-Projekte in Osteuropa.
Trotzdem gibt es mehr Kleiderspenden als Bedürftige in Österreich sowie in Caritas-Projekten im Osten. Wir arbeiten hier mit Partnern, wie beispielsweise Fairwertung (
www.fairwertung.de) zusammen, der Erlös aus dem Verkauf kommt wiederum Sozialprojekten zugute.

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Mode fürn Mistkübel

Vor kurzem hab ich „To Die For“ vorgestellt, das Buch von Lucy Siegle, das derzeit täglich meine letzten wachen Minuten des Tages begleitet – das wiederum begleitet von einem Stift zum Anzeichnen von spannenden Aussagen, in dem Buch stehen nämlich so viele unglaublich viele spannende Facts drin, dass ich eigentlich auf jeder Seite ein Eselsohr machen müsste.

In meinem Beitrag über das Buch gings um Primark. ZDF hat sich Primark vor ein paar Wochen genauer angeschaut. Ich bin jetzt erst im Internet drüber gestolpert, und es zeigt sich: Primark ist King of Wegwerfmode. Unfassbar.

Ich würd mir wünschen, dass die Aussage „Ein Konsumverhalten, das wir uns auf Dauer leisten wollen. Wir wissen jetzt schon, dass wir es uns auf Dauer nicht leisten KÖNNEN.“ in den Zuschauern wirklich mal etwas bewegt. Ein Umdenken.

Und auch was anderes neu gelernt, was ich Depp mir eigentlich auch hätte zusammenreimen können: Die Textilmüllberge in Dhaka. Wie kommen die, die eh in Slums und von der Hand in den Mund leben, eigentlich dazu, auch noch unseren Dreck ertragen zu müssen?

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„Das mit Bangladesch, das wird nix mehr..“

Wiedermal ein Abend gewesen, der mir die Perspektiven etwas durcheinander gerüttelt hat. Eine liebe Bekannte arbeitet ebenfalls im Bereich fairer Mode und war vor einigen Wochen in Bangladesch. Und ihr Urteil – obwohl sie sich wirklich seit Jahren für faire Bedingungen einsetzt, war nüchtern und erschreckend, vor allem aus ihrem Mund: „Das mit Bangladesch, das wird nix mehr.“

Und ihre Argumentation war erdrückend. Wenn man sich die Geschichte von Bangladesch anschaut, dann sieht man, dass dieser Staat eigentlich von vornerherein eine Missgeburt war. Hohe Bevölkerungsdichte, keine Strukturen, die dieser Dichte auch nur im Entferntesten gewachsen wären, eine Geburtenrate, von der unser Sozialminister nur träumen kann. In dem Moment, wo europäische Unternehmen abwandern, stehen die chinesischen bereits Schlange – und dann kann man in Sachen fairem Sozialsystem, das die Europäer VIELLEICHT begonnen haben aufzubauen (wie war das mit den Rana Plaza Zahlungen? Immer noch nicht da!), wieder bei fast null anfangen.

Ich habe dagegen gehalten, dass Aufschwung möglich sein muss. Dass man nicht von vornerherein abkanzeln darf. Aber irgendwie …. ihre Argumentationen waren sehr schlüssig. Zu viel Korruption beherrscht diesen Staat, politisch wie wirtschaftlich. Das mehrinvestierte Geld von europäischen Unternehmen landet ohne klare gesetzliche Regelung nicht bei denen, für die es bestimmt ist – sondern bei den Fabriksbesitzern. 10 Prozent aller politischen Abgeordneten in dem Land sind selbst Fabriksbesitzer, die Hälfte aller Abgeordneten hat ebensolche im engsten Familienkreis. Also kann man sich denken, wie bald diese gesetzlichen Regelungen zustande kommen werden.

Wir kamen dann aufs Thema „weiterhin konventionell kaufen, damit die Frauen eine Wahl haben.“ Ihre Antwort, sinngemäß: „Dieses Argument kann ich nicht gelten mehr lassen. Ist es eine Wahl für ein 16-jähriges Mädchen, vom Land in die Stadt geschickt zu werden, dort 16 Stunden am Tag zu arbeiten, in einem Slum zu wohnen, und mit diesem minimalen Lohn die Verantwortung für zehn Familienmitglieder zuhause zu tragen? Die von dem Geld abhängig sind? Und sie muss sich währenddessen in Gefahr am Arbeitsplatz bringen, im Slum wohnen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sein? Würden diese Mädchen am Land bleiben, hätten sie zwar kein Geld und würden von dem leben, was sie anbauen, aber sie hätten – so unglaublich arrogant das aus westlicher Sicht klingt – mehr Leben. Und zwar alle miteinander.“

Auch das wieder: Eine sehr harte Argumentation, aber ich kann dem auch etwas abgewinnen. Das Argument, nicht aufhören, die Ware aus Bangladesch zu kaufen, damit es diese Jobs wenigstens gibt, wird von elitärer Seite ausgesprochen – nicht von denen, die an der Nähmaschine sitzen. Denen geht es nämlich nicht darum, wie sich das System weiterenwickeln kann und besser werden kann, denen geht es ganz trocken schlicht um die Sicherung der einen Schüssel Reis am Folgetag.

Und übrigens: Das Gespräch fand statt, bevor ich das hier lesen konnte. Obs was bringt? Es ist ein Schritt, ein Zeichen, das man gutheißen sollte. Aber die Umsetzung wird zeigen, ob diese Bekannte mit ihrem Bangladesch-Pessimismus richtig liegt. Ich glaube ihr, sie kennts vor Ort – ich kann von hier aus viel behaupten. Sie hats gesehen.

Es stimmt schon, es kann nicht sein, dass wir, die wir hier leben wie die Maden im Speck, beschließen, wir kaufen nix mehr von dort, weil dort gehts scheiße zu. Ein kollektiver Boykott ist keine Lösung – und wird auch nicht stattfinden. Aber was mach ich jetzt, ich Nunu, die sich vor lauter Komplexität langsam komplett in dieser Problematik verläuft?!

 

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Zwei Welten mitten in Dhaka

Heut nur kurz: Keine neue Geschichte, aber eine neue Perspektive: Ein sehr spannender Artikel auf NEON, geschrieben nach einer Pressereise mit dem Herrn Textilschwedenchef Persson nach Bangladesch. Unglaubliche Paralleluniversen.

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Etappensieg in Bangladesch

Es ist ein Erfolg. Man sollte sich freuen. Der Mindestlohn in Bangladesch wird auf 51 Euro angehoben. Das ist ein Fortschritt, allerdings immer noch nicht ausreichend. Knappe 100 Dollar wären ein guter Existenzlohn, an unterster Grenze liegen den Aussagen von Clean Clothes nach 75 Dollar. Aber 51 Euro sind mehr als knapp 30 Euro, definitiv. Trotzdem kann ich mich grad nicht so richtig freuen. Erstens, weil der Kampf um diesen neuen Mindestlohn allein in den vergangenen Tagen durch Unruhen und Zusammenstöße schon wieder Dutzende Tote gefordert hat, zweitens, weil ich hoffe, dass eine solche Mindestlohnerhöhung sich nicht auf die Arbeitsbedingungen auswirkt („Du musst jetzt doppelt so schnell produzieren, damit der Stückpreis für die Textilunternehmen gleich bleibt“) und zweitens, weil ich irgendwie ein Damoklesschwert pendeln sehe über den ArbeiterInnen.

Beim Fashioncamp erfuhr ich von einer Journalistin, dass in Haiti damals nach dem verheerenden Erdbeben massiv Werbung betrieben wurde, in Haiti Fabriken für Exportgüter aufzubauen. Kostet ja eh nix, und die Leut sind mit  nur einem minibissl mehr als nix zufrieden. An sich eine gute Idee, in Katastrophenregionen für Jobs zu sorgen – aber der Haken: Weiterlesen

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Sumangali abschaffen!!!

Sumangali. Ein Begriff, hinter dem sich so unglaublich viel Grausamkeit verbirgt, dass man kotzen will. Sumangali steht für das System, junge Frauen – eigentlich Kinder! – mit dem Versprechen, sich eine Mitgift erwirtschaften zu können, in sklavenartige Arbeitsverhältnisse in Textilfabriken gelotst werden. Ohne Mitgift ist für indische Frauen nichts los, nichts zu holen, kein guter Mann zu finden usw. Das allein ist für uns Österreicherinnen schon ein inzwischen schwer zu verstehendes Konzept, dort jedoch Teil der Kultur (und wirklich allzulang ist das auch nicht her, dass Mitgift auch in unseren Breiten etwas übliches war, by the way). Arme Familien in Indien, die sich keine Mitgift leisten können, stehen vor massiven sozialen Problemen.

Aber diesen Teil der Kultur auszunutzen, um junge Mädchen dazu zu bringen, um einen Hungerlohn Kleidung für den Westen produzieren zu lassen, ist niederträchtig, mies, verabscheuenswürdig. Die Mädchen werden in den Fabriken gleichsam eingesperrt, und es ist nicht selten der Fall, dass nach den drei oder vier Jahren Vertragsdauer die Fabrikschefs plötzlich nichts mehr wissen von einer vereinbarten Prämienzahlung am Ende.

Textilunternehmen betonen natürlich, dass sie niemals Sumangali unterstützen würden – aber ganz ehrlich: Sie können es nicht überprüfen. Hier hätten wir wiedermal das Problem der intransparenten Lieferkette. Auf die Fabriken, die direkt mit ihnen in Vertrag stehen, haben sie vielleicht Einfluss, aber bei dem weitverbreiteten System des Subunternehmertums sind sie chancenlos. Kann gut sein, dass die alte Fleecejacke, die ich grad zuhause, knotzend am Sofa, anhab, stellenweise von diesen Mädchen genäht wurde, die sich von der Arbeit eine Mitgift und damit die Chance auf Familie erhoffen.

Die katholische Frauenbewegung hat nun eine Petition gegen Sumangali ins Leben gerufen. Wie leider so viele Petitionen ist sie ein Tropfen auf den heißen Stein – durch diese Petition wird Sumangali nicht beendet werden. Aber wenn viele, viele Menschen unterschreiben, dann wird das Thema wenigstens in der Öffentlichkeit bekannter und die Textilunternehmen, die ihre Lieferkette überprüfen und fair machen könnten, symbolisch abgewatscht.

Ich bitte also um Unterschrift.

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